Turbinenhochhaus


Das „Strata SE1“


Text: Brensing, Christian, Berlin


    Foto: James Brittain

    Foto: James Brittain

„Das erste Gebäude der Welt mit voll integrierten Windturbinen“, das lassen die Londoner Architekten BFLS werbeträchtig über ihren 148 Meter hohen Wohnturm verlauten.
Das 43-geschossige Hochhaus ist der erste fertiggestellte Abschnitt einer groß an­gelegten Aufwertungsoffensive im ziemlich heruntergewirtschafteten Londoner Bezirk Elephant & Castle. Tatsächlich ist das „Strata SE1“, anders als man vermuten könnte, aber kein reines Luxuswohnprojekt: 98 der 408 Wohnungen befinden sich im unteren Preissegment, 20 davon sind für die Bewohner eines angrenzenden, zum Abriss vorgesehenen Wohnblocks bestimmt.
Doch vor allem aus ökologischer Sicht ist das windschnittige Gebäude mit seiner etwas aufgereg­ten weiß-grauen Fassade und den drei krönenden Turbinen bemerkenswert. 2004, ein Jahr vor Beginn der Planungen für Strata SE1, hatte der damalige Bürgermeister Ken Livingston „London’s Energy Action Areas“ definiert. Der Turm von BFLS scheint eine unmittelbare Antwort darauf zu sein. Gemeinsam mit den Ingenieuren von WSP Group untersuchten die Architekten nahezu die ganze Bandbreite energeti­scher Alternativen: Photovoltaik, Geothermie, Solarthermie etc. Keine dieser avancierten Techniken hätte aber, so die Ingenieure und die Turbinenbauer Brookfield Construction, die Leistung der drei Turbinen erbringen können.
Die fünf-blättrigen Turbinen mit einem Durchmesser von neun Metern und einer Einzelleistung von 19 kW funktionieren nach dem Prinzip der Venturidüse. Sie sind gemäß der südwestlichen Ausrichtung des in den „Wind gedrehten“ Turms für eine Wind­geschwindigkeit von 8 bis 16 m/s ausgelegt. Eventuelle Geräuschbelästigungen durch die Rotoren oder gar Vibrationen und Schwingungen, die sich in die darunter liegenden Wohnungen übertragen könnten, sind durch aufwendige Testläufe und entsprechende Isolation ausgeschlossen worden. Man geht davon aus, dass bei einem durchgängigen 24-Stunden- und 365-Tage-Betrieb der Anlage jährlich 50 Megawattstunden erzeugt werden – was ungefähr acht Prozent des gesamten Energiebedarfs des Hochhauses entspricht. Der Bauherr und Eigentümer des Turms, Brookfield Europe, eine Firmengruppe, zu der auch der Turbinenbauer gehört, speist die gewonnene Energie nicht ins Netz, sondern benutzt sie z.B. zur Beleuchtung und zum Betrieb der öffentlichen Berei­che des Hauses.
Alle Energieeinsparmaßnahmen des Strata SE1 zusammengerechnet sollen voraussichtlich eine Reduktion des CO2-Ausstoßes um 73,5 Prozent gegenüber den Standardwerten der aktuellen Bauordnung einbringen – das heißt, das Gebäude erfüllt die Emissionswerte des Jahres 2050.



Fakten
Architekten BFLS Architects, London
aus Bauwelt 4.2011
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