Polcevera Park und Red Circle Genua

Manchmal müssen Städte auch Katastrophen aushalten. Genua traf es 2018 hart, als die Polcevera Brücke einstürzte. Am Ort des Unglücks soll nun eine Geste entstehen, die an die Opfer erinnert, aber zugleich den Überlebenden Mut und Hoffnung für die Zukunft gibt.

Text: Lülfsmann, Ina, Berlin

    Blick über das Polcevera Tal Richtung Hafen. Die kreisrunde Fußgängerbrücke umschreibt den Bereich, der vom Einsturz der alten Brücke 2018 betroffen war.
    Abb.: The Big Picture

    Blick über das Polcevera Tal Richtung Hafen. Die kreisrunde Fußgängerbrücke umschreibt den Bereich, der vom Einsturz der alten Brücke 2018 betroffen war.

    Abb.: The Big Picture

    Das Landschaftskonzept gliedert das Tal in Strei­fen mit verschiedener Botanik. In die Struktur eingebettet ist die Gedenk­skulptur „Genua im Wald“. Sie wurde bereits im August ein­geweiht.
    Abb.: The Big Picture

    Das Landschaftskonzept gliedert das Tal in Strei­fen mit verschiedener Botanik. In die Struktur eingebettet ist die Gedenk­skulptur „Genua im Wald“. Sie wurde bereits im August ein­geweiht.

    Abb.: The Big Picture

    Abb.: Inside Outside

    Abb.: Inside Outside

    Renzo Piano ließ sich für den Entwurf der neuen Brücke vom Schiffsdesign inspirieren.
    Abb.: Renovatio design

    Renzo Piano ließ sich für den Entwurf der neuen Brücke vom Schiffsdesign inspirieren.

    Abb.: Renovatio design

Polcevera Park und Red Circle Genua

Manchmal müssen Städte auch Katastrophen aushalten. Genua traf es 2018 hart, als die Polcevera Brücke einstürzte. Am Ort des Unglücks soll nun eine Geste entstehen, die an die Opfer erinnert, aber zugleich den Überlebenden Mut und Hoffnung für die Zukunft gibt.

Text: Lülfsmann, Ina, Berlin

Am 14. August 2018 stürzte das Polcevera Viadukt, oder, wie die Autobahnbrücke über den Fluss Polcevera inoffiziell genannt wurde: die Morandi-Brücke, ein und hinterließ Chaos. Sowohl im darunterliegenden Tal als auchauf den Straßen in ganz Genua. Die Brücke war eine der wichtigsten Ost-West-Verbindungen der Stadt und das Tal musste ab sofort ersatzlos umfahren werden. Doch: Der Bau einer neuen Brücke, von Renzo Piano, ging erstaunlich schnell. Innnerhalb von zwei Jahren stand sie, die San-Giorgio-Brücke, benannt nach dem Schutzpatron der Stadt. Die Bauzeit betrug nur 15 Monate, beschleunigt mit Hilfe der Behörden in Rom in Form von verringerter Bürokratie, und selbst während der Corona-Pandemie konnten die Bauarbeiten unverändert weiterlaufen.
Renzo Piano, der in Genua aufgewachsen ist, nennt das neue Bauwerk eine urbane Brücke: Sie soll mit der Landschaft harmonisieren und sich nicht ins Blickfeld drängen. Das gelingt durch eine helle Farbigkeit, schlanke Abmessungen und schlichte Gestaltung der Struktur, der Konstruk­tion und der Gründung. Ein derart behutsames Entwerfen ist womöglich die beste Herangehensweise, bedenkt man, wie sehr das Vertrauen in Bauwerke wie dieses bei den Genuesen, vielleicht in ganz Italien und der restlichen Welt beschädigt wurde.
Um die Wunde der Stadt nicht nur zu flicken, sondern auch zu heilen, soll in Zukunft unterhalb der Brücke ein neuer Park entstehen. Das Konzept dazu lieferte der italienische Architekt Stefano Boeri zusammen mit Metrogramma und Studio Laura Gatti aus Mailand und Inside Outside aus Amsterdam. Das in Streifen angelegte botanische Grundgerüst führt die lineare Richtung der unter der Brücke verlaufenden Bahngleisen, Autobahnen und des Flusses Polcevera fort. Jeder Streifen, mit einer Breite von sieben bis zwanzig Meter, besitzt eine andere botanische Landschaft und repräsentiert damit die Vielfalt des Mittelmeerraums. Die lokale Flora findet auch in der Gedenkskulptur „Genua im Wald“ Platz: Der Künstler Luca Vitone entwarf eine Installation aus 43 unterschiedlichen Bäumen des mediterranen Klimas auf einem zweireihigen Ring. Jeder Baum steht für eines der Todesopfer des Brückeneinsturzes 2018.
Durch den Park wird die Stadt in diesem Bereich sogar besser funktionieren als vorher, so zumindest der Vorsatz: Auch ohne das Ereignis im August 2018, das seitdem bei der Erwähnung Genuas stets in den Sinn kommt, war die Stadt sowohl wirtschaftlich als auch demografisch und kulturell am Schrumpfen. Der buchstäbliche Wegfall der Verbindung der beiden Talseiten beschleunigte diese Entwicklung, besonders der um­liegende Einzelhandel litt. Das Polcevera-Projekt soll dieses Stück Stadt wiederbeleben. Eine rote, kreisrunde Stahlstruktur, der Red Circle, vereint die einzelnen Elemente des Parks, und dient als Fuß- und Fahrradweg. Das Material soll symbolisch für die lokale Tradition der Hochöfen, Hoch- und Baukräne stehen. Der Ring ist eine 1570 Meter lange und sechs Meter breite Skulptur mit einem Radius von 250 Metern.
Ein Gegenstück zu den horizontalen Brückenelementen bildet ein 120 Meter hoher Windturm, ebenfalls rot und aus Stahl. Er erzeugt mittels Windturbinen Energie, da der Park neben dem Gedenken der Opfer die Erzeugung von erneuerbaren Energien thematisiert. Die sogenannten „World Buildings“, die einen nicht weiter definierten Mix an Funktionen beinhalten sollen, werden mit Sonnenkollektoren ausgestattet. Zudem besitzt der Red Circle einen speziellen Bodenbelag, der sich den sogenannten Piezoeffekt zunutze macht. Dabei wird elektrische Spannung an Festkörpern durch deren elastische Verformung erzeugt. Der Weg erzeugt also Strom, wenn jemand auf ihm geht oder fährt.
Das ganze Projekt um das Polcevera Tal ist von gemischten Gefühlen begleitet. Zwar sprach Renzo Piano zur Eröffnung der Brücke von einer „Geste des Friedens“, die Angehörigen der Opfer werden wohl noch lange mit dem Unglück zu schaffen haben. Wenn sie vielleicht auch keinen Frieden mit der Ungerechtigkeit finden, so bleibt die Möglichkeit, die Neubauten als ein Zeichen der Versöhnung wahrnehmen. Der Blick nicht nur auf die Autotrasse für die Durchfahrenden, sondern auch ins Tal für die hier Lebenden könnte einen Aufbruch bedeuten. Red Circle könnte helfen, an einem Ort des Unglücks, ein Zukunftszenario zu entwickeln.
Fakten
Architekten Stefano Boeri Architetti, Mailand; Metrogramma, Mailand; Studio Laura Gatti, Mailand; Inside Outside, Amsterdam; Renzo Piano, Genua (große Brücke)
aus Bauwelt 19.2020
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