James-Simon-Galerie in Berlin


Das zentrale Empfangsgebäude für die Berliner Museumsinsel von David Chipperfield Architects steht prominent am Kupfergraben. Seine Aufgabe als Entrée einer unterirdischen Verbindung der Museen wird es aber auf lange Zeit nur teilweise erfüllen können.


Text: Redecke, Sebastian, Berlin


    Blick von der Schloßbrücke über den Kupfergraben auf die James-Simon-Galerie. Rechts das Neue Museum, im Hintergrund das Pergamonmuseum. Foto: Simon Menges

    Blick von der Schloßbrücke über den Kupfergraben auf die James-Simon-Galerie. Rechts das Neue Museum, im Hintergrund das Pergamonmuseum.

    Foto: Simon Menges

    Blick von Süden über die Bodestraße zum Neu­bau. Rechts das Alte und dahinter das Neue Muse­um, links das Galeriehaus Bas­tian aus dem Jahr 2007, ebenfalls von Chipperfield.
    Foto: Simon Menges

    Blick von Süden über die Bodestraße zum Neu­bau. Rechts das Alte und dahinter das Neue Muse­um, links das Galeriehaus Bas­tian aus dem Jahr 2007, ebenfalls von Chipperfield.

    Foto: Simon Menges

    Die James-Simon-Galerie hat zwei Eingänge: am Ende der Freitreppe ...
    Foto: Simon Menges

    Die James-Simon-Galerie hat zwei Eingänge: am Ende der Freitreppe ...

    Foto: Simon Menges

    ... und im Kolonnadenhof vis-à-vis vom Neuen Museum. Die Stützen sind 26 cm breite Betonfertig­teile mit Marmorzuschlag.
    Foto: Simon Menges

    ... und im Kolonnadenhof vis-à-vis vom Neuen Museum. Die Stützen sind 26 cm breite Betonfertig­teile mit Marmorzuschlag.

    Foto: Simon Menges

    Der sehr mächtige Sockel orientiert sich am Pergamonmuseum.
    Foto: Erik-Jan Ouwerkerk

    Der sehr mächtige Sockel orientiert sich am Pergamonmuseum.

    Foto: Erik-Jan Ouwerkerk

    Das Restaurant hinter der Hochkolonnade am Kupfergraben.
    Foto: Sebastian Redecke

    Das Restaurant hinter der Hochkolonnade am Kupfergraben.

    Foto: Sebastian Redecke

    Die Kolonnade an der Bode­straße vor dem Neuen Museum und ihre bescheidene Fortführung vor der James-Simon-Galerie.
    Foto: Erik-Jan Ouwerkerk

    Die Kolonnade an der Bode­straße vor dem Neuen Museum und ihre bescheidene Fortführung vor der James-Simon-Galerie.

    Foto: Erik-Jan Ouwerkerk

    Der kleine Kolonnadenhof mit der „Säulengasse“ zwischen Neuem Museum und Pergamonmuseum.
    Foto: Sebastian Redecke

    Der kleine Kolonnadenhof mit der „Säulengasse“ zwischen Neuem Museum und Pergamonmuseum.

    Foto: Sebastian Redecke

    Der Zwischenraum von Alt und Neu ermög­licht die Zufahrt in den Kolonnadenhof.
    Foto: Erik-Jan Ouwerkerk

    Der Zwischenraum von Alt und Neu ermög­licht die Zufahrt in den Kolonnadenhof.

    Foto: Erik-Jan Ouwerkerk

    Die zentrale Treppe ver­bindet das Untere Foyer, die Zwischenebene und das Obere Foyer miteinander. Im Hintergrund der Infopoint mit der Abschlusswand aus Glas und Marmor von der griechischen Insel Thassos.
    Foto: Ute Zscharnt

    Die zentrale Treppe ver­bindet das Untere Foyer, die Zwischenebene und das Obere Foyer miteinander. Im Hintergrund der Infopoint mit der Abschlusswand aus Glas und Marmor von der griechischen Insel Thassos.

    Foto: Ute Zscharnt

    Auf glei­cher Ebene liegt der obere Zugang ins Pergamonmu­seum.
    Foto: Björn Schumann

    Auf glei­cher Ebene liegt der obere Zugang ins Pergamonmu­seum.

    Foto: Björn Schumann

    Das Auditorium mit 300 Plätzen befindet sich unter der großen Freitreppe, ...
    Foto: Björn Schumann

    Das Auditorium mit 300 Plätzen befindet sich unter der großen Freitreppe, ...

    Foto: Björn Schumann

    ... der niedrige, mit viel Holz gestaltete Museumsshop auf der Zwischenebene.
    Foto: Sebastian Redecke

    ... der niedrige, mit viel Holz gestaltete Museumsshop auf der Zwischenebene.

    Foto: Sebastian Redecke

    Treppe zwischen James-Simon-Galerie und Eiserner Brücke hinunter zum Wasser.
    Foto: Erik-Jan Ouwerkerk

    Treppe zwischen James-Simon-Galerie und Eiserner Brücke hinunter zum Wasser.

    Foto: Erik-Jan Ouwerkerk

    Blick vom Oberen Foyer auf den Lustgarten, im Hintergrund das Humboldt Forum mit Kup­pel. Der Plan zeigt die Archä­ologische Promenade, die vier Museen miteinander verbinden wird.
    Foto: Ute Zscharnt

    Blick vom Oberen Foyer auf den Lustgarten, im Hintergrund das Humboldt Forum mit Kup­pel. Der Plan zeigt die Archä­ologische Promenade, die vier Museen miteinander verbinden wird.

    Foto: Ute Zscharnt

    Blick vom Lustgarten auf das Alte Museum, ganz links der Neubau.
    Foto: Ute Zscharnt

    Blick vom Lustgarten auf das Alte Museum, ganz links der Neubau.

    Foto: Ute Zscharnt

An einem so herausgehobenen Ort auf der Museumsinsel in der Mitte Berlins ein weiteres Gebäude zu errichten, lenkte schon in seiner langen Vorplanung alle Aufmerksamkeit auf sich und wurde mit viel Argwohn verfolgt. Es stellt sich zum Verständnis zunächst die Frage nach seiner Aufgabe: Die James-Simon-Galerie, benannt nach dem großzügigen Förderer der Berliner Museen in der Zeit von Kaiser Wilhelm II., bindet als zentrales Eingangsgebäude die Museen auf der Insel zusammen und macht sie dem allzu oft nur noch kurz durchlaufenden Besucher leich­ter zugänglich. Die Kunstrezeption als Abgrasen von Highlights, bei der die fundierte Hingabe durch touristisches Erleben ersetzt wird, ist längst ein Phänomen der großen Masse und erfordert daher ein Management. Auf der Berli­-ner Museumsinsel sind es rund 2,8 Millionen Besucher pro Jahr. Sie werden im Servicegebäude James-Simon-Galerie aufgenommen, können sichfür ihren geplanten Rundgang orientieren, und werden auch gleich im Café/Restaurant und im Shop zum Konsum animiert.
Der Neubau liegt am westlichen Rand der Insel zwischen Kupfergraben und Neuem Museum. Das Konzept des Eingangsgebäudes ist differenziert, vor allem geprägt von vielen Wegebeziehungen. Erst innen, auf drei Ebenen verteilt, erklärt es sich von selbst. Das Gebäude verbin­det in der Folge eines Masterplans von 1999 drei der fünf Museen miteinander: das Neue Museum, das Alte Museum und das Pergamonmuseum. Später ist auch eine Verbindung zum Bode Museum nördlich der Bahnbrücke vorgesehen.
Die sehr lange, mühevolle Entwurfs- und mehrfache Umplanungsgeschichte begann mit dem Wettbewerb 1994 zum Wiederaufbau des Neuen Museums von Friedrich August Stüler und einer Ergänzung zum Kupfergraben (Bauwelt 22.1994). David Chipperfields Entwurf erhielt damals hinter dem Mailänder Giorgio Grassi den zweiten Preis, und wurde dann 1997, nach einem Gutachterverfahren mit den fünf Preisträgern, zur Ausführung ausgewählt. Das Neue Museum wurde mit Chipperfields Umbau zu einem Fest der Architektur und stieß weltweit auf große Beachtung (Bauwelt 13.2009). Für die Ergänzung zum Kupfergraben kann man dies nicht behaupten. 2001 entstand eine neue Planung mit gläsernen Kuben, die als „Containerdorf“ heftig kritisiert und schließlich verworfen wurde. Die Architektur wie sie sich heute zeigt, ist deutlich mehr aus dem Charakter des Ortes entwickelt. Chipperfield spricht hinsichtlich der von ihm gewählten grundlegend anderen Architektursprache von einem „eigenen Lernprozess in der Auseinandersetzung mit der historischen Substanz“.
Die anfängliche Sorge, dass nun ein vergleichsweise kleines Gebäude auf der Insel nicht passen würde, die von großen, kompakten Solitären bestimmt wird, hat sich nicht bestätigt. Im Gegenteil: Mit seinen Proportionen und Abstufungengelingt dem Architekten nicht nur die mühevolle Einpassung an das benachbarte Neue Museum, sondern auch an das allzu wuchtige Pergamonmuseum im Hintergrund.
Erreicht man den Bau vom Lustgarten an seiner Stirnseite, führt eine einladende Freitreppe hinauf in das Obere Foyer. Ein weiterer Eingang zum Unteren Foyer befindet sich auf der Längsseite in der Kolonnade vis-à-vis des Neuen Museums. Mit den neuen Pfeiler-Kolonnaden ist es gelungen, vor und hinter dem Neuen Museum eine direkte Anbindung an den zentralen Bereich der Museumsinsel mit dem großen Kolonnadenhof zu erreichen. Der dortige den Freiraum umgreifende Säulengang, der am Neuen Museum sich fortsetzt, wird zu einem Umgang komplettiert. Chipperfield wählte ein filigranes Vokabular, das scheinbar nicht die Kraft besitzt, sich gegen die Nachbarn zu behaupten. Doch auch dies ist nicht der Fall. Sogar auf dem vom Neubau, dem Neuen Museum und dem Pergamonmuseum als hinteren Abschluss gebildeten neuen, deutlich kleineren und steinernen Kolonnadenhof hat man nicht den Eindruck, erdrückt zu werden. Fast spielerisch gelingt es mit den leicht wirkenden Betonstäben, die an Chipperfields Deutsches Literaturmuseum der Moderne in Marbach von 2006 erinnern, ein Ensemble zu bilden, das die Besucher neugierig auf Erkundungen macht, auch auf die neue Verbindung zur versteckt liegenden „Säulengasse“ zwischen Neuem Museum und Pergamonmuseum. Diese verlängerten überdachten Promenaden werden beim Erkunden der Insel eine besondere Beachtung erlangen. Projektleiter Alexander Schwarz sprachbei der Schlüsselübergabe an die Staatlichen Museen am 13. Dezember von einem ganz eigenen Weg der „Wiedergewinnung des romantischen Klassizismus“. Die Strenge des Konzepts lässt die 26 Zentimeter breiten Stäbe der Kolonnaden allerdings aus bestimmten Blickwinkeln betrachtet monoton erscheinen.

Empfang und Orientierung

Nach dem Eintritt in die Halle des Unteren Foyers auf Ebene 1 wird gleich links das 300 Zuhörer aufnehmende Auditorium unter der Freitreppe erreicht. Geradeaus führt der Weg über eine Treppe nach oben zur niedrigen Zwischenebene mit dem vollständig mit Walnussholz ausgekleideten Museumsshop, der Garderobe und weiteren Servicefunktionen. Zwei große Schaufens­ter öffnen sich zum Kupfergraben. Rechts vom Foyer gelangt man über eine Treppe auf die etwas unter Wasserkante liegende Ebene 0 mit einem zum Foyer offenen Ausstellungsbereich zur Geschichte der Museumsinsel. Ein mitten im Saal stehender, zehn Meter hoch aufragender Pfahl aus Kiefernholz, der zur Befestigung der Museumsinsel im schlammigen Untergrund aus derZeit von Karl Friedrich Schinkel gehörte, lenktden Blick des Besuchers noch einmal hinauf zum Licht, bis dann die unterirdische Archäologische Promenade durch die Museen beginnt. Heute ruht der Bau auf 1200 Gründungspfählen aus Beton mit Stahlkern, die in den Boden getrieben wurden. Zum Kupfergraben hin breitet sich auf dieser Ebene der 700 Quadratmeter große, fensterlose Saal mit Lichtdecke für Wechselausstellungen aus, der flexible Möglichkeiten der Gliederung bietet. Variabel klimatisiert lässt er zudem die Präsentation besonders empfindlicherLeihgaben zu. Ein solcher Saal wurde von den Staatlichen Museum dringend erwartet.
Über die niedrige Zwischenebene mit Museumsshop und Garderobe erreichen die Besucher die Ebene 2 mit dem Oberen Foyer. Dieses Eingangsfoyer wird wohl aufgrund der Freitrep­pe von Besuchern mehr genutzt werden. Im hinteren Teil der Halle liegt der zentrale Infopoint mit Kasse. An ihrer Stirnseite weist der Raum eine Besonderheit auf. Da nur fünf Meter dahinter die mächtige Fassade des Pergamonmuseums von Alfred Messel emporragt und zu präsent gewesen wäre, hat Chipperfield eine Glasverbundfläche als transluzente Front mit drei Zentimeter dünnem, geschliffenem Marmor eingefügt. Dies war aufwändig zu realisieren – aber wie andere Sonderelemente nimmt man dies nicht wahr. Der Architekt zelebriert weiter Understatement.

Die Hochkolonnade

Längs zum Foyer schließt das weitgehend gläserne Café/Restaurant an, ein auffallend schmaler und langer Saal, der mit vorgelagerter Terrasse entlang des Kupfergrabens weite Teile der Kolonnade einnimmt. Auf dieser oberen Ebene wird sich am nördlichen Ende im nächsten Jahr die Pforte zum schnellen Rundgang durch die Pergamonmuseum-Highlights öffnen, ein weiteres, oberirdisches Entrée, das zum Programm des Hauses gehört. Diese Hochkolonnade als Stadtloggia auf der Westseite zum Kupfergraben ist schon von weitem gut sichtbar. Sie erhebt sich über dem Sockel, der, das muss kritisch angemerkt werden, zu hoch ausgefallen ist und dadurch auf Passanten abweisend wirken kann. Der Sockel erhielt in einer späten Entwurfsphase noch die zwei große Schaufensteröffnungen auf der Zwischenebene, die innen wichtig sind, aber außen nicht in einen Sockel passen. Die Kolonnade nimmt die ganze Länge des Gebäudesein. Sie endet im Süden seitlich der Freitreppe, wo der Besucher auch außerhalb der Öffnungszeiten eine kleine Plattform als Ausguck aufsuchen kann, mit Blick auf den Lustgarten, das Humboldt Forum und dicht nebenan auf die Ziegelfront vom Neuen Museum.
Freude, sogar Staunen erweckt bei Chipperfield wieder der Umgang mit den reduziert verwendeten Materialien, dazu die vielen Ideen der präzisen Ausarbeitung zum Beispiel bei den gläsernen Brüstungen mit ihren Einfassungen, den Bronze-Handläufen oder den in die Architektur eingebauten steinernen Sitzbänken. Auch der Sichtbeton, einfach bearbeitet, zeigt an allen Ecken und Kanten Perfektion. Er harmoniert zu den Böden aus hellem Muschelkalk. Die schlanken Pfeiler-Kolonnaden sind Betonfertigteile mit leicht glitzerndem Marmorzuschlag. Hoch oben hängen als Heiz- und Kühldecke Platten aus feinmaschigem Kupferdraht. Im Auditorium entschied man sich für etwas harte Zuhörerbänke, kerngeräuchertes Eichenholz und eine mehrfach nach unten zur Bühne geschwungene Unterdecke. Um den hohen Anspruch gerecht zu werden, war es entscheidend, die Arbeit an der sorgfältigen Gestaltung der Oberflächen und denDetails, der man überall gewahr wird, bis an die Grenzen des Machbaren zu leisten und durchzustehen.

Wann kommt die Promenade?

Die James-Simon-Galerie wird sich nach ihrer Eröffnung Mitte 2019 in das Gesamtbild einfügen. Sie wird sich zudem für die Staatlichen Museen mit dem Auditorium, dem Saal für Wechselausstellungen, den offenen Foyers und den neu entstandenen zwei Plätzen mit ihren Kolonnaden am Unteren Foyer und oben an der Freitreppe mit Belvedere und Café/Restaurant zum Ort der Begegnung entwickeln. Allerdings wird es bis auf weiteres nur den Zugang zum Südflügel des Pergamonmuseums – noch nicht saniert und daher weiterhin zugänglich – und zum Neuen Museum geben. Alle weiteren unterirdischen Verbindungen werden erst viel später möglich sein. Damit kann das Gebäude diese wichtige Aufgabe auf lange Zeit nur teilweise erfüllen.
Trotz einiger planerischer Rückschläge, drastischer Verzögerungen und rasant steigender Gesamtkosten von rund 74 Millionen auf 134 Mil­­lio­nen Euro ist es David Chipperfield gelungen, dass die Kritiker besänftigt wurden und die James-Simon-Galerie nicht als Fremdkörper auftrumpft, sondern gelassen, aber mit der Feierlichkeit der Kolonnaden als moderne Agora ein Zeichen setzt.



Fakten
Architekten David Chipperfield Architects, Berlin
Adresse Eiserne Brücke, 10178 Berlin


aus Bauwelt 2.2019
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