Sebald Kontore in Nürnberg


Auf einem Eckgrundstück in spezieller Lage gegenüber vom Laufer Schlagturm in Nürnberg, entstand ein Bürobau mit zahlreichen Zwängen und kostbarer Einkleidung


Text: Fuchs, Claudia, München


    Um den monolithischen Charakter zu betonen, ist auch das Dach mit dem Fassadenstein verkleidet. Der Architekt entschied sich für südschwedischen Granit-Gneis.
    Foto: Stefan Meyer

    Um den monolithischen Charakter zu betonen, ist auch das Dach mit dem Fassadenstein verkleidet. Der Architekt entschied sich für südschwedischen Granit-Gneis.

    Foto: Stefan Meyer

    Die Büros im 1. und 2. Obergeschoss öffnen sich mit einem Schaufenster zum mittelalterlichen Laufer Schlagturm.
    Foto: Stefan Meyer

    Die Büros im 1. und 2. Obergeschoss öffnen sich mit einem Schaufenster zum mittelalterlichen Laufer Schlagturm.

    Foto: Stefan Meyer

    Ansicht Innere Laufer Gasse mit streng symmetrischer Fassade. Nur der Eingang hebt sich etwas hervor.
    Foto: Stefan Meyer

    Ansicht Innere Laufer Gasse mit streng symmetrischer Fassade. Nur der Eingang hebt sich etwas hervor.

    Foto: Stefan Meyer

Die Nürnberger Altstadt, im Zweiten Weltkrieg fast vollständig zerstört und in Anlehnung an die historische Stadtstruktur wieder aufgebaut, ist geprägt durch Steildächer und den typisch rötlich-gelben Sandstein der Fassaden. Innerhalb des Mauerrings ist das Stadtbild mit der charakteristischen Dachlandschaft weitgehend
als Einheit erhalten und stellt ein breitgefächertes Zeugnis des Wiederaufbaus dar. Die Altstadt steht als Ensemble unter Denkmalschutz, hier eine andere Architektur zu integrieren, ist eine Herausforderung, und überzeugende Beispiele sind rar.
Wie sich ein Neubau in das homogene Stadtbild integrieren lässt und dabei die drei wesentlichen baulichen Merkmale der Altstadt – Satteldach, Sandstein und Lochfassaden – zur eigenständigen architektonischen Lösung weiterentwickelt werden können, zeigen die „Sebald Kontore“. An exponierter Stelle, auf einem Eckgrundstück gegenüber dem Laufer Schlagturm, bildet der kantige Baukörper den Auftakt zur Sebalder Altstadt; das älteste Stadtviertel mit Nachkriegs-Wohnbebauung, die in ihrer Schlichtheit alte Strukturen und Proportionen bewahrt hat. Am mittelalterlichen Stadttor nimmt das facettierte, monolithisch wirkende Gebäude vielfach Bezug auf den Kontext: mit seiner Kubatur, seiner Natursteinverkleidung – und mit einem herausgeschoben, über zwei Geschosse reichende Glasbaukörper an der Stirnseite, in dem sich der Laufer Schlagturm spiegelt. In seiner Formen-sprache hat der Neubau eine starke Präsenz, ohne sich in den Vordergrund zu drängen.

So selbstverständlich das Gebäude an dieser Stelle nun wirkt – der Weg dahin war kein einfacher. Zunächst plante der neue Eigentümer, ein engagierter privater Bauherr aus Langenzenn, mit dem der Architekt Gerhard P. Wirth bereits zusammengearbeitet hatte, anstelle des bestehenden, im Inneren nicht optimal organisierten Bürogebäudes aus den 50er und 70er Jahren (Foto Seite 19) einen Neubau zu errichten, der mit markantem Erscheinungsbild ein Zeichen setzen sollte. Der erste Entwurf, ein transparenter Baukörper mit Flachdach und gerundeter Gebäudeecke, stand daher im bewussten Kontrast zum Umfeld. Stadtplanung und Baukunstbeirat kritisierten jedoch, dass das Projekt auf die städtebaulichen Anforderungen zu wenig einginge und zu wenig Rücksicht auf das mit bescheidenen Mitteln wieder aufgebaute Umfeld nehme. Der Entwurf wurde abgelehnt, eine andere Form und Materialität des Gebäudes empfohlen. Wirth setzte gedanklich noch einmal neu an und entwickelte einen klar geschnittenen, rundum mit Naturstein verkleideten Baukörper, der den Wunsch des Bauherrn nach einem individuellen Gebäude mit der Einfügung in das Vorgefundene verknüpft. Doch sowohl der Bauherr als auch die Behörden mussten von der neuen Architektursprache erst überzeugt werden. Hinzu kam eine Klage der Nachbarn, die sich prinzipiell gegen eine Neubebauung des Areals aussprachen. So verwundert es nicht, dass die Umsetzung des Projekts, basierend auf der konstruktiven Zusammenarbeit aller Beteiligten, sechs Jahre Planungs- und Bauzeit erforderte.

Wiking rot

Der Neubau übersetzt die Charakteristika der Altstadtbauten – steiles Satteldach, Natursteinoberflächen, Lochfassade – in eine objekthafte Großform. Um das monolithische Erscheinungsbild zu betonen, ist das Dach mit dem gleichen Naturstein verkleidet wie die Fassaden, wofür der typische Sandstein der Nürnberger Bauten allerdings nicht geeignet war. Als witterungsresistente Alternative wurde schließlich der Granit-Gneis „Wiking rot“ aus Südschweden gewählt, der zwar eine lebhaftere Zeichnung als Sandstein hat, doch im Farbton sehr ähnlich ist. Zum kompakten Eindruck des Gebäudes trägt auch die besondere Dachform wesentlich bei. Das Satteldach ist zur räumlich komplexen Dachlandschaft modifiziert, gefügt aus fünf unterschiedlich geneigten Flächen. Entwickelt wurde die Form aus der Topographie des Standorts: Die schräg verlaufenden Traufen folgen dem Höhenversprung des Geländes. Zur westlichen Nachbarbebauung setzt der Neubau eine deutliche Zäsur mit dem hier nur zweigeschossigen weiß verputzten Gebäudeteil mit Flachdach. So wird gleichzeitig auch der um drei Geschosse höhere Hauptbaukörper hervorgehoben, was seine Wirkung als Solitär verstärkt.

819 Dachplatten

Für das homogene, blockhafte Erscheinungsbild sollte das Gebäude wie aus massiven Quadern errichtet wirken, obwohl die Fassadenhülle aus vier Zentimeter starken Steinplatten gefügt ist, die wie üblich mit Stahlankern am tragenden Stahlbeton befestigt sind. Da hier jedoch an den Gebäudekanten keine Plattenstöße sichtbar sein sollten, wurden die Ecksteine aufwendig detailliert und mit L-förmigen Elementen in Plattenstärke ausgeführt. Diese wurden millimetergenau aus massiven Steinblöcken gefräst – was insbesondere bei den Dachflächen mit der individuellen Geometrie der Trauf- und Gratelemente eine Herausforderung war. Die Elemente wurden im Natursteinwerk mithilfe computergestützter Planung maßgeschnitten. Auf der Baustelle wurden die insgesamt 819, sechs Zentimeter starken Dachplatten wie ein dreidimensionales Puzzle zusammengesetzt. Um den Eindruck der Großform nicht zu schmälern, sind weder Regenrinne noch Haustechnik sichtbar, auch der neu entwickelte Schneefang aus Glas ist kaum zu sehen. Die Entwässerungsrinnen verlaufen hinter den Traufsteinen.
Die klare, wie mit dem Messer geschnittene Kontur des Baukörpers wird zudem durch die flächenbündigen Verglasungen in Fassade und Dach verstärkt. In den Bürogeschossen ist den Fenstern außenseitig eine zweite Glasscheibe vorgesetzt, die mit wenigen Zentimetern Abstand in die Steinöffnung eingepasst ist. Der nur vier Zentimeter breite, umlaufende Schlitz ermöglicht die natürliche Belüftung. Die Fenster können in-dividuell geöffnet werden. Ähnlich einem Kastenfenster dämpft die außenliegende Glasscheibe den Lärm und hält Witterungseinflüsse von den Sonnenschutzlamellen ab.
Der Haupteingang wird dezent vom in die Steinfassade gefrästen Gebäudenamen markiert. Als durchgängiges Gestaltungselement durchzieht der Granitstein vom Foyer über Flure und Treppen die Erschließungsbereiche auch das Innere des Hauses, bis hin zur gebäudehohen Wand im Treppenhaus in intensiven Farbtönen. Die insgesamt 2300 Quadratmeter Büro- und Ladenflächen sind auf Flexibilität hin konzipiert. Tragende Außenwände, Erschließungskern und schlanke Stützen lassen eine Aufteilung in Großraum- oder Zellenbüros zu. Die bis zu 600 Quadratmeter großen Geschosse werden über Fenster mit tiefen Brüstungen mit Tageslicht versorgt. Blickfang ist die raumhohe Verglasung an der Stirnseite, die sich als großzügiger Erker mit Panoramafenster zur Stadt öffnet. Die Räume im Dachgeschoss sind über große Dachflächenfenster, die mit speziell entwickelten Teleskopstangen geöffnet werden belichtet. Von einer in das Dach eingeschnittenen Terrasse bieten sich weite Ausblicke.
Bei der Haustechnik geht das Gebäude neue Wege: Anstelle einer konventionellen Heizung übernimmt eine geothermische Anlage mit 20 Erdsonden und Sole/Wasser-Wärmepumpe die Wärme- und Kälteversorgung. Da die Sondenauslegung optimiert wurde und günstige Bodenverhältnisse mit Grundwasserstrom vorhanden sind, ist im Sommer selbst über eine längere Periode eine „freie Kühlung“, ohne Einsatz der Wärmepumpe, möglich. Die Temperaturen in den Räumen werden über die kombinierte Heiz- und Kühldecke in den abgehängten Decken reguliert. Falls erforderlich, kann aber auch das Fernwärmenetz genutzt werden.
Die Sebald Kontore sind beispielhaft für den Anspruch und das Engagement eines Bauherrn, ein Bürohaus als langfristige Investition mit einer bewusst auffälligen aber für den besonderen Standort angemessenen Architektur zu realisieren.



Fakten
Architekten GP Wirth Architekten, Nürnberg
Adresse Innere Laufer G. 24, 90403 Nürnberg


aus Bauwelt 7.2015
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