Overtourism

Die Sache scheint klar: Ein Ort, an dem der Tourismus überhandgenommen hat, ­leidet an Overtourism. Doch wie definiert sich die Bezugsgröße: Wie touristisch darf ein Ort sein, ehe man ihn als overtouristisch bezeichnet? Und muss es, wenn es Overtourism gibt, nicht auch Undertourism geben? Höchste Zeit, das Phänomen systematisch, mit den Augen eines Soziologen und Tourismuswissenschaftlers zu beleuchten

Text: Wöhler, Karlheinz, Lüneburg

    Plötzlich ein internationales Must-see: Eine Auswahl aus den Tausenden Selfies, die seit einiger Zeit bei Instagram mit dem Hashtag „Rue Crémieux“ gepostet werden und das bis vor kurzem von Touristen völlig unbeachtete Pariser Sträßchen gründlich wachgerüttelt haben
    Foto: © Instagram

    Plötzlich ein internationales Must-see: Eine Auswahl aus den Tausenden Selfies, die seit einiger Zeit bei Instagram mit dem Hashtag „Rue Crémieux“ gepostet werden und das bis vor kurzem von Touristen völlig unbeachtete Pariser Sträßchen gründlich wachgerüttelt haben

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Overtourism

Die Sache scheint klar: Ein Ort, an dem der Tourismus überhandgenommen hat, ­leidet an Overtourism. Doch wie definiert sich die Bezugsgröße: Wie touristisch darf ein Ort sein, ehe man ihn als overtouristisch bezeichnet? Und muss es, wenn es Overtourism gibt, nicht auch Undertourism geben? Höchste Zeit, das Phänomen systematisch, mit den Augen eines Soziologen und Tourismuswissenschaftlers zu beleuchten

Text: Wöhler, Karlheinz, Lüneburg

Overtourism hat dem Tourismus hohe Aufmerksamkeit verschafft. Wer Overtourism thematisiert, der läuft also Gefahr, bereits mehrfach Konstatiertes zu wiederholen. Um dem zu entgehen, werden im Folgenden unterschiedliche Beobachter des Overtourism beobachtet. Das klingt nach der Luhmannschen Systemtheorie. Ja, meist unsichtbar läuft sie mit.
Beobachtung des Overtourisms
Es vergeht kaum ein Tag, an dem die Medien nicht von Orten berichten, die vom overtouristischen Strom heimgesucht werden. Unaufhaltsam bahnt er sich seinen Weg. Copingstrategien, das heißt Strategien, mit welchen Maßnahmen er zu bewältigen sei, werden entworfen und diskutiert. Von einer De-Touristifizierung ist keine Rede; es sei denn, man hält ein De-Crowding touristischer Hotspots durch eine Umverteilung beziehungsweise Umlenkung von Touristen auf noch nicht vom Overtourism-Virus befallene Orte für eine De-Touristifizierung. Doch wer weiß, ob nicht ein auf Instagram viralisierendes Selfie von solchen noch „untertouristischen“ Räumen unerwartet einen Overtourism hervorruft? Es ist nicht vorhersehbar, ob und wann er seinen Einzug hält.
Solange Overtourism noch nicht eingetreten ist, müsste ein sich davon unterscheidender „Undertourism“ gegeben sein. Wer auch immer Tourismus als „over“ bezeichnet oder beobachtet, bei dem läuft immer dieses „under“ als blinder Fleck mit. Dieser blinde Fleck markiert die mitgemeinte implizite andere Seite als Möglichkeit. Das konstatierte Aktuelle („over“) lässt demnach das Mögliche („under“) nicht verschwinden. Der Tourismus, wie er ist, erscheint durch diese Unterscheidung aktuell und möglich als kontingent: Er ist so nicht notwendig, er könnte auch anders sein.
Ohne diese Unterscheidung ist eine Bezeichnung als Overtourism beziehungsweise dessen Beobachtung nicht möglich. Wenn jedoch nur diese Seite aktuell respektive gegenwärtig ist, die andere Seite („under“) im Moment der Beobachtung nicht bezeichnet wird, dann folgt daraus, dass beim „Beobachten […] also zugleich etwas Unsichtbares produziert“ wird (Luhmann 2003). Doch um über Overtourism reflektieren zu können, ist die Einheit dieser Unterscheidung (over und under) unabdingbar. Beides zugleich an einem gegenwärtig situierten Tourismus zu beobachten, scheidet jedoch aus; es liegt eine Paradoxie vor. Man kann sich allerdings darüber Gedanken machen und dabei die Zeit als Beobachtungsschema heranziehen. Die Zeit „wird thematisiert und damit zum Gegenstand von Unterscheidungen“ (Nassehi 2008). Von der Gegenwart und nur von ihr aus kann die nicht-aktuelle Vergangenheit und Zukunft beobachtet und verstanden werden – als vergangene Gegenwart und als zukünftige Gegenwart (ebd.). Mithilfe dieser temporalen Unterscheidung den gegenwärtigen Overtourism zu beobachten, ermöglicht die Beobachtung von Prozessen und Entscheidungen, die einst den jetzigen beklagten overtouristischen Zustand (mit)herbeigeführt haben.
Die Beobachtung einer overtouristischen Wirklichkeit aufgrund der Unterscheidung vorher/nachher kann sich auch auf einen bestimmten Zeitverlauf wie etwa Saisonalität beziehen. Von Juni bis September wird jeweils aktuell Overtourism konstatiert; zu anderen Zeiten wird nichts dergleichen registriert. Die Differenz von „over“ und „under“ wird demnach im Nacheinander der Beobachtungen aktualisiert. Dank dieser sequenziellen Beobachtung von Ereignissen an ein und demselben Ort lassen sich zeitweilige, stets wiederkehrende und gleichbleibende Veränderungen betrachten. Selbst im Verlauf eines Tages können solche Veränderungen beobachtet werden. Erst am späten Abend bis in die frühen Morgenstunden füllen sich zum Beispiel Partymeilen wie die Berliner Simon-Dach-Straße overtouristisch, während sie zuvor zwar touristisch belegt sind, doch dies mehr oder weniger weit unterhalb von overtouristisch. Umgekehrt verhält es sich etwa in der Altstadt Dubrovniks: Vorher (tagsüber) durch Tagestouristen überfüllt und nachher (am späten Abend) tourismuserträglich.
Die Anwendung dieser Vorher/Nachher-Differenz ist ein reflexiver Akt, der Anhaltspunkte für eine Früherkennung overtouristischer Entwicklungen und Strukturen liefert. Nicht zuletzt muss beobachtet werden, was vormalig erwartet wurde und aufgrund welcher Erwartungen wer wie entschieden hat beziehungsweise was selektiert wurde, das heißt welche Alternativen ausgeschlossen wurden. Was früher passiert ist, ist zwar irreversibel; die Zukunft ist indes offen, und daher ist ein overtouristisch belasteter Raum noch nicht verloren. Allerdings: „Sie [die Zukunft] kann nicht beginnen“ (Luhmann 2017), das heißt nicht ausprobiert werden. Die Beseitigung von Overtourism beginnt nur in der Gegenwart „und schiebt den Zukunftshorizont vor aller Operation, mit aller Operation vor sich her“ (ebd.). Unter Operationen versteht man Beobachtungen und Entscheidungen, die mithilfe von Elementen wie etwa Angeboten oder Leistungsbereitstellungen und Preisen zur Reproduktion eines Systems beitragen.
Zukunft lenkt auf Offenheit. „Gerade weil Zukunft nicht auf die Probe gestellt werden kann, bietet sie jeder Gegenwart der modernen Gesellschaft Raum für integrierende Orientierungen“ (Luhmann 2017). Allerdings nur, so Luhmann weiter, „wenn die Zukunftsentwürfe der Teilsysteme nicht schon selbst zu stark divergieren“. Im Klartext heißt dies beispielsweise, dass die von Bürgerprotesten aufgeweckte Politik oder Politadministration auf Widerstand der vom Tourismus Profitierenden stößt, wenn sie etwa eine „Tourismusbremse“ anvisiert. Nun, dies ist schon geschehen. Die mallorquinische Politadministration hat die Anzahl der Autovermietungen, Hotels und Ferienwohnungen restringiert. Bleibt die Nachfrage nach diesen touristischen Dienstleistungen konstant oder steigt sie gar, dann werden die bezüglichen Wirtschaftsunternehmen der Reproduktion wegen ihre Preise erhöhen.
Ob solche Maßnahmen mindestens zur Stilllegung overtouristischer Verhältnisse führen, bleibt abzuwarten. Wenn befürchtet wird, dass sich ein Ort wie Sylt vollends touristifiziert, dann ist eine solche Vorsorge ebenso verständlich wie das Impfen gegen einen möglichen Zeckenbefall. Wo sich Zecken besonders gern niederlassen, dies wissen Vorsichtige: Hier nicht, aber dort ist besondere Achtsamkeit geboten. In diesem Sinne ist zum Beispiel von Barcelona bekannt, dass Overtourism etwa in den Stadtteilen El Raval und Barceloneta Platz gegriffen hat, woanders in Barcelona aber nicht. Hier/dort respektive hier/woanders sind weitere Unterscheidungen, die bei der Beobachtung von Overtourism zum Zuge kommen. Die Rede ist dann von einem lokalen und auch regionalen „Phänomen“ des Overtourism. In Thailand wurde beispielsweise die Bucht der Insel Ko Phi Phi Leh für den Tourismus geschlossen und ist quasi in eine Intensivsta­-tion ob ihres gefährlichen overtouristischen Krankheitsbefalls eingewiesen worden. Woanders in Thailand können sich Touristen (noch) massenhaft und unbekümmert frei bewegen, und die Tourismusindustrie kann weiterhin investieren. Weil touristische Hotspots ansteckend sind, hat der isländische Staat ein besonders überlaufenes Naturareal zeitweilig in Quarantäne genommen, um es wieder gesunden zu lassen.
Ob diese Operationen hernach eine Overtourism-Immunität hervorrufen, bleibt der ungewissen Zukunft überlassen. Venedig hat eine andere Alternative gewählt: Nur gegen eine Gebühr darf das traditionelle Zentrum be- und heimgesucht werden (siehe Beitrag ab Seite 60). Zudem soll eine App darüber informieren, welche Sehenswürdigkeiten überlaufen sind. Amsterdam verfährt ebenso. Offensichtlich soll dadurch ein verträglicher Tourismus bewirkt werden. Zur gleichen Zeit wird irgendwo auf der Welt ein bislang verträglicher Tourismus vom „Over“ infiziert und lässt bestimm­te Stadtviertel kollabieren (vgl. Milano 2017). Umgekehrt geht auch, wie das Beispiel Checkpoint Charlie zeigt. Angesichts der diskutierten Umgestaltung dieses Areals wird auf Overtourism an anderen Orten in Berlin verwiesen. Er hat dort mit Umgestaltungsmaßnahmen wie etwa dem Bau von Low-Budget-Hotels und Lizenzvergaben für Restaurants und Clubs Fahrt aufgenommen. Die gedanklichen und kommunizierten Unterscheidungen dort/hier sowie vorher/nachher bewirken deshalb bei Anwohnern einen Protest gegen dieses Vorhaben (vgl. Keilhacker/Sommer 2018). Es wird befürchtet, dass dadurch ein Pfad zum Overtourism betreten wird. Diese Perspektive auf eine vergegenwärtigte Zukunft hat also sowohl Konsequenzen für Konsens- oder Dissensmöglichkeiten als auch für die Realisierbarkeit von Vorhaben in der Gegenwart.
Gesichter des Overtourism
Was für möglich gehalten wird, muss jedoch auch unter den Betroffenen beziehungsweise Beteiligten festgelegt werden. Dies hängt davon ab, was unter Overtourism verstanden wird. „Over“ meint übermäßig, über etwas hinaus oder auch mehr. Ab wann Tourismus als übermäßig und als nicht mehr (er)tragbar beobachtet wird, dies bleibt dem Thomas-Theorem überlassen. Danach erzeugt das Definieren einer Situation als real eine wirkliche Welt, das heißt, eine Situationsdefinition wird in ihren Konsequenzen real. Situationsdefinitionen werden sprachlich ausgedrückt, mit Beweisstücken untermauert, und auf sie wird reagiert. Verkürzt gesagt und auf den Tourismus bezogen: In welchem Zustand er sich befindet, bestimmt er nicht selbst, sondern er existiert und ist real in seiner Beurteilung, Beschreibung, Beobachtung und schließlich im sprachlichen Bild. Wird er als „over“ angesehen beziehungsweise definiert, dann wird – wie oben erwähnt – die andere Seite („under“) impliziert mitgeführt. Beide Seiten zu beobachten, ist paradox. Ein Rekurs auf einen vorherigen Zustand, der als tragbar und maßvoll definiert wird, kann diese Paradoxie ebenso neutralisieren wie der Verweis auf touristische Verhältnisse woanders, die als verträglich beobachtet werden und/oder aus eigenem Erleben dergestalt er­innert werden. Darüber hinaus wirken Darstellungen von nicht-overtouristischen Orten in Offline- und Online-Medien ebenfalls entparadoxierend. Vor diesem Hintergrund ist die Möglichkeit gegeben, einen von Touristen besetzten Ort als overtouristisch zu beobachten, ihn als solchen zu beschreiben und als real gegeben wahrzunehmen.
Welche Situationsdefinitionen und welche dadurch erzeugten overtouristischen Wirklichkeiten sind dokumentiert? Und wer sind Situationsdefinierer beziehungsweise Beobachter? Es sind sowohl Einheimische, die bezeichnenderweise oftmals als Bereiste charakterisiert werden, als auch Touristen und verschiedene Organisationen, die direkt und indirekt touristische Leistungen bereitstellen. Stimmen ihre Perspektiven überein? Steen Jacobsen et al. (2019) fanden bei einer Befragung internationaler Touristen in vier norwegischen Hotspots heraus, dass der Grad der wahrgenommenen Touristifizierung die Bewertung (Annäherung oder Vermeidung) einer Destination bestimmt. Wird Überfüllung, Dichte und Lärm wahrgenommen, dann meidet man solch eine Destination. Kreuzschifffahrttouristen stört dies oftmals jedoch nicht; sie fühlen sich unter den vielen unterschiedlichen Mitreisenden und mithin den vielen Landsleuten wohl. Zudem zeigte sich, dass Touristen Massen und Überfüllung in Kauf nehmen, wenn sie ein ganz bestimmtes „Must-see-Objekt“ wie etwa eine Naturattraktion oder ein Museum ansteuern. Umgekehrt ist eine massive Ansammlung für meist jüngere Touristen die Attraktion. Man kann un­terschiedliche Menschen kennenlernen, sich untereinander austauschen und andere beobachten, die ebenfalls die Beobachter beobachten. Auf der ITB 2018 (Internationale Tourismusbörse Berlin) sind in einer Presse-Information Zahlen des World Travel Monitors zum Overtourism genannt worden. Etwa jeder zehnte internationale Reisende (= 100 Millionen) gab zu Protokoll, dass die Qualität seiner Rundreise, Kreuzfahrt, Stadtreise, seines Sonnen-Strandurlaubs oder seines Urlaubs auf dem Land durch Overtourism beeinträchtigt wurde. Neben Skigebieten sind Städte am meisten betroffen. Auf den Spitzenreiter Guangzhou folgen Shanghai und Peking, danach Amsterdam und Istanbul mit je 19 Prozent sowie Barcelona, Florenz und Venedig mit jeweils 18 Prozent der Touristen, die sich von den zu hohen Besucherzahlen betroffen fühlen.
Eigentlich müssten sich die Bewohner dieser Städte mit den vom Overtourism in Mitleidenschaft gezogenen Touristen solidarisieren. Denn sie reklamieren auch jene Erscheinungen, die Besucher an überfüllten Tourismusorten missbilligen: dichtes Gedränge, Lärm, Unsicherheitsgefühl und Konflikte aufgrund dieser Gemengelage (vgl. Steen Jacobsen et al. 2019). Eine Solidarisierung bleibt bislang aus. Derart leidgeprüfte Touristen nehmen ihr temporales Schicksal hin. Nicht überall ist es so, das weiß man aus Erfahrung. Es ist ja nicht ihre erste Reise gewesen, und die nächste ist schon in Planung. Einwohner hingegen organisieren sich und opponieren offen dagegen (Hughes 2018). Sie machen keine Unterscheidung zwischen Touristen. Ihnen wird allesamt die Herbeiführung von Überfüllung, Lärm und Verdrängung der Einheimischen aus ihren Quartieren zugeschrieben. Insbesondere in Städten macht sich eine Tourismusphobie breit.
Allerdings: Wenn Einheimische und/oder ihre Familie im Tourismussektor arbeiten, dann bleibt selbst bei Overtourism eine Tourismus-Aversion aus (Martín Martín et al. 2018). Steigende Mieten und die Ausrichtung lokaler Infrastruktur auf Touristen führen bei jenen Einheimischen stärker zur Ablehnung des Tourismus, die in zentral gelegenen gemieteten Apartments wohnen und ein geringes bis mittleres Einkommen haben. Wie sich im Zeitverlauf (vorher 2015, nachher 2017) Wahrnehmungen und Einstellungen von Einheimischen gegenüber Airbnb zum Negativen hin verändern, zeigt eine Studie zum Overtourism auf Mallorca (Gutiérrez-Taño et al. 2019). Danach überwiegen in der zeitlichen Wahrnehmung die Kosten die Vor­teile, die Airbnb herbeiführt. Aus Wahrnehmungen werden dementsprechende negative Einstellungen. Erwartet wurden einst vielseitige positive „benefits“; jetzt verbreiten sich zusehends Kosten eines aufgeblähten und alles durchdringenden Tourismus: ökonomische (prekäre Jobs, steigende Lebenshaltungskosten, sinkende Steuereinnahmen), soziale (Verdrängung Einheimischer, Verschlechterung der Lebensqualität aufgrund von schwindender Koexistenz der Einheimischen und des Lärms), kulturelle (Verlust der lokalen und individuellen Identität, erodierendes Zugehörigkeitsgefühl) und ökologische Kosten (Umweltverschmutzung, vermehrtes Verkehrsaufkommen, Überlastung und Verschlechterung der Infrastrukturen, Überfüllung).
Eine Vergleichsstudie über die Jahre von 2004 bis 2015 in Barcelona offenbart, dass sich eine Tourismusphobie in dem Maße abbauen lässt, wie die Lokalpolitik und die mit ihr verbundene Destinationsmanagement-Organisation (DMO) auf die Anliegen der Einheimischen eingehen und damit nicht allein das Ökonomische (Arbeitsplätze, Steuern und Abgaben) priorisieren (Zerva et al. 2018). Angestrebt werden Maßnahmen, die ein einträchtiges Zusammenleben von Touristen und Einheimischen bewirken (Co-Habitation; Egresi 2018). Einheimische klagen ihr Recht auf Stadt ein; ein Recht, das auch eine stetig anwachsende Anzahl der Städtetouristen für sich beansprucht (Saretzki 2019).
Ohne Akteure der Tourismusbranche ins Boot zu nehmen, kann beides nicht in Einklang gebracht werden. Voraussetzung ist ein geteiltes Problembewusstsein. Vertreter regionaler und lokaler DMOs, des Gastgewerbes, der Wissenschaft und IHKs sowie der Beratung assoziieren mit dem Overtourism dies (TourComm 2018): Senkung der Lebensqualität, punktuelle Häufung von Menschenmassen und erhöhtes Verkehrsaufkommen (zu je 76 Prozent), Zerstörung der Natur (72 Prozent), Preissteigerungen (69 Prozent), Verdrängung von Alltagseinrichtungen durch tourismusrelevante Angebote (68 Prozent), Beeinträchtigung des Lebensalltags (64 Prozent), Heimat der Einwohner wird zur Kulisse (62 Prozent), Übernutzung der Infrastruktur (61 Prozent), mangelnder Respekt gegenüber Anwohnern und Zunahme der Lautstärke (zu je 59 Prozent) und schließlich Gentrifizierung (37 Prozent). Nahezu alle Befragten sind sich einig, dass diese Probleme des Overtourism bereits spürbar sind; vornehmlich bei einzelnen Attraktionen im ländlichen Raum, historischen Städten, Großstädten, im Gebirge und an Küsten. Mit diesen overtouristischen Auswirkungen konfrontiert sehen sich zwei Drittel: punktuelle Häufung von Menschenmassen (64 Prozent) und erhöhtes Verkehrsaufkommen (62 Prozent), Preissteigerungen (44 Prozent), gesunkene Lebensqualität (42 Prozent), Zunahme der Lautstärke (37 Prozent) und Verdrängung von Alltagseinrichtungen (35 Prozent). In urbanen Regionen und Städten ab 50.000 Einwohnern sieht man sich bei weitem mit diesen Auswirkungen konfrontiert.
In der Sache ist man sich also mit den Einheimischen einig. Die Beobachtungen des Overtourism sind konvergent. Was die Akteure der Tourismusbranche aus diesem Problembündel auswählen und welche Maßnahmen sie zur Problembewältigung planen oder schon umgesetzt haben, ist entscheidend und offenbart ihr Verständnis eines wie auch immer gearteten Tourismus.
Tourismusnotstand?
Angesichts des Klimawandels hat Konstanz den Klimanotstand ausgerufen: Jegliche kommunalen Entscheidungen sind auf der Basis der Vermeidung von Emissionen zu treffen. Um nicht weiterhin in einer overtouristischen Bedrängnis zu verharren, plant und setzt die Tourismusbranche folgendes um (TourComm 2018): Positive Aspekte des Tourismus an Einwohner vermitteln (65 Prozent), gezielte Vermarktung bei bestimmten Zielgruppen (48 Prozent), Verlagerung/Verlängerung der Saisonzeiten (41 Prozent), Lenkung der Besucherströme (39 Prozent), Beteiligung der Einwohner fördern (30 Prozent) und Verhaltenstipps/-regeln durch Print an Touristen kommunizieren (26 Prozent). Bislang gibt es darüber noch keinen Referenzraum. Nicht nur einer anhaltenden Touristifizierung wird das Wort geredet. Einheimische sollen zu Selbstunternehmern werden und als aufgeklärte Tourismusprofessionals das overtouristische „Problem“ Face to Face mit geläuterten Touristen managen. Offensichtlich geht die Tourismusbranche davon aus, dass die globalen Tourismusströme nicht enden und weiterhin overtouristische Verhältnisse herbeiführen. Dazu passt ein Punkt der gerade beschlossenen Eckpunkte der Bundesregierung: Der Incoming-Tourismus nach Deutschland soll vorangetrieben werden.
Literatur
Egresi, István (2018): „Tourists Go Home!“ – Tourism Overcrowding And „Tourismophobia“ in European Cities (Can Tourists And Residents Still Co-Habitate In The City?), in: [Co]Habitation Tactics. Imagining Future Spaces in Architecture, City and Landscape, TAW 2018 International Scientific Conference, Conference Proceedings, Tirana: Polis University, 701-714.
Gutiérrez-Taño, Desiderio et al. (2019): The Influence of Knowledge on Residents’ Perceptions of the Impacts of Overtourism in P2P Accommodation Rental, in: Sustainability, 11(4), https://doi.org/10.3390/su11041043 (Zugriff am 20.05.2019).
Hughes, Neil (2018): „Tourists Go Home“: Anti-tourism Industry Protest in Barcelona, in: Social Movement Studies, 17, 471-477.
Keilhacker, Theresa & Sommer, Christoph (2018): Checkpoint Charlie muss bürgernaher Geschichtsort werden, in: Der Tagesspiegel vom 01.08.2018, www.tagesspiegel.de/berlin/ehemaliger-grenzuebergang-checkpoint-charlie-muss-buergernaher-geschichtsort-werden/22867046.html (Zugriff am 20.05.2019).
Luhmann, Niklas (2003): Einführung in die Systemtheorie, hrsg. von Dirk Baecker, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft.
Luhmann, Niklas (2017): Systemtheorie der Gesellschaft, hrsg. von Johannes K. Schmidt und André Kieserling, Berlin: Suhrkamp.
Martín Martín, José María et al. (2018): An Analysis of the Factors behind the Citizen’s Attitude of Rejection towards Tourism in a Context of Overtourism and Economic Dependence on This Activity, in: Sustainability, 10(8), doi.org/10.3390/su10082851 (Zugriff am 20.05.2019).
Milano, Claudio (2017): Overtourism and Tourismphobia: Global Trends and Local Contexts, Technical Report, Ostelea School of Tourism & Hospitality, Barcelona.
Nassehi, Armin (2008): Die Zeit der Gesellschaft. Auf dem Weg zu einer soziologischen Theorie der Zeit, 2. Aufl., Wiesbaden: VS.
Saretzki, Anja (2019): Haben Touristen ein Recht auf Stadt?, in: Reif, Julian/Eisenstein, Bernd (Hrsg.): Tourismus und Gesellschaft: Kontakte, Konflikte, Konzepte, Berlin: Erich Schmidt Verlag (im Erscheinen).
Steen Jacobsen, Jens Kr. et al. (2019): Hotspot Crowding and Over-tourism: Antecedents of Destination Attractiveness, in: Annals of Tourism Research, 76, 53-66.
TourComm (2018): Overtourism in Deutschland, Weinheim 2018.
Zerva, Konstantina et al. (2018): Tourism-philia Versus Tourism-phobia: Residents and Destination Management Organization’s Publicly Expressed Tourism Perceptions in Barcelona, in: Tourism Geographies, 21(2), 306-329

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