Freibad in Adelboden


Licht-Luft-Sonne: Das Freibad in Adelboden ist die gebaute Ideologie der Moderne. Akkurat Bauate­lier stellten nicht nur das Original wieder her, sondern passten es an heutige Standards an.


Text: Adam, Hubertus, Zürich


    Der Sprungturm musste aus Sicherheitsgründen von fünf auf drei Meter reduziert werden.
    Foto: David Bühler

    Der Sprungturm musste aus Sicherheitsgründen von fünf auf drei Meter reduziert werden.

    Foto: David Bühler

    Ferienhäuser mit Holzfassaden prägen das Ortsbild des touristisch beliebten Adelboden.
    Foto: David Bühler

    Ferienhäuser mit Holzfassaden prägen das Ortsbild des touristisch beliebten Adelboden.

    Foto: David Bühler

    Der Eingang
    Foto: David Bühler

    Der Eingang

    Foto: David Bühler

    Heutzutage steht für viele Besucher nicht mehr die sportliche Ertüchtigung, wie in den 1930er Jahren, im Vordergrund, sondern die Erholung und der Spaß.
    Foto: David Bühler

    Heutzutage steht für viele Besucher nicht mehr die sportliche Ertüchtigung, wie in den 1930er Jahren, im Vordergrund, sondern die Erholung und der Spaß.

    Foto: David Bühler

    Ins Gesamtkonzept mussten neue Armaturen und Leuchten eingepasst werden.
    Foto: David Bühler

    Ins Gesamtkonzept mussten neue Armaturen und Leuchten eingepasst werden.

    Foto: David Bühler

    Besonders wichtig war es, die Farbigkeit der originalen Anlageteile wiederherzustellen.
    Foto: David Bühler

    Besonders wichtig war es, die Farbigkeit der originalen Anlageteile wiederherzustellen.

    Foto: David Bühler

    Foto: David Bühler

    Foto: David Bühler

Schwimmen in der Schweiz lässt sich mancherorts: in Flüssen, in Seen. Oder, abseits der Naturgewässer, auch in Freibädern. Und das auch in hochalpinen Regionen, beispielsweise in Adelboden, wo der Ingenieur Beda Hefti 1931 eines seiner Meisterwerke realisierte, das Panorama-Schwimmbad Gruebi.
Die bäuerliche Streusiedlung Adelboden im Berner Oberland, auf 1350 Metern über dem Meer gelegen, wurde im ausgehenden 19. Jahrhundert sukzessive zur Feriendestination. Zunächst auf den Sommerbetrieb ausgerichtet, öffnete man ab 1901 auch zur Wintersaison – denn mit dem neuen Jahrhundert nahm der Wintersport an Fahrt auf. Und weil sportliche Aktivität spätestens nach dem Ersten Weltkrieg zum Markenzeichen von Adelboden wurde, trieb der Kur- und Hotelierverein seit 1927 die Planung eines in den skifreien Sommermonaten nutzbaren Freibads voran. Für das Projekt konnte der Verein den seinerzeit wohl prominentesten Architekten und Ingenieur in diesem Metier, den in Freiburg ansässigen Beda Hefti, gewinnen. 1897 in Walenstadt geboren, hatte Hefti als Bauingenieur an der ETH Zürich diplomiert und 1920 sein eigenes Büro eröffnet. Selbst in hohem Maße sportaffin – er gründete im Kanton Freiburg nicht nur eine Reihe von Sportvereinen, sondern war auch mit der deutschen Spitzenschwimmerin Irene Hildegard Daniel verheiratet – wurden Schwimmbäder zu seinem eigentlichen Thema. Es begann mit den noch neoklassizistisch anmutenden Bains de la Motta (1924) in Freiburg, dann folgten in dichter Folge Bauten in Vulpera, Gstaad, Murten, Burgdorf, Engelberg und Interlaken. Mit dem Bad in Adelboden gelang der endgültige Durchbruch zur Formensprache und Ästhetik des Neuen Bauens. Und in der Tat stand keine Bauaufgabe in dem Maße für die Licht-Luft-Sonne-Ideologie der Moderne wie die des Freibads. Ein Plakat aus dem Jahr 1933 zeigt auf dem Sprungturm eine Turnerin, halb Reinkarnation des „Lichtgebet“ von Fidus, halb Oskar Schlemmers „Triadischem Ballett“; seitlich Heftis bunte Pavillonbauten, im Hintergrund das verschneite Alpenpanorama und vorne die Sonne, die sich im Schwimmbecken spiegelt.
Wie andere Freibäder auch, litt Adelboden am Sanierungsstau und am gewandelten Freizeitverhalten. Trotz einer letzten zurückhaltenden Modernisierung 2004 ging das Bad im Folgejahr in den Konkurs. Zunächst übernahm Adelboden Tourismus den Betrieb, dann eine rührige Interessengemeinschaft, die sich um Betrieb und Zukunftsvisionen für das Bad kümmerte, das 2009 unter Denkmalschutz gestellt wurde. 2016 sprachen sich die Bewohner mehrheitlich für ein Sanierungsprojekt von 2,8 Millionen Franken aus, doch Ende 2017 mussten die Adelbodener noch einmal an die Urne, weil sich die prognostizierten Baukosten inzwischen auf 4,7 Millionen erhöhthatten. Auch dieses Mal votierte die Mehrheit für die Sanierung, die dann zwischen Frühjahr 2018 und Juni 2019 durch Akkurat Bauatelier aus Thun umgesetzt wurde.
Als Leitlinie bei der Restaurierung galt es, das Bad so weit wie möglich auf den Ursprungszustand von 1931 zurückzuführen. Damit verbunden war die Entscheidung, das Objekt nicht vorbehaltlos zeitgenössischen Schwimmbadkonzepten anzupassen. Berechtigterweise in­tegrierte man einige zeitgenössische Elemente, beispielsweise ein Beachvolleyballfeld, in die Außenanlagen. Auf eine Umwidmung zum Spaßbad wurde indes verzichtet. Stattdessen rekonstruierten die Verantwortlichen, was bei der Eröffnung 1931 im alpinen Bergdorf Adelboden eine Sensation darstellte, ein fünfzig Meter-Becken, das zwischenzeitlich auf die Hälfte sei­ner Größe zusammengeschrumpft worden war. Ebenfalls wieder aufgebaut sind der auf einem kegelförmigen Hügel stehende Musikpavillon mit seiner großartig ausschwingenden betonierten Dachscheibe, das benachbarte Kinderbassin samt Garderobenumgang wie auch die obere Aussichtsterrasse mit Reling.
Auch in Zukunft wird das Freibad nur im Sommer betrieben, was ermöglichte, auf eine allzu aufwendige und tief eingreifende Sanierung zu verzichten. Akkurat Bauatelier haben das Areal von späteren Bebauungen sowie von als Sperre eingesetzten Blumenkübeln bereinigt. Für eini­ge Bauten mussten zeitgemäße Nutzungen gefunden werden – etwa für den am talseitigen Eingang gelegenen Kassenpavillon, der neu als Sanitätsraum sowie als Toilette genutzt wird. Einen knapp neunzigjährigen Schwimmbadbau mit den heutigen sicherheitstechnischen und hygienischen Anforderungen zu verbinden, war nicht immer einfach: Bei der ebenfalls rekonstruierten Sprungturmanlage beispielsweise musste auf dieFünf-Meter-Bretter verzichtet werden, da die Beckentiefe hierfür nach aktuellen Vorstellungen nicht ausreicht.
Grundsätzlich aber ist es den mit der Sanierung betrauten Architekten gelungen, trotz mancher kleineren Nutzungsänderungen die am Hang sich leicht übereinander staffelnden Bauelemente wieder wahrnehmbar zu machen: zuoberst das Garderobengebäude mit seinen zwei seitlichen Flanken und drei kleinen Vorbauten, dann das Fünfzig-Meter-Becken samt Sprunganlage im Süden, etwas tiefer den Musikpavil­-lon und das Theater und schließlich zuunterst das historische Kassenhäuschen.
Mag man auch mitunter angesichts von Rekonstruktionen in denkmalpflegerischen Kontexten hadern: Hier ist beispielsweise die Wiedererstellung des Musikpavillons absolut legitim. Blickt man auf die Topografie, so bedarf es an dieser Stelle einer baulichen Überhöhung, die nicht zuletzt für Konzerte, also eine kulturelle Bespielung des Areals, genutzt werden kann. Rekonstruiert wurde überdies die farbige Fassung sämtlicher Bauten.
Nach der Wiederherstellung des Freibads in Heiden vor wenigen Jahren, das Hefti ein Jahr nach Adelboden fertigstellte, erstrahlt nun das Gruebi-Bad wieder neu. Auch ohne Aufrüstung zum Spaßbad gelang es Hefti seinerzeit, eine Sportanlage zu mehr werden zu lassen: zu einem öffentlichen Freiraum, strukturiert von farbenfrohen bildhaften Bauten am Hang.



Fakten
Architekten Akkurat Bauatelier, Thun; Hefti, Beda (1897−1981)
Adresse Risetensträssli 22, 3715 Adelboden, Schweiz


aus Bauwelt 3.2020
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