Umnutzung der St. Agnes Kiche


Interview mit Arno Brandlhuber


Text: Thein, Florian, Berlin


    Wolf Lücking, Akademie der Künste, Berlin, Werner-Düttmann-Archiv, Wv. 22/67 und Wv. 22/42

    Wolf Lücking, Akademie der Künste, Berlin, Werner-Düttmann-Archiv, Wv. 22/67 und Wv. 22/42

    Nathan Willock

    Nathan Willock

Aus finanziellen Gründen gab die Katholische Kirche 2004 das Kirchengebäude ihrer drastisch geschrumpften Gemeinde St. Agnes in Berlin-Kreuzberg auf. Nach Zwischenvermietung an eine Freikirche erwarb es Ende letzten Jahres der Galerist Johann König. 1965–67 im brutalistischen Stil von Werner Düttmann errichtet und zwischenzeitlich unter Denkmal­schutz gestellt, soll der Kirchenraum zukünftig Ausstellungen aufnehmen. Die Umwidmung konzipiert das Berliner Büro Brandlhuber+ Emde, Schneider. Einzige Maßnahme: ein eingestellter Beton­tisch, der den Hauptraum horizontal teilt.
Arno Brandlhuber, gibt es eine Verbindung zwischen der brutalistischen Kirche St.Agnes und Ihrer eigenen, bisweilen recht rauen Architektur?

Wenn man dem ein Brutalismus-Verständnis nach Peter und Allison Smithson zugrunde legt, sicherlich. Ein roheres, unterdeterminiertes Bauen, das andere Formen von Sozialität ermöglicht. Das Unfertige schafft Aneignungsoffenheit – in diesem Sinne verstehe ich auch die raue Betonkonstruktion von St.Agnes. Ausgefacht mit Trümmerziegeln, dann mit einem Spritzbeton beworfen. Ich glaube, die Idee dahinter ist, dass der Raum so rau sein kann, weil die Gemeinde selbst einen Körper bildet.

St.Agnes – ein brutalistisches Musterbeispiel?


In vielerlei Hinsicht. Besonders bemerkenswert ist der archaisch wirkende Innenraum. Auch hier wurde Spritzbewurf verwendet, allerdings auf vorgehängten, dünnen Rabitzwänden. Dass eine nichttragende Schale, die an der Decke hängt, den Raum bestimmt, ist außergewöhnlich – hier wird ein bildgebendes Verfahren eingeführt. Vielleicht macht gerade das St.Agnes zu einem herausragenden Beispiel brutalistischer Architektur in Deutschland. Hinzu kommt diese unglaub­lich weiche Lichtführung. Auf der rauen Oberfläche gibt es nie harte Schatten, es bleibt immer diffus.  

Was einer Galerienutzung sehr entgegenkommt.

Diesbezüglich schon. Andere Bedingungen, wie die klimatischen Verhältnisse oder der sanierungsbedürftige Beton, sind dagegen alles andere als ideal. Die Entscheidung der Galerie, mit diesem Raum zu arbeiten, hat viel mit einer Wertschätzung Düttmanns zu tun. Das Ensemble St.Agnes ist sozusagen das erste Exponat der Galerie, die bildgebenden Rabitzwände das nächste. Im Idealfall deckt sich hier die Düttmann’sche Logik mit der Programmatik der Galerie.

Eine Logik der klaren Unterscheidung von Raum und Objekt?

Man sieht das hier sehr gut (blättert in einem Bildband zu Werner Düttmann) – diese Referenzen zu den Steinbrüchen in Les Baux. Der Raum, der zitiert wird, ist ein kubischer, der durch Wegnahme von Materie entsteht. Düttmann operiert mit einer Negativtechnik. Indem er die Leerstelle definiert und nicht den Gebrauch selbst, ist er für jede Nutzung offen.

Weil diese Leerstelle das Additive zulässt?

Schon die Ausstattung der Kirche hat nach diesem Prinzip funktioniert. Selbst das Kreuz hängt frei, also additiv im Raum. Dieser Logik versuchen wir bis ins Detail zu folgen. Das heißt in der Konsequenz dann auch...

...einen Tisch einzustellen?

Einen Betontisch, der das Hauptschiff horizontal teilt und eine Ebene schafft. So wird der Raum als Galerie nutzbar. Oben Ausstellung, darunter ein Schaulager. Uns hat die Frage geleitet: Was ist der minimalste Eingriff, der das Programm von Johann König zum Funktionieren bringt?

Wie ist das formal gelöst?


Als Leitmotiv dienen uns die Detaillierungen Düttmanns – so wie er die Orgelempore mit einer Fuge zur Rückwand eingestellt hat, stellen wir den Betontisch mit umlaufender Fuge ein. Weitere Entscheidungen ergeben sich pragmatisch – wir bleiben in vorhandenen Achsen und Dimensionen,
die Stützenanzahl resultiert aus der maximal aufzunehmenden Punktlast der Bodenplatte.

Welche Rolle spielt der Denkmalstatus von St.Agnes?


Die Kirche ist der Pflege zur Erhaltung des Ensembles nicht nachgekommen und intendierte offensichtlich einen Abriss. Nur die Unterschutzstellung seitens Professor Jörg Haspel , Direktor des Landesdenkmalamtes Berlin, konnte das verhindern. Die anstehenden Sanierungsmaßnahmen sind dennoch erheblich. Im Umgang mit dem Denkmal interessieren uns besonders die Grenzen der in der Charta von Venedig formulierten Adaptierung durch „eine der Gesellschaft nützliche Funktion“. Da Düttmann ganz bewusst in Beton und Spritzbeton gearbeitet hat, wollen auch wir ganz bewusst nicht mit einem anderen Material dagegengehen, sondern versuchen vielmehr, die Eigenlogik Düttmanns weiterzuverfolgen. Die eingestellte Ebene bringt wie ein einziger, sauber geführter, leichter Schnitt den Raum zum Funktionieren. Dieses minimalinvasive Weiterbauen ist, glaube ich, die beste Haltung, die man mit Düttmann einnehmen kann. Am schönsten wäre natürlich, wenn die Ebene tatsächlich nur als Schnitt, vielleicht als Magnetfeld, als pure Energieform gebaut werden könnte.

Die horizontale Teilung des Hauptschiffes in Ausstellung und Lager ändert den Raumeindruck aber erheblich.

Die Höhe des Kirchenraumes hat die Perspektive auf ein „gött­liches“ Oben gerichtet. Reduziert man nun diese Höhe, stellt sich ein horizontaler Blick ein, den man für einen Ausstellungsraum benötigt. Diese Frage hat uns sehr beschäftigt – wir haben die ideale Position der Ebene mit Hilfe einer Hebebühne ermittelt und sind verblüffenderweise genau auf der Brüstungsoberkante der Orgelempore gelandet. Natürlich kann man das als einen perspektivischen Umbau sehen, die Substanz des Raumes bleibt jedoch erhalten. Hinzu kommt auch, dass wir unter der Ebene viel Platz für den enormen Lagerbedarf der Galerie schaffen.

Da bieten sich doch auch die umliegenden Bauten an.


Uns ist es wichtiger, diese Räume als soziale Komponente freigespielt zu bekommen und neben dem Kindergarten Wohnungen, Ateliers und Veranstaltungsorte zu ermöglichen. So lässt sich die im Ensemble verankerte Sozialität neu programmieren. Im Rückgriff auf den Brutalismus muss dieses soziale Moment als Teil der Gestaltung gesehen werden.

Räumlich setzt Düttmann allerdings auf ein eher traditionelles, hierarchisch gerichtetes Konzept.

Düttmann hat einen bemerkenswerten Innenraum geschaffen, unabhängig von einer spezifischen Nutzung. Vielleicht hat er schon damals nicht an die Permanenz eines Gotteshauses geglaubt. Sein Interesse galt sicher der Gesamtanlage – wirklich wunderbar ist der Innenhof! Die umliegenden Baukörper sind so geschickt nach Lichteinfall gestaffelt, dass sich ideale Besonnungs- und Verschattungssituationen ergeben. Das Büro June14 plant hier einen großen Betonesstisch, der diesen Freiraum als soziales Zentrum der Umgebung markiert.

Wenn in Berlin Galerien umziehen, wird schnell die Frage nach Gentrifizierung gestellt. Das Umfeld von St.Agnes scheint dafür wenig Grundlage zu bieten: geringe Dichte, sozialer Wohnungsbau aus den 50er und 60er Jahren.

Frei stehende Scheiben der zweiten Moderne – keine Situation, die typischerweise Gentrifizierungsdynamiken befördert. Uns geht es eher darum, der Nachbarschaft ein aufgegebenes Gemeindezentrum wieder zugänglich zu machen.

Also besteht keine Gefahr, dass der Altbau als Ideal vom Plattenbau abgelöst wird?

Wenn man das als gesamtberlinische Frage stellt, würde ich mir das ja geradezu wünschen. Nachdem die sogenannte
Kritische Rekonstruktion diese Form der Moderne diskreditiert hat, steht es an, deren Fähigkeiten wieder ins Bewusstsein zu spielen.

Insofern ist die Beschäftigung mit St.Agnes eine Herzensangelegenheit?


Als wir gehört haben, dass die Kirche St.Agnes abgeben will, wollten wir unbedingt mit diesem Gebäude, mit seiner völ­ligen Klarheit und seiner brutalistischen Haltung arbeiten.

Einer Haltung, die auch einer erneuten Umnutzung nicht im Wege steht?

Es wird sich immer wieder die Frage nach einer neuen Nutzung stellen. Wenn nach neunundneunzig Jahren der Erbpachtvertrag ausläuft, kann auch unser Einbau wieder demontiert werden, falls dies nicht ohnehin schon früher geschieht. 



Fakten
Architekten Brandlhuber+ Emde, Schneider, Berlin; eins bis neun Architekten ingenieure, Berlin; June14 Meyer-Grohbrügge & Chermayeff, Berlin/New York
Adresse Alexandrinenstr. 118, 10969 Berlin


aus Bauwelt 26.2012
Artikel als pdf

0 Kommentare


Ihr Kommentar






loading

1.2019

Das aktuelle Heft

Bauwelt Newsletter

Immer Freitags: das Wichtigste der Woche. Dazu: aktuelle Jobangebote, Auslobungen und Termine.