Am Ingolstädter Rathausplatz


Das Architekturbüro nbundm hat ein Nachkriegsprovisorium beendet. Der Neubau greift unterschiedliche Aspekte der Geschichte des Orts auf und denkt auch künftige Entwicklungen mit: ein Beispiel einer „intel­ligenten Banalität“ à la Lampugnani par excellence.


Text: Brinkmann, Ulrich, Berlin


    Wo ist der Neubau? Der Wiederaufbau der Ende des Zweiten Weltkriegs zerstörten Südseite der Donau­straße ist mit dem Ersatz des Behelfsbaus mit der Hausnummer 2 komplett.
    Foto: Sebastian Schels

    Wo ist der Neubau? Der Wiederaufbau der Ende des Zweiten Weltkriegs zerstörten Südseite der Donau­straße ist mit dem Ersatz des Behelfsbaus mit der Hausnummer 2 komplett.

    Foto: Sebastian Schels

    Von dem nach dem Zweiten Weltkrieg geplanten Neubau wurde nur das Erdgeschoss realisiert – ...
    Postkarte um 1960: Fritz Lauterbach

    Von dem nach dem Zweiten Weltkrieg geplanten Neubau wurde nur das Erdgeschoss realisiert – ...

    Postkarte um 1960: Fritz Lauterbach

    ... ein typisches Vorgehen in den frühen Nachkriegsjahren auch in anderen kriegszerstörten Innenstädten.
    Wiederaufbauplanung 1947: Stadtarchiv

    ... ein typisches Vorgehen in den frühen Nachkriegsjahren auch in anderen kriegszerstörten Innenstädten.

    Wiederaufbauplanung 1947: Stadtarchiv

    Eine zweigeschossige Eingangshalle empfängt die Bewohner.
    Foto: Sebastian Schels

    Eine zweigeschossige Eingangshalle empfängt die Bewohner.

    Foto: Sebastian Schels

    Treppen- und Balkongeländer wurden von den Architekten entworfen und von einem versierten Schlosser ausgeführt.
    Foto: Sebastian Schels

    Treppen- und Balkongeländer wurden von den Architekten entworfen und von einem versierten Schlosser ausgeführt.

    Foto: Sebastian Schels

    „Wir haben die Fassade übers Relief gelöst“, bilanziert der Architekt. Eben­so wichtig aber ist die Materialität: Glimmerputz, Eichenfenster, Holzrollos.
    Foto: Sebastian Schels

    „Wir haben die Fassade übers Relief gelöst“, bilanziert der Architekt. Eben­so wichtig aber ist die Materialität: Glimmerputz, Eichenfenster, Holzrollos.

    Foto: Sebastian Schels

    Die expressiven, schräg geschnittenen Balkone sol­len den Bewohnern den Blick in den Himmel bie­-ten, falls gegenüber mal ein hoher Neubau die Sicht versperrt.
    Foto: Sebastian Schels

    Die expressiven, schräg geschnittenen Balkone sol­len den Bewohnern den Blick in den Himmel bie­-ten, falls gegenüber mal ein hoher Neubau die Sicht versperrt.

    Foto: Sebastian Schels

Die architektonische Bandbreite ist groß am zen­tralen Ort von Ingolstadt: Es gibt Bauten, die weit in die Stadtgeschichte zurückreichen, wie Moritzkirche, Spitalkirche und Altes Rathaus. Es gibt bürgerliche Stadtarchitektur aus unterschiedlichen Epochen. Es gibt einen unglücklich renovierten städtischen Verwaltungsbau aus Nachkriegszeiten und einen noch unglücklicher neugebauten Sparkassen-Bau aus dem frühen 21. Jahrhundert. Es gibt sogar ein kleines Hochhaus, ebenfalls aus der Zeit des Wiederaufbaus, das mit seiner konservativen Formensprache aber eine andere Haltung bezieht als die öffentlichen Bauten der letzten siebzig Jahre in diesem Ensemble.
An der Ecke dieses Geschäftshochhauses führt die Donaustraße gen Süden, stadtauswärts. Auch sie ist ein Dokument des Wieder­-aufbaus in der gegen Ende des Zweiten Weltkriegs zerstörten südlichen Altstadt. Bis vor wenigen Jahren waren ihre Häuserreihen noch von eingeschossigen Behelfsbauten unterbrochen, die Platz für Läden boten, aber nicht mehr. Eine dieser Lücken, die Hausnummer 9 auf der Westseite, wurde bereits vor einigen Jahren durch einen architektonisch banalen Neubau geschlossen, die letzte, Donaustraße 2 schräg gegenüber, soeben ersetzt. Dort legt ein neu­es Wohnhaus, geplant vom Ingolstädter Zweig des auch in München ansässigen Architek­tur­büros nbundm, die Messlatte ein gehöriges Stück höher.
Im Zentrum einer bayerischen Stadt zu entwerfen, ist eine dankbare Aufgabe, und wenn man vor dem Neubau in der Donaustraße steht, fragt man sich, warum so viel Mittelmaß auch in diesem Teil Deutschlands entsteht. Anders als in Schwaben, in Hessen oder Thüringen sind die bayrischen Städte steinern, geprägt von oft etwas behäbigen Putzfassaden, die dem öffentlichen Raum eine ruhige Fassung schenken – ein Kontext, der sich viel leichter adaptieren lässt für heutige Ansprüche und Bauweisen als, sagen wir, eine Altstadt aus Fachwerk. Darin liegt aber auch eine Tücke, denn so leicht, wie es aussieht, ist es dann doch nicht, etwas den histo­rischen Bauten Ebenbürtiges an die Seite zu stellen. In einem Kontext wie diesem kommt es auf jedes Detail an: auf die Oberfläche des Putzes, seine Körnung und Lichtreflexion; auf die Ausführung der Fenster in den Laibungen, ihre Größe und Profilierung. Mit Wärmedämmverbundsystem und Kunststoffflügeln ist hier jedenfalls nur schwer zu punkten, auch wenn es ge­legentlich glimpflich ausgehen mag.
Während im Osten von Oberbayern, in den Städten zwischen Inn und Salzach, als Grabendach ausgeführte Dächer hinter vorgeblende­ten Fassaden mit horizontalem Abschluss verschwinden, sind in den Donaustädten Giebel­fassaden vorherrschend. In Ingolstadt zeigt sich vor allem der Hauptstraßenzug Theresienstraße/Ludwigstraße von diesem Haustyp gesäumt, auch wenn einige seit 1950 entstandene Bau­ten mit dieser Tradition gebrochen haben. An der Donaustraße herrschen diese kriegszerstörungsbedingt vor; auch der Neubau von nbundm schließt sich hier an. Ihre Sichtung der Bau­geschichte des Grundstücks bezog selbstverständlich Fotos der Vorkriegsbebauung ein, und auch die Planung des Ingolstädter Architekten A. Gebhard für den Wiederaufbau des Grundstücks mit einem viergeschossigen Wohn- und Geschäftshaus aus dem Jahr 1947 lag ihnen vor. Doch berücksichtigten sie anfangs sogar die dann nur fragmentarisch, als eingeschossigen Ladenbau erfolgte Realisierung in ihren Über­legungen – ließe er sich vielleicht als Dokument der Stadtgeschichte erhalten und überbauen, so, wie es Álvaro Siza zur IBA 1987 am Schlesischen Tor in Berlin-Kreuzberg gemacht hat?
Dazu kam es nicht, der Eingeschosser, in dem zuletzt junge Menschen eine Art Pop-up-Café betrieben, ist verschwunden – seine zerbrechliche Gründung ließ einen Erhalt nicht zu. Dafür aber lebt die nicht realisierte Wiederaufbau-Planung im Gebäude fort: im Großen und Ganzen, ist doch auch der Neubau ein traufständiges Gebäude mit Lochfassade, wie auch im Detail. Da scheint sie etwa am ausgerundeten Antritt der Treppe in der Eingangshalle auf, die genau so in der historischen Grundrisszeichnung zu finden ist, oder in der Position der Eingangstür, die der in dem alten Entwurf entspricht.
In den Ausführungen von Architekt Christian Neuburger, der mir das Gebäude an einem regnerischen Tag Anfang Februar zeigte, wird die ebenso ernsthafte wie freudige Auseinandersetzung mit der Geschichte seiner Heimatstadt spürbar. Warum sein Büro dem privaten Bauherrn vom Denkmalamt empfohlen wurde, wird dem Besucher jedenfalls schnell klar. Der Neubau sollte sich einpassen, das ja, er sollte die Bau­tradition von Ingolstadt fortschreiben, auch dies – aber eben nicht in Form einer verkürzten, historisierenden Sichtweise, sondern im Bewusstsein und im Abwägen aller Brüche und Widersprüche, die hier zu finden waren. Im Laufe der Bearbeitungszeit hat sich aus der Menge an Informationen zum Ort die Gestalt des Neubaus herausgeschält, wurde immer weiter vereinfacht und präzisiert. Was übrig blieb, ist eine Art Essenz des Ingolstädter Stadthauses nach dem Zweiten Weltkrieg: Ein Sockel, der mit seinem plastischen Putzrelief den alten Eingeschosser ins Gedächtnis ruft, darüber eine glat­te Lochfassade mit durchgefärbtem Putz, die Fenster dezent gerahmt mit glatteren Putzflächen – schmal an den Seiten, etwas breiter vor dem Rollokasten oben –, ganz oben eine knap­pe Traufe, die den Straßenraum nach oben abschließt, darüber ein ausgebautes Dachgeschoss mit Gauben.
So einfach, und doch nicht banal? Oder vielleicht doch, aber im Sinne jener von Vittorio Magnago Lampugnani 1995 in seiner Schrift zur „Modernität des Dauerhaften“ skizzierten „in­telligenten Banalität“, die aus dem unnachgiebigen Bearbeiten der Aufgabe und ihrer Bedingungen erwächst? Vielleicht gar ein „dezenter Akzent in der Häuserzeile“, wie die Architekten schreiben? Dass das geht, verdankt sich der Qua­lität des Materials, der Präzision der Details und der Sorgfalt der handwerklichen Ausführung. Die Fassade ist eine monolithische Konstruktion, der Glimmer-Putz durchgefärbt; für Fenster und Haustür sowie die Fußleisten im Inneren kam Eichenholz zum Einsatz, und auch die Rollos wurden in Holz, und zwar aus Kiefer, gefertigt, nachdem der Bauherr anhand historischer Beispiele von der Dauerhaftigkeit und schönen Patinierung einer solchen Lösung überzeugt werden konnte. Die geometrisch nicht ganz einfache Führung des Treppenlaufs wurde von den Betonbauern „nach Gefühl“ ins Treppenauge gezogen und wirkt in der doppelgeschossigen Eingangshalle wie ein Gruß aus dem Expressionismus; die Geländer mit ihrer ebenfalls alles an­dere als banalen Geometrie hat ein alteingesessener Schlosser gefertigt, der einen Sinn für die Aufgabe hatte. Apropos Expressionismus: Die dreieckig-zackigen Balkone auf der Hofsei­te sollen den Blick in den Himmel weit halten, falls irgendwann einmal der niedrige Bau der Musikschule gegenüber durch einen ebenso hohen Neubau ersetzt werden sollte, wie ihn nbundm geplant haben – die Beschäftigung der Architekten mit der Stadtgeschichte ist nicht nur in die Vergangenheit gerichtet, sondern denkt mögliche künftige Entwicklungen mit.
Ein im besten Sinne konservatives Haus also, an dieser Stelle? Ziemlich. Was fehlt, ist eine den Straßenraum belebende Nutzung im Erdgeschoss. Ursprünglich sollte ein Ladenlokal entstehen, doch entschied sich der Bauherr dann doch für eine geräumige Garage. Doch ist nicht ausgeschlossen, dass der Raum vielleicht doch irgendwann gewerblich genutzt wird, gastronomisch etwa. Der Drehboden, mit dem sich heute der PKW mit der Schnauze voran hinein- und wieder hinaus bugsieren lässt, könnte dann als Weißbierkarussell dienen, so des Bauherrn schon recht konkrete Idee, auch dieses Element zu einer Episode der Ingolstädter Altstadtgeschichte weiterzuentwickeln.



Fakten
Architekten nbundm, Ingolstadt
Adresse Rathauspl., 85049 Ingolstadt


aus Bauwelt 8.2021
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