Bundesverfassungsgericht


Temporäres Hintergrundbild


Text: Baus, Ursula, Stuttgart


    Foto: Roland Halbe

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Das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe benötigt ein Interimsquartier. Eine Bundeswehrkaserne aus den 50er Jahren bietet Platz. Lederer Ragnarsdóttir Oei haben für das Selbstverständnis des höchsten deutschen Gerichts und seine Darstellung nach außen eine Lösung gefunden, die beidem gerecht wird.
Man kann es sich heute kaum noch vorstellen: In den innenpolitisch bereits unruhigen Jahren 1965–69 realisierte Paul Baumgarten (1900–1984) für die vielleicht wichtigste Institution unserer Demokratie, das Bundesverfassungsgericht, ein durch und durch transparentes Ensemble aus verglasten Baukörpern. Erst als Teile der APO in den Terror abdrifteten, sah man sich beim BVG genötigt, Vorhänge als Sichtschutz aufzuhängen und das Gelände streng bewachen zu lassen. Die Vorhänge verschwanden wieder, als sich die Lage normalisiert hatte. Ein reines „Glashaus“ ist das Bundesverfassungsgericht ohnehin nicht, es besticht vielmehr als Stahlskelettkonstruktion mit einer gelungenen, eleganten Komposition aus raumhohen Glasfassaden und kräftigen Natursteinbändern auf Höhe der Geschossdecken.
Der Stammsitz des BVG, der am Standort des ehemaligen Hoftheaters liegt, wurde über all die Jahre gehegt und gepflegt, ohne verändernd in die Bausubstanz einzugreifen. Dem BVG eignet ein idealer und zugleich alltagstauglicher Ausdruck, mit dem sich die Richter in stetiger, unerschütterlicher Weise identifizieren: Der Rechtswissenschaftler Brun-Otto Bryde, der von 2001–11 als Verfassungsrichter im Ersten Senat am Karlsruher Schlossplatz arbeitete, schrieb mir: „Als Nutzer des Baumgarten-Gebäudes fühle ich mich wohl, auch wenn die klima­tischen Bedingungen wirklich nicht dem Stand der Technik entsprechen. Sie dürfen aber sicher sein, dass nicht nur der Denkmalschutz, sondern auch das Gericht selbst Änderungen nur unter Achtung der Substanz des bedeutenden Gerichtsbaus zulassen wird. Insbesondere ausländischen Besuchern erläutere ich immer wieder gerne den bewussten Kontrast zu den gewohnten Gerichtspalästen.“ Genau das ist es: Baumgarten entwarf keinen Palast, sondern ein in jeder Hinsicht angenehmes, offenes Haus.
Nach der Wiedervereinigung, als wesentlich mehr Verfassungsbeschwerden eingingen, kam eine dezente, wenn auch umstrittene Erweiterung zwischen Schlossplatz und Botanischem Garten hinzu, ausgeführt von dem Berliner Architekten Michael Schrölkamp (Bauwelt 14.2008). Heute entsprechen Einfachverglasung und Gebäudetechnik des Baumgarten-Baus beim besten Willen nicht mehr den Ansprüchen, die das BVG mit Recht stellen darf. Nach fast fünfzig Jahren wird der Stammsitz der Verfassungshüter bis August 2014 für 44 Millionen Euro saniert. Selbstverständlich redet die Denkmalpflege hier mit, doch bei der Lektüre des Informationsblattes vom Staatlichen Hochbauamt Baden-Baden drängt sich ein merkwürdiger Eindruck auf: Ausgerechnet dieses Gebäude soll zu einer Art Vorzeigeprojekt in Sachen Energieeffizienz werden. Photovoltaik, Gebäudeautomatik, LED-Beleuchtung, energetisches Monitoring und Ähnliches zeugen von Ansprüchen, die in Neubauten und Sanierungen, bei denen das Erscheinungsbild keine herausragende Bedeutung spielt, gerechtfertigt sein mögen – aber bei der Sanierung eines derart symbolträchtigen Ensembles? Auf dem Informationsblatt klebt ein Fresnel-Bild. Von Postkartenmotiven, die mit dieser Technik gern wiedergegeben werden, kennt man das Ineinanderblenden von Original und Fälschung, Bauwerk und Ruine – hier signalisieren ein Foto des Bestands und ein Bild des eingerüsteten Bauwerks die Botschaft, dass nach der Sanierung alles so aussehen werde wie vorher.
Das Ausweichquartier
Während der Sanierung des Baumgarten-Ensembles werden die sechzehn Verfassungsrichter mit ihren etwa 60 Mitarbeitern in ein Interimsquartier ausweichen: in die nordöstlich gelegene, ehemalige General-Kammhuber-Kaserne. Eine solche Kaserne – mit einem Starfighter als Dekor im Hof – ist gewiss kein idealer Ort für eine Weiternutzung durch die Verfassungshüter. Doch handelt es sich lediglich um ein Ausweichquartier für die Zeit von drei Jahren, und auch deshalb spielte sich der Umbau der Kaserne aus den 1950er Jahren in einer funktional seltenen Mischung aus Pragmatismus und Repräsentation ab. Latent sind diese beiden Bauaufgaben in der Planungszuständigkeit getrennt worden: Um die Arbeitsräume der Mitarbeiter kümmerte sich das Staatliche Hochbauamt Baden-Baden mit üblichem Bürostandard, um die repräsentativen, in den Medien als Bilder gegenwärtigen halböffentlichen Bereiche die Architekten Lederer Ragnarsdóttir Oei, die ein exzellentes Gespür für das Selbstverständnis des BVG bewiesen.
Die mediale Präsenz
Jahrelang kamen bei der ARD die Nachrichten darüber, was „Karlsruhe“ entschieden hatte, vom Rechtsexperten Karl-Dieter Möller. Die Orte, an denen der Berichterstatter seine oft mit Spannung erwarteten Sendeminuten vorbereitete, sind stets dieselben, und die Richter als wichtigste Akteure sind obendrein geschlechtsunabhängig gleich gewandet – Beständigkeit charakterisiert das Wesen unserer Rechtsprechung. Karl-Dieter Möller, inzwischen von Frank Bräutigam abgelöst, sagte in einem Interview bei seiner Verabschiedung: „Die Zuschauer verlangen, dass ich am Ende eines solchen Berichtes auch noch eine Einschätzung gebe: Was bedeutet das Urteil für sie? Das ist entstanden aus der Bilderarmut und hat inzwischen aber eine Art, ja, Kultcharakter.“ Das mediale Erscheinungsbild der Institution ist also nicht zu unterschätzen, auch nicht während einer Interimszeit.
Lederer Ragnarsdóttir Oei setzten in den wenigen repräsentativen Bereichen, für die sie zuständig waren, Akzente, die den unspektakulären Bestand der Kaserne nicht banalisieren, sondern geschickt aufwerten. Aufdringliche Kontraste sind ohnehin nicht Sache des Büros. Hat man die Hauptpforte an der Rintheimer Querallee passiert, gibt sich der eigentliche Eingang zum Gebäude trotzdem deutlich zu erkennen: ein flacher, schneeweißer Eingangstrichter, den die Architekten vor den Glasgang gesetzt haben, der die Trakte miteinander verbindet und Richtern und Besuchern getrennte Eingänge bietet. Man geht nicht axial auf dieses weitgehend symmetrische Entree zu, sondern entlang des Verwaltungstraktes mit Durchblick zum Park. Die transparente Verbindung der Baukörper kann hier nicht den gleichen Reiz wie am Stammsitz entfalten, aber sie ruft ihn immerhin angenehm in Erinnerung. Hinter dem Eingang überraschen ein hellgrüner Teppichboden und ein Glasbild, das zu Kasernenzeiten die Fassade zierte und nun als leuchtendes Bild vor dunklem Hintergrund hängt.
Rechter Hand führt der Weg vorbei an Wartezonen und einem kleinen Atrium – an diesem Ort außerhalb des Protokolls über Recht und Unrecht zu streiten, muss eine reine Freude sein – zum Plenarsaal, dem einstigen Lehrsaal. Die ursprünglich geschlossenen Seitenwände sind zu Stützenreihen aufgelöst, hinter denen schmale, vorgefertigte Vorbauten mit verglaster Holzfassade nach außen rücken. Mit diesem einfachen Eingriff gelingt es mühelos, den grünen Außenraum und viel Tageslicht in den Plenarsaal einzubeziehen. Eingerichtet und ausgekleidet ist der Saal mit hellem Sperrholz (Birkenfurnier). All dies fügt sich mit der weißen Wellenlandschaftsdecke zu einer nobel-eleganten Atmosphäre, wie sie auch am Baumgarten-Bau so geschätzt wird.
An der rechten Stirnseite springt der obligatorische Bundesadler ins Auge: Das hölzerne Modell aus dem Stammhaus zog nicht mit um, stattdessen schimmert hier ein LED-Lichtbild, unwesentlich abstrahiert und nicht so grimmig und aggressiv wie der Adler, den sich die Stiftung Preussischer Kulturbesitz neuerdings fürs Erscheinungsbild zeichnen ließ. Die Presse kann das Geschehen von einer Empore aus beobachten, die über ein angebautes, rucksackähnliches Treppenhaus erschlossen ist.
Die Architekten hatten schließlich noch den Beratungssaal neu zu gestalten, der sich an der Fassade des zum Eingang leitenden Trakts als hervortretender Quader mit hohen Fenstern zu erkennen gibt. Auch hier ist der hellgrüne Teppichboden mit Birkenholzwandbekleidung kombiniert – was im Plenarsaal nobel wirkt, erzeugt hier eine introvertiertere, gediegene Atmosphäre.
Auf den Spuren Baumgartens
Den Architekten ist es mit den gezielten Eingriffen gelungen, auf den Spuren Baumgartens zu bleiben und für die Interimsheimat des Bundesverfassungsgerichts keine provisorische, experimentelle Bühne zu zimmern. Was sich am Schlossplatz bewährt hat, scheinen sie als Vorbild zu schätzen. Nichts wirkt protzig, aber auch nichts spartanisch. Anfang September werden die Fernsehbildschirme vermutlich zum ersten Mal die neuen Räume des höchsten deutschen Gerichts zeigen – für den Zuschauer ein seltener Moment der Neubebilderung eines Verfassungsgerichtsurteils. Wenn diese neuen Bilder die Aufmerksamkeit des Zuschauers nicht vom Inhalt des Urteilsspruchs und seiner Kommentierung ablenken, ist die architektonische Mission von Lederer Ragnarsdóttir Oei geglückt.



Fakten
Architekten Baumgarten, Paul (1900–1984); Lederer Ragnarsdóttir Oei, Stuttgart/Aschersleben
Adresse Schloßbezirk 3, 76131 Karlsruhe


aus Bauwelt 32.2011
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