Swarovski-Manufaktur in Wattens


Snøhetta hat den Tiroler Sitz des Kristall-Herstellers Swarovski um eine Manufaktur erweitert. Dort wird geschliffen, gewerkelt und das Image poliert – für und mit dem Kunden.


Text: Crone, Benedikt, Berlin


    Foto: David Schreyer

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    Blick von der Empore in die Halle der Manufaktur
    Foto: David Schreyer

    Blick von der Empore in die Halle der Manufaktur

    Foto: David Schreyer

    Gegenschuss
    Foto: David Schreyer

    Gegenschuss

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    Die Halle der Manufaktur, oben: die gläsernen Kundenräume.
    Foto: David Schreyer

    Die Halle der Manufaktur, oben: die gläsernen Kundenräume.

    Foto: David Schreyer

    Die Arbeitsplätze der Mitarbei­terinnen...
    Foto: David Schreyer

    Die Arbeitsplätze der Mitarbei­terinnen...

    Foto: David Schreyer

    ... dahinter der Bürobereich
    Foto: David Schreyer

    ... dahinter der Bürobereich

    Foto: David Schreyer

    Kundenräume im Obergeschoss mit Ansichtsexemplaren
    Foto: David Schreyer

    Kundenräume im Obergeschoss mit Ansichtsexemplaren

    Foto: David Schreyer

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    Die Fassade und Längsseite der Halle. Die Manufaktur wird über eine Brücke erschlossen.
    Foto: David Schreyer

    Die Fassade und Längsseite der Halle. Die Manufaktur wird über eine Brücke erschlossen.

    Foto: David Schreyer

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    Foto: David Schreyer

Woran denken Sie, wenn Sie den Namen Swarovski hören? An Kristalle? An Kitsch, Blink-Blink und protzige Halsketten, mit denen sich neureiche Damen auf Spendengalas zu zeigen pflegen? Vermutlich würde sich die Firma Swarovski durch einige Ihrer Assoziationen gekränkt fühlen. Denn das Familienunternehmen will für mehr stehen als nur für blinkende Zierde – für Krea­tivität, Produktvielfalt, hochwertiges Design und handwerkliche Feinarbeit.
Zu dieser Image-Pointierung soll auch die neue Manufaktur im österreichischen Watten, dem Stammsitz der Firma, ihren architektonischen Beitrag leisten. Das Gebäude fungiert als eine Mischung aus Showroom, Werkshalle und Expe­rimentierstätte. Entworfen und realisiert hat es die Innsbrucker Niederlassung des Architekturbüros Snøhetta. Designer, Innenarchitekten und andere Kunden sollen in dem Anbau durch allerlei funkelnde Kreationen Inspiration finden und den Herstellungsprozess ihres Prototyps eines Kirstallprodukts begleiten können. Früher benötigte das Unternehmen für die modellhafte Anfertigung bis zu vier Wochen; heute sind es Dank der konzentrierten Arbeitsschritte in der Manufaktur ein paar Tage.
Swarovski ist nicht der erste Hersteller, der mit einer offenen Produktionsstätte für seine Erzeugnisse begeistern will. Vielerorts reagieren Unternehmen auf die automatisierte und entfremdete Arbeitswelt mit Transparenz und Produktnähe. Verbannte man einst Fabriken an den Stadtrand und die Fabrikstraße hinter dicke Mauern, zelebrieren inzwischen Produzenten – so auch Bäcker und Kaffeeröstereien – die Entstehung ihrer Ware in selbstbewusster Öffentlichkeit. Zu dieser Öffentlichkeit zählen in Watten jedoch nicht alle. Nur Mitarbeiter und Kunden dürfen auf das Firmengelände und in die Manufaktur. Für Besucher gibt es die benachbarten Kristallwelten, ein grünhügeliger Erlebnispark, ebenfalls entworfen von Snøhetta.
Wird man als Journalist durch die Manufaktur geführt, schlüpft man in die Rolle eines Kunden. In Begleitung werden die entsprechenden Stationen abgegangen. Die Tour beginnt im Eingang des „Campus 311“, einer alten, kürzlich sanierten, Produktionshalle mit Büroräumen. Der Industrieriegel ist der Manufaktur vorgelagert, wodurch das Snøhetta-Gebäude keine für den Besucher wahrnehmbare Fassade zu haben scheint. Von dem Eingang des Campus führt eine Treppe hinauf, vorbei an dem Relikt einer alten, nach Öl riechenden Schleifmaschine. Am Treppenende lässt sich in der Ferne bereits eine Hallenwand der Manufaktur erkennen. Stufe für Stufe und Zeile für Zeile offenbart sich ein an der Wand angebrachter Schriftzug, der den Besucher wohl auf den kommenden Kreativitätsexzess vorbereiten soll: Everything you want. Is on the other side. Of fear.
Über eine Brücke, die beim Betreten wirkt wie ein beengter hölzerner Schlauch, erreicht man schließlich die Zwischenebene der neuen Manufaktur. Die Weite einer weißen Industriehalle breitet sich vor den Augen aus. Wie automatisch hält man hier oben auf einer mit Birkenholz getäfelten Empore inne, um die rege Betriebsamkeit im Erdgeschoss mit Neugier zu verfolgen. Zwei Mitarbeiter heben wortlos einen mit Kristallen besetzten Stab in die Höhe, der wie eine große Luxusausführung des Hakeninstruments aussieht, mit dem üblicherweise ein Zahnarzt seinen Patienten Zahnstein von den Zähnen kratzt. Was mit diesem mysteriösen Glitzerstab passiert, wird nicht beantwortet. Die Anfertigungen sind einsehbar, das Produkt selbst bleibt geheim. Fotografieren ist verboten. Ein an die Deckenkon­struktion gehängter Krahn fährt die Halle entlang, bereit, beim Transport zu helfen. Er surrt, gedämpft ist die Unterhaltung von Arbeitern zu hören, die im Café-Bereich im Erdgeschoss ihre Pause nehmen. Sonst herrscht, auch Dank Akustikpaneelen, konzentrierte Stille.
Links und rechts in der Halle reihen sich Schleifmaschinen, die auch als Laborversuchsbehälter in einem Science Fiction Film stehen könnten. In ihnen schießt ein Wasserstrahl gegen die im Entstehen begriffenen Kristalle. In der Luft liegt der Geruch frischen Holzes: Die Zwischenebene und der Boden im Erdgeschoss sind mit Birkenholzplatten ausgelegt, was die Produktionsstätte in eine helle und warme Atmosphäre taucht. Unter den Platten im Erdgeschoss, die man bei Bedarf mit etwas Kraft aus der Halterung hebeln kann, verlaufen die Rohre des hauseigenen Wasseraufbereitungssystems. Den wichtigsten Beitrag für die Stimmung in der Halle liefert aber das gedimmte Licht, das von der Decke durch 135 Kassetten in den Raum dringt. Nicht zu grell, sondern wohldosiert: Erst die richtige Belichtung bringt einen Kristall zum Funkeln. In den Deckenräumen zwischen den Kassetten, einer Stahlkonstruk­tion, war auch noch Platz, die Haustechnik zu verstecken.
Der opernhaften Distanz von der Empore zur unteren Bühne, auf der sich das Schauspiel der Arbeiter vollzieht, wird durch eine breite Sitztreppe aufgebrochen. Die Treppe verläuft über Eck und führt von der Empore in die Bereiche des Erdgeschosses. „Wir wollten nicht, dass das Gefühl aufkommt, wir Besucher hier oben und die Mitarbeiter da unten“, sagt Patrick Lüth, Leiter des Snøhetta Studios in Innsbruck. Die nach Snøhetta-Manier breit angelegte Treppe sorgt für diese gewünschte Durchlässigkeit. Daneben wird sie für Versammlungen und Präsentationen genutzt. Als Daniel Libeskind im letzten Winter in der Manufaktur seinen für das Rockefeller Center in New York entworfenen Kristall-Weihnachtsstern vorstellte, seien weit mehr als alle Stufen der Treppe besetzt gewesen, sagt die Pressesprecherin.
Ein verstecktes Regenbogenspektakel

Die Arbeitsbereiche im Erd- und Obergeschoss gleiten ineinander, nur vereinzelt trennen Wände und Glasscheiben die ruhigen Besprechungs- und Ausstellungsräume ab. Dort, vor allem in den Kundenräumen neben der Empore, wird dann doch nochmal kräftig geblinkt. Aus Schubladen werden für den Besucher Kristalle, Ketten, Ringe gezogen – ein jedes Mal mit dem kindischen Gefühl, eine verbotene Schatztruhe zu öffnen. Vor einem schwarzen Vorhang steht eine Säule, von der Kristalle zu rutschen und rieseln scheinen; und hinter dem Vorhang hängen weitere exzentrische Schmuckstrukturen, mal geschlängelt, mal kreisrund, an denen es glitzert, bis die Augen schmerzen. Der Höhepunkt: ein Ausstellungsraum, in dem von einem mit Kristallen besetzten Eislaufschuh bis zu pompösen Kristallabendkleidern zahllose Produkte der 120-jährigen Swarovski-Ära der Farbskala nach geordnet wurden. Ein betörendes Regenbogenspektakel. Fast öde und lieblos wirkt da der Raum zur Unternehmensgeschichte, die – und das wird leider an diesem Ort nicht deutlich – durchaus auch dunkle und glanzlose Kapitel aufweist.

Es ist, von einzelnen Abschnitten abgesehen, ein nüchternes Gebäude, das Snøhetta für den Kristallhersteller entworfen hat. Ein Gebäude frei von Anspielungen an kristalline Formen und zurückhaltend beim Einsatz glänzender Oberflächen. Das wäre zwar naheliegend gewesen, hätte aber von der eigentlichen Funktion der Manufaktur abgelenkt. Seinem Sinn und Zweck, für Verkauf und Markenbildung förderlich zu sein, wird das Gebäude durchweg gerecht – unaufdringlich, aber mit bleibendem Eindruck.



Fakten
Architekten Snøhetta, Innsbruck
Adresse Swarovskistraße 30, 6112 Wattens, Österreich


aus Bauwelt 9.2019

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