Das Hobrechtsche Berlin

Wachstum, Wandel und Wert der Berliner Stadterweiterung

Text: Hoffmann-Axthelm, Dieter, Berlin


Das Hobrechtsche Berlin

Wachstum, Wandel und Wert der Berliner Stadterweiterung

Text: Hoffmann-Axthelm, Dieter, Berlin

Das erste, was zu sagen ist: So umfassend im Zugriff und so umfangreich an Volumen wie Darstellungsformen dieses Buch sich darstellt, tritt es nicht als Handbuch aus einer Hand auf, sondern als Projekt einer Arbeitsgruppe an der TU Berlin. Schon das Inhaltsverzeichnis, indem es auf Angabe der Autoren der jeweiligen Beiträge verzichtet, macht das dem Leser und Benutzer klar. Zugleich sagt schon der Doppeltitel, dass es nicht bloß um eine Studie zum Hobrecht-Plan geht, sondern um die gesamte Berliner Stadtplanungsgeschichte, soweit sie auf dem Hobrecht-Plan aufsetzt und sich innerhalb seiner Grenzen abspielt, ein Zeitraum also von 1862, Veröffent­lichungsdatum des Planes, bis heute. Das „Hobrechtsche Berlin“ gleichsam als wachsender und sich in der Zeit verändernder Organismus. Dass da eine neue Generation daran gegangen ist, sich das Thema Hobrecht-Plan anzueignen, mit allen dabei aufkommenden Vorzügen wie Schwächen, ist überhaupt das Spannende an dem Unternehmen.
Neben dem Projektansatz – Arbeit im Team – unterscheidet sich das Vorgehen gegenüber bisherigen Herangehensweisen darin, dass es auf der Digitalisierung der Abteilungspläne und Integration aufbaut. Die Digitalisierung erlaubt nicht nur eine Integration zu einem Gesamtplan, die den Gesamtplan gleichsam nackt, ohne die bei Böhm und nachfolgenden Plänen gegebene Abstützung durch die Einbettung in den vorhandenen Stadtplan sichtbar macht, sie erweist sich vor allem auch in der Fülle der den Band durchziehenden, überaus sorgfältigen und einfallsreichen Detail­darstellungen als überlegenes Instrument der vertiefenden Darstellung der Planinhalte.
Drittens ist die Absicht deutlich, durch Zuhilfenahme kulturwissenschaftlicher Ansätze den Blickwinkel zu erweitern. Ausdrücklich stehen dafür die Beiträge von Stephanie Herold, doch der Versuch zu einer Art Dekonstruktion des Komplexes Hobrecht ist offenbar die gemeinsame Verabredung des Projekts. Das betrifft zunächst den Mann, der den Plan verfasst bzw. verantwortet hat, symptomatisch dafür die Verabredung der Autoren, immer dann, wenn innerhalb einer Aussage das Subjekt des Planverfassers fällig ist, von Mal zu Mal den Namen Hobrecht durch ein Abstraktum zu ersetzen, das „Commissarium“, was leicht komisch wirkt, abgesehen davon, dass es ahistorisch gedacht ist. Für den Plan selber besorgt das die schon benannte Aufweitung zum „Hobrechtschen Berlin“, wobei insbesondere die Beiträge von Florian Hutterer verfolgen, wie sich nachfolgende Planungen innerhalb des Hobrecht‘schen Gerüstes durch anderthalb Jahrhunderte hindurch bewegen.
Das Arbeitspensum hat man in drei großen Kapiteln gebündelt, wobei Kapitel I der Analyse der Planlage von 1862 gilt, Kapitel II die umgehend einsetzenden infrakstrukturellen Anpassungen und die seitherigen Überplanungen verfolgt, während Kapitel III sich an einer Wertung des Hobrecht-Planes versucht. Das Schwergewicht der Analyse der Erweiterungsplanung liegt nun, auch über Kapitel I hinausgehend, deutlich bei den Texten und Textanteilen von Felix Bentlin, in ihrer Intensität verständlich als Vorgriffe auf eine in Arbeit befindliche Dissertation zum Thema. Abschnitte zu vorangehenden Planungen, die Einbindung Hobrechts und seiner Mitarbeiter in die Staatsverwaltung, Veröffentlichungsform, nachfolgende Anpassungen bilden das Vorfeld einer beispielhaften Darstellung des stadtplanerischen Instrumentariums: Baublöcke, Straßensystem, Einbindung der baulichen Bestände und genehmigten Teilplanungen, Ver­teilungslogik der Plätze, Platztypologien, Grünraumplanung, dies alles untersetzt mit einer
Fülle digital hergestellter Modellabbildungen, schließlich einmündend in eine ausgreifende Gesamtcharakteristik der Intentionen und der Leistung Hobrechts.
Wenn man sich daraufhin fragt, worin, im Blick auf die letzten 50 Jahre, vor allem die Arbeiten von Ernst Heinrich und Jonas Geist/Klaus Kürvers (die wegweisende Arbeit Dieter Radickes von 1974 zum Sparrplatz nicht zu vergessen), der wichtigste Schritt über die bis dahin erarbeiteten Vorstellungen zu Genese und Eigenart des Hobrecht-Planes besteht, dann ist aber vorrangig auf den Beitrag „Die Idee von Quartieren“ in Kapitel III zu verweisen, das anhand der Stadtviertel- bzw. Kiez-bildenden Qualität der Hobrecht‘ schen Plätze in eine bisher nicht gesehene Tiefenschicht der Hobrecht‘schen Systematik hingeht, indem er zweidimensionale Planzeichnung und zugehörigen Beschreibungstext integrierend das von Hobrecht Vorgestellte modellhaft dreidimensional zur Anschauung bringt: über die Platzrelationen hinaus also auch das gedachte System von Kirchen und öffentlichen Bauten und ihrer Entfernungen zueinander zeigt sowie geplante Promenaden, Platzbegrünungen, private Vorgärten.
Zu den großen Vorzügen der Beiträge und damit des Buches insgesamt gehört denn auch der umfangreiche Anhang. Dafür kann man nicht dankbar genug sein. Nicht nur werden alle Abteilungspläne abgedruckt (die digitale Fassung findet sich im hinteren Buchdeckel, während der vordere den, wie Boehm, die Abteilungspläne integrierenden Sineck-Plan von 1861 zeigt), sondern es werden auch Hobrechts ausführliche Erläuterungsberichte zu den Abteilungen IX bis XI, das Begleitschreiben, nach Hobrechts Weggang, zur Übergabe der Pläne II, IV, V, VI, IX, X,XI, XII und XIII und der Pläne I und VII abgedruckt und anderes mehr.
Die Schwächen der Analyse Bentlins liegen in der Beschränkung auf das Archivmaterial. Jede gelingende Planung braucht ihren genauen Kairos. Hobrecht plante ja nicht unter einem ab­strakten Entwicklungsdruck im Rahmen einer widerspruchsfreien Auftragslage, vielmehr ist es die von dramatischen Konflikten bewegte Geschichte des preußischen Staates, welche den Hintergrund der Planungsarbeit bildet und in dem sie sich mit großer Vorsicht zu bewegen hat. Die politische Spannungslage kulminierte schließlich – unmittelbares Vorfeld der Beauftragung Hobrechts – in einer dramatischen Staatsaktion: Im Oktober 1858 gab der kranke König Friedrich Wilhelm IV. dem massiven Außendruck nach und entmachtete sich selber zugunsten der Regentschaft seines Bruders Wilhelm, späteren Königs und Kaisers. Damit brach die „Neue Ära“ an: Das alte Kabinett wurde entlassen, einzige Ausnahme von der Heydt, der nachmalige Auftraggeber Hobrechts. Die Veröffentlichung des Plans 1862 wiederum fiel mit dem erdrutschartigen Sieg der Liberalen bei den Wahlen zur Stadtverordentenversammlung zusammen, Hintergrund der nun einsetzenden energischen Korrekturtätigkeit des Berliner Magistrats.
Entsprechend zeigt sich an zahlreichen Details, dass es nicht ausreicht, das historische Umfeld mit ein paar Begriffen wie Liberalismus oder Hochindustrialisierung abzudecken. Die Unsicherheiten in der Beurteilung des realen Handlungsspielraums Hobrechts – was ist bloß legitimatorische Behauptung, was tatsächliche Planungsabsicht – wären bei Kenntnis der realen Geschichte zu vermeiden gewesen. Um so mehr gilt das hinsichtlich der Beurteilung des Verhältnisses von Hobrecht‘scher Stadtvorstellung zu den Daten Industrialisierungsstand, Sozialstruktur, sozialer Mischung und kommunaler Armenfürsorge um 1860 (dazu z. B.: Boberg/Fichter/Gillen (Hg.), Exerzierfeld der Moderne. Industriekultur im Berlin des 19. Jahrhunderts, Bd.1, 1984; Ludovica Scarpa, Gemeinwohl und lokale Macht, 1995). Natürlich sind die Autoren keine Historiker, doch hätte es, wenn man schon interdisziplinär arbeitet, nahe gelegen, sich der Beihilfe auch eines Historikers zu versichern.
Noch da, wo fachimmanent die historischen Hintergründe erarbeitet sind, wirkt sich die recht einseitige Literaturauswahl negativ aus, innerhalb derer das Projekt sich bewegt. So ist insbesondere unverständlich, warum die Diskussion der vorangehenden Schmid- und Lenné-Pläne derart in der Luft hängt, unberührt von den politischen Konflikten der Reaktionszeit. Die entsprechenden Arbeiten von Manfred Hecker und Ulrich Reinisch finden sich nicht einmal im Literaturverzeichnis. Das ist um so bedauerlicher, als gerade die Misere des Schmid-Plans auf dem Köpenicker Feld bereits das Lehrstück war, welches der Verwaltung klar gemacht hatte, dass die Zeiten obrigkeitlicher Planung vorbei waren; dass Erweiterungspläne also eine Chance nur hatten, wenn sie sich auf einen Bodenmarkt, mithin bauwillige Interessenten stützen konnten. Dass der Schmid/Lenné-Plan für die Luisenstadt schließlich doch aus dem Koma ins Leben trat, war aber damals weder dem Staat noch seinen Planern zu verdanken, sondern der zielbewussten Verknüpfung von Plan und Separation durch den Separationskommissar und nachmaligen Bürgermeister Franz Naunyn (siehe, wenngleich ich damit etwas aus der Rolle des Rezensenten falle, in meinem Buch „Preußen am Schlesischen Tor“, das Kapitel 7/Die Baubeamten S. 311–31).
Für Hobrecht konnte das alles also, zwei Jahrzehnte später, gar kein Problem mehr sein (ganz abgesehen davon, dass er, als typischer Libe­raler, ohnehin an einer restriktiven Fassung staatlichen Planungszugriffs interessiert sein musste). Mithin hätte man sich eine so ahistorische Aussage wie die folgende ersparen können: „Der Berliner Bebauungsplan von 1862 entstand also in einer Umbruchszeit. Das führte dazu, daß er schon im Moment seiner Fertigstellung veraltet war, da er von anderen gesellschaftlichen Voraussetzungen ausging.“ (S. 127)
Es ist allerdings nicht zu übersehen, dass diese Ersetzung der Realgeschichte durch plakative Überschriften im Gesamtrahmen des Projekts auch eine Abwehrfunktion hat – die, das Phänomen Hobrecht möglichst klein zu halten. „In seiner Art ist er (der Plan) ein Produkt der Frühindustrialisierung in Preußen. Die städtebaulichen und in Ansätzen auch stadtplanerischen Überlegungen orientieren sich stark an herkömmlichen Mustern, die einen Weiterbau der Stadt stets mit den gleichen Mitteln verwirklicht sehen; die Stadt wird folglich nur quantitativ weiterent­wickelt.“ (S. 364f.) Das ist so sachwidrig, ja eine Verkehrung in Gegenteil, dass man es eigentlich nur als ideologisches statement nehmen kann.
Bleibt demnach noch etwas zum Bewertungskapitel zu sagen. Wie viel Gewicht ist dem Plan bzw. dem Planer am Ende zuzumessen? Zwar werden die alten, wiewohl längst entkräfteten Vorwürfe zitiert (auch das ausreichend widerlegte Pejorativ „Mietskaserne“ taucht wieder auf), und selbst ein so hochgradig ideologisierender Autor wie Carl Hegemann als Zeuge aufgerufen, aber das zündet nicht mehr so recht. Auf der anderen Seite kommen die Autoren nicht umhin zu sehen, wie genau der Plan sich dem Gelände anpasst und wie biegsam er sich für den un­mittelbar darauf einsetzenden industriegesellschaftlichen Veränderungsdruck und damit für die weitere Berliner Stadtentwicklung erwiesen hat. Man muss Hobrecht nicht zu einem Genie machen, um dies anzuerkennen. Aber der ständige Verweis auf die vielen Köche, die am Brei beteiligt waren, ist nicht nur ignorant, sondern geht am Kern des Problems vorbei. Es rächt sich hier, dass Hobrecht nur an eigenen Vorstellungen bzw. dem Eindruck aus dem Aktenmaterial gemessen wird. Um die Eigenart und den historischen Stellenwert Hobrechts in der Geschichte der Stadtplanung besser zu bestimmen, hätte es nahe gelegen, ihn mit den beiden großen zeitgenösssichen Parallelfällen zu konfrontieren, dem Paris-Umbau durch Haussmann und dem Barcelona-Plan von Cerdà. Oder an denen zu messen, die nach ihm kamen, Reinhard Baumeister oder Camillo Sitte, Stübben oder Henrici.
Man darf davon ausgehen, dass das Resümee nicht nur aus der Arbeit am Stoff hervorgegangen, sondern dass Bewertung auch schon in die Arbeit eingegangen ist. Soweit es so etwas wie einen Projektauftrag gegeben hat, ist dessen Hintergrund, stark verkürzt gesagt, in der Berliner Dauerdebatte über das Verhältnis von Stadt und Moderne zu sehen (haben doch mindestens zwei der Herausgeberinnen in der Vergangenheit vehement für die Moderne Partei ergriffen). Das Schlusskapitel der Herausgeberinnen gibt denn auch eine Zusammenfassung der Ergebnisse des Projekts, die in ihrer Ahistorität mehr vereinseitigt als konzentriert. Man versteht: Hier wird Platz freigehalten für die Moderne. Ob dagegen der Plan als „Werk“ zu sehen, Hobrecht also im künstlerischen oder literarischen Sinne als Autor anzusehen ist, diese Frage steht nicht nur jenseits der Realität aller Stadtplanung, sie verdeckt vor allem die so viel relevantere, was aus dem Plan für die Planung heute zu lernen ist – um diese Frage hat sich das Projekt gedrückt.
Fakten
Autor / Herausgeber Gabi Dolff-Bonekämper, Angela Million, Elke Pahl-Weber (Hrsg.)
Verlag DOM Publishers, Berlin 2018
Zum Verlag
aus Bauwelt 19.2019
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