Museum Brandhorst


Kopfbau für das Kunstareal


Text: Parker, Dorothea, München


Die Geschichte des Museums Brandhorst ist mit der Planungs- und Baugeschichte der Pinakothek der Moderne verwoben und mit den Querelen, die mit ihr einhergingen.
Im September 2002 wurde die Pinakothek in München eröffnet, ein Zusammenschluss von vier staatlichen Museen. Dieses Museum für moderne Kunst war nach einem Entwurf von Stephan Braunfels entstanden, als schräg durchschnittenes Konvolut von Ausstellungskuben um eine Rotundenhalle.Der Sichtbetonbau, dessen Elemente an das 1998 erbaute Berliner Krematorium Baumschulenweg von Schultes Frank Architekten erinnert, war in drei Bauabschnitten geplant. Im zweiten Bauabschnitt sollte die Staatliche Graphische Sammlung in einem L-förmig umfassenden Riegel an der Türken- und Gabelsbergerstraße folgen, im dritten Bauabschnitt ein Kinderhaus an der Türken- und Theresienstraße.

Zu dieser Zeit hatten Annette und Udo Brandhorst dem Bayeri­schen Staat ihre Sammlung moderner Kunst angeboten unter der Bedingung, dass er für diese einen eigenen Museumsbau errichtet. Die Brandhorsts hatten seit den siebziger Jahren gesammelt, zuerst Werke der klassischen Moderne, so von Malewitsch, Schwitters und Miró, später Werkkomplexe von Künstlern der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wie Cy Twombly und Andy Warhol, dazu Polke, Baselitz, Richter und andere. Die Sammlung umfasst heute über 700 Werke. Natürlich griff der Kultusminister zu. Damit begannen die Planungen für ein Museum Brandhorst.
Die Sammlung Brandhorst wurde als Ergänzung des Bestands der Pinakothek der Moderne gesehen, das neue Museum sollte daher im Museumsareal liegen. Tatsächlich erfuh­ren die Stifter eine Vorzugsbehandlung. Wenn man so will, ist das Museum Brandhorst mit den Finanzmitteln errichtet, die für die Staatliche Graphische Sammlung noch immer fehlen. Für das Museum Brandhorst wurde zudem keine Vorfinanzierung durch private Spender verlangt wie bei der Pinakothek der Moderne, und die Baukosten wurden nicht ähnlich strikt gedeckelt.
Durch die neuen Pläne sah Braunfels eigene Interessen berührt. Er hatte sich während der Bauzeit seiner Pinakothek in öffentlich ausgetragene Auseinandersetzungen mit dem Staatlichen Bauamt verstrickt. Nun drohte er mit einer Klage, falls das neue Museum im zweiten Bauabschnitt auf dem Grundstück, auf dem er die Staatliche Graphische Sammlung realisieren wollte, gebaut würde. Deshalb wich man mit dem Museum Brandhorst auf den dritten Bauabschnitt aus, auf ein Handtuch, das mit seinen Abmessungen von 110 mal 34 Metern absolut nicht ideal war – und das bei einem Raumbedarf von letztendlich 12.000 Quadratmeter Bruttogeschossfläche. In der Folge legte Braunfels zwei Klagen ein, einmal wegen Rufmords, da er beim Bau der Pinakothek als „querulatori­scher Architekt“ und „Streithansl“ bezeichnet worden war, und einmal auf Schadenersatz in Millionenhöhe, weil der dritte Bauabschnitt ohne seine Mitwirkung bebaut wurde. Beide Klagen wurden abgewiesen.
Für das Museum Brandhorst wurde 2002 ein Wettbewerb ausgeschrieben, der unter Mühen und nach mehrmaliger Über­arbeitung entschieden wurde. Die Jury vergab nach der ersten Runde vier erste Preise, nach einer zweiten Runde zwei – an Zaha Hadid und an Sauerbruch Hutton. Erst nach der dritten Runde stand der Sieger fest. Doch so konfliktreich und vertrackt die Vorgeschichte war, so verstritten und verbissen gebärdeten sich die Akteure. Selbst die Wahrnehmung des Neubaus wird – so legen aktuelle Kritiken nahe – noch von den vergangenen Auseinandersetzungen berührt.

Beengtes Grundstück
Das neue Museumsgebäude, das im Herbst 2008 übergeben wurde, besteht aus zwei Kuben: einem Langbau, optisch zweigeschossig, der die Traufhöhe der Türkenstraße aufnimmt, und einem Kopfbau, scharfkantig, der bis zur Höhe des schönen Sep-Ruf-Wohnhauses direkt vis-à-vis in der Theresienstraße ansteigt.
Abweichend vom klassizistischen Städtebau der Maxvorstadt folgt der Neubau nicht der Baulinie der historischen, in den siebziger Jahren abgerissenen Türkenkaserne. Er wurde entlang der Straßen eingerückt, um inzwischen angepflanzte Bäume zu erhalten. Der Kopfbau spreizt sich mit trapezförmigem Grundriss in den Straßenraum, um diesen besser zu fassen. Das Gebäude ist farblich in drei Bauteile gegliedert, die sich wie eine Schreinerverbindung verzahnen und durch ein Oberlichtband getrennt werden. Im Kopfbau befindet sich das Foyer mit Kasse, Buchladen und Café, hier ist der Eingang. Und das ist richtig so. Das Museum orientiert sich nach Schwabing, zur Akademie. Es ist ein lebendiges Museum, Ankäufe zeitgenössischer Kunst und lebender Künstler sind mit einem jährli­chen Ankaufsetat von etwa zwei Millionen Euro vorgesehen. Es ergänzt die Pinakotheken, hat aber eine andere Genese. Ein Eingang am anderen Ende, neben dem Türkentor, einem Überbleibsel der Türkenkaserne, würde seine Orientierung auf einen ins Auge gefassten zentralen Kassenpavillon erleichtern, wäre aber sowohl von der belebten städtischen Zugangsseite wie auch von den eher verborgen platzierten, fast schon geheim gehaltenen Eingängen der Pinakothek der Moderne entfernt. Das Türkentor übrigens, das in der Längsachse der Alten Pinakothek liegt, markiert keinen selbstverständlichen Eingang ins Areal, vielmehr weist es auf die Mitte eines Bebauungsblocks, genauer: auf ein Bürohaus des Genossenschaftsverbands.
Natürlich hat der Geburtsfehler des Baus, das beengte Grundstück, Folgen: die dreigeschossige Stapelung der Ausstel­lungsräume und die enorme Unterbauung des Grundstücks. Doch letztlich ist es gelungen, den Bau städtebaulich einzupassen, die Verknüpfung der Ausstellungsebenen zu einem besonderen Raumerlebnis zu machen und die Flächen überwiegend mit Tageslicht zu belichten.

Im Inneren
Die große Treppe, die die Ausstellungsebenen gleichsam als Auftakt verbindet, ist im Untergeschoss um einen Lauf versetzt. Die Hängung der Bilder wird zeigen, inwieweit sich diese Enfilade bewährt. Diese Schautreppen „betten“ den Besucher zwischen weich ausgerundeten Eichenholzwangen, führen ihn an gepolsterten, lederbezogenen Handläufen zu den einzelnen Ebenen. Man hätte sich allerdings tiefere Podeste gewünscht.
Die Ausstellungsgalerien selbst bieten eine Vielzahl von Raumvariationen. Alle Räume sind nach dem Gesetz des White Cube gestaltet. Nur der Raum über dem Foyer ist polygonal ausgekleidet. Er wurde für Cy Twomblys Lepanto-Zyklus entworfen, für eine Folge von zwölf großformatigen Bildern, die dort überhöhend in Szene gesetzt werden. Sie werden in einem flachen Bogen gehängt und können so mit einem Blick erfasst werden. Man hat versucht, die Kunstwerke weitgehend mit Tageslicht auszuleuchten. Nach Bedarf kann dem Tageslicht überall Kunstlicht beigemischt werden. Das Zenitlicht wird im Obergeschoss durch transluzente Textildecken, das Seitenlicht im Erdgeschoss über eine Prismenlenkung und textilbespannte Lamellen gestreut. Für die Skulpturen ist zusätzlich eine Galerie mit direktem Seitenlicht vorgesehen.
Alle Galerien sind in einem hellen, warmen Grau getönt und haben einen schönen und teuren Boden aus dänischer Eiche. Um diesen genehmigt zu bekommen, so der Architekt, habe der Stifter Brandhorst, der als Mitglied der Planungskommission Einfluss nehmen konnte, geholfen. Immer wieder gibt es strategische Ausblicke ins Freie, zur Alten Pinakothek, zur Pinakothek der Moderne und in die Türkenstraße.

Die Fassade
Im Wettbewerbsentwurf war noch eine zweischichtige Fassade aus bedrucktem Glas vorgesehen. Doch das musste geändert werden, da der Bebauungsplan festsetzte, dass die Schallsituation für die benachbarten Wohngebäude nicht verschlechtert werden durfte. Deshalb wurde umgeplant. Die heute aufsehen­erregende farbige Fassade ist, auf den ersten Blick nicht erkennbar, auch eine Lärmschutzfassade. Hinter einer vorgelagerten Schicht von vertikalen Keramikstäben liegt eine horizontal geknickte Blechschicht, die an den Straßenfronten feinporig perforiert ist, um Schall zu schlucken.
Die Keramikbaguettes wurden vom Büro Sauerbruch Hutton und dem Hersteller derselben, der Firma NBK, in fünf Mustergenerationen entwickelt. Auf unterschiedlich gebrann­ten Scherben wurden 23 verschiedene Farbglasuren aufgebracht, von Weiß bis Rot. Durch die lasierende, leicht transparente Glasur und die Unebenheiten der Keramik entstand eine lebendige Oberfläche. Die Farbchargen wurden zu drei Gruppen unterschiedlicher Tonalität geordnet. Innerhalb jeder Farbgruppe wurden die Farb­stäbe nicht ganz regelmäßig angeordnet, sondern so, dass sich Farbwolken ballen. Um die Farbverteilung festzulegen, wurde ein Modell im Maßstab 1:70 gebaut, insgesamt 4,5 Meter lang, an dem alle 36.000 Farbstäbe festgelegt wurden. Der Keramikhersteller hat im Anschluss an die Arbeiten es sich nicht nehmen lassen, den Eingangsbereich an seinem Firmensitz in Emmerich am Rhein mit den Mustern und Überbleibseln der Produktion für das Museum Brandhorst zu verkleiden.
Das Ergebnis der Fassadenentwicklung ist verblüffend: In der direkten Aufsicht wirkt jeder farbige Stab einzeln vor dem in horizontale Farbbänder gegliederten Hintergrund. Je mehr sich der Blick zur Schrägsicht wendet und je größer der Abstand zur Fassade wird, umso mehr mischen sich die einzelnen Farbflächen zu einer schimmernden, irisierenden Haut. Dieser Übergang und seine Wirkung auf die Architektur ist faszinierend: Die Kanten und Volumina des kubischen Baukör­pers lösen sich auf, das Gebäude wird zunehmend unfassbar. Die Farben selbst sind im Einzelnen vertraut, im Zusammenspiel aber ungewöhnlich. Sie erzeugen ein Bild, dass sich mit der Bewegung des Betrachters immer wieder verändert.
Einen Museumsbau kann man im Grunde erst beurteilen, wenn die Gemälde hängen und die Skulpturen positioniert sind. Doch schon jetzt ist erkennbar, dass das Museum Brandhorst, obwohl als dienendes Museum konzipiert, durch seine Fassade zur Event-Architektur geworden ist. Diese setzt Farbklänge, die schon heute Besucher und Passanten neugierig machen. Als es im Januar schneite, konnte man die Wirkung dieser Attraktion im Schnee ablesen: Spuren, die zur Fas­sade führten, zogen dort verwirbelte Bögen und Schlaufen.



Fakten
Architekten Sauerbruch Hutton, Berlin
Adresse Theresienstraße 35A, 80333 München


aus Bauwelt 07.2009
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