Jobcenter mit Dachgewächshaus in Oberhausen


Der Anbau von Gemüse und Obst in der Stadt kann Wege verkürzen und Emissionen reduzieren. Was nach grüner Utopie klingt, wird in Oberhausen Wirklichkeit. Am Altmarkt realisierten Kuehn Malvezzi und das Atelier Le Balto ein einmaliges Hybridgebäude aus Jobcenter und Dachgewächshaus.


Text: Crone, Benedikt, Berlin


    Die Erschließung des Gewächshauses erfolgt über eine tiefe Stahlkonstruk­tion am Altmarkt.
    Foto: Hiepler, Brunier

    Die Erschließung des Gewächshauses erfolgt über eine tiefe Stahlkonstruk­tion am Altmarkt.

    Foto: Hiepler, Brunier

    Altmarkt mit Siegessäule.
    Foto: Hiepler, Brunier

    Altmarkt mit Siegessäule.

    Foto: Hiepler, Brunier

    Luftbild des Innenhofs
    Foto: Hiepler, Brunier

    Luftbild des Innenhofs

    Foto: Hiepler, Brunier

    Blick vom Besprechungsraum des Jobcenters in den Hof und auf die Treppenanlage, ...
    Foto: Hiepler, Brunier

    Blick vom Besprechungsraum des Jobcenters in den Hof und auf die Treppenanlage, ...

    Foto: Hiepler, Brunier

    ... die zum Gewächshaus führt.
    Foto: Hiepler, Brunier

    ... die zum Gewächshaus führt.

    Foto: Hiepler, Brunier

    Foyer des Jobcenters mit Empfang und Wartebereich.
    Foto: Hiepler, Brunier

    Foyer des Jobcenters mit Empfang und Wartebereich.

    Foto: Hiepler, Brunier

    Die abgehängten Deckenleuchten ziehen sich durch das gesamte Gebäude, erhellen im Dunkeln selbst die Außentreppe zum Gewächshaus.
    Foto: Hiepler, Brunier

    Die abgehängten Deckenleuchten ziehen sich durch das gesamte Gebäude, erhellen im Dunkeln selbst die Außentreppe zum Gewächshaus.

    Foto: Hiepler, Brunier

Ein Surren durchbricht die Ruhe. Wie von Geisterhand öffnet sich eine Seite des Dachs, frische Luft strömt ins Gewächshaus. Auf Stahltischen stehen Kräuter in Reih und Glied, strahlen hellgrün aus erdfarbigen Töpfen. Schläuche schlängeln sich unter den Tischen. Menschen, die selten ein Gewächshaus besuchen, könnten meinen, die Zukunft der Agrarwelt betreten zu haben. Dabei ist diese Zukunft längst Realität – im Zentrum von Oberhausen. Am Altmarkt der Ruhr­gebietsstadt eröffnete im September ein Hybridbau aus Jobcenter und Dachgewächshaus, ein vom Bund gefördertes Pilotprojekt für eine lokale Lebensmittelproduktion.
Die Idee einer Doppelnutzung entstand, als sich die Stadt Oberhausen für den Neubau eines Jobcenters entschied und das ansässige Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik die Gelegenheit sah, auf dessen Dach einen innerstädtischen Gemüse- und Obstanbau nach dem „inFarming-Konzept“ zu erforschen. Das Ziel: die Wege zwischen Anbau und Verbraucher verringern und durch einen Kreislauf zwischen Gebäude und Gewächshaus Wasser und Energie sparen. Grauwasser wird aus Waschbecken des Jobcenters im Keller aufbereitet und auf dem Dach – zusammen mit Regenwasser – für die Bewässerung der Pflanzen verwendet. In Zukunft soll auch die Abwärme der Büros zur Klimatisierung des Gewächshauses beitragen.
Von der 1000 Quadratmeter großen Gewächshausfläche wird die Stadt 840 Quadratmeter betreiben. Was mit den angepeilten Jahreserträgen von 100.000 Salatköpfen, 200.000 Kräutertöpfen und bis zu 500 Kilogramm Erdbeeren passiert, ist noch nicht endgültig geklärt. Ein Verkauf auf dem Markt zu Füßen des Neubaus bietet sich ebenso an wie die Verwendung in dem Café, das ins Erdgeschoss ziehen soll. Auch lokale Gastronomen haben Interesse bekundet.
Die übrigen 160 Quadratmeter Dachfläche stehen dem Fraunhofer-Institut und Hochschulen für Forschungen zur Verfügung. Allerdings kann das gesamte, als „Altmarktgarten“ bezeich­­ne­­-te Gebäude als ein zusammenhängendes Forschungsprojekt gesehen werden – wie es sich der Bauherr, das Oberhausener Gebäudemanagement, bereits in der Wettbewerbsauslobung wünschte.
Die Preisträger Kuehn Malvezzi, Atelier Le Balto und die auf Gewächshäuser spezialisierten Haas Architekten überzeugten die Jury damals mit einem einfachen Verwaltungsbau und der pragmatischen Verwendung standardisierter Gewächshausmodule. Schließlich hätte ein ausgefallenes Gebäude für ein Jobcenter mit übertriebener Dachgestaltung womöglich den Eindruck einer verschwenderischen öffentlichen Hand wecken können.
Tatsächlich folgt der Neubau brav den Fluchtlinien des Blocks. Die Klinkerfassade gibt sich durch einen Stapelverband als solche zu erkennen und täuscht keinen Massivbau vor. Auffällig ist dagegen das Stahlgerüst zur Marktseite, das wie eine eingeschobene Parzelle zwischen Jobcenter und Nachbarhaus vermittelt. Ein feines Detail: Als optische Verbindung zwischen Gewächshaus und den Büroetagen richteten Kuehn Malvezzi die Profile der Fenster am Stahlraster des Gewächshauses aus.
Das Foyer des Jobcenters wirkt dank bodentiefer Verglasung hell und übersichtlich. Hinter einem runden Empfangstresen öffnet sich der Blick auf den Hof und das Stahlgerüst, das in den nächsten Jahren von Wein, Beeren und anderen Kletterpflanzen erklommen wird. Flankiert wird der Hofblick links und rechts des Empfangs von Blumenkästen, aus denen sich Efeu vor den Sichtbetonwänden hinabhangeln soll. Die oberen, wenig bemerkenswerten Geschosse (lange Flure, kleine Büroräume mit „Fluchttüren“ zum Nachbarzimmer) könnten bei Bedarf auch pro­blemlos in andere Gewerbe- oder auch Wohnräume umgewandelt werden.
Die Innenstadt von Oberhausen ist – auch durch das periphere Einkaufszentrum CentrO (Bauwelt 45.1996) – von der üblichen Ausbreitung von Billigketten befallen. Das Projekt „Altmarktgarten“ wird diesen Trend nicht aufhalten können. Es bietet jedoch eine neuartige und zudem nützliche Attraktion, mit der weltweit bisher nur wenige Städte aufwarten können. „Urbanität entsteht nicht durch den Konsum, sondern durch die Leute, die in der Stadt sind,“ sagt Wilfried Kuehn. Wenn der Einzelhandel als Anziehungspunkt wegfällt, müssten neue Wege gegangen werden.
Umso wichtiger ist es, dass der Zugang zum Treppenhaus, dem „vertikalen Garten“, mit seinen Aufenthaltsflächen auf den Podesten, für Besucher möglich wird. Ein Zaun mit verschlossener Tür limitiert noch den Zutritt. Geplant ist, ab 2020 feste Öffnungszeiten einzurichten, die ebenso wie Führungen durchs Gewächshaus auf der Webseite der Stadt angekündigt werden. Dann gäbe es neben Gasometer, Industriemoderne und Legoland einen Anreiz mehr, in Oberhausen einen Halt zu machen.



Fakten
Architekten Kuehn Malvezzi, Berlin; Atelier Le Balto, Berlin
Adresse Marktstraße 31, 46045 Oberhausen


aus Bauwelt 22.2019
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