Deichman-Bibliothek in Oslo


Die Eröffnung der neuen Deichman-Bibliothek in Oslo war der Auftakt – eine Reihe von Kulturinstitutionen sind im Begriff, an die Wasserkante der Hauptstadt umzuziehen. Das Gebäude von Atelier Oslo und Lundhagem bietet eine Vielzahl von Raumsituationen.


Text: Brinkmann, Ulrich, Berlin


    Blick auf Opernhaus und Deichman Bibliothek von Süden, dahinter der Hauptbahnhof
    Foto: Iwan Baan

    Blick auf Opernhaus und Deichman Bibliothek von Süden, dahinter der Hauptbahnhof

    Foto: Iwan Baan

    Der auskragende, abgetreppte Lesesaal ist das markanteste Element des Äußeren.
    Foto: Einar Aslaksen

    Der auskragende, abgetreppte Lesesaal ist das markanteste Element des Äußeren.

    Foto: Einar Aslaksen

    Die Stadtautobahn war um 1980 noch ein Postkar­tenmotiv. Die Bibliothek steht heute etwa auf dem Kreisel.
    Ansichtskarte: Knut Aunen Kunstforlag

    Die Stadtautobahn war um 1980 noch ein Postkar­tenmotiv. Die Bibliothek steht heute etwa auf dem Kreisel.

    Ansichtskarte: Knut Aunen Kunstforlag

    Der Neubau der Deichman-Bibliothek in Oslo entstandim ehemaligen Hafen, direkt neben dem Opernhaus.

    Foto: Einar Aslaksen

    Der Neubau der Deichman-Bibliothek in Oslo entstandim ehemaligen Hafen, direkt neben dem Opernhaus.

    Foto: Einar Aslaksen

    Die gefaltete Decke über dem Lesesaal ist Teil des anspruchsvollen Tragwerks-Konzepts, ...
    Foto: Einar Aslaksen

    Die gefaltete Decke über dem Lesesaal ist Teil des anspruchsvollen Tragwerks-Konzepts, ...

    Foto: Einar Aslaksen

    ... nicht sichtbar ist die abwechselnde Belastung der Stützen auf Druck und Zug.
    Foto: Einar Aslaksen

    ... nicht sichtbar ist die abwechselnde Belastung der Stützen auf Druck und Zug.

    Foto: Einar Aslaksen

    Die sich verzweigenden und zusammenschließenden Lufträume ...
    Foto: Einar Aslaksen

    Die sich verzweigenden und zusammenschließenden Lufträume ...

    Foto: Einar Aslaksen

    ... gliedern mit den drei Kernen die Flächen.
    Foto: Einar Aslaksen

    ... gliedern mit den drei Kernen die Flächen.

    Foto: Einar Aslaksen

    Foto: Einar Aslaksen

    Foto: Einar Aslaksen

    Der weitauskragende Lesesaal hält den Blick auf das Opernhaus frei.
    Foto: Iwan Baan

    Der weitauskragende Lesesaal hält den Blick auf das Opernhaus frei.

    Foto: Iwan Baan

    Foto: Iwan Baan

    Foto: Iwan Baan

    Nacht­ansicht: Architekten

    Nacht­ansicht: Architekten

Kulturinstitutionen von Rang gibt es einige in Oslo. Dass im Sommer 2020 der interessierte Besucher reihenweise vor verschlossenen Türen stand, sei es vor dem Munch-Museum oder vor der Nationalgalerie, vor dem Museum für Zeitgenössische Kunst oder vor dem Kunstgewerbemuseum, lag aber nicht am Corona-Virus, von dem Norwegen bis dahin weit weniger stark getroffen worden war als etwa das Nachbarland Schwe­-den, sondern an einem ehrgeizigen Stadtentwicklungsprojekt: die Orientierung von Oslo zum Wasser. Das ist kein ganz neues Vorhaben, spätestens mit der Eröffnung der Oper von Snøhetta (Bauwelt 21.2008) hat die Welt diese Ambition zur Kenntnis genommen, im Grunde legte schon der langwierige Bau des neuen Rathauses (Wettbewerb 1918, Baubeginn 1930, Einweihung 1950) den Grundstein für diese Entwicklung. Nun aber sehen zwei weitere bedeutende Neubauten der Fertigstellung entgegen, weswegen die alten Standorte geschlossen sind: das Nationalmuseum von Kleihues & Schuwerk schräg gegenüber dem Rathaus (Eröffnung Ende 2021) und das Munch-Museum „Lambda“ von Herreros Arquitectos schräg hinter der Oper (Eröffnung im Frühjahr).
Der Neubau eines dritten öffentlichen Gebäudes am Saum des Fjords wurde im Juni letzten Jahres fürs Publikum geöffnet, und für die Bürger dürfte dieses vielleicht sogar das wichtigs­te, weil im täglichen Leben bedeutendste der drei sein: die neue Stadtbibliothek im Stadtteil Björ­vika. Die Institution heißt offiziell Deichmanske Bibliotek; seit 1933 war sie in einem neuklassizistischen Gebäude untergebracht, zu dessen Füßen derzeit der Y-Bau im vom Bombenattentat 2011 verheerten Regierungsviertel abgerissen wird (Bauwelt 10.2019). Den Namen des norwegischen Eisenhütten-Besitzers Carl Deichman trägt die öffentliche Einrichtung seit eh und je. Der Pionier der Industrialisierung hatte die Stadt­bibliothek quasi aus der Taufe gehoben, als mit seinem Tod im Jahr 1780 seine private, 6000 Bän­-de umfassende Bibliothek ins Eigentum der Stadt überging. Unter den drei neuen Kulturbauten ist der Bibliothek der prominenteste Stand­-ort zuteil geworden: Tritt man nach Süden aus dem Hauptbahnhof und wendet sich zur Oper, steht das weiß-silbrig schimmernde Gebäude auch schon im Blick.
Genau dieser Standpunkt hat die Planung des Neubaus maßgeblich bestimmt, erinnern sich Nils Ole Brandtzaeg vom Atelier Oslo und Einar Hagem von den Architekten Lundhagem: Die Sichtachse vom Bahnhof zur Oper sollte unbedingt respektiert werden. Die beiden Osloer Bü­-ros hatten 2009 gemeinsam einen Entwurf eingereicht im international besetzten Wettbewerb für den Neubau (Bauwelt 20.2009) und konnten ihn dann auch gemeinsam realisieren. Doch der freie Blick aufs Opernhaus war nur eine Vorgabe der Auslobung, die andere war der Wunsch der Bibliothekare, nach dem treppenreichen Vorgängerbau nun endlich ein möglichst schwellen­frei­es Gebäude nutzen zu können. Das zur Verfügung gestellte, lang in Ost-West-Richtung gestreckte Baufeld nördlich der Oper stand nur deswegen zur Verfügung, weil die Schnellstraße samt Verteilerring, die einst die Stadt vom Wasser abgeriegelt hatte, unter die Erde verlegt worden war. Örtlicher Verkehr aber fließt hier auch heute noch, und deshalb galt es, die Verlängerung der Straße Trelastgata zu berücksichtigen, die das Grundstück kreuzt; eine rein erdgeschossige Anlage schied deshalb aus. Zudem sollten neben der Bibliothek Gewerbeflächen, Büros und Wohnungen untergebracht werden. Abgesehen von der Zentralität des Ortes, seiner optimalen Verkehrserschließung und der Prominenz des Nachbargebäudes ist die Lage allerdings auch im größeren Zusammenhang von Os­lo symbolhaft: Am Ostrand des Baufelds mündet der Fluss Akerselva, der historisch den proletarischen Osten vom bürgerlichen Westen der Stadt trennt. Die Schwierigkeit, an dieser Flussmündung zu bauen, sei nicht unerwähnt: 17 Meter tief gründen die Pfähle, auf denen die Bibliothek ruht, eine Konstruktion, die an eine Bohrinsel erinnert und den Bauprozess nicht nur verzögert, sondern auch verteuert hat – und zwar in einem Maße, dass die 2015 angetretene sozialdemokratische Stadtregierung das Projekt der konservativen Vorgänger schon stoppen wollte. Dazu kam es nicht, doch erfolgte die Auflage, Teilflächen derBibliothek unterzuvermieten, um wenigstens symbolisch ein paar Kronen damit zurückzuerwirtschaften.
Die mit dem ersten Preis gekürte Arbeit von Atelier Oslo und Lundhagem hat das geforderte Programm auf drei Volumen verteilt: Das westliche, zum Bahnhofsvorplatz orientierte ist der Bibliothek vorbehalten, das östliche den Büros, dazwischen steht ein Block für Studentenwohnungen. Der Verzicht auf eine einzige Figur hat nicht nur die funktionale Komplexität reduziert, sondern auch eine städtische Maßstäblichkeit bewirkt, die nicht in Konkurrenz tritt zum benachbarten Opernhaus. Der Wunsch der Nutzer nach Schwellenlosigkeit ließ sich mit Hilfe von Rolltreppen auch in der Vertikalen umsetzen, und der Blick auf die Oper ist freigeblieben, indem die Blickachse vom Bahnhofsplatz die Bau­linie bildet. Über und unter dem Sichtfeld aber konnte die Bibliothek ausgreifen: unten mit einem Café-Pavillon, oben mit einem Lesesaal, der sich wie ein Amphitheater abtreppt. Dessen 18 Meter auskragende Decke stellte hohe Anforderun-gen an die Tragwerksplanung, für die Bollinger & Grohmann verantwortlich zeichnen. Doch dieser Raum ist bei weitem nicht die einzige Überraschung, die im Inneren auf die Besucher wartet.

Yggdrasil, der Weltenbaum

Schon am Vormittag dieses Spätsommertags, an dem ich das Gebäude in Augenschein nehmen kann, hat sich eine lange Warteschlange auf dem Vorplatz gebildet – corona-bedingt war der Zugang reguliert. Das Wasserbecken westlich der Bibliothek sollte ursprünglich Teil des Hafenbeckens sein, als gefluteter Platz aber kanndie Fläche für Veranstaltungen dienen oder im Winter als Eisbahn. Auch wenn der Eingang, der sich hierhin orientiert, als Hauptzugang bezeichnet werden kann, öffnet sich die Bibliothek nicht nur in diese Richtung, auch im Süd- und im Nordosten befinden sich Eingänge, die nach der Corona-Zeit offen stehen sollen. Sie liegen in der Richtung von drei diagonal durch die unteren Ebenen stoßenden Lufträumen, die sich im 3. Obergeschoss zu einem großen Atrium verbinden; ganz oben verzweigt dieses sich abermals. Diese Lufträume – ein Besuch im Büro der Architekten zeigt eine lange Reihe von Entwurfsmodellen, mit denen sie deren Geometrie entwickelt haben (Foto S. 20) – verbinden das Innere mit der Umgebung, vor allem aber schaffen sie Sichtbeziehungen, halten die vielen räumlichen Situationen zusammen. An Yggdrasil, die Weltesche der nordischen Mythologie, und ihre drei Wurzeln im von Mimir bewachten Brunnen der Erinnerung, an der Quelle Hvergelmir und im Schicksalsbrunnen von Urd, haben die Architekten dabei nach eigener Auskunft nicht gedacht, doch ist die Assoziation für eine Bibliothek nicht unpassend.
Ein Blick auf die Grundrisse zeigt, dass den Lufträumen drei Kerne entsprechen, deren Außenseiten als Regale dienen und die daher wie Büchertürme das Gebäude gliedern. Sie enthalten Fluchttreppen, die im Notfall sicher ins Freie führen, aber auch Räume für Nutzungen jenseits des direkten Bibliotheksbetriebs. Der östliche Kern dient überwiegend der Verwaltung, aber auch die Bücher Deichmans werden dort aufbewahrt, die anderen beinhalten Gruppen­arbeits- und Besprechungsräume, ein Aufnahmestudio, Probenräume und Werkstätten: Die Bibliothek soll den Bürgern eine ganze Bandbreite an Gründen für einen Besuch liefern. Die Gestaltung dieser Räume oblag wie die Auswahl des Mobiliars nicht den Architekten. Dennoch ist die atmosphärische Vielfalt nicht in erster Linie den Interior Designern zuzuschreiben – sie haben nur fortgesetzt, was in der Architektur angelegt war. Zusammen mit den Lufträumen gliedern die Kerne die Grundrisse in einem Maß, das in jedem Geschoss andere Raumkonstellationen schafft – mit den variierenden Deckenhöhen ein komplexes Ganzes, das zu Entdeckungen einlädt.



Fakten
Architekten LundHagem, Oslo; Atelier Oslo, Oslo
Adresse Anne-Cath, Vestlys Plass 1, 0150 Oslo, Norwegen


aus Bauwelt 3.2021
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