Flurschul-Zukunft?

ZUKUNFT Schulbau: Ende Juni diskutierten Architekten, Pädagogen und Stadtpoli­tiker Beispiele, Konzepte und Hindernisse der europäischen Schularchitektur. Die Veranstaltung markierte den Auftakt einer gleichnamigen Ausstellung im Aedes Architekturforum am Berliner Pfefferberg.

Text: Bartels, Olaf, Hamburg

Die Ausstellung bei AEDESnutzt schulische Staf­fage wie Whiteboards und Schreibtische um archi­tektonische Mittel wie Plä­ne, Modelle und Essays zu zeigen, die neue Schulbaukonzepte abbilden.
Foto: Erik-Jan Ouwerkerk

Die Ausstellung bei AEDESnutzt schulische Staf­fage wie Whiteboards und Schreibtische um archi­tektonische Mittel wie Plä­ne, Modelle und Essays zu zeigen, die neue Schulbaukonzepte abbilden.

Foto: Erik-Jan Ouwerkerk


Flurschul-Zukunft?

ZUKUNFT Schulbau: Ende Juni diskutierten Architekten, Pädagogen und Stadtpoli­tiker Beispiele, Konzepte und Hindernisse der europäischen Schularchitektur. Die Veranstaltung markierte den Auftakt einer gleichnamigen Ausstellung im Aedes Architekturforum am Berliner Pfefferberg.

Text: Bartels, Olaf, Hamburg

Seit fast 20 Jahren werden der Schulbau und seine pädagogische sowie architektonische Qualität in Deutschland diskutiert. Nicht zuletzt die unterschiedliche Bevölkerungsentwicklung in Städten und im ländlichen Raum haben die Debatte um die Sanierung und den Bau neuer Schulen immer wieder angefacht. Architekten, Pädagogen und Stifter – ab und zu auch Politiker – mahnten und mahnen immer wieder, über die geforder­-ten Quantitäten, die Qualität der Schulen und ihrer Architektur nicht zu vergessen. Passiert aber in den Schulen und beim Schulbau seitdem wirklich Neues? Haben neue pädagogische Konzepte die Räume, die sie brauchen? Wie spielen Schule und ihr Umfeld in Städten und auf Dörfern zusammen?
Mit diesen Fragen beschäftigt sich noch bis zum 8. August eine Ausstellung in der Galerie Aedes in Berlin. Am 24. und 25. Juni eröffnete sie mit einer Konferenz, die die Bauwelt als Kooperationspartner begleitete.
Barbara Pampe von der Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft mach­-te eingangs deutlich, wie sich der Wandel von der Industrie- zur Wissensgesellschaft in neuen pädagogischen Programmen niederschlägt und welche räumlichen und architektonischen Anforderungen daraus erwachsen. Die Schulen sollten sich deshalb auch gegenüber ihrem Umfeld öffnen, nicht abgrenzen – in den Städten wie auf dem Land, räumlich wie funktional. Auch Henry Wilke von der Bundesstiftung Baukultur formulierte ähnlich Ziele, zeigte allerdings auch die Ambivalenz auf, in der die Schulen mit ihrem Umfeld interagieren: Sie sind ein Schutzraum für die Kinder, sollten aber keine Enklaven sein. Thorsten Erl, der sich im Reallabor Stadt-Raum-Bildung in Heidelberg und an der Uni Siegen mit dem Kontext Schulen beschäftigt, sprach von Schulhöfen als städtischen Wohnzimmern, die einen Beitrag zum menschlich urbanen Maßstab der Städte leisten könnten. Und Jan Krause, Professor für Architektur und Kommunika­tion an der Hochschule Bochum, unterstrich in 10 Thesen die Bedeutung partizipativer und interdisziplinärer Kommunikation im Rahmen von Schulbauprojekten. Das sind die Ziele, über die in Deutschland debattiert wird.
Der Blick auf die Beispiele der Schulbaupraxis in Deutschland offenbarte während der Tagung allerdings in den Reformbestrebungen für Pädagogik und Architektur vorsichtig formuliert: Zurückhaltung. Von der Flurschule hat man sich noch nicht verabschiedet, auch wenn Erschließungsbereiche durch Lichtführung, Materialanwendung und räumlich Qua­litäten zu Lern- und Kommunikationsorten aufgewertet wurden und Klassenzimmer farbenfroh gestaltet sind. Andreas Krawczyk von NKBAK Architekten, der einen Neubau für die integrierte Sekundarschule in Berlin-Mahlsdorf vorstellte, beklagte sich in der Diskussion, dass die den deutschen Architekten immer wieder vorbildlich vorgehaltenen Beispiele aus dem Ausland, besonders aus Dänemark, in Deutschland nicht erreichbar wären. Hier habe der Wunsch nach Sicherheit und Brandschutz eine höhere Priorität als das Zusammenwirken von Architektur und Pädagogik. German Angst?
Die präsentierte Architektur von NKBAK, wie auch von AFF oder Numrich Albrecht Klumpp zeigt gleichwohl respektable Neuerungen. Das pädagogisches Konzept und die Architektur der „Bildungslandschaft Altstadt Nord“ in Köln von Gernot Schulz oder die Evangelische Grundschule in Dettmannsdorf von Marika Schmidt unterstreichen zudem die notwendige Verankerung im Stadt- oder Dorfkontext. Dennoch bestätigten die aus europäischen Nachbarländern vorgestellten Beispiele Andreas Krawczyks These: Simon Henley aus London, Dörte Kristensen aus Den Haag und Morten Gregersen aus Kopenhagen stellten wunderbar im städtischen Kontext eingebundene Bauten und gut vernetzte pädagogische Konzepte vor. Georg Poduschka (PPAG) aus Wien zeigte, wie er dort mit seiner Partnerin Anna Popelka die fast komplette Auflösung der Flurschule im Bildungscampus Sonnenwendviertel realisiert hat. Rosan Bosch, die von ihrem Studio in Kopenhagen aus weltweit an einer Einheit von Pädagogik und Architektur arbeitet, plädierte eindringlich für eine differenzierte Denkweise über Lernen und Schule sowie für eine diverse und animierende Gestaltung.
Welche Perspektiven hat der Schulbau in Deutschland? Städte wie Hamburg, Berlin oder München investieren Milliardensummen in die Sanierung und den Neubau von Schulen. Norbert Illiges, Leiter der Steuerungsgruppe Taskforce Schulbau in der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie in Berlin war zumindest zuversichtlich, dass mit den 5,5 Milliarden Euro der Schulbauoffensive nicht nur Quantität, sondern auch architektonische Qualität geschaffen werden kann.
Ernüchternd war am Ende der Tagung der Auftritt der Schulleiterin der Rütli-Schule in Berlin-Neukölln, Cordula Heckmann. Nach den verheerenden Schlagzeilen und den öffentlichen Debatten 2006 war für diese Schule ein neues pädagogisches Konzept beschlossen worden. Auch eine neue Architektur und städtebauliche Ausrichtung sollten Abhilfe schaffen. Die Schulleiterin konnte zwar eine gute statistische Bilanz der Leistungen ihrer Schülerinnen und Schüler ziehen, konstatierte aber, dass Architektur und Pädagogik nicht viel voneinander verstünden – negierte also die zuvor diskutierten Zusammenhänge. Der Bezirksbürgermeister von Neukölln, Martin Hikel, sprach sogar davon, den Rütli-Campus zum Schutz vor schlechten äußeren Einflüssen einzuzäunen. Wie hatte Thorsten Erl zuvor formuliert? „Wir haben kein Problem, Ziele zu formulieren. Wir haben ein eklatantes Umsetzungsproblem!“ Vielleicht hören die Verantwortlichen einander nicht richtig zu, oder aber sie betreiben eine Politik der Ignoranz.

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