Countryside

A Report

Text: Landes, Josepha, Berlin


Countryside

A Report

Text: Landes, Josepha, Berlin

Am Ende bleiben eine Menge Fragen offen; ursprüngliche Fragen wie: „Warum haben wir ganze Generationen produziert, die nie auf eine Schaufel getreten haben?“ und grundsätzliche wie: „Ist Architektur immer für Menschen? Kann Architektur anderen Spezies dienen? Tieren? Robotern?“ Verträumte Fragen wie: „Hatten die Hippies recht?“ und verunsicherte, hypothetische Fragen wie: „Künstliche Intelligenz oder Diktatur? Künstliche Intelligenz = Diktatur? Künstliche Intelligenz + Diktatur? Künstliche Intelligenz ≠ Diktatur?“. Fragen, die einem scheinbar zusammenhanglos durch den Kopf schießen beim Blick aus dem Fenster eines fahrenden Zuges, von der Rückbank eines Autos, beim Betrachten der Felder auf dem Land, beim Flanieren durch enge Gassen oder Schlendern über breite Feldwege. Fragen zum Thema des Buchs wie: „Ist städtisch gleich ländlich?“. Fragen über das Leben „Kann man lieben wollen?“. Fragen, die Möglichkeiten zeigen. Möglichkeiten, die hinter Gegebenheiten allzu oft verblassen.
AMOs/Rem Koolhaas’ (RKs) Countryside-Taschenbuch – Ökopapier in spiegelndem Einband, kleines Format von 10 auf 16 auf 3 Zentimeter – versammelt eine Auswahl von Erzählungen über Möglichkeiten, die Menschen schon heute an verschiedenen, ländlichen Orten auf der Welt – vom Hambacher Forst bis zum sibirischen Frost – in Versuche verwandelt haben, die Welt mit neuen Gegebenheiten neu abzustecken. Gegebenheiten, die nicht allzu statisch sind, sondern dynamisch auf den Fluss der Dinge, den Lauf der Zeit eingehen. Gegebenheiten, die bereichern, die die Welt in ihren Einzelaspekten stärker verbinden als Entfremdung schaffen. Möglichkeiten, die nicht nach dem Entweder-Oder suchen, sondern an Verbundenheit glauben.
Im Mittelpunkt stehen Themen, die als „ländlich“ gelten. Alles Ländliche, stellen die Verfasser fest, ist heute geprägt von Städtischem – bis hinein in die Habitate der Gorillas in Ruanda. Städtisch, von Menschen beeinflusst. Es ist nicht länger die Frage zu klären, was das eine vom anderen trennt – und vielleicht war sie es nie, denn die ländliche war immer schon Voraussetzung für die städtische Existenz. Vielmehr gewinnt die Frage an Brisanz, wie beide in Harmonie treten und einander voranbringen können. Als Partner einer Welt. Denn, so fassen die Macher den Anlass für ihren Vorstoß zusammen: 98 % der Weltgebiete sind der Wörterbuch-Definition nach nicht „städtisch“. Dennoch geht die Tendenz dahin, die Geschicke der Welt verstärkt im Interesse der Menschen zu gestalten, die abseits der freien Flur leben – die Vereinten Nationen prognostizieren, dass dies im Jahr 2050 mehr als zwei Drittel der Weltbevölkerung sein werden. Das Konzept, den ländlichen Raum für Kapitalerwerb auszunutzen oder als unberührten Rückzugsort zu verklären, der es wahrlich selten nur noch ist, ist allerdings zum Scheitern verurteilt. Das System muss neu gedacht werden. Symbiotisch. Ohne Ausbeute des Landes.
Der Countryside Report ist Begleiter zur gleichnamigen Ausstellung „Countryside, The Future“ mit der AMO/RK noch bis Ende August das New Yorker Guggenheim Museum bespielen. Das Projekt begleitet die Architektenforscher schon über Jahre. Seit einer ersten Lesung zum Thema, im Amsterdamer Stedelijk Museum 2012, entwickelte das Team das Thema weiter, unterstützt wurde es von Studenten der Harvard Graduate School of Design, der Central Academy of Fine Arts in Beijing, der niederländischen Wageningen University und der University of Nairobi. Wohlmerklich sind sie nicht die ersten und nicht die einzigen, die diesen Fragen nachgegangen sind. Aber sie verfügen über ein gewaltiges Sprachrohr, was hier nicht unerheblich ist
Den Mantelteil außer Acht gelassen, in dem RK wie üblich hofiert wird, liegt mit dem Mini-Kata­log ein spiegelndes Kleinod vor uns. Das Büchlein ist ein Rohdiamant. Es öffnet den Blick auf ein breites Spektrum relevanter Probleme und interessanter Ansätze, das Miteinander der Weltbevölkerung und der Weltspezies zu überdenken. Ob AMO/OMA/RK als Architekten und Planer städtischer Megaprojekte die Fragen auch beantworten können, oder überhaupt sollten, das kann jeder selbst überlegen. Dazu lohnt der Blick in die Schau, die ab dem Herbst in Bordeaux zu sehen sein soll.
Fakten
Autor / Herausgeber AMO/Rem Koolhaas
Verlag Taschen Verlag, Köln 2020
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aus Bauwelt 8.2020
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