Jobcenter im Bornemann-Hochhaus


Leer, energetisch veraltet, mit bröckelnder Fassade: Der von Fritz Bornemann entworfene Turm mit Saalbau im Berliner Wedding war deutlich in die Jahre gekommen. Rüthnick Architekten haben ihn, für die Nutzung als Jobcenter, denkmalgerecht grundsaniert.


Text: Stumm, Alexander, Berlin


    Der Gebäudekomplex an der Müllerstraße. Im Süd­osten des Platzes befindet sich die 2015 fertigge­stell­te Schiller-Bibliothek von AV1 Architekten.
    Foto: Kevin Fuchs

    Der Gebäudekomplex an der Müllerstraße. Im Süd­osten des Platzes befindet sich die 2015 fertigge­stell­te Schiller-Bibliothek von AV1 Architekten.

    Foto: Kevin Fuchs

    Vor der Sanierung: Aus den alten Waschbetonplatten ...
    Foto: Andreas Meichsner

    Vor der Sanierung: Aus den alten Waschbetonplatten ...

    Foto: Andreas Meichsner

    ... fielen Brocken herab und gefährdeten Passanten.
    Foto: Andreas Meichsner

    ... fielen Brocken herab und gefährdeten Passanten.

    Foto: Andreas Meichsner

    Dillenburg-Saal im 1. OG des Hochhauses
    Foto: Andreas Meichsner

    Dillenburg-Saal im 1. OG des Hochhauses

    Foto: Andreas Meichsner

    Innenhof und ...
    Foto: Andreas Meichsner

    Innenhof und ...

    Foto: Andreas Meichsner

    ... Innenraum im Erdgeschoss
    Foto: Andreas Meichsner

    ... Innenraum im Erdgeschoss

    Foto: Andreas Meichsner

    Foyer
    Foto: Andreas Meichsner

    Foyer

    Foto: Andreas Meichsner

    Der ehemalige BVV-Saal nach der Sanierung.
    Foto: Andreas Meichsner

    Der ehemalige BVV-Saal nach der Sanierung.

    Foto: Andreas Meichsner

    Heute finden hier Veranstaltun­gen des Berufsinformationszentrums statt.
    Foto: Andreas Meichsner

    Heute finden hier Veranstaltun­gen des Berufsinformationszentrums statt.

    Foto: Andreas Meichsner

Der Architekt Fritz Bornemann gilt als einer der wichtigen Unbekannten der Nachkriegszeit in West-Berlin: Amerika-Gedenkbibliothek, Deutsche Oper, Freie Volksbühne und die Museen in Dahlem (mit Wils Ebert) gehen auf ihn zurück. In der zweiten Reihe seines Oeuvres stehen Bau­-ten wie die Erweiterung des Rathauses in Wedding (1959–66). Schlicht, funktional, ein bisschen spröde – so erscheint das zwölfgeschossige Hochhaus in der Müllerstraße auf den ersten Blick. Dabei steht Bornemanns städtebauliches Konzept paradigmatisch für das demokratische Selbstverständnis der jungen Bundesrepublik.
Nun haben Rüthnick Architekten den Bau, in Abstimmung mit dem Denkmalschutz, grundsaniert und in ein Jobcenter umgebaut. Das Ergebnis ist eine rundum ordentliche, ehrliche und stimmige Instandsetzung des 50 Jahre alten Gebäudes. Der Umbau beweist, dass gelungene funktionalistische Architektur auch jenseits ihrer ursprünglichen Funktion nicht an Attraktivität einbüßen muss. Mit der 10,76 Millionen Euro teuren Sanierung konnten 8900 Quadratmeter BGF für das Jobcenter geschaffen werden.

Punkthochhaus statt Querriegel

Um zusätzliche Räumlichkeiten für das 1928–30 von Friedrich Hellwig errichtete Rathaus in Wedding zu schaffen, entschied man sich in den 1950er Jahren für einen Erweiterungsbau. Die Neue Bauwelt schrieb 1955 über den Wettbewerbsentwurf, für den Bornemann den 1. Preis erhalten hatte: „In seinem Erläuterungsbericht spricht der Architekt von einer Schwergewichtsverlagerung im Rathausbau: die Repräsentation weicht der Verwaltung. Gleichwohl komme solcher Verwaltungsarbeit durchaus die Würde baulicher Betonung zu. Sie zeigt sich hier – jenseits einstiger Quader, Säulen, Giebel – in der Harmonie einer Verquickung von Baukunst und Städtebau.“
Bis zum Baubeginn 1964 änderte Bornemann seine eingereichten Pläne selbstbewusst ab, wie er sich 2002 in einem Interview erinnerte: „Im Wettbewerb hatte ich einen Querriegel zum Altbau. Aber als ich dann den ersten Preis hatte, dachte ich mir: ‚Ne, das machst du anders.‘ Ich habe den BVV-Saal rausgeholt und ein Punkthochhaus gesetzt. Und dann rief der Düttmann an und meinte: ‚Na, Fritze, haste ja Schwein gehabt, dass Du deinen ersten Preis nicht bauen musstest.‘“
Mit der Fertigstellung 1966 bezog die Bezirksverordnetenversammlung (BVV) den Saal im aufgeständerten einstöckigen Baukubus auf dem Vorplatz. So salopp Bornemann seine Eingebung formulierte, so programmatisch muss diese quasi-Freistellung der Funktion gelesen werden: Architektur als demokratische Geste, indem die Volksvertreter nicht in Hinterzimmern, sondern auf dem Vorplatz tagen. Dank der Vollverglasung von drei Seiten konnten die Bürger ihnen bei der Arbeit über die Schulter schauen. Als repräsentativster Gebäudeteil erhielt der Saal eine Holzvertäfelung und eine prismenförmige Rabitzdecke mit Kugelbeleuchtung und war bereits mit einer ausfahrbaren Leinwand und einem Be- und Entlüftungssystem ausgestattet.
Die Fassade des Punkthochhauses gliederte Bornemann in horizontale Bänder, wobei sich Fensterzonen und Waschbetonplatten mit reliefbildenden Marmorkieseln abwechselten. Im Südwesten ragt ein eingeschossiger Bauteil hinaus und umschließt einen Hof. Im Nordwesten führt ein schmaler, auf filigranen Stützen stehender gläserner Verbindungsbau in den Altbau. Der Erschließungskern des Hochhauses besteht aus unverputzten Klinker. So prägt den Bau eine unaufgeregte, aber stimmige Kombination aus Glas, Stahl, Holz und Mauerwerk. Neben der Ausgewogenheit der Baukörper dürfen aber auchviele Details an Treppen und Geländer als ausgesprochen gelungen gelten.

Gefahrenquelle Waschbetonplatten

Doch als 2001 mit der Berliner Bezirksreform die Zusammenlegung der Bezirke Wedding und Mit­te beschlossen wurde, stand das Ensemble vor einer ungewissen Zukunft.
Zunächst folgte die Umwidmung in ein Bürger­amt. Umbaumaßnahmen trafen insbesondere den BVV-Saal, der von 2006–14 einer neuen Nutzung als Stadtteilbibliothek zugefügt wurde. Dafür errichtete man um die Treppe im aufgeständerten Sockelgeschoss einen käfigartigen Glaskasten, der den frei schwebenden Charakter des Baus ein gutes Stück konterkarierte.
Mit Fertigstellung der Schiller-Bibliothek von AV1 Architekten 2015 im Südosten des Platzes stand der BVV-Saal erneut leer. Die Suche nach einer Nutzung des denkmalgeschützten Ensem­bles zog sich hin, bis zum Verkauf durch den Bezirk an das Land.
2012 erhielten Rüthnick Architekten den Zuschlag für die Grundsanierung, energetische Ertüchtigung und Herrichtung des Bestands zur Unterbringung des Jobcenters Berlin-Mitte. Die Funktion als Jobcenter schien sinnvoll, weil der ohnehin für die Verwaltung geplante Bau damit in seinen Grundrisskonfigurationen weitgehend erhalten werden konnte.
Der größte Planungsaufwand zeigte sich für die Architekten in Hinblick auf die Fassade des Turms und den Brandschutz. Von der Fassade fielen faustgroße Marmorsteine herab und gefährdeten Passanten. Auch energetisch waren die Waschbetonplatten jenseits heutiger Richt­linien. Da die Demontage der Elemente – der Bau hätte bis auf sein Stahlbetonskelett freigelegt werden müssen – extrem kostenaufwendig gewesen wäre, entschied man sich für eine Kompromisslösung: Die einzelnen Platten, die vorher nur sich selbst trugen, wurden rückverankert, lose Kiesel entfernt und im Anschluss von außen das Wärmedämmverbundsystem mit einer oberflächenbündigen Beschichtung aufgebracht. Vor allem in der Nahsicht verliert die neue Fassade damit an visuellem Reiz, die klare horizontale Gliederung bleibt jedoch erhalten. Auch die Fenster mussten gänzlich ausgewechselt werden. Glücklicherweise fiel die Wahl auf Aluminiumfenster ohne farbliche Eloxierung, die sich am Original orientieren.
Auch in Bezug auf den Brandschutz bewiesen Rüthnick Architekten Feingefühl. Als Beispiel sei hier der Dillenburg-Saal im 1. Obergeschoss mit seiner röhrenförmigen Deckenverkleidung genannt. Hinter ihr verbarg sich eine mit Beton ausgegossene Stahl-Kassetten-Decke, die in die Feuerwiderstandsklasse F 0 fiel. Sie wurde mit einer unterseitigen Beschichtung ertüchtigt (F 90). Dafür wurden alle sichtbaren Elemente der Decke demontiert, gereinigt und instandgesetzt. So konnte der Originalbestand erhalten bleiben. Ähnliches trifft auf den BVV-Saal zu, der mit neuer Technik wieder in altem Glanze erstrahlt. Bei der technischen Erneuerung wurde im gesamten Gebäude, auch aus finanziellen Gründen, viel mit Low-Tech gearbeitet, so entschied man sich zum Beispiel gegen den Einbau einer Klimaanlage.
Da die Sanierung unter Vorlagen des Denkmalschutzes stand, sind die baulichen Veränderungen für die Umnutzung als Jobcenter erstaunlich überschaubar. Zu nennen ist ein von den Architekten entwickeltes Farbkonzept für die einfachere Orientierung. Im Erdgeschoss waren die Planer am vorgegebenen Corporate Design des Jobcenters gebunden.
Für Besucher lohnt vor allem ein Gang in die die oberen Geschosse. Sie sind frei zugänglich – und der Ausblick über Wedding ist phänomenal.



Fakten
Architekten Bornemann, Fritz (1912–2007); Rüthnick Architekten, Berlin
Adresse Müllerstraße 147 13353 Berlin


aus Bauwelt 22.2019
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