Kein Ergebnis ist auch eine Entscheidung

Das Werkstattverfahren für den Berliner Molkenmarkt endete im September ohne Einigung auf einen Entwurf. Für die weitere Planung auf verschiedene Ansätze zurückgreifen zu können, ist aber auch eine Chance.

Text: Brinkmann, Ulrich, Berlin

    ein 1. Preis Bernd Albers und Silvia Malcovati greifen die historische Parzellierungen des Areals auf.
    Abb.: Verfasser

    ein 1. Preis Bernd Albers und Silvia Malcovati greifen die historische Parzellierungen des Areals auf.

    Abb.: Verfasser

    Der Boden aber wird nicht parzelliert, so dass gemeinschaftliche Freiräume im Blockinneren möglich sind.
    Abb.: Verfasser

    Der Boden aber wird nicht parzelliert, so dass gemeinschaftliche Freiräume im Blockinneren möglich sind.

    Abb.: Verfasser

    ein 1. Preis Auch OS arkitekter folgen den Baulinien des 2016 verabschiedeten B-Plans.
    Abb.: Verfasser

    ein 1. Preis Auch OS arkitekter folgen den Baulinien des 2016 verabschiedeten B-Plans.

    Abb.: Verfasser

    Sie gestalten im Block­inneren eine intime Wohnumgebung, die keine Anklänge an altstädtische Dichte sucht.
    Abb.: Verfasser

    Sie gestalten im Block­inneren eine intime Wohnumgebung, die keine Anklänge an altstädtische Dichte sucht.

    Abb.: Verfasser

    Abb.: Verfasser

    Abb.: Verfasser

    Abb.: Verfasser

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Kein Ergebnis ist auch eine Entscheidung

Das Werkstattverfahren für den Berliner Molkenmarkt endete im September ohne Einigung auf einen Entwurf. Für die weitere Planung auf verschiedene Ansätze zurückgreifen zu können, ist aber auch eine Chance.

Text: Brinkmann, Ulrich, Berlin

Anfang November lenkte eine Meldung Aufmerksamkeit auf das brache Areal am Molkenmarkt im mittelalterlichen Kern Berlins: Archäologen hatten am Jüdenhof einen Keller aus der Zeit um 1400 entdeckt, der Aufschluss bietet über bislang wenig bekannte Aspekte des damaligen Lebens – vor allem die erhaltenen Speisevorräte gelten als Sensation. Die Grabungen gehen der geplanten Neubebauung voraus, die sich seit Jahrzehnten ankündigt: Schon in Stimmanns Planwerk Innenstadt war Ende der 90er Jahre eine Wiedergewinnung des historischen baulich-räumlichen Gefüges an dieser Stelle angelegt.
Dass sich seitdem baulich nicht viel getan hat, liegt auch an der starken Lobby der Autofahrer: Die Grunerstraße, die in den 70er Jahren in autobahnähnlicher Dimension die einstmals von der Spree zu den Marktplätzen führenden Wegeverbindungen Littenstraße, Klosterstraße und Jüdenstraße abschnitt, ist Teil der wichtigsten Ost-West-Straßenverbindung der Berliner Innenstadt. Daran ändert auch nichts, dass sie seit 2019 nach Norden verlegt wird, um Platz zu gewinnen für das künftige Stadtquartier.
Ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Re-Urbanisierung dieses Teils des Zentrums erfolg­­te 2016, als ein Bebauungsplan für das Gebiet beschlossen wurde, der auch Grundlage des im Frühjahr 2021 ausgelobten Wettbewerbs war. Dieser endete im Dezember 2021 mit zwei ersten Preisen: für den eher im Sinne der „kritischen Rekonstruktion“ konzipierten Entwurf des im Frühjahr überraschend verstorbenen Berliner Architekten Bernd Albers und für den Vorschlag der Kopenhagener OS arkitekter, der zwar die Blockgrenzen des B-Plans respektiert, im Inneren aber ein entlang von Themen wie Holzbau, Vorfertigung, Autofreiheit und Stadtgrün entwickeltes Quartier inszeniert. Der konservative wie der experimenthungrige Teil der Stadtgesellschaft dürften zufrieden gewesen sein – und mit Spannung auf die Ergebnisse der Überarbeitung in diesem Frühjahr geblickt haben. Das „Werkstattverfahren“, bei dem sich wie im Wettbewerb auch Bürgerinnen und Bürger beteiligen konnten, sollte eigentlich mit der Entscheidung für einen der beiden Entwürfe als Grundla­ge der weiteren Konkretisierung der Planung in der „Charta Molkenmarkt“ gekrönt werden. Zur allgemeinen Überraschung ist diese Festlegung ausgeblieben: Das Verfahren wurde Mitte September beendet, ohne einen Entwurf zu wählen.
Viel Kritik hat sich an dieser Entscheidung zur Nichtentscheidung entzündet, vor allem von Seiten der Avantgardisten, die seit der Berufung von Petra Kahlfeldt zur Senatsbaudirektorin al­le Hoffnungen auf die Implementierung ihrer Vorstellungen zur Stadtentwicklung fahren se­hen. Doch muss das Offenhalten beider Entwicklungsansätze für die weitere Planung kein Nachteil sein. Ohnehin haben sich die zwei Entwürfe durch die Überarbeitung angenähert: Albers/Malcovati haben das aus DDR-Zeiten stammende Bürogebäude Klosterstraße 44 integriert und so einem Zeugnis der jüngeren Baugeschichte Vorrang eingeräumt gegen­-über der Raumform der untergegangenen Französischen Kirche, die im Wettbewerbsentwurf als Hofraum neu er­stehen sollte; im Plan von OS dagegen wurde die Erinnerung an Orte wie die­sen oder den Großen Jüdenhof deutlicher bei der Ausformulierung der Wohnhöfe. Hier ein bisschen mehr Moderne, da ein bisschen mehr Ortsbezug, dazu die Festlegung, das Quartier nicht eigentumsrechtlich zu parzellieren, sondern in Landesbesitz zu belassen und zusammen mit den Berliner Wohnungsbaugesellschaften zu entwickeln – die Angst vor zuviel Altstadt erscheint unter diesen Voraussetzung einigermaßen unbegründet. Schon eher steht zu befürchten, dass auch am Molkenmarkt Architektur-Trash entsteht, wie er jüngst auf der anderen Seite der Mühlendammbrücke von der WBM mit blrm Architekt*innen realisiert wurde und dem gestalterischen Anspruch des zen­tralen Ortes Hohn spricht.
Eine Gruppe der Juroren hat inzwischen einen detaillierten Kommentar zu beiden Arbeiten verfasst und Empfehlungen formuliert. Wie die Senatsbaudirektorin mitteilt, können und sollen sich beide Büros – das Büro Albers wird von Silvia Malcovati und Stefan Lotz weitergeführt – in beratenden Gremien an der Ausarbeitung der Charta beteiligen und auch an den für 2025 angekündigten Architekturwettbewerben. Bis dahin dürfen die Archäologen erst einmal weiter ausgraben.
Offner, städtebaulicher Wettbewerb 2021
ein 1. Preis
(25.000 Euro) Bernd Albers Architekten, Berlin, mit Silvia Malcovati, Berlin, und Vogt Landschaftsarchitekten, Zürich
ein 1. Preis (25.000 Euro) OS arkitekter, Kopenhagen, mit cka czyborra klingbeil architekturwerkstatt, Berlin
2.Preis (20.000 Euro) Mäckler Architekten, Frankfurt/M., mit USUS Landschaftsarchitektur, Zürich
3.Preis (15.000 Euro) Superwien Urbanism, Wien,
mit Raum + Strategie
Anerkennung
(10.000 Euro) Jordi Keller Pellnitz Architekten, Berlin, mit Christina Kautz Landschaftsarchitektur, Berlin
Anerkennung (10.000 Euro) Octagon Architekturkollektiv, Leipzig, mit coopdisco und Gruppe F/Freiraum für alle, beide Berlin
Jury (Fachpreisrichter)
Vanessa Carlow, Wolfgang Haller, Timo Herrmann, Petra Kahlfeldt, Marianne Mommsen, Andreas Quednau,
Christa Reicher (Vorsitz), Rudolf Scheuvens, Antje Stokman

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