Neues Bauen im Rheinland

Ein Führer zur Architektur der klassischen Moderne

Text: Winterhager, Uta, Bonn


Neues Bauen im Rheinland

Ein Führer zur Architektur der klassischen Moderne

Text: Winterhager, Uta, Bonn

Die große 100 begleitete uns durch 2019 so wirkungsvoll, dass das inzwischen 101 Jahre alte Bauhaus weiter präsent ist, auch im Westen – man muss es nur finden. Zum Beispiel in dem vom LVR-Amt für Denkmalpflege herausgegebenen 300 Seiten starken Buch „Neues Bauen im Rheinland. Ein Führer zur Architektur der Klassischen Moderne“. Die wissenschaftlich fundierten, ausführlichen Texte sind in einer zugänglichen Sprache geschrieben, gleichzeitig in wissenschaftlicher Manier mit Quellen und Verweisen dicht gespickt. Die Autoren Marco Kieser und Sven Kuhrau bieten in ihrer mit zahlreichen historischen Aufnahmen illustrierten Einführung verschiedene Definitionen prominenter Protagonisten für das Neue Bauen an. Sie selbst verstehen es als eine „neuartige Durchdringung der Architektur als gesellschaftliche Aufgabe“. Doch wer genuine Bauhaus-Architektur im Rheinland sucht, „das in der Architekturgeschichte nicht als ein Kerngebiet des neuen Bauens gilt“, dem stellen sie die (gewagte) These entgegen, „die in diesem Buch vorgestellten Bauten wären so oder so entstanden, hätte es die Institution Bauhaus nicht gegeben“. Dafür spricht, dass keiner der in den 20er Jahren im Rheinland tätigen Architekten am Bauhaus ausgebildet wurde – auch Mies van der Rohe kam erst später zum Bauhaus. Es mag an der geografischen Distanz gelegen haben oder an der starken rheinischen Haltung, die ohne fremde Einflüsse auszukommen glaubte.
Die Autoren verfolgen die Entwicklung der Bauten, Siedlungen und Haltungen bis zu dem Zeitpunkt, als der Nationalsozialismus sie überschrieb. Dabei betrachten sie auch die Rolle der Bauherren, der öffentlichen, der industriellen wie auch derer, die sich ein privates Wohnhaus im Stil des Neuen Bauens errichten ließen und damit das Umdenken anstießen. Sie schließen mit der Darstellung der Denkmalpflegepraxis, die zwar jeden Fall einzeln betrachtet, grundsätzlich jedoch der Meinung ist, „die Architektur der Moderne und das Neue Bauen sind denkmalwürdig“.
Exakt 100 „Architekturgeschichten“ schrieb die Autorin Birgit Gropp für den zweiten Teil des Buches. Sortiert nach Städten von Aachen bis Wuppertal, stellt sie die Bauten in ausführlichen Texten auf meist einer Doppelseite dar. Dabei geht sie weit über eine reine Baubeschreibung hinaus, erzählt von den Beteiligten, ihren Ideen und Visionen, den Umständen, der Zeit und dem Ort. Wichtige Informationen (Adresse, Baujahr, Architekt und Bauherr) stehen gut auffindbar über dem Text, Fotografien, in den meisten Fällen von damals und heute, ergänzen ihn. Planmaterial ist selten, das mag vielleicht die Architekten unter den Lesern enttäuschen, die Wissenschaftler nutzen sicher gerne die Literaturhinweise.
Die Auswahl der Objekte ist nicht nur zahlenmäßig umfänglich, sie gibt auch ein breites Bild des Geschehens wieder. Köln, Düsseldorf und Essen sind mit über 10 Beiträgen gut vertreten, ebenso wie die prominenten, aber auch bisher ungesehene Bauten aus Krefeld. In den großen Städten findet sich vieles, das wohlbekannt ist, spannend ist jedoch der Blick darüber hin­aus, auf Übach-Palenberg, nach Hürth und Remscheid. Manchmal wünscht man sich, die Geschichten würden noch ein wenig weiter erzählt, denn sie enden meist mit der Fertigstellung. Hinweise auf das heutige Schicksal geben die aktuellen Fotografien. Auch wenn die bei der Mehrzahl der Objekte einen deutlich weniger charmanten Kontextzeigen als zur Bauzeit, weckt das Buch Neugier. In Vielfalt und Tiefe zeigt sich der systematische Überblick, den das Amt für Denkmalpflege über das Rheinland geschaffen hat und mit dem das Buch zu einem wertvollen Nachschlagewerk wird. Erwähnenswert, da überaus praktisch, ist auch das Personenverzeichnis der Architekten, Ingenieure und Planer (nein, keine Frau darunter), mit Kurzbiografien und Verweisen auf die im Buchvorgestellten Projekte.
„Neues Bauen im Rheinland“ will kein Schmuckstück, kein Bildband sein, es überzeugt mit fundiertem Wissen, verlässlichen Informationen und guter Handhabe. Man sollte es so ins Regal stellen, dass es auch nach Ende des Bauhausbooms griffbereit bleibt.
Fakten
Autor / Herausgeber Birgit Gropp, Marco Kieser und Sven Kuhrau
Verlag Michael Imhof Verlag, 2019
Zum Verlag
aus Bauwelt 23.2020
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