Lernen im Grünen

Bildungslandschaft in der Kölner Altstadt-Nord

Text: Winterhager, Uta, Bonn

1.Preis: gernot schulz : architektur

1.Preis: gernot schulz : architektur


1.Preis: gernot schulz : architektur

1.Preis: gernot schulz : architektur


Lernen im Grünen

Bildungslandschaft in der Kölner Altstadt-Nord

Text: Winterhager, Uta, Bonn

Die Initiatoren wollen „Türen öffnen für bewegendes Lernen“, doch die Anwohner fordern: „Hände weg vom Klingelpützpark!“. Dass sich für ungewöhnliche pädagogische Konzepte und kostbares Innenstadtgrün in einem langen Beteiligungsprozess eine gemeinsame Form finden lässt, zeigt ein Wettbewerb in Köln.
Der Klingelpützpark, zentral in der Kölner Innenstadt zwischen Hauptbahnhof und Mediapark gelegen, soll zu einer Bildungslandschaft werden. Vier bestehende Schulen, zwei Jugendeinrichtungen und eine noch zu realisierende Kindertageseinrichtung haben sich dafür zu einem Verbund zusammengeschlossen – unterstützt von der Stadt Köln und der Montag Stiftung Urbane Räume. Allerdings geht es den Beteiligten nicht nur um die Sanierung und Verknüpfung alter und der Errichtung neuer Gebäude. Die Bildungslandschaft Altstadt-Nord (BAN) soll als Modellprojekt mit einem komplexen Ansatz dazu beitragen, das Angebot zeitgemäßer Bildung für Kinder und Jugendliche in Köln zu erweitern und ihnen eine lückenlose Bildungskette an einem Ort anzubieten. Schon im Titel „Bildungslandschaft“ klingt an, dass Architektur und Städtebau neben den gestalterischen auch inhaltliche Anforderungen erfüllen müssen. So wird vom Raum gerne als dem dritten Pädagogen gesprochen – nach den Lehrkräften und den Mitschülern. Dieser Anspruch gilt für das gesamte Planungsgebiet, insbesondere aber für die Erweiterung der Célestin-Freinet-Grundschule und den Neubau der Realschule am Rhein. Beide Schulen wünschen, dass sich ihre alternativen pädagogischen Konzepte in der Architektur widerspiegeln und durch diese unterstützt werden. Gleichzeitig erhofft sich die Stadt Impulse für die Entwicklung des Viertels rund um den Klingelpützpark, der als Stadtteilpark erhalten bleiben soll. Mit der Bildungslandschaft soll das Quartier gerade für Familien wieder attraktiv werden. Der Bevölkerungsrückgang betrug in den letzten Jahren immerhin 10 Prozent, bei Kindern sogar 30 Prozent. Der Anteil der Ein-Personen-Haushalte der Altstadt Nord liegt bei 72, der der unter 15-jährigen dagegen bei nur 6 Prozent. Um diesen Trend zu stoppen, muss einiges in Bewegung gesetzt werden.
Park belassen, Bebauung verhindern
Doch die Planung der Bildungslandschaft, die 2006 mit einem Ratsbeschluss für den Aufbau eines Bildungsverbundes begann, verlief zäh. Mit Arbeitsgruppen und Werkstätten, Ideenkonferenzen, Open-Space-Veranstaltungen und der Gründung eines Planungsbeirats wurden alle Mittel der partizipativen Stadtplanung ausgeschöpft. Dennoch lehnte eine Bürgerinitiative die städtebauliche Rahmenplanung der Wiener Büros feld72 und PlanSinn zunächst ab – sie protestierte gegen eine Randbebauung des Parks und für den Erhalt der Grünfläche. Nach einigen Modifikationen konnte die Planung, die 2008 aus einem zweistufigen Workshop hervorgegangen war, doch noch zur Grundlage für das Bebauungsplanverfahren werden. Mit dem in diesem Sommer entschiedenen Realisierungswettbewerb für die Hochbauten und die Freianlagen haben die pädagogischen Konzepte und stadträumlichen Visionen nun konkrete Gestalt angenommen.
Die von der Jury unter Vorsitz von Jórunn Ragnarsdóttir mit dem 1. Preis ausgezeichnete und zur weiteren Bearbeitung empfohlene Arbeit von Gernot Schulz und Topotek 1 hat sich vergleichsweise stark von den formalen Vorgaben des städtebaulichen Rahmenplans gelöst. Rund um das denkmalgeschützte Gebäude der Grundschule im Südwesten des Planungsgebiets entwarfen sie eine offene Baustruktur aus unregelmäßigen Fünfecken. Damit erscheint das Kerngebiet der BAN als Angerdorf, dessen zentraler Platz das Studienhaus bildet. Um die drei- bis viergeschossigen Gebäude herum entsteht ein Netz aus Gassen, Plätzen und Höfen, die die Neubauten untereinander und mit dem Park verbinden. So wird ein ausgewogenes Verhältnis von Intimität und gleichzeitiger Öffnung erreicht und eine eigenständige Lernlandschaft entwickelt, die sich in ihr Umfeld fügt und den vom Auslober gewünschten pädagogischen Zielsetzungen gerecht wird.
Lebensraum statt Lernanstalten
Die Öffnung zur am Süden des Parks gelegenen Kyotostraße integriert das Abendgymnasium, dessen Schüler ebenfalls Bibliothek und Seminarräume des Studienhaus benutzen sollen, in die Gestaltung. Ergänzt wird das Kerngebiet von einem neuen Mensa- und Werkstattgebäude an der nordöstlichen Ecke der Bildungslandschaft. Die Mensa, die für alle 2000 hier unterrichteten Kinder und Jugendlichen konzipiert wurde, ergänzt als schmaler Quader den kleinteiligen Bestand, der damit eine saubere Kante erhält. Ein vorgefundener Senkgarten wurde in die Freiraumgestaltung eingebunden. Sie bietet den Schülern einen grünen aber dennoch geschützten Vorbereich.
In der Auslobung wurden die Wettbewerbsteilnehmer aufgefordert, keine Lernanstalten, sondern menschlichen Lebensraum zu planen. Nach Auffassung der Jury gelang es dem Team Gernot Schulz und Topotek 1, die unterschiedlichen pädagogischen Einheiten in einer fließenden Parklandschaft zu vernetzen. Mit dem Bild einer harmonischen und natürlichen Form ist es durchaus vorstellbar, dass die Bildungslandschaft nicht nur ihren Platz im Klingelpützviertel finden wird, sondern dem gesamten Stadtteil zu einem neuen, von der Gemeinschaft getragenen, Profil verhelfen kann.

Begrenzter, zweiphasiger Realisiserungswettbewerb

1. Preis gernot schulz : architektur, Köln; Topotek 1 Landschaftsarchitekten, Berlin
2. Preis Schilling Architekten, Köln; urbane gestalt, Köln
3. Preis Cityförster architecture + urbanism, Oslo; RMP Stephan Lenzen Landschaftsarchitekten, Bonn
Anerkennung LIN Labor Integrativ, Berlin; Müller Illien Landschaftsarchitekten, Zürich
Anerkennung Lorber+Paul Architekten; Landschaftsarchitektur A. Bezzenberger, Darmstadt; Architektur A. Ringleben, Düsseldorf 
Fakten
Architekten gernot schulz : architektur, Köln; Schilling Architekten, Köln; Cityförster architecture + urbanism, Oslo
aus Bauwelt 40.2013
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