Entwicklungszentrum



Text: Ballhausen, Nils, Berlin


    Jan Bitter

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Das Unternehmen Sedus Stoll AG führt sein Bauprogramm am Standort Dogern fort. Alle an Forschung und Entwicklung beteiligten Mitarbeiter sind nun unter einem Dach zusammengeführt. Ludloff + Ludloff Architekten aus Berlin überzeugen durch ein erfinderisches und anregendes Gebäude.
Im Jahr 1969 begann die Drehstuhlfabrik Christof Stoll KG damit, ihren Sitz von Waldshut in die sechs Kilometer westlich gelegene Ortschaft Dogern zu verlagern. Zunächst waren es Fabrikationshallen, Ende der 1990er Jahre zog auch die Verwaltung des inzwischen in eine Aktiengesellschaft verwandelten Unternehmens Sedus Stoll AG an diesen Standort. Am Ortsausgang gelegen, schweift der Blick von hier über den Rhein hinweg in Richtung Schweiz. Mit den Jahren spielte die Architektur eine immer wichtigere Rolle für die Außendarstellung, sicher auch angeregt durch die Aktivitäten des „Wettbewerbers“ weiter flussabwärts, in Weil am Rhein. 2004 wurde das farbenflirrende Hochregallager von Sauerbruch Hutton Architekten überregional bekannt. Mit ihm zusammen hätte damals auch das Forschungs- und Entwicklungszentrum der Sedus Stoll AG entstehen sollen (Bauwelt 21.2004), doch ließ zunächst eine Konjunkturdelle das Projekt stocken; wenig später waren die Baupreise so angestiegen, dass das Geplante nicht mehr im Kostenrahmen von fünf Millionen Euro gelegen hätte. Vor drei Jahren schließlich holte der Bauherr die Vorplanung von 2001 wieder aus der Schublade und beauftragte Jens Ludloff mit der Realisierung. Als ehemaliger Partner bei Sauerbruch Hutton nahm er das Projekt als Startkapital mit in die Selbständigkeit, im Einvernehmen mit seinem alten Büro. 
Einfacher, klarer, günstiger
Das ursprüngliche Gebäudekonzept blieb im Wesentlichen bestehen: im Erdgeschoss die Werkstätten und Labore für den Prototypenbau, im Obergeschoss die Büros der Abteilungen Entwicklung und strategischer Einkauf. Am Raumprogramm war nichts einzusparen, ebenso wenig sollte der architektonische Anspruch gesenkt werden. Bei der Umplanung ging es darum, die Konstruktion zu vereinfachen. Das betraf zunächst einmal die Dachgeometrie, die 2001 noch als kleinteilige Dachlandschaft gedacht war, um dem Gebäude die Rolle eines Bindeglieds zwischen den dörflichen Wohnbauten und dem Hochregallager zuzuweisen. Der Kontrast zwischen flächiger Abstraktheit hier und konkreter Alltäglichkeit dort führte zu dieser Melange aus Industriebau und Satteldach. Dank der  Reduktion auf eine einzige, nun diagonal verlaufende Firstlinie entstehen geneigte Dachkanten, wodurch der Baukörper je nach Blickrichtung wie in einem Vexierbild eigenartig verzerrt wirkt; perspektivische Regeln und optische Wahrnehmung scheinen nicht übereinzustimmen. Von fern betrachtet wirken Dach- und Wandflächen wie aus demselben Material, was ebenfalls Teil der Verschleierung ist – durchaus im Sinne der Entwickler gedacht, die sich zwar zeigen, ihre Arbeit in diesem Stadium aber nicht präsentieren wollen. Jens Ludloff nennt es „Verhüllung ohne Geheimnis“. Die Fassade besteht aus weißem Silikon-Glasfasergewebe, das auf Stahlrahmen gespannt ist. Diese hängen in zwei Ebenen vor der Wärmedämmung, die ihrerseits nur mit einer Unterspannbahn gegen Schlagregen geschützt ist. Bei diffusem Tageslicht schimmert diese graugrüne Membran durch das Gewebe hindurch. Es entsteht der Eindruck, das Gebäude sei mit einander überlappenden Bandagen umwickelt worden; dies allerdings nur dann, wenn der Sonnenschutz allseitig heruntergefahren ist.
Das homogene Äußere überspielt die differenzierte innere Struktur. Auf dem schweren Sockel aus Stahlbeton, dem Werkstatt-Erdgeschoss, ruht eine leichtere „Haube“. Sie ist in Holzbauweise konstruiert, was nicht nur preisgünstig war, sondern auch ein umlaufendes Fensterband möglich machte. Von außen ist diese Horizontale nur im Dämmerlicht und bei eingeschalteter Innenbeleuchtung zu erleben. Das Dach ruht mittig auf einem betonierten Kern, der als „Haus im Haus“ das äußere Bild noch einmal zitiert. Im Zentrum dieses Kerns verbirgt sich der „Projektraum“, ein meist offen stehender, fast zeltartig wirkender Konferenzbereich von durchscheinender Eleganz, der inzwischen auch für repräsentative Zwecke des Unternehmens beansprucht wird.
Halle ohne Hall
Auch der Kern hat seine eigene Fassade, sie besteht aus einer zweifarbigen Textilbespannung, deren Zweck nicht allein die Schallabsorbtion ist, sondern die auch als „psychologisches Element“ dient, wie es Jens Ludloff ausdrückt. Angesichts der hallenartigen Dimension des Großraumbüros – die Deckenhöhe variiert zwischen vier und sieben Metern – hätte der gedämpfte Raumklang ohne ein allseits sicht- und fühlbares weiches Material „unglaubwürdig“ gewirkt, weil das Auge einen Nachhall erwarten lässt, den das Ohr nicht wahrnimmt. Die hochwertige textile Oberfläche bietet eine Erklärung für diese Sinnestäuschung. Ein weiteres Beispiel für eine „semantische“ Materialwahl ist der in Büros ungewohnte Kautschuk-Belag. Er vermittelt eine robuste Atelieratmosphäre und steht in der Material-Hierarchie nicht zu weit über dem Estrich der Werkstätten. Die funktionale Verbundenheit beider Ebenen, auf denen sich Designer, Schlosser, Entwickler und Modellbauer begegnen, sollte damit unterstrichen werden.   
Unter einem Dach
Das „Unter-einem-Dach-arbeiten“ wird durch die mehrfach geknickte Fläche gekennzeichnet, die sich oberhalb des Fensterbandes entfaltet. Ihr hellblauer Anstrich und das umlaufen­de Lichtband verhindern einen zu starken Gegenlichtkontrast bei der Arbeit, Assoziationen mit dem Himmelszelt sind erlaubt. Ein im Kern verstecktes, aber trotzdem hervorragend gestaltetes Wendeltreppenhaus führt noch weiter hinauf in den so genannten „Denkraum“. Aus diesem eigentlichen Restraum vor dem Dachaustritt machten die Architekten ein begehbares Oberstübchen, in das sich die Designer für schöpferische Besprechungen zurückziehen können. An diesem Punkt lassen sich die Haltung und der Anspruch der Architekten vielleicht am besten nachvollziehen: Kein Weg blieb unbe­achtet, kein Eckchen wurde vernachlässigt, das Gebäude ist im besten Sinne von unten bis oben gestalterisch durchdrungen, ohne dass dabei auf flüchtige Effekte gezielt worden wäre. Manche konstruktive Sonderlösung bleibt sogar unbemerkt. Die Veredelung des Gewöhnlichen durch neuartige Anwendung, so könnte man den Ansatz von Ludloff + Ludloff vielleicht umschreiben. Entwickler und Prototypenbauer mögen so etwas gern.
Lesen Sie dazu auch im Baunetz:
BauNetzWOCHE "Räume für die Produktion"



Fakten
Architekten Ludloff + Ludloff Architekten, Berlin
Adresse Gewerbestr. 5, 79804 Dogern


aus Bauwelt 46.2010
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