Wohnhaus in Cardedeu


Das Erste Haus 2019: Preisträger


Text: Brinkmann, Ulrich, Berlin


    Seitdem die Eltern des Architekten das Haus 1992 erworben hatten, ...
    Foto: José Hevia

    Seitdem die Eltern des Architekten das Haus 1992 erworben hatten, ...

    Foto: José Hevia

    ... war so gut wie nichts verändert worden, ...
    Foto: José Hevia

    ... war so gut wie nichts verändert worden, ...

    Foto: José Hevia

    ... so dass ein authentisches Zeitzeugnis des spanischen Immobilienbooms bearbeitet werden konnte.
    Foto: José Hevia

    ... so dass ein authentisches Zeitzeugnis des spanischen Immobilienbooms bearbeitet werden konnte.

    Foto: José Hevia

    Eine Schwierigkeit der Realsierung war es, einen Betrieb zu finden, der die Abgüsse für den Polyurethan- Vorhang mit dem Strukturtapeten-Muster anfertigte.
    Außenansicht: Joana Colomar/Nilo Zimmerman

    Eine Schwierigkeit der Realsierung war es, einen Betrieb zu finden, der die Abgüsse für den Polyurethan- Vorhang mit dem Strukturtapeten-Muster anfertigte.

    Außenansicht: Joana Colomar/Nilo Zimmerman

    Einige betrachteten diesen als Kunstwerk, andere waren auf die Größe eines solchen Stücks nicht eingerichtet.
    Foto: José Hevia

    Einige betrachteten diesen als Kunstwerk, andere waren auf die Größe eines solchen Stücks nicht eingerichtet.

    Foto: José Hevia

    Lluís Alexandre Casanovas Blanco arbeitet in Barcelona und New York, wo er als PhD Candidate an der Princeton University forscht und lehrt. Er war Chief Curator der Oslo Architecture Triennale 2016 und Critical Studies Fellow 2017/18 des Whitney Independent Study Program.

    Lluís Alexandre Casanovas Blanco arbeitet in Barcelona und New York, wo er als PhD Candidate an der Princeton University forscht und lehrt. Er war Chief Curator der Oslo Architecture Triennale 2016 und Critical Studies Fellow 2017/18 des Whitney Independent Study Program.

Ist es möglich, den Wohnungsbau der spanischen Immobilienblase als historisches Dokument des rasanten Wirtschaftswachstums der 1990er und 2000er Jahre zu betrachten? Auf welche Weise kann es eine Aufgabe für Architekten sein, die gebauten Hinterlassenschaften dieser Ära zu erhalten und weiterzudenken? Das Projekt will die Architektur des Baubooms erforschen, ihre ästhetischen Vorschläge wie die ökonomischen und politischen Voraussetzungen, die materiellen Prozesse, die sie ermöglichte, die Lifestyle-Bilder, die sie transpor­­tiert, und die resultierenden gesellschaftlichen Lebens- und Umgangsformen.

Cardedeu, ein altes Dorf 45 Kilometer von Barcelona entfernt, erlebte während des Booms der 90er Jahre eine signifikante Suburbanisierung. Das Wohnhaus kann als paradigmatisch gelten für die Ästhetik der damaligen Phänomene – und zwar aus drei Gründen: Erstens enthüllt seine originale Substanz die Vorstellungen von Pracht und Wohlstand, die mit dem Design des Real-estate-Boom in Spanien einhergingen, zweitens ist der Ausblick über die Altstadt auf der einen und die Felder auf der anderen Seite beständig bedroht durch die fortschreitende Bautätigkeit, und drittens zeugt das Innere von der radikal unterschiedlichen Vorstellungs- und Gefühlswelt der Generation, die den Bauboom getragen hat.

Der Eingriff will diese drei Bedingungen durch eine einzige Maßnahme hervorheben: Die Treppe wurde archäologisch restauriert, indem historische Handwerkspraxis mit neuen Techniken gemixt wurde, die die originalen Materialien und Details betonen. Wie eine Ruine ist dieses Überbleibsel des Booms voll mit Pflanzen, die als Ersatz dienen für den gefährdeten Landschaftsbezug.
Lluís Alexandre Casanovas Blanco

Übersetzung aus dem Englischen: ub

Sie arbeiten von New York und Barcelona aus – warum die räumliche Aufteilung?

Das hat praktische Gründe. In New York promoviere ich an der Princeton University in Architekturgeschichte und -theorie, dort unterrichte ich auch. Die Jahre davor war ich als Helena Rubinstein Fellow im Independent Studies Program ans Whitney Museum of American Art gekommen. Aufgewachsen bin ich aber in Barcelona, woher auch meine meisten Aufträge kommen. Man kann es als eine räumliche Aufteilung in Theorie und Praxis sehen: Barcelona und im erweiterten Sinne Europa, wo ich als Architekt arbeite, und New York als der Ort, an dem ich das Bauen reflektiere. Ich versuche, meine Zeit gerecht auf beide Orte zu verteilen.

Wie unterscheiden sich die beiden Städte für die Arbeit eines jungen Architekten?
Barcelona und Europa generell bieten für das Bauen bessere Bedingungen. In den USA wird der Markt durch große Immobiliengesellschaften und Architektur-Firmen beherrscht, was es für kleine, experimenteller arbeitende Büros schwer macht, an Aufträge zu kommen. Außerdem, so scheint mir, ist ein europäischer Bauherr eher gewillt, in Experimente zu investieren, während der amerikanische Kunde viel konservativer ist. Andererseits hat New York dieses unglaubliche kulturelle Umfeld, das sich als äußert nützlich erweist, wenn man sich auch der Kritik aussetzen will, etwas, was ich in Barcelona vermisse.
Welche Vorteile ziehen Sie aus ihren spanischen Wurzeln in den USA, und welche Erfahrungen dort helfen Ihnen in Barcelona?
Durch die prominente Stellung des Entwerfens an der ETSA in Barcelona, an der ich meine Ausbildung begonnen hatte, wurde mir die Unmöglichkeit aufgezeigt, Form und Konstruktion von politischen und ethischen Haltungen zu trennen. Das war aber eher ein Postulat. Was für Folgerungen sich daraus ergeben können, wurde mir erst durch das Eintauchen in die akademische Welt Amerikas, durch den Zugriff auf die dort größeren Ressourcen deutlich. In diesem intellektuellen Umfeld konnte ich mein theoretisches Profil schärfen. Aber bin ich in den USA, so ertappe ich mich dabei, gerne mal für die praktische Seite der Architektur Partei zu ergreifen, während man mir in Europa manchmal eine eher theoretische Neigung zuschreibt – aber wie könnte man das losgelöst voneinander sehen?
Die Immobilienblase hat in Spanien ganze Geisterstädte hinterlassen. Gibt es eine öffentliche Debatte über den Umgang mit diesem Erbe?
Zu Anfang der Krise, als sie den Auftragsrückgang zu spüren bekamen, bezogen die Architekten kritische Positionen. Ein Nachdenken über die Rolle des Architekten in der Immobilienkrise begann, und es gab Ansätze zur Neubewertung seiner gesellschaftlichen Stellung. Als jedoch die wirtschaftliche Erholung einsetzte, wurden die kritischen Stimmen leiser, und man konzentrierte sich wieder auf das Bauen.
In Ihrem Entwurf lassen sich cineastische Elemente erkennen – schwebten Ihnen Filmsets wie „Grand Budapest Hotel“ oder Szenen aus „Casablanca“ vor?
Auch wenn mir diese Referenzen schmeicheln, so hatte ich sie bei der Arbeit am Entwurf nicht auf dem Schirm. Doch finde ich das Phänomen Film interessant, weil ein Filmset allein dazu da ist, die Basis für die Handlung abzugeben. Heute, wo alles in den sozialen Medien abgehandelt wird, hat sich die Idee der Wohnung als privates Refugium verflüchtigt. Auf diese Weise konnte Wes Anderson zu einer Referenz für eine ganze Generation werden, die sich Instagram als Kommunikationskanal gewählt hat. In dieser Hinsicht kann es sein, dass er auch mein Entwurfsdenken beeinflusst hat, da ich selbst Dauerkonsument der Bilder auf diesen Plattformen bin.
Hatten Sie denn bewusste Referenzen?
Was ich beim Entwerfen vor Augen hatte, war William Egglestons Fotoserie von Elvis Presleys Villa in Memphis aus dem Jahr 1983. Diese Aufnahmen machen in ihren übersättigen Farben die Künstlichkeit der Architektur deutlich. Ein Haus mitsamt seiner Gebrauchsspuren zu porträtieren, ist heute undenkbar. Bilder sind deshalb für mich von ambivalenter Natur: Je künstlicher sie sind, desto mehr verraten sie, welche Art Leben sich im Haus zugetragen hat. Das hatte starken Einfluss auf mich, als ich mir um das Haus der Immobilienblase Gedanken machte, um die Winzigkeit der Alltagsspuren, die hochstilisiert werden mussten, um diese ganz offensichtlich unwirkliche Lebendigkeit zu erzielen.
Aus dem Englischen von Michael Goj



Fakten
Architekten Casanovas Blanco, Lluís Alexandre, Barcelona/New York
Adresse Cardedeu


aus Bauwelt 1.2019
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