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In Hongkong tauchten die ersten Lennon Walls während der Proteste der Regenschirm-Bewegung 2014 auf. Später löste das Graffiti die mit handschriftlichen Haftnotizen bedeckten Wände ab, und politische Schriftzüge und Zeichen tauchten überall in der Stadt auf. Die Regierung antwortete 2019 schließlich mit einer offensichtlichen Zensur: Sie überdeckte, übermalte und überklebte plump die Botschaften. Eine Analyse der Graffiti-Bekämpfung.

Text: Maes, Hans Leo, Hongkong

    Überdeckt: Das akkurate Rechteck ist die beliebteste Methode, um die Graffiti-Botschaften der Protestbewegung zu beseitigen.
    Foto: Hans Leo Maes

    Überdeckt: Das akkurate Rechteck ist die beliebteste Methode, um die Graffiti-Botschaften der Protestbewegung zu beseitigen.

    Foto: Hans Leo Maes

    Der in Hongkong lebende Fotograf und Autor Hans Leo Maes schreibt in der Stadtbauwelt 19.2020: "So wurde der Guerillakrieg zwischen den Protestierenden mit ihren Spraydosen ...
    Foto: Hans Leo Maes

    Der in Hongkong lebende Fotograf und Autor Hans Leo Maes schreibt in der Stadtbauwelt 19.2020: "So wurde der Guerillakrieg zwischen den Protestierenden mit ihren Spraydosen ...

    Foto: Hans Leo Maes

    ... und der Stadtreinigung mit ihren Farbeimern, Kunststofffolien und Reinigungsmitteln zu einem Faden im Wandteppich der Protestgeschichte in Hongkong."
    Foto: Hans Leo Maes

    ... und der Stadtreinigung mit ihren Farbeimern, Kunststofffolien und Reinigungsmitteln zu einem Faden im Wandteppich der Protestgeschichte in Hongkong."

    Foto: Hans Leo Maes

    "Zensur wurde in der Stadtlandschaft greifbar, zum Anfassen, und die stummen Formen, die sie hervorbrachte, waren sowohl bedrohlich als auch seltsam verführerisch."
    Foto: Hans Leo Maes

    "Zensur wurde in der Stadtlandschaft greifbar, zum Anfassen, und die stummen Formen, die sie hervorbrachte, waren sowohl bedrohlich als auch seltsam verführerisch."

    Foto: Hans Leo Maes

    Verhüllt: Damit die Botschaften möglichst nur kurz zu lesen sind. Das Gebäude der Justiz­behörde wurde vorsorglich eingepackt.
    Foto: Hans Leo Maes

    Verhüllt: Damit die Botschaften möglichst nur kurz zu lesen sind. Das Gebäude der Justiz­behörde wurde vorsorglich eingepackt.

    Foto: Hans Leo Maes

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    Foto: Hans Leo Maes


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    Foto: Hans Leo Maes

    Foto: Hans Leo Maes

    Foto: Hans Leo Maes

    Hans Leo Maes: "Auch wenn gründliche Reinigungsversuche unternommen wurden, so scheiterten sie oft daran, alle Spuren von Vandalismus zu beseitigen. ...
    Foto: Hans Leo Maes

    Hans Leo Maes: "Auch wenn gründliche Reinigungsversuche unternommen wurden, so scheiterten sie oft daran, alle Spuren von Vandalismus zu beseitigen. ...

    Foto: Hans Leo Maes

    ... Übrig blieben lichtdurchlässige Wolken von abgewischten Flecken, manchmal noch lesbar, deren Ästhetik immer die herrschende Stimmung wachrief."
    Foto: Hans Leo Maes

    ... Übrig blieben lichtdurchlässige Wolken von abgewischten Flecken, manchmal noch lesbar, deren Ästhetik immer die herrschende Stimmung wachrief."

    Foto: Hans Leo Maes

    Verschmiert: impressionistische Erscheinungen an und in Haltestellen.
    Foto: Hans Leo Maes

    Verschmiert: impressionistische Erscheinungen an und in Haltestellen.

    Foto: Hans Leo Maes

    Durchgepaust und verschleiert: die grobe Besei­tigung der Graffiti mithilfe der Nachzeichnung. Die Schriftzeichen sind dennoch lesbar.
    Foto: Hans Leo Maes

    Durchgepaust und verschleiert: die grobe Besei­tigung der Graffiti mithilfe der Nachzeichnung. Die Schriftzeichen sind dennoch lesbar.

    Foto: Hans Leo Maes

    Das „Action Cleaning“ fand man vor allem in U-Bahnstationen und an Haltestellen.
    Foto: Hans Leo Maes

    Das „Action Cleaning“ fand man vor allem in U-Bahnstationen und an Haltestellen.

    Foto: Hans Leo Maes

    Mehr in der Stadtbauwelt 19.2020: Robust
    Foto: Hans Leo Maes

    Mehr in der Stadtbauwelt 19.2020: Robust

    Foto: Hans Leo Maes

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In Hongkong tauchten die ersten Lennon Walls während der Proteste der Regenschirm-Bewegung 2014 auf. Später löste das Graffiti die mit handschriftlichen Haftnotizen bedeckten Wände ab, und politische Schriftzüge und Zeichen tauchten überall in der Stadt auf. Die Regierung antwortete 2019 schließlich mit einer offensichtlichen Zensur: Sie überdeckte, übermalte und überklebte plump die Botschaften. Eine Analyse der Graffiti-Bekämpfung.

Text: Maes, Hans Leo, Hongkong

In Hongkongs Protestsommer 2019 kam es zur massenhaften Ausbreitung von Graffiti und Street Art. Sie waren Ausdruck eines Dissenses mit der Regierung, als diese immer härter durchgriff. Während die Stadt anfangs der Jagdgrund einiger bekannter Street-Art-Künstler wie King of Kowloon und Invader war, wurde diese Kunstform später von Wirtschaft und Regierung genutzt − für das Marketing und Branding der Stadt und um die Instagram-Generation zu erreichen.
Die höchst politischen und kreativen Ergüsse auf den Straßen Hongkongs schienen mit der Niederlage und dem Ende der Regenschirm-Bewegung 2014 verschwunden zu sein. Die Ereignisse von 2019 erwiesen sich jedoch als Katalysator für den Widerstand der Kunst: mit Gesängen, Spruchbändern und Kostümierung auf Demonstrationen, aber auch durch Poster, gesprühte Schriftzeichen und Sprüchen, die ab da als beständige Wegmarken im Straßenbild auftauchten.
Lennon Walls entstanden in der Nähe der Metrostationen, in Unterführungen und an Fußgängerübergängen. Ursprünglich bestanden sie aus auf Post-its geschriebenen kurzen Mitteilungen, langsam verwandelten sie sich in ausgearbeitete gemeinschaftliche Kunstwerke, die alles vereinnahmten: von Origami, Mosaikkunst bis zur Skulptur und von Mangas inspirierten Zeichnungen. Sie dienten dazu, die aufkommende Mythologie des Heroischen, die die Proteste und Protestierenden umgab, zu beflügeln. Sie waren Ausdruck einer wiederauflebenden kreativen Energie in Hongkong, wo künstlerische Produktivität in erster Linie immer wirtschaftlich buchstabiert wurde und dessen Ausdruck durch die konservativen Tendenzen einer ultrakapitalistischen Gesellschaft beschränkt war, zu denen sie schlussendlich passen musste. Es kam einem so vor, als hätten viele Kreative nur auf einen solchen Anlass gewartet, um ihre wahre Stimme zu finden und auszudrücken.
Ihre Manifestationen bestätigen die unersetzliche Rolle des öffentlichen Raums als eine Plattform für Kommunikation − trotz der gut organisierten Proteste, die online koordiniert und verbreitet wurden. Es war beeindruckend zu sehen, wie oft Leute darin vertieft waren, Poster zu lesen, die komplizierte Infografiken oder fotografische Beweise für Polizeiübergriffe zeigten. Obwohl sich ältere Bürger normalerweise auf die Rezeption verfälschter Nachrichten der parteilichen Massenmedien beschränken, waren gerade sie besonders eifrige Konsumenten dieser Graswurzelbewegung. Aber auch unter jungen Leuten gab es eine wahre Leidenschaft für den Austausch und die Verbreitung von Ideen außerhalb von Online-Gruppen und Chats. Es war der Wunsch, den Dialog auszuweiten und nicht nur zu den eh schon Überzeugten zu predigen, sondern Argumente und Meinungen, die nicht in den konventionellen Medien behandelt wurden, zu verbreiten.
Neben diesen eher elaborierten Beispielen von Street Art gab es auch gröbere Graffiti, die überall auftauchten, auf nackten Wänden und Fassaden, auf Bürgersteigen und Fußgängerbrücken, unter Viadukten und an Bushaltestellen. Sie wurden oft hastig während immer wieder aufflammenden Protesten angebracht. Wenn die Lennon Walls die intellektuellen und ästhetischen Antworten auf den Konflikt sind, dann ist das Graffiti die reflexartige Reaktion auf die Repression: oft grob, sarkastisch, voller Schreibfehler und Beleidigungen, manchmal poetisch und raffiniert, Philosophen und historische Persönlichkeiten zitierend. Es gab Wörter und Sätze auf Chinesisch, aber auch auf Englisch, Latein und Französisch. Sie sind wie eine unbewusste Frustration der Stadt, die ungehindert an jeder verfügbaren, freien Fläche des öffentlichen Raums hervortritt.
Beim Vorgehen gegen die Protestkunst waren die Behörden schnell zur Stelle, was ganz untypisch ist, da sie normalerweise nicht gerade dafür bekannt sind, sich für die Sauberkeit der Straßen zu interessieren. Die Lennon Walls wurden anfangs noch größtenteils toleriert, dann aber von Regierungssympathisanten niedergerissen oder von Reinigungskommandos ausgemerzt und das umso häufiger, je länger die Proteste andauerten. Sie wurden auch zum Ort von gelegentlich gewaltsamen Auseinandersetzungen, wenn junge Leute, die diese Kunstwerke anfertigten, verbal oder physisch angegriffen wurden. Poster wurden abgekratzt, abgespritzt oder übermalt. Was übrig blieb, hatte etwas von der Kratzmalerei von Gerhard Richter oder einer Collage von Rauschenberg – ergreifende Fragmente, die stehen geblieben waren unter den Kleberückständen und den schemenhaften negativen Silhouetten der entfernten Poster. Die Tatsache, dass diese „Reinigungsbemühungen“ oft den Standort schmut­ziger als zuvor zurückließ, verweist auf die wahre Motivation hinter diesen Handlungen. Es dauerte nicht lange, bis diese frisch grundierten Leinwände mit neuen Kunstwerken versehen wurden. Die schlichteren Graffiti tauchten immer wieder spontan auf, wann immer eine Oberfläche zur Verfügung stand. Reinigungstrupps kämpften, um mit der Geschwindigkeit ihrer Verbreitung mithalten zu können. So wurde der langsame Guerillakrieg zwischen den Protestierenden mit ihren Spraydosen und der Stadtreinigung bewaffnet mit Farbeimern, Kunststofffolien und Reinigungsmitteln zu einem Faden im Wandteppich der Protestgeschichte, der 2019 gewebt worden war.
Überdeckt
Eine einfache Strategie, um Graffiti verschwinden zu lassen, bestand da­rin, es zu übermalen. Im Laufe des Jahres konnte man Zeuge abstrakter Formen verschiedener Größen und Farben werden, die in der ganzen Stadt auftauchten. Die Farbgebung versuchte manchmal, die originale Farbe des Untergrunds zu treffen, wie wenn man ein hautfarbenes Pflaster auf eine Wunde klebt. Diese subtilen Farbwechsel erinnern an Mark Rothkos geheimnisvolle Farbfelder. Einige ähneln den zufälligen Formen der Zeichnungen von Eduardo Chillida, während die strikteren geometrischen Versuche die visuelle Wirkung einer suprematistischen Komposition hatten.
Jedes frisch gemalte Rechteck war ironischerweise die perfekte Einladung für einen neuen Slogan, für eine neue Provokation − wie ein Manuskript, bei dem die aufeinanderfolgenden Lagen von Korrekturschichten mit offensiven Behauptungen eine sich ausweitende Fehde zwischen einem aufsässigen Autor und einem autoritären Herausgeber zeigt. In ihren besten Zeiten war die Stadt eine schwindelerregende Collage urbaner Fragmente. Durch die Graffiti und die übermalte Vertuschung wurde die Stadt zu einem noch verwirrenderen Labyrinth. Jede weitere Farbschicht ließ Hongkong noch klaustrophobischer wirken. Zensur wurde in der Stadtlandschaft greifbar, zum Anfassen, und die stummen Formen, die leeren Rechtecke, die sie repräsentierten, waren sowohl bedrohlich als auch seltsam verführerisch.
Verhüllt
Manchmal wurde Graffiti zeitweilig mit Kunststoffplanen bedeckt, wenn man auf die Maler- oder Reinigungstrupps wartete, die sich darum kümmern sollten. Die Botschaften wurden erst mal in Quarantäne genommen, um die Öffentlichkeit nicht zu verderben, bevor sie dann vernichtet wurden. Das zeitliche Ausmaß, dem die Leute den als unerwünscht erachteten Botschaften ausgesetzt waren, wurde somit auf ein Minimum beschränkt. Dies galt vor allem für Graffiti an privaten Gebäuden, die auf die mit der Kommunistischen Partei Chinas kooperierenden Geschäfte zielten. Die Hauptsitze der sinnbildhaften alten und neuen Bank of China im Central District waren Hauptorte, wo dieses Phänomen beobachtet werden konnte. Diese Strategie kulminierte letztendlich im alten Bankgebäude und dem Court of Final Appeal, der Justizbehörde Hongkongs. Sie wurden vorsorglich mit Frischhaltefolie verhüllt, um jegliche Verunstaltung der Fassade zu verhindern.
Verschmiert
Auch wenn gründliche Reinigungsversuche unternommen wurden, so scheiterten sie oft daran, alle Spuren von Vandalismus zu beseitigen. Übrig blieben lichtdurchlässige Wolken von abgewischten Flecken, manchmal noch lesbar, deren Ästhetik immer die herrschende Stimmung wachrief.
Diese surrealen gewaltsamen Readymades arbeiteten unabsichtlich daran, all den Schmerz, den Hass und die Dunkelheit, die Hongkongs Bevölkerung erfuhr, in einen unhörbaren existenziellen Schrei zu verwandeln. In ihrer beinahe impressionistischen Erscheinung erinnerten sie an das Hermetische von Cy Twombly. In ihrer poetischen Gewalt waren sie das Hongkonger Äquivalent zu den Schießpulverleinwänden von Cai Guo-Qiang und ließen an William Turners ekstatische Wolken- und Seestücke denken. Sie waren die Rorschach-Flecken in menschlicher Größe, in die hinein wir unsere tiefsten Ängste und Besorgnisse hineinprojizieren konnten.
Bevorzugte Stellen für diese Fälle von „Action Cleaning“, das der Wildheit und Expressivität des Action Paintings gleicht, waren die U-Bahnhöfe und Straßenbahnhaltestellen, wo leere Werbetafeln zu perfekten Leinwänden für diese allegorischen Werke umfunktioniert wurden. Wie im Mittelalter mehrere Tafelbilder, hingen mehrere Spruchbänder nebeneinander und erzählten auf diese Weise Geschichten der Bewegung.
Durchgepaust & verschleiert
Möglicherweise die verblüffendste Anti-Graffiti-Strategie war die, dass die Anstreicher die Originale in einer so wenig gekonnten Art bedeckten, dass das Originalgraffiti nachvollzogen werden konnte und noch lesbar war. Nur dass sie jetzt die Buchstaben und Zeichen in Fettschrift wiedergab. Eine andere Methode − die schiefging − war die, zu wenig oder zu helle Farbe zu verwenden, um die Originalaussage zu überdecken und so im Straßenbild unterschwellig spukhaft überlebte.
Transzendente Botschaften
An sich ist der Vorgang, Graffiti zu entfernen, nicht bemerkenswert. Man wird jedoch im Kontext des politischen Kampfes, wie er in Hongkong stattfindet, das Gefühl nicht los, dass die Unterdrückung diese Praxis mit einer tieferen Bedeutung auflädt. Das Graffiti als solches ist oft nichts außerordentliches, weder im Stil noch in der Substanz, aber der Versuch, es auszuradieren, überführt es in etwas Größeres. Die von den Behörden angewandten Gegenmaßnahmen haben eine Schicht hinzugefügt, im wörtlichen wie im übertragenen Sinn, die das Typische der direkten ursprüng­lichen Botschaft in einen universalen Aufruf verwandeln. Wenn wir Kunst als eine mühevolle Art verstehen, Bedeutungen zu entziffern, dann arbeiteten die Protestierenden und ihre Gegner gemeinsam an einem sich ständig entwickelnden Gesamtkunstwerk.
Das vorrangige Take-away aller entfernten Graffiti wurde die Vernichtung der Redefreiheit. Während es für den neutralen Beobachter leicht ist, bestimmten Sprüchen und Ausrufen zuzustimmen oder sie als diskriminierend, übertrieben oder falsch abzulehnen, verbietet uns ihre Ausradierung diese Rosinenpickerei.
Wenn das Graffiti überdeckt wird, wird das Medium schrittweise zur Botschaft, und das Medium war hier die Malerei. Es bedeutet das Übermalen jeder Äußerung, das Übermalen der Risse und der Uneinigkeit innerhalb der verschiedenen Protestbewegungen. Die Skala möglicher Meinungen wurde genau auf zwei Dinge reduziert, das Pro und Contra: mit oder gegen uns. Das beinhaltete das Regierungshandeln während der Krise: Verweigerung des Dialogs, die Unterdrückung jedes Narrativs, das Erlauben einiger Grautöne, um den Schwarzweißkontrast zu modifizieren. Letztendlich hat diese durch die Regierung veranlasste Radikalisierung nicht zu deren Vorteil beigetragen. Während die Oppositionsparteien in Hongkong sich immer dadurch auszeichneten, dass es einen harten Konkurrenzkampf innerhalb der verschiedenen Fraktionen gab und die Regenschirm-Bewegung wegen der Uneinigkeit zwischen jungen Radikalen und eher pragmatisch demokratischen Politikern gestrandet war, hat die Strategie der Behörden, die gesamte Opposition mit demselben Pinsel zu übermalen, nur dazu gedient, 2019 die Befürworter der Demokratie zu einen.
Die bewiesene aufgezwungene Metabotschaft stellte noch mehr unter Beweis als die Komplexität der darunterliegenden Botschaften. Die versuchte Unterdrückung der Meinungsverschiedenheit diente als mächtiger Motivator, genau wie die Empörung über die zunehmende Polizeibrutalität, die zeitweilig den Widerstand gegen das Auslieferungsabkommen als Hauptanliegen hinter den Demonstrationen überschattete.
Die Paranoia der Abstraktion
Die Ästhetik der überdeckten Graffiti fand deutlichen Widerhall bei den Stadtbewohnern. Fotos wurden in den sozialen Netzwerken geteilt und im Internet wurden sich chinesische Namen für die Schriftart der verschmierten Buchstaben ausgedacht. Die geometrischen Farbkleckse erwiesen sich als mächtige Reaktion auf die Stimmung, die überall in Hongkong herrschte. Wenn wir in das Chaos dieser willkürlich entstandenen Spuren eine Bedeutung hineininterpretierten, war das wohl die Reaktion einer überaktiven Fantasie, die durch Fake News und sonderbaren Spekulationen, denen wir täglich ausgesetzt waren, angeheizt wurde. Ungewollt wandten wir die paranoide kritische Methode an, die von den Surrealisten beinahe ein Jahrhundert zuvor erfunden worden war. Eine Strategie, Verbindungen und Bedeutung in das Sein hinein zu interpretieren, wo logischerweise gar keine sein konnte.
Diese Haltung war eine logische Entwicklung des täglichen heftigen Angriffs von Lügen der Machthabenden, der Autoritäten und der Polizei, deren offenes Zündeln die Zivilgesellschaft in ein absurdes Theater verwandelte. Es war ein Paralleluniversum, wo eine protestierende Frau angeklagt werden konnte, weil sie einen Polizisten mit ihren Brüsten angegriffen hätte, wo es als angemessene Gewalt angesehen wurde, unbewaffnete Kinder in die Brust zu schießen, wo ein Polizeibeamter auf einem Motorrad, der versucht hatte die Protestierenden zu überfahren, wieder in den aktiven Dienst zurückkehren konnte. Das war der Kontext der Bürger, die gleichzeitig auf die vernichteten Graffiti schauten und sie als tiefe Reflexion ihrer gegenwärtigen Situation sahen.
Und hier kommt die Ironie: Es war auch eine Zeit eines Kreativitätsschubs wie niemals zuvor in Hongkong, mit vielen klugen, schönen und bewegenden Kunstwerken, die von Protestierenden geschaffen wurden, um Regierungsverstöße darzustellen und das Heldentum der Protestler zu feiern. Aber ungeachtet dessen, wie ergreifend und anschaulich einige dieser Bilder waren, überwanden sie selten ihren Status als bloße Illustrationen der Ereignisse. Die figurativen Kunstwerke oder gesprühte Slogans konnten niemals vollständig die gleiche Energie der gewaltsamen Zusammenstöße mit der Polizei hervorrufen oder die tiefen Emotionen, wenn man sich mit Gleichgesinnten in einer Menschenkette an der Hand hielt. Wie so oft sprachen die politischen Kunstwerke eloquent zum Kopf, aber ließen nicht automatisch das Herz schneller schlagen.
Erst als diese Kunstwerke und Graffiti entfernt wurden, konnte man etwas von der rohen Kraft ahnen, die die Protestbewegung elektrifizierte. Als die Gesellschaft an einem Punkt angelangt war, wo nichts länger sinnvoll ist, als uns beigebracht wurde, dass schwarz wirklich weiß und weiß schwarz ist, da traten wir hinter den Spiegel und erreichten eine Parallelwelt, wo der kritische Geist an oberster Stelle steht. Wir versuchen, einen Sinn zu finden in dem Chaos, das uns umgibt, Kausalität und Zusammenhänge herzustellen, wo es diese nicht gibt. Der alte Bezugsrahmen ist niedergerissen worden und während wir für die tröstenden oder beunruhigenden Narrative der politischen Street Art anfällig sind, so fängt doch nichts die nihilistische Atmosphäre so ein wie die schweigsamen Qualitäten und die verkörperte Gewalt der ausradierten Graffiti.
Und so war die Kunst, die über die beabsichtigte Darstellung und übertragene Illustration hinausgeht, die den Schmerz und die Besorgnis von Hongkongs Bevölkerung in diesen wenigen Monaten im Griff hatte, kein Akt der Schöpfung, sondern der Zerstörung, des versuchten Ausradierens von weiterer Abstraktion. Es war der unvergleichliche Ausdruck unserer verblüffenden Lage, wo Worte und Erklärungen nicht in der Lage waren, irgendeinen Trost zu bieten. Und passend zu diesen Zeiten, wo alles drunter und drüber ging, wurde diese Kunst ungewollt gemeinsam hergestellt mit den Repräsentanten und Beauftragten des Chaos selbst.
Es war die perfekte paranoide Kunst für diese paranoide Zeit. Sie erklärte oder lehrte uns nichts, sondern hielt uns nur einen Spiegel vor. Und zwar einen Spiegel des Aufruhrs, in den unser Leben gestürzt worden ist.
Aus dem Englischen von Ursula Karpowitsch

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