To poor for poor solutions

Das DAM präsentiert die junge Architekturszene von Bangladesch

Text: Santifaller, Enrico, Frankfurt am Main

    Die Gulshan Society Mosque von URBANA
    Foto: Iwan Baan

    Die Gulshan Society Mosque von URBANA

    Foto: Iwan Baan

To poor for poor solutions

Das DAM präsentiert die junge Architekturszene von Bangladesch

Text: Santifaller, Enrico, Frankfurt am Main

Wenn man an Architektur in Bangladesch denkt, stehen die Parlamentsbauten, die Louis I. Kahn für die junge demokratische Republik errichtete und die erst 1983, nach seinem Tod, eröffnet wurden, an erster Stelle. Auch andere Heroen der Vergangenheit wie Paul Rudolph, Stanley Tigerman und Richard Neutra haben in diesem immer wieder von Naturkatastrophen bedrohten Land gebaut. All dies ist auf die Initiative von Muzharul Islam (1923–2012) zurückzuführen. Islam, der in den 1950er Jahren in den USA und in London studiert hatte, verknüpfte westliche Moderne mit lokalen Traditionen. Und wirkte damit derart stilbildend, dass er getrost als Vater der Moderne im Land bezeichnet werden kann.
Nachdem sich die Architektenausbildung an der Bangladesh University of Engineering and Technology auf das Bauen nach westlichen Maßstäben fokussierte, bemühten sich seit den 1990er Jahren als Gegenbewegung junge, in der „Chetana Society“ organisierte Architekten und Studenten mit Hilfe der Aga Khan Foundation um die Sichtung und die Erhaltung des baulichen Erbes, die Weiterentwicklung regionaler Typologien und deren Anpassung an heutige Bedürfnisse und Herausforderungen. Wobei der Rückgriff auf traditionelle Bauweisen inklusive der Verwendung ortsüblicher Materialien wie Bambus, Stroh, Holz oder (Lehm-)Ziegel einerseits den geografischen und klimatischen Bedingungen, andererseits der Not in einem Staat geschuldet ist, der zu den ärmsten Ländern der Welt zählt.
Aus Islams Umfeld und der Chetana Society entwickelte sich laut Niklaus Graber eine „vibrierende Architekturszene“, deren Architektur imstande sei, „relevante Antworten auf brennende gesellschaftliche, ökonomische und ökologische Fragestellungen zu liefern“ – und das nicht nur in Bangladesch. Graber, Gastdozent am Bengal Institute for Architecture, Landscapes and Settlements in Dhaka, war einer der Kuratoren der Ausstellung „Bengal Stream“, die 2017 im Schweizerischen Architekturmuseum Basel zu sehen war und nun im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt zu besichtigen ist (Katalog s. Bauwelt 16.2018).
Der erste Eindruck – oder besser – der Zugang zur Ausstellung ist allerdings ernüchternd: An den Gangwänden zum Ausstellungssaal im Erdgeschoss liefern Karten Informationen über Bevölkerung, Dichte, Topografie, aber auch über die Häufigkeit von Überschwemmungen, Meeresfluten, Erdbeben und Wirbelstürmen. Als Besucher sinnt man darüber, ob man in diesem Land, dessen Fläche jährlich mindestens zu einem Drittel, manchmal zu zwei Dritteln überschwemmt wird, überhaupt leben, geschweige denn Architektur machen kann. Die Ausstellungshalle wird von zwei übermannsgroßen, gründunklen Bambusgerüsten dominiert. An ihnen hängen orangefarbene Seidentücher und Stoffbahnen, auf die Abbildungen und englischsprachige Texte zu Gebäuden gedruckt wurden: eine Szenerie, dem Leichten und Luftigen, partiell auch Temporären bengalischer Architektur nachempfunden, die Stoffe ätherisch im Windstrom einiger Ventilatoren wehend. Sofort fällt der Blick auf die Bahn des „Emergency School Shelter“, den eine Architektengruppe namens „Ghorami.Jon“ 2014 als temporäre Unterkunft für eine Mädchenschule baute: eine leichte Bambusstruktur mit Plastikbahnen als Dach und bunten Plastikfolien als, naja, Hauswänden. Diese geschmeidigen Bambusstrukturen mit porösen Wänden – diese Impression gewinnt man recht schnell – sind ein immer anders adaptiertes Charakteristikum auch der modernen Architektur in Bangladesch.
Für europäische Architekten muten die Bauaufgaben ziemlich ungewöhnlich an: die Rekonstruktion (und Restrukturierung) eines Slums, den Ausbau von Booten und Schiffen zu schwimmenden Schulen und Krankenhäusern, das Höherlegen ganzer Dörfer oder das Errichten einer einfachen Plattform, um dort einen Garten anzupflanzen, der auch als Spielplatz für Kinder und als Ruheoase für die in unglaublich beengenden Verhältnissen lebende Nachbarschaft dient. Grazile, fast flüchtige Gebäude wie die „Arcadia School“, die ausschließlich aus Bambus besteht, die aber auf leeren Fässern statt auf Fundamenten ruht, bis hin zu Schutzbauten mit meterdicken Stahlbetonwänden, die mal als Schule dienen, mal, im Falle einer Zyklonwarnung, einen gesicherten Platz für 1800 Menschen und ihre Tiere bieten. Und mitten drin die METI School der im bayerischen Rosenheim geborenen Anna Heringer, die 2007 mit dem Aga Khan Award for Archi­tecture ausgezeichnet wurde.
Spannend und durch den Klimawandel mittlerweile auch für in Europa tätige Architekten lehrreich ist, wie die Kollegen in Bangladesch auf die tropische Hitze reagieren: Statt auf großen Einsatz von Technik setzen sie auf natürliche Luftzirkulation – etwa durch perforierte Wände und Nutzung des Kamineffekts –, Vergrößerung der Oberflächen, hohe Räume, weite Überhänge, tiefe Loggien, Patios, Grün auch in den oberen Geschossen. Auch für eine Verbesserung der öffentlichen Freiräume setzen sich die Architekten ein. Laut Kurator Graber bearbeiten sie sowohl Aufträge aus dem urbanen Hochpreissegment wie partizipatorische Low-Cost-Projekte mit dem gleichen Engagement. Wie Graber eine Sprecherin einer Hilfsorganisation zitiert, die sich für qualitätsvolle Architektur einsetzt: „The poor are to poor for poor solutions.“

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