Grund- und Hauptschule in Steißlingen


Die Konstanzer Architekten Helmut Dury und Fredi D’Aloisio haben die von ihnen gebaute Grund- und Hauptschule in Steißlingen um eine Gemeinschaftsschule erweitert


Text: Marquart, Christian, Stuttgart


    Foto: Roland Halbe

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    Der Neubau ist in Holzständerbauweise ausgeführt und mit einer doppelten Glashaut versehen. Der
    50 Zentimeter breite Abstand zwischen den zwei Glasschichten dient als Klimapuffer und Fassadenschutz.
    Foto: Roland Halbe

    Der Neubau ist in Holzständerbauweise ausgeführt und mit einer doppelten Glashaut versehen. Der
    50 Zentimeter breite Abstand zwischen den zwei Glasschichten dient als Klimapuffer und Fassadenschutz.

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    Die Grundrissorganisation und die vollflächige Ver­glasung ermöglichen eine weite Aussicht aus allen Räumen, ob Klassenzimmer, Lehrerarbeitsraum oder Mensa
    Foto: Roland Halbe

    Die Grundrissorganisation und die vollflächige Ver­glasung ermöglichen eine weite Aussicht aus allen Räumen, ob Klassenzimmer, Lehrerarbeitsraum oder Mensa

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    Ein zweiter, kleinerer Schulhof entstand südlich des Neubaus zwischen Gemeinschaftsschule, Grund- und Hauptschule und der Kirche
    Foto: Roland Halbe

    Ein zweiter, kleinerer Schulhof entstand südlich des Neubaus zwischen Gemeinschaftsschule, Grund- und Hauptschule und der Kirche

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Die Gemeinde Steißlingen liegt beschaulich in einer südwestdeutschen Ebene, unweit des „Dreiländerecks“, zwischen den verwitterten Vulkanstümpfen des Hegaus und dem flachen Nordwestufer des Bodensees, ein paar Kilometer nur entfernt von der Stadt Singen; ein wirtschaftlich gesunder Ort mit jeder Menge Kies, was man im doppelten Wortsinn verstehen darf. Denn der Kies, auf dem die Steißlinger siedeln, ist nicht nur ein begehrter, sondern mittlerweile auch recht knapper und deswegen teurer Rohstoff der Bauwirtschaft geworden.
Vor einem Jahr hat Steißlingen mitten im Ort, gleich neben der Kirche, die erste Gemeinschaftsschule im Landkreis eröffnet, genauer gesagt: jenen neuen Schulbau, der die benachbarte, bereits im Jahr 2000 fertiggestellte Grund- und Hauptschule funktional wie auch ästhetisch ergänzt. Die Schule präsentiert sich nun städtebaulich als interessantes, sehr zeitgenössisch wirkendes Ensemble. In der architektonischen Haltung und im gekonnten Umgang mit dem Baustoff Holz ist sie gut vergleichbar mit der jungen Bautradition der sogenannten „Vorarlberger Schule“, deren architektonische Landmarken den Reisenden am Bodensee und im Voralpenraum schon diesseits der deutsch-österreichischen Grenze angenehm ins Auge fallen.
Sowohl den Schulbau des Jahres 2000 als auch die Erweiterung von 2014 haben Helmut Dury und Fredi DʼAloisio entworfen und auf dem Steißlinger Kiesgrund errichtet. Die beiden Architekten schlossen sich vor Jahren in Konstanz zu einer Bürogemeinschaft zusammen: Experten des öffentlichen Bauens, die in der Region wie auch in Steißlingen selbst schon etliche Projekte wie Rathäuser, Schulen, Kindergärten usw. realisieren konnten. Das Büro akquiriert die meisten seiner Aufträge über Wettbewerbe. Auch der Auftrag für den Neubau in Steißlingen resultiert aus dem schon vor gut anderthalb Jahrzehnten gewonnenen Wettbewerb für die Grund- und Hauptschule; dieses Projekt gilt mit einer Nutzfläche von rund 2700 Quadratmetern im Sinne der Richtlinien „nur“ als Erweiterungsbau.
Genau so stellt sich der vollverglaste, zweistöckige Neubau auch dar, jedenfalls auf den ersten Blick. Bei näherem Hinsehen fallen dann ein paar Differenzen in der Fassadengestaltung ins Auge. Diese sind allerdings nicht einem krampfhaften Bemühen der Architekten geschuldet, den Neubau partout anders, aber doch in einer ähnlichen Formensprache wie das Projekt aus dem Jahr 2000 zu gestalten. Ästhetisch wäre keinerlei Schaden entstanden und auch keine Langeweile aufgekommen, hätte man den Erweiterungsbau einfach in identischer Gestalt hochgezogen, denn die nun plausibel vervollständigte städtbauliche Anlage der Schule verleiht dem angenehm dimensionierten Schulhof nicht nur eine bessere Fassung, sondern erzeugt gleichzeitig ein kraftvolles Gesamtbild.

Neue Vorschriften

Allein, es sind wieder einmal veränderte Vorschriften, welche die Rahmenbedingungen des architektonischen Gestaltens auch bei kleineren Projekten mehr oder minder stark beeinflussen. Da geht es dann etwa um verbesserten Brandschutz, um noch besser ausgelegte Fluchtwege oder um „nachhaltigere“ Klimatechnik – und schon gilt eine delikate, vielleicht sogar perfekte und folglich zeitlos anmutende Architektur als veraltet, als minder tauglich: weil sie plötzlich den von Zeit zu Zeit überarbeiteten Lastenheften, Standards und Leistungsprofilen nicht mehr standhält, deren jeweils neue Zielgrößen notorisch streng definiert sind.
 Durys und DʼAloisios ebenfalls zweigeschossiger Schulbau aus dem Jahr 2000 besitzt eine schöne, klassisch vertikal gegliederte Fassade. Eine gläserne Außenhaut, die vor allem als Klimapuffer dient, schützt die hölzernen Paneele der geschlossenen Fassadenelemente vor Verwitterung. Diesem Konzept folgt auch der Neubau, der ebenfalls in Holzständerbauweise ausgeführt wurde. Hier musste die Stärke der äußeren Verglasung aus Klimaschutzgründen allerdings verdoppelt werden. Die Metallprofile der die äußere Fassade tragenden Konstruktion sind deswegen deutlich stärker ausgelegt. Deswegen ist das Lineament der Flächengliederung nun nicht mehr von parataktisch rhythmisierten Senkrechten, sondern von wenigen Waagrechten bestimmt. Das ist kein Drama; aber das enge Nebeneinander von Vorgänger- und Erweiterungsbau lädt ständig zu Vergleichen ein, und dieser Vergleich fällt auf den ersten Blick eher zugunsten des älteren, filigraner und zugleich minimalistischer wirkenden Schultrakts aus.
Es ist vor allem die üppige stählerne „Bauchbinde“ zwischen Erd- und Obergeschoss, die dem Neubau einiges an Eleganz raubt, weil diese die im Vergleich mit dem Vorgängerbau nun doppelt so schwere, großformatige Scheiben aus Verbundsicherheitsglas zu tragen hat. Das sichtbare Tragwerk des Erweiterungsbaus wirkt in den Horizontalen unfreiwillig überinstrumentiert. Dessen Plausibilität wird durch die Optik des Vorgängerbaus vor allem in der Wahrnehmung technisch nicht vorbelasteter Betrachter irgendwie infrage gestellt. Dieser Eindruck wird sich möglicherweise in Wohlgefallen auflösen, wenn in zwei, drei Jahren fleißiges Klettergrün an den Ständern der hofseitig vor die Fassade gesetzten Pergola hochrankt.
Das Regime der Brandlastenminderung spiegelt sich auch in der Raumorganisation und Ausstattung des Schulneubaus im Erdgeschoss wider. Seit einiger Zeit sehen Behörden die üblicherweise zwanglos installierten Garderoben in Klassenzimmern und Schulfluren nicht mehr gern. Ohnehin verbinden diese Raumtypen sich gemäß aktueller pädagogischer Konzepte neuerdings zu „Lernlandschaften“, die gekennzeichnet sind durch flexible Nutzungen und eine entsprechend hohen Fluktuation der Schüler zwischen den unterschiedlichen Raumbereichen. Und so findet man in der Steißlinger Schule gleich hinter den zwei Eingängen Foyers, welche mit üppig ausgelegten Schließanlagen für alle Schüler möbliert sind.
Klimatechnisch und im Ressourcenverbrauch ist das aus dem Holz der Weißtanne gefertigte, hochwärmegedämmte Gebäude mit seinen verleimten Holzmassivdecken und den vorgefertigten Wandelementen aus Brettsperrholz auf dem neuesten Stand. Die Be- und Entlüftung des Hauses erfolgt mit Hilfe eines effizienten Systems der Wärmerückgewinnung; Regenwasser wird in Zisternen gesammelt und zur Toilettenspülung eingesetzt.
Eine  präzise Planung un die energische Kontrolle der Kosten sowie eine durch die elementierte Holzbauweise verkürzte Bauzeit machten es möglich, die geschätzten Baukosten von circa sieben Millionen Euro für den knapp 60 Meter langen Gebäuderiegel mit Klassenzimmern und Lehrerarbeitsräumen, einer Mensa, einer Mediathek und einer in das Kiesbett des Untergrunds gebetteten Tiefgarage ohne faule Kompromisse oder Qualitätseinbußen um eine halbe Million Euro zu unterschreiten: Prozentuale Einsparungen in diesem Umfang kann man heute als geradezu sensationell bezeichnen.



Fakten
Architekten Dury, Helmut, Konstanz; D’Aloisio, Fredi, Konstanz
Adresse Gartenstraße 4, 78256 Steißlingen


aus Bauwelt 47.2015
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