Alte Baukunst und neue Architektur

Text: Am Ende, Hannah, Münster


Alte Baukunst und neue Architektur

Text: Am Ende, Hannah, Münster

Das kleinformatige Buch mit seinem zurückhal­tenden Einband und kup- ferfarbenen Lettern lässt nicht erahnen, welche kompakte Historie in ihm zu lesen ist. Auf knapp 280 Seiten führt der Autor Günther Fischer durch die Architekturgeschichte von der Antike bis ins 21. Jahrhundert. Er trennt sein Buch nicht in Epochen auf, sondern gliedert es nach der Alten Baukunst und der Entstehung, der Entfaltung und der Zukunft der Neuen Architektur. Im Vorwort bezeichnet er sein Werk als „Projekt zwischen den Stühlen“, das sich nicht stringent in einem Themenbereich oder einer Buchgattung bewegt, sondern vielmehr Verbindungen zwischen ihnen webt.
Fischer erzählt die Geschichte der Architektur, in dem er wichtige Personen wie Palladio, Mies van der Rohe und Le Corbusier mit einfließen lässt, ohne dass sie den Erzählstrang dominieren. Gleiches gilt für richtungsweisende Gebäude, die zwar nicht detailreich analysiert werden, aber den Leitfaden unterstützen und für den Leser gut nachvollziehbar machen. Erfrischenderweise behandelt das Buch auch die Schwierigkeiten und Irrwege großer Architek­-ten, welche den einstigen Zeitgeist und die damit verbundenen Konflikte wesentlich verständ­licher machen. Dabei unternimmt Fischer Exkurse in die Bereiche der Kunst und des Design, die speziell an den Schwellen der Epochen in einem engen Verhältnis zur Architektur stehen und durch den industriellen Fortschritt immer mehr verwoben werden. Diese Zeiten des Umbruchs waren immer von großen Konflikten und unterschiedlichen Positionen in der Architekturwelt geprägt. Besonders deutlich ist dies zur „Stunde Null“, an der Le Corbusier 1914 sein Domino-System vorstellte und die gerade entstehende Neue Architektur die Alte Baukunst ablöste. Der Definitionsprozess einer neuen Architektur und deren Rolle erscheint chaotisch, aber ist dennoch sehr verständlich. Die Irreführung resultiert aus den Verzweigungen der Geschich­te, die oft zum Stillstand führen, sodass die Richtung immer wieder neu ausgelotet werden muss.
Der Umfang des Textes steht in einem angenehmen Verhältnis zur Bebilderung, durch welche die Themen an den passenden Stellen ergänzt, jedoch nicht zu überladen dargestellt werden. Im Gegensatz zu anderen historischen Bänden hangelt sich dieses Buch nicht von einem Bauwerk zum Nächsten und erklärt die Geschichte anhand ihrer Unterschiede, sondern es thema­tisiert vielmehr die Entwicklung der Baukunst und deren verschiedener Einstellungen an sich. Wer eine detailreiche Beschreibung der architektonischen Epochen und einzelner Gebäude erwartet, ist hiermit also nicht sonderlich gut beraten. Doch jedem, der sich für die geschicht­lichen Zusammenhänge und die Entwicklung des großen Ganzen interessiert, ist es sehr zu empfehlen.
Fakten
Autor / Herausgeber Günther Fischer
Verlag Birkhäuser, Basel 2018
Zum Verlag
aus Bauwelt 8.2020
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