Die Tübinger Südstadt



Text: Schultz, Brigitte, Berlin


    Foto: Dany Wörn

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Vor zehn Jahren erhielten die Gebiete der Tübinger Südstadt fast alle wichtigen Städtebau-Preise. Noch heute gilt die hier verwirklichte Nutzungsmischung, die hohe Dichte und das Bauen mit Baugruppen statt Bauträgern als Konzept der Zukunft. Ein Ortsbesuch
Geboren im lauten Frankfurt am Main, hat es mich früh ins ruhige Schwabenland verschlagen. Und wie jede ordentlich rebellierende Heranwachsende wollte ich nach dem Abitur vor allem eins: möglichst weit weg. Nach einigen Stationen hieß die neue Heimat Berlin, wo die Schwaben damals noch nicht als Gentrifizierer verschrien waren und ich mich, des Hochdeutschen mächtig, unauffällig in die Großstadt integrierte. Aus allen Wolken fiel ich, als uns an der TU der Zielort unserer ersten städtebaulichen Exkursion verkündet wurde: die Tübinger Südstadt. Was sollte man sich dort, in der alten Heimat, bitteschön Städtisches anschauen? Wir stapften mit der neuen Berliner Arroganz im Gepäck durch ein menschenleeres Viertel auf ehemaligem Kasernengelände, amüsierten uns frisch fachmännisch über die grellbunten architektonischen Entgleisungen der sogenannten Baugemeinschaften, lauschten vor leeren Erdgeschossen Erzählungen über gut besuchte Läden, die in der Vorstellung der Planer dort einziehen sollten, und dachten uns: „Das wird nie was.“ Von Zeit als wichtigstem Prüfstein der Stadtplanung hatten wir noch nichts gehört. Zehn Jahre später, zweiter Besuch. Die mischgenutzten Gebiete in Tübingens Süden werden auf Tagungen und in Fachbüchern immer noch als die europäische Stadt der Zukunft gehandelt, inzwischen gelten Baugemeinschaften sogar für die vielen Baulücken Berlins als hip, die Tübinger „Stadt der kurzen Wege“ als Allheilmittel auch für die Stadt in Zeiten des Klimawandels. Wird sie mittlerweile diesem Ruf gerecht? Ich treffe mich mit dem ehemaligen Baubürgermeister Andreas Feldtkeller und dem amtierenden Baubürgermeister Cord Soehlke zum Spaziergang durchs Gebiet. Tatsächlich fällt nun sofort dessen städtischer Charakter ins Auge. Zwar finden sich kaum Autos auf der Straße (die stehen in Parkhäusern am Rand der Viertel), dafür umso mehr Bewohner, um uns herum wird eingekauft, getratscht und gearbeitet.  Die Architektur ist im Einzelnen immer noch gewöhnungsbedürftig, wird aber durch den strengen städtebaulichen Rahmen aufgefangen. Weder hat sich hier der soziale Brennpunkt entwickelt,  was viele damals aufgrund der hohen Dichte befürchteten, noch die „grüne Hölle“, von der der Spiegel in diesem Jahr schrieb. De facto funktioniert das Viertel nicht besser und nicht schlechter als ein Berliner Altbauquartier – und von welchem Neubauquartier kann man das schon behaupten? „Leider ist es immer noch ein Vorzeigeprojekt“, ärgert sich Andreas Feldtkeller. „Solange wir noch den Exotenstatus haben, läuft etwas falsch.“ In der Tat sind inzwischen nicht nur Ber­liner Studentengruppen, sondern auch die Planer so ziemlich aller deutschen Städte in Tübingen gewesen. Wieder zu Hause, schreiben sie die wohlklingenden Grundzutaten, mit denen hier aus dem ehemaligen „Jenseits“ (so der Volksmund für die Südstadt) ein echtes Stück Stadt gebacken wurde, in ihre städtebaulichen Konzepte. Dabei bleibt es aber auch. Das hat ausnahmsweise keine finanziellen Gründe, denn das Konzept rechnet sich auch für die Stadt, wie beide Baubürgermeister versichern. Es mag daran liegen, dass diese Art des Städtebaus eines erhöhten Maßes an Betreuung und Steuerung von Seiten der Stadt bedarf, oder dass sie den großen Bauträgern das Zepter aus der Hand nimmt – jedenfalls wurde am Ende noch in keiner anderen deutschen Stadt mit derselben Konsequenz die „Stadt der kurzen Wege“ umgesetzt. Auch in Tübingen scheint der kompromisslose Pioniergeist der ersten Jahre Pragmatismus gewichen zu sein. Zwar bleibt die Stadt den Baugruppen treu, nach denen enorme Nachfrage herrscht, und setzt weiterhin ausschließlich auf die Innenentwicklung, für die in der Südstadt weitere Konversionsflächen zur Verfügung stehen. Im neuesten Quartier, dem gerade fertiggestellten Mühlenviertel, verzichtet sie jedoch auf die eigentlich revolutionären Teile des Konzepts: die Trennung von Wohnung und Stellplatz und die Gewerbeverpflichtung im Erdgeschoss. Letztere besteht nur noch entlang des zentralen Platzes und an den Quartierseingängen, das Gewerbe ist in einem kleinen Gebiet im Süden des Viertels gebündelt. Statt des Ladens im Erdgeschoss finanziert jede Baugruppe jetzt eine Tiefgarage. Der Verzicht auf erzieherische Maßnahmen kommt gut an. Cord Soehlke erzählt, dass im neuen Viertel auch Bewohner gebaut haben, für die die Finanzierung und Organisation des Gewerberaums eine zu große Belastung gewesen wäre. Stolz verweist er auf russische und türkische Baugruppen und traumhaft gestaltete Wohnhöfe ohne störende Erdgeschossnutzungen. Auch wenn man ihm im Einzelfall nur zustimmen kann, bleiben Zweifel. Mit dem gleichen Argwohn, der einst die leeren Schaufenster traf, beäuge ich nun die neue Wohnidylle. Wie weit muss man, wie weit darf man auf die Wünsche der Mehrheit eingehen? Bin ich Zeuge eines gesunden Anpassungsprozesses, oder der Verwässerung eines eigentlich zukunftsfähigen Konzepts? Wir sehen uns in zehn Jahren wieder.




Adresse Tübingen


aus Bauwelt 1-2.2012
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