Mut, Ziele, Taten

Ist hierzulande wirklich alles gut? Neba Sere und Akua Danso von „Black Females in Architecture“ über Chancengleichheit in der Architektur und was es braucht, um die Profession diverser zu gestalten.

Text: Ehret, Ananda, Berlin

Die Gründerinnen von „Black Females in Architecture“. Von links nach rechts: Alisha Morenike Fisher, Selasi Setufe, Akua Danso und Neba Sere
Foto: Ivan Jones

Die Gründerinnen von „Black Females in Architecture“. Von links nach rechts: Alisha Morenike Fisher, Selasi Setufe, Akua Danso und Neba Sere

Foto: Ivan Jones


Mut, Ziele, Taten

Ist hierzulande wirklich alles gut? Neba Sere und Akua Danso von „Black Females in Architecture“ über Chancengleichheit in der Architektur und was es braucht, um die Profession diverser zu gestalten.

Text: Ehret, Ananda, Berlin

Als Mitbegründerinnen von „Black Females in Architecture“ (BFA) sprechen Sie die Probleme der Ungleichheit und mangelnden Diversität innerhalb der Architekturbranche an. Können Sie genauer beschreiben, was BFA macht?
Neba Sere
BFA ist ein Netzwerk für Schwarze Frauen*, die im Feld der Architektur und der gebauten Umwelt aktiv sind. Wir sind für unsere Mitgliederinnen da und bieten Raum, um miteinander ins Gespräch zu kommen. Zudem unterstützen wir sie, indem wir beispielsweise auf Arbeitsmöglichkeiten hinweisen oder Frauen gezielt vernetzen, die sich selbstständig machen wollen. Ein weiterer Aspekt ist, die Sichtbarkeit von Schwarzen Frauen, darunter unserer Mitgliederinnen, in der Branche zu erhöhen.
BFA wurde 2018 gegründet. Wie kam es dazu?
Akua Danso
Neba, ich und die anderen beiden Mitgründerinnen, Selasi Setufe und Alisha Morenike Fisher, haben uns bei einer Veranstaltung der Architecture Foundation in London kennengelernt. Wir unterhielten uns und stellten fest, dass uns unsere Erfahrungen im Studium und bei der Arbeit verband. Wir blieben über eine WhatsApp-Gruppe in Verbindung und begannen bald, Schwarze Frauen in den Chat aufzunehmen, die wir von der Universität oder von der Arbeit kannten. So ist BFA gewachsen.
Heute zählt BFA über 300 Mitglieder weltweit, die in verschiedenen Disziplinen der gebauten Umwelt tätig sind. Warum ist die Vernetzung über Grenzen und Disziplinen hinaus wichtig?
Neba Sere
Schon bevor wir Veranstaltungen in London organisierten, hatten wir aufgrund unserer Whatsapp-Gruppe eine digitale Plattform, die sich schon nach kurzer Zeit über Großbritannien, Europa und die Welt erstreckte. Sie verbindet Frauen miteinander, die mit ähnlichen Problemen zu kämpfen haben, da sie in einer westlich geprägten Architekturwelt tätig sind. Es ist uns wichtig, global zusammenzuarbeiten, denn der Austausch ist wertvoll und die geteilten Erfahrungen sind ausschlaggebend.
Wie kann man sich die Balance ihrer Tätigkeit vorstellen, bei der intern mit den Mitgliedern von BFA gearbeitet wird und zudem der Anspruch besteht, die Öffentlichkeit zu erreichen?
Neba Sere
Seit den Anfängen von BFA gibt es interne Veranstaltungen. Bei den „Wohnzimmertreffen“ beispielsweise sprechen wir über bestimmte Themen. Wir schaffen einen sicheren Ort, an dem man Verletzlichkeit zeigen darf, an dem erzählt und einander zugehört wird. So konnten wir und unsere Mitgliederinnen begreifen, dass wir mit unseren Erfahrungen nicht alleine sind – das ist bestärkend und ermächtigt zu weiteren Schritten. Mit der Zeit sind wir zu einer Organisation herangewachsen, die in der Branche wahrgenommen wird. Wir sind nun in der Lage, Schwarze Frauen in der Welt der Architektur zu repräsentieren und tragen damit eine Verantwortung, unsere Stimmen zu erheben. Aus dieser Entwicklung ergaben sich die öffentlichen Veranstaltungen, zu denen wir jeden einladen, der sich mit den Themen von Rassengerechtigkeit, Diversität und sozialer Gerechtigkeit auseinandersetzen möchte.
Akua Danso Bei den öffentlichen Veranstaltungen arbeiten wir auch mit anderen marginalisierten Gruppen zusammen. Es ist uns wichtig, Gemeinschaften von Menschen mit anderem kulturellen oder ethnischen Hintergrund, anderer Religion oder Sexualität zu unterstützen. Wir führen zudem online Kampagnen durch, um ein Bewusstsein für unsere Anliegen in der Öffentlichkeit zu schaffen. Dabei sprechen wir unteranderem über historische Schlüsselfiguren – Schwarze Frauen, deren Arbeit viele Jahre übersehen wurde. Wir möchten den Beitrag würdigen, den sie zur Forschung, zum Bauen, zum Design, sowie zu Kunst und Literatur geleistet haben.
Nicht nur im Vereinigten Königreich und in Deutschland sind die meisten Architekten weiße Männer. Welche Rolle haben Vorbilder in Ihrer professionellen Entwicklung gespielt?
Akua Danso
Ich hatte überhaupt kein Vorbild, als ich vor zehn Jahren mit dem Architekturstudium begann. Aus meiner Familie war ich die erste in diesem Berufsfeld, und lange kannte ich auch keine anderen Schwarzen Frauen in meinem Studium oder bei der Arbeit. Mit der Gründung von BFA konnte dieses Vakuum gefüllt werden, denn wir wurden alle Vorbilder für einander: Wir inspirieren uns gegenseitig und lernen voneinander.
Neba Sere Ich bin Deutsche und habe an der RWTH Aachen meinen Bachelor gemacht. Obwohl ich die Auseinandersetzung mit Architektur sehr gern mochte, hatte ich eine extrem schwere Zeit. Heute glaube ich, dass einer der Hauptgründe darin lag, dass ich mich nicht in dieser Institution sehen konnte. Die meisten Professoren waren Männer, nur einmal hatte icheine Professorin, alle waren deutsch, und ich war die einzige Schwarze Frau. Es gab überhaupt sehr wenige Leute anderer ethnischer Herkunft an der Hochschule, obwohl Deutschland divers ist, besonders in den größeren Städten. Ich bin nach London gegangen, da ich mir nicht vorstellen konnte, in Deutschland berufstätig zu sein. Als ich in London die Straße hinunterlief, war das ein großartiges Gefühl: Ich fühlte mich zum ersten Mal als Teil des städtischen Gefüges. Es war ähnlich als ich meinen Master in London begann, denn die Studentenschaft ist wesentlich vielfältiger, und es gibt zumindest ein paar Schwarze Frauen in der Architektur. Mit der Zeit lernte ich, dass es auch hier viele Probleme gibt. Dennoch dachte ich, es hier viel eher schaffen zu können als in Deutschland.
Statistiken des Royal Institute of British Architects (RIBA) suggerieren, dass im Vereinigten Königreich Schwarze Studierende seltener als weiße alle drei Teile der Architekturausbildung vollenden. Im dortigen Hochschulsystem ist das vergleichbar zu den deutschen Stufen Bachelor, Master und anschließende Praxiserfahrung. Bedeuten diese Zahlen, dass es Schwarze Studierende schwerer an den Hochschulen haben?
Neba Sere
Es stimmt, dass weniger das Studium so vollenden, wie es im System vorgesehen ist. Das hat unterschiedliche Gründe, beispielsweise die hohen Kosten für das Studium im Vereinigten Königreich oder die mangelnde Unterstützung an den Institutionen. Ich glaube aber, dass diese Zahlen ein weiteres Problem des Hochschulsystems offenlegen und eine festgefahrene Auffassung von Erfolg und Misserfolg kommunizieren. Architektur ist ein weites Feld und beinhält viele verschiedene Disziplinen. Es gibt unzählige Möglichkeiten: Man kann in die Planung gehen, Desig-ner oder Projektmanager werden. Es bedeutet also nicht, dass ein Student weniger erfolgreich ist, wenn er das Architekturstudium nach den ersten drei Jahren beendet. Vielmehr verdeutlicht es, dass das Ausbildungssystem nicht gut darin ist eine diverse Studentenschaft individuell zu fördern.
Wie denken Sie über den Lerninhalt des Architekturstudiums? Ist dieser divers genug aufgestellt?
Neba Sere
Der eurozentrische Lehrplan in der Architekturausbildung ist ein Problem. Besprochen werden meist Arbeiten von weißen, männlichen Architekten und es gibt wenig kritische Auseinandersetzung mit dem Lerninhalt. Welt-Architektur wird kaum gelehrt, und wenn doch, wird sie meist als „traditionell“ oder „primitiv“ abgetan. Meine eigene Forschung widmet sich der De-Kolonialisierung von Architektur und des Lehrplans, und ich versuche ein kritisches Verständnis darüber zu fördern, was, wer und wie gelehrt wird.
Akua Danso Arbeiten, wie die von Neba, haben in diesem Jahr schon einigeDiskussionen angeregt. Universitäten und die RIBA zeigen den Willen, ihre Lehrpläne umzugestalten. Das würde neue, hoch interessante Inhalte für die Studenten bieten, von denen sie viel lernen können – das gilt natürlich für weiße und nicht weiße Studenten.
Neba Sere Um ein Beispiel zu nennen: Ein Mitglied von BFA, sie lehrt an der Universität in Kingston, ist kürzlich mit ihren Studenten nach Ghana gereist, um dort mit dem gesamten Kurs lokale Wohnungstypologien zu erforschen. Ich finde das großartig, so können sie lernen, dass Architektur
in afrikanischen Ländern genauso spannend ist wie in Italien oder Japan.
Können Sie ein paar der Hürden beschreiben, mit denen Schwarze Frauen konfrontiert sind, wenn sie nach der Ausbildung ihre Karriere in der Branche verfolgen?
Akua Danso
Es beginnt bei der Arbeitssuche und bei der unbewussten Voreingenommenheit, auf die man dabei stößt. Ein Name, der nach einer anderen ethnischen Herkunft klingt, kann bedeuten, dass der Arbeitgeber einen nicht einstellt, da er glaubt, man passe nicht in die derzeitige Unternehmenskultur. Es scheint eine unsichtbare Grenze zu geben, die einen davon abhält, in der Karriere voranzukommen. Es gibt sehr wenige Schwarze Frauen in Führungspositionen, und es ist sehr schwer, befördert zu werden oder mehr Verantwortung zu bekommen. Natürlich spielen hier auch die fehlenden Vorbilder eine Rolle. Wenn niemand, der so aussieht wie du, eine leitende Position besetzt, wie soll man sich ermutigt fühlen, eine solche anzustreben? Als Resultat dieser Hürden und des Gefühls, in den Firmen keine Chancen zu haben, mussten es viele Mitglieder von BFA auf anderem Weg versuchen: Sie machen sich selbstständig oder schlugen alternative berufliche Wege ein.
Neba Sere Das kann mit individuellem Interesse zu tun haben, doch ein häufiger Grund dafür ist, dass man nicht in die Architekturwelt zu pas­sen scheint. Irgendwie muss man schließlich seine Rechnungen bezahlen.
Aus historischen Gründen werden in Deutschland keine Daten über ethnische Zugehörigkeit erhoben. Es gibt also auch im Bereich der Architektur keine offiziellen Statistiken über die Ungleichheiten in diesem Zusammenhang. Sehen Sie Statistiken als hilfreich an, um die unausgewogene Demografie der Profession zu kommunizieren?
Neba Sere
Wir halten die Erhebung von Daten für sehr nützlich, doch muss man auch vorsichtig damit sein. Aufgrund der Statistiken hierzulande können wir sehen, dass es Schwarze Studierende schwerer in der Ausbildung haben oder dass 95 Prozent aller Architekten weiß und 75 Prozent männlich sind – das sind wichtige Argumente. Allerdings werden solche Daten noch nicht lange erhoben und es ist nicht möglich, sie mit älteren Daten zu vergleichen. Die persönlichen Erfahrungen unserer Mitglieder bieten nachwievor die beste Basis für unsere Argumentation.
Architekten und Planer, die vorrangig der selben Bevölkerungsgruppe angehören, können nicht die diverse Gesellschaft repräsentieren, der sie dient. Welche Auswirkungen hätte eine vielfältigere Architekturbranche auf die Produktion von Raum?
Akua Danso
Ich glaube, es würden mehr inklusive und besser zugängliche Gebäude entstehen – für Menschen jeder Generation, jedes kulturellen Hintergrunds, jeden Geschlechts und für Menschen mit eingeschränkter Mobilität. Vielfältigere Planungsteams würden das Bewusstsein für Gerechtigkeit in der Branche erhöhen und womöglich zu besserer Kommunikation zwischen Planern und Gebäudenutzern führen.
Neba Sere Aufgrund einer Umfrage bei BFA wissen wir, dass über die Hälfte unserer Mitglieder an sozialen, partizipativen Prozessen interessiert ist. Ich bin mir sicher, dass die eigene Erfahrung von Ausgrenzung zu einem Feingefühl und Verantwortungsbewusstsein führt. Viele sehen Architektur als Werkzeug an, um Menschen eine Stimme zu geben und sind überzeugt, dass in der Planung oder im öffentlichen Dienst bestehende Systeme verändernt werden können. Der stetige Wandel, dem Städte unterliegen, muss von sozialer Gerechtigkeit geprägt sein.
Die globale „Black Lives Matter“- Bewegung schafft Bewusstsein für strukturellen Rassismus und hilft, transformative Prozesse in Gang zu bringen. Aber es gibt noch viel zu tun. Wie kann jeder in der Welt der Architektur zu positiven Veränderungen beitragen?
Neba Sere
Man muss hier zwischen kurzfristigen und langfristigen Handlungen unterschieden. Aufmerksamkeit und Solidarität ist gut, aber nicht genug. Ich sehe die Gefahr, dass sich die Diskussion zu einem Trend entwickelt und ein Hashtag in den sozialen Medien eine zwischenmenschliche Auseinandersetzung ersetzt. So finde ich es problematisch, wenn eineFirma ein schwarzes Quadrat als Zeichen der Solidarität auf Instagram postet, sich dann aber nicht nach dem Befinden ihrer Schwarzen Angestellten erkundet. Rassismus braucht die zwischenmenschliche Ebene, um besiegt zu werden. Zudem ist es wichtig, dass Firmen die Verantwortung nicht auf ihre Schwarzen Angestellten abschiebt, sie beispielsweise direkt bittet, eine Rede in der Firma zu halten und all ihre Probleme zu schildern. Rassismus zu bewältigen, erfordert das Handeln aller.
Akua Danso Die finanzielle Unterstützung von Organisationen, die sich wiewir für Gleichberechtigung einsetzen, sind hilfreich. Diese Arbeit wird meist freiwillig nebenberuflich geleistet, doch sie kostet Geld. Wie schon erwähnt, braucht es neue Strategien an den Hochschulen, und ein großer Teil der Veränderungen muss in den Firmen stattfinden. Arbeitserfahrung zu sammeln muss ermöglicht und die Chance auf berufliche Weiterentwicklung geboten werden. Zudem müssen Angestellte gut behandelt und fair bezahlt werden – unabhängig von Geschlecht oder Hautfarbe.
Neba Sere Es müssen klare Ziele gesetzt und auch öffentlich kommuniziert werden. Gerade große Firmen sollten Aussagen treffen, wie sie die Arbeitsplätze in Zukunft besetzten wollen und wie sie ihre Angestellten bezahlen. Ob sie ihre Versprechen halten, sollte dann auch überprüft werden. Es ist zudem wichtig, Diversitätsbeauftrage einzustellen und dafür zu sorgen, dass Angestellte sich sicher fühlen, angehört und repräsentiert werden. Der Kampf gegen Rassismus gleicht einer langen und schwierigen Reise. Jede Person und jede Firma, muss sich bewusst für diese entscheiden und den Mut aufbringen, sie anzutreten.
Aus dem Englischen von Ursula Karpowitsch
* Schwarz wird als Selbstbezeichnung großgeschrieben, um zu verdeutlichen, dass es sich um ein konstruiertes Zuordnungsmuster handelt und keine reelle „Eigenschaft“,die auf die Farbe der Haut zurückzuführen ist.

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