Suburbanität durch Dichte

Vergibt Christoph Ingenhoven die Chance einer Alternative zur gescheiterten WerkbundStadt? Ein Kommentar von Uli Hellweg

Text: Hellweg, Uli, Berlin

    Modell der gescheiterten "WerkbundStadt", die sich aus Häusern von 33 Architekturbüros zusammengesetzt hätte.
    Foto: WerkbundStadt

    Modell der gescheiterten "WerkbundStadt", die sich aus Häusern von 33 Architekturbüros zusammengesetzt hätte.

    Foto: WerkbundStadt

    Stattdessen vom Eigentümer beauftragt: ingenhoven architects mit dem Projekt "Spreebord"
    Abb.: Ingenhoven Architects

    Stattdessen vom Eigentümer beauftragt: ingenhoven architects mit dem Projekt "Spreebord"

    Abb.: Ingenhoven Architects

    Abb.: Ingenhoven Architects

    Abb.: Ingenhoven Architects

Suburbanität durch Dichte

Vergibt Christoph Ingenhoven die Chance einer Alternative zur gescheiterten WerkbundStadt? Ein Kommentar von Uli Hellweg

Text: Hellweg, Uli, Berlin

Es hätte eine spannende Auseinandersetzung zwischen zwei städtebaulich-architektonischen Haltungen werden können: neuer moderner Stadtbau versus Berliner Blockrandstadt; demokratische Planung statt elitärer Selbstermächtigung, Architektur als partizipativer Prozess statt erratischem Geniestreich. Es hätte die Chance bestanden, ein neues Stück Stadt mit dem städtebaulichen Mut der Züricher „Kalkbreite“, der Nutzungsvielfalt von „Kop van Zuid“ und der Experimentierfreude des „Hauses der Statistik“ zu gestalten. Kein anderes innerstädtisches Areal in Berlin hat gegenwärtig soviel Potential für innovative neue Quartiersentwicklung wie das ehemalige Tanklager an der Spree. Dass dieser Chance jetzt droht, vertan zu werden, ist freilich nicht nur dem Büro Ingenhoven anzulasten.
Zur Erinnerung (Bauwelt 25.2018): Das vom Deutschen Werkbund Berlin 2014 ins Leben gerufene Modell-Projekt „WerkbundStadt“ war 2018 an den heute üblichen Spekulationsmechanismen, der Untätigkeit des Bezirks Charlottenburg-Wilmersdorf und der Gutgläubigkeit der Initiatoren gescheitert. Das 2,8 ha große Grundstück, dessen Bodenwert 2014 noch mit 200 €/qm im Bodenrichtwertatlas des Landes Berlin vermerkt ist, wurde vom damaligen Eigentümer, dem Hamburger Tanklager-Fabrikanten Michael Lange, Anfang 2018 für 56 Millionen an die Investa Holding GmbH aus Eschborn und die Baywobau Bauträger AG aus Grünwald in Bayern verkauft. In nur vier Jahren hatte das WerkbundStadt-Projekt den Bodenwert der Brache auf das Zehnfach (2.000 €/qm gem. BRW-Karte Berlin 1.1.2019) hochkatapultiert – ein selbst in Berlin einmaliger Spekulationsgewinn für ein Gewerbegebiet.
Die neuen Eigentümer hatten von Anfang an kein Interesse an der parzellenorientierten WerkbundStadt und schon gar nicht an der Zusammenarbeit mit 32 Architekten. Im Oktober 2018 kündigten Investa und Co. die Zusammenarbeit mit dem Deutschen Werkbund Berlin und den WerkbundStadt-Architekten unter fadenscheinigen Gründen auf und beauftragten Christoph Ingenhoven mit der Neuplanung des Gebietes. Ingenhoven war selbst Mitglied der Gruppe der 32, die sich im WerkbundStadt-Projekt zusammengetan hatten, um kollegial, kooperativ - und praktisch honorarfrei – das Konzept der „WerkbundStadt“ zu erarbeiten. Sein Beitrag waren multiple „Space-Boxes“ mit adaptierbaren Grundrissen („anpassungsfähig an Wohnformen, Sozialstrukturen, Lebensgemeinschaften, Senioren“), öffentlichen EG-Zonen und hohen ökologischen Ansprüchen („DGNB Platin“, „recyclebare Bau- und Werkstoffe“, „elementierte/demontierbare Konstruktion“, „keine Kompositwerkstoffe“ etc.).
Das was jetzt im Rahmen der gesetzlich vorgeschriebenen Öffentlichkeitsbeteiligung im Bezirksamt Berlin Charlottenburg-Wilmersdorf bzw. im Internet* gezeigt wird, hat zwar noch längst nicht den Konkretisierungsgrad der „WerkbundStadt“, genügt aber dem Bezirk offensichtlich, um sich der Pflicht des § 3 Abs. 1 BauGB zu entledigen. Das was erkennbar ist, könnte entgegengesetzter zu Philosophie und Städtebau der WerkbundStadt nicht sein – allerdings auf einem Niveau, das jede Chance für einen streitbaren Dialog zwischen den beiden Konzepten im Keim erstickt.
Ingenhovens Pläne zeigen jetzt einen amorphen suburbanen Städtebau aus Hochpunkten zwischen 35 und 65 m bzw. 90 m und flacheren Gebäuden an den Rändern in Berliner Traufhöhe. Die östlichen und westlichen Baukörper winden sich wie zwei Schlangen durch eine als „Communal Garden“ bezeichnete Grünfläche. Ist es tatsächlich ernst gemeint, dass diese Fläche, wie in den englischen „Communal Gardens“ üblich, nur den unmittelbaren Anwohnern zur Verfügung steht, regelmäßig „gated“ ist oder zumindest abends verschlossen wird? Ist das das neue Berliner Stadtquartier?
Eine städtebauliche Logik lässt sich in den Plänen nicht erkennen – außer der des Immissionsschutzes und der bauordnungsrechtlichen Abstandsflächen. Büro- und Wohngebäude weisen keinerlei gebäudetypologischen Unterschiede auf. Die Hochhäuser sehen aus wie Kondominiums in asiatischen oder osteuropäischen Vorstädten. Was kleinteilige und vielfältige Nutzungsmischung auf der Etage sein könnte, ist eine monofunktionale Immissionsschutzbebauung mit Bürotürmen. Warum Ingenhoven seine architektonisch und ökologisch anspruchsvollen „Space Boxes“ für aus den Fugen geratene „Kondos“ aufgibt, erschließt sich nicht. Aussagen über Erdgeschoß-Nutzungen finden sich genauso wenig wie Angaben zu Parzellierbarkeit oder Erschließung. Was der „Sozial Campus“ an der unattraktivsten Stelle im Norden des Gebietes an der Quedlinburger Straße beinhalten soll, außer einer Kita, bliebt genauso offen wie die Frage, wo und wieviel geförderte Wohnungen gebaut werden sollen. Warum müssen die vorhandenen Altbauten für einen „Sozial Campus“ abgerissen werden, wenn sie für preiswerte Wohnungen genutzt werden könnten? Auf einen Bebauungsplan-Entwurf verzichtet der Bezirk gänzlich, sodass man nichts über mögliche Baugrenzen, BGF, GFZ, öffentliche und private Flächen etc. erfährt. Die Verhältnisse stehen auf dem Kopf: war die hohe Dichte von GFZ 3,4 in der WerkbundStadt (bei allen noch offenen Fragen!), die Folge des Städtebaus, so ist nun der Städtebau das schematische Resultat der ökonomisch geforderten Dichte.
Die dem interessierten Bürger jetzt im Rahmen der „frühzeitigen Öffentlichkeitsbeteiligung“ präsentierten Pläne werfen viele Fragen auf. Warum besteht das ausgelegte Material ausschließlich aus Plänen des Büros Ingenhoven? Hat der Bezirk keine eigenen Vorstellungen mehr, wie dies noch bei der WerkbundStadt der Fall war? Warum zeigt der Bezirk den Bürgern keine Alternativen auf? Warum wurde bei einem so bedeutsamen Projekt kein Wettbewerb mit Öffentlichkeitsbeteiligung durchgeführt? Was ist die Haltung der Senatorin, was die der Senatsbaudirektorin? Oder geht nur um das Planungsrecht für „ca. 1030 Wohnungen in der WerkbundStadt“, die der Bezirk laut Vertrag mit dem Senat vom Februar 2018 schaffen muss?
Angesichts der bisher vom Bezirk vertretenen Ansprüche, die mit dem Konzept der WerkbundStadt inhaltlich weitgehend identisch waren, ist das Vorgehen Berlins unverständlich und in sich zutiefst widersprüchlich. Kann Berlin, das gerade mal wieder über eine IBA diskutiert, es sich leisten, einen der prominentesten innerstädtischen Entwicklungsstandorte so banal zu verplanen? Senat und Bezirk sollten sich besinnen, und umgehend die Reset + Neustart-Taste drücken, um ein wirkliches Modellprojekt innovativer Innenentwicklung auf den Weg zu bringen.
-
Uli Hellweg leitet das Planungs- und Consultingbüro Hellweg Urban Concept in Berlin und war Vorsitzender des Deutschen Werkbunds Berlin. Von 2006 bis 2014 war er Geschäftsführer der Internationalen Bauausstellung IBA Hamburg GmbH. Zuvor leitete er mehrere große Entwicklungsgesellschaften, u.a. die Wasserstadt Berlin GmbH, die DSK (Wiesbaden) und die agora s.a.r.l. (Luxemburg)
Fakten
Architekten Ingenhoven Architects, Düsseldorf
aus Bauwelt 13.2019
Artikel als pdf

1 Kommentare


Ihr Kommentar






loading
loading

18.2019

Das aktuelle Heft

Bauwelt Newsletter

Immer Freitags: das Wichtigste der Woche. Dazu: aktuelle Jobangebote, Auslobungen und Termine.