Schweinebauch

Wenn wir eine Straße entlanglaufen, blicken wir die meiste Zeit auf den Boden. Die Bedeutung dessen, was dort zu sehen ist, wird allzu oft unterschätzt.

Text: Crone, Benedikt, Berlin

Foto: Jasmin Schuller

Foto: Jasmin Schuller


Schweinebauch

Wenn wir eine Straße entlanglaufen, blicken wir die meiste Zeit auf den Boden. Die Bedeutung dessen, was dort zu sehen ist, wird allzu oft unterschätzt.

Text: Crone, Benedikt, Berlin

Der märkische Sand, auf dem Berlin gebaut wurde, ist sandig. Steine gibt es kaum. Nur ein paar Findlinge wurden in einer der letzten Eiszeiten durch skandinavische Gletscher angeschwemmt. Dennoch laufen Berliner – wie die Bewohner al­ler europäischen Städte – täglich über Steine. Am auffälligsten für die Hauptstadt: die als Schweinebauch bezeichneten Gehwegplatten aus Granit. Mit einer glatten, schimmernden Seite liegen sie nach oben, mit einer wie der Hängebauch eines Schweines geformten, rauen Wölbung nach unten.
„Berlin sah das erste Trottoir, als die (noch heute bestehende, Anm. d. Red.) Weinhandlung von Lutter und Wegener am Gendarmenmarkt Granitplatten vor ihr Lokal legte“, schreibt der Kunsthistoriker Max von Boehn über das Jahr 1825. Größe und Glanz der Steine imponierten den Gästen, Passanten – und den Regierenden der Stadt. Bis dahin quälten sich die Bürger bei Regen durch Schlamm und Morast, und der Tiergarten glich einer Wüstenlandschaft mit Kiefern. 1828 erging eine königliche Kabinettsorder, die die Anlage des Bürgersteigs mit „großem Plattenpflaster“ zur Regel machte. Mühsam wurden die Steine damals aus den Brüchen der Lausitz nach Berlin verschifft und gekarrt.
Noch in der DDR waren sie ein Exportschlager, denn auch die Städte der Bundesrepublik erfreuten sich an den Schweinebäuchen. Heute stammen die Steine bei Neuverlegung überwiegend aus China. Rund ein Fünftel soll die Importware billiger sein als das heimische Produkt.
Für die historischen und wirtschaftlichen Hintergründe der Trottoirplatten interessieren sich die meisten ihrer Nutzer vermutlich nicht. Für vie­le sind die Steine allerdings ein Sinnbild der breiten, fußgängerfreundlichen Straßen des gründerzeitlichen Berlins (auch wenn sie ebenfalls in Städten wie Dresden oder Leipzig zu finden sind). Die Steine sind sympathisch sperrig und unverrückbar. Wer den Straßenraum – also den öffentlichen Raum – einengen will, muss einiges an Anstrengungen aufbringen, um die Bäuche aus ihrer Fassung zu bringen.
Als flaches Bollwerk stemmten sie sich gegen den Ausbau der autogerechten Stadt. Kriege, Krisen und politische Umwälzungen haben vie­le der Steine ohne weiteres überstanden. Ein Sprung tut ihrer Funktion keinen Abbruch. Selbst bei Protesten, bei denen die benachbarten, im Diagonalverband eingesetzten Granitklötzchen oftmals aus dem Boden gerissen und auf Polizisten geworfen werden, lässt der Demonstrant von den dicken, viel zu schweren Brocken respektvoll die Finger.
Im Hochbau ist eine derartige Beständigkeit zur Seltenheit geworden. Halbwertszeiten von 30 bis 40 Jahren sind üblich, viele Gebäude der letzten 70 Jahre sind wieder verschwunden. Doch nicht nur was ihre Lebensdauer betrifft, ließe sich von den Schweinebäuchen lernen. Denn trotz ihrer gewichtigen Präsenz gewähren die Steine noch Spielraum. Auch wenn die Reihung der Platten vorschlägt, welche Richtung der Gehende gehen sollte, und dabei einen herrlich tiefen Straßenraum zeichnet, ist problemlos eine Querung der Pflasterung möglich. Kein Stein beschwert sich. Nicht zu unterschätzen ist auch ihr variantenreiches Erscheinungsbild, ihre Körnung und Farbigkeit – und die Vielfalt ihrer Legung. Mal geradlinig, mit klar gerasterten Fugen, mal rhythmisch versetzt. Mal begleitet von einem Granitstreifen, mal umtänzelt von einem Segmentbogenpflaster. Sogar ausgreifende Baumwurzeln, die den Gang über Asphalt (oder die Radfahrt über profanes Doppel-T-Verbundpflaster) auf Dauer zum Wellenreiten werden lassen, kapitulieren an den gern über eine Tonne schweren und rund ein Meter langen Platten.
Die Freude an einem Gehweg mit Schweinebäuchen beruht so, wie bei gelungener Architektur, auf der Wiederholung mit Varianz, erprobt in einem Härte- und Langzeittest. Man kann auf den Steinen jahrzehntelang herumlatschen. Man kann sie ignorieren oder beim Ausrutschen verfluchen. Man kann probieren, nicht auf die Fugen zu treten und von Platte zu Platte zu springen. Vorbei kommt an ihnen keiner, der einen Fuß vor die Tür setzt. Und ohne sie wäre nicht nur die Straße wieder sandig, sondern auch die Stadt um ein tragendes Element ärmer.

1 Kommentare


Ihr Kommentar







loading
loading

1.2020

Das aktuelle Heft

Bauwelt Newsletter

Immer Freitags: das Wichtigste der Woche. Dazu: aktuelle Jobangebote, Auslobungen und Termine.