Architektur statt Antibiotika

Jedes Jahr infizieren sich eine halbe Million Menschen in Deutschland mit Krankenhauskeimen. Architekten, Molekularbiologen und Mediziner haben den Keimen nun den Kampf angesagt. In einem gemeinsamen Projekt entwickeln sie ein neues Patientenzimmer.

Text: Sunder, Wolfgang, Braunschweig

    Grafik: Mandy Gagelmann/IIKE

    Grafik: Mandy Gagelmann/IIKE

    Prototyp des Zweibett-Patientenzimmers
    Foto: Tom Bauer

    Prototyp des Zweibett-Patientenzimmers

    Foto: Tom Bauer

Architektur statt Antibiotika

Jedes Jahr infizieren sich eine halbe Million Menschen in Deutschland mit Krankenhauskeimen. Architekten, Molekularbiologen und Mediziner haben den Keimen nun den Kampf angesagt. In einem gemeinsamen Projekt entwickeln sie ein neues Patientenzimmer.

Text: Sunder, Wolfgang, Braunschweig

Das deutsche Gesundheitssystem gibt pro Klinik-Patient mehr Geld aus, als die meisten Länder der Welt – fast 70 Milliarden Euro zahlen die gesetzlichen Krankenkassen Jahr für Jahr an die Krankenhäuser. Die deutschen Patienten sind deshalb aber keineswegs optimal versorgt. Seit Anfang 1990 hat sich die Zahl der deutschen Krankenhäuser laut Statistischen Bundesamt um circa 20 Prozent verringert; die durchschnittlicheVerweildauer hat sich im selben Zeitraum auf sieben Tage halbiert. Die Gesundheitsreformen der vergangenen Jahre erhöhten enorm den Druck auf Krankenhäuser, effizient und wettbewerbsfähig zu agieren; sie müssen heute über hoch anpassungsfähige Gebäudestrukturen und effiziente Prozessabläufe verfügen.
Hinzu kommen der starke Anstieg des Auftretens behandlungsresistenter Keime in Krankenhäusern und die Furcht vieler Patienten, sich in einer Klinik mit einem dieser Keime zu infizieren. Jährlich erkranken in Deutschland circa 500.000 Patienten an solchen Infektionen; etwa 10.000 bis 15.000 Patienten versterben pro Jahr aufgrund von diesen Krankenhausinfektionen. Vie­le dieser Infektionen führen auch zu einer Verlängerung der Verweildauer im Krankenhaus, die den Pflegebetrieb zusätzlich belasten. Damit haben Krankenhausinfektionen auch erhebliche wirtschaftliche Konsequenzen.
Wird das komplexe System Krankenhaus in Bezug auf die mögliche Ausbreitung von Infektionen betrachtet, ergeben sich diverse kritische Bereiche und Situationen, in denen der Patient einem hohen Infektionsrisiko ausgesetzt ist. Das Patientenzimmer im Pflegebereich steht dabei im Zentrum des Krankenhausbaus und der Hygiene, da hier zum einen der Prozess des Heilens konkret sichtbar wird und zum anderen, weil der Flächenaufwand für die Unterbringung der Patienten im Verhältnis zu den anderen Krankenhausfunktionen groß ist. Letztlich übertragen sich Planungsfehler bei gleicher Stationsstruktur auf viele Stationen.
Als Reaktion auf das vermehrte Auftreten von multiresistenten Erregern in deutschen Krankenhäusern wird in Fachkreisen seit Jahren die Diskussion geführt, ob zukünftig wesentlich mehr Einbettzimmer errichtet werden sollten oder alternativ Zweibettzimmer so ertüchtigt werden können, dass sie auch im Sinne der Infektionsprävention eine Alternative zur heuti­gen Situation darstellen. Im Jahr 2016 lag der Anteil der Einbettzimmer im Normalpflegebereich bei fünf Prozent. Ein sinnvolles Verhältnis der Anteile von Zweibett- zu Einzelzimmern ist auf den Stationen unzureichend definiert.
KARMIN
Sollten nun zukünftig in Deutschland vermehrt Einbett- oder Zweibettzimmer in Krankenhäusern geplant werden? Kann eine neue Raumplanung Infektionen in Kliniken verhindern? Welches sind die aktuellen und zukünftigen Herausforderungen bei der Planung eines Patientenzimmers, besonders unter dem Aspekt der Hygiene?
Das Forschungsprojekt KARMIN hat sich genau diesen Fragen gestellt und untersucht, ob als Reaktion auf das vermehrte Auftreten von multiresistenten Erregern zukünftig wesent­lich mehr Einbettzimmer in Krankenhäusern errichtet werden sollten oder Zweibettzimmer so ertüchtigt werden, dass sie auch im Sinne der Infektionsprävention eine Alternative darstellen. KARMIN steht für „Krankenhaus, Architektur, Mikrobiom und Infektion“ und ist ein Projekt, das von 2016 bis 2020 durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) im Rahmen der Fördermaßnahme „Zwanzig20“ und als Teil des Forschungsverbundes „InfectControl 2020“ gefördert wurde. Verbundpartner sind neben der TU Braunschweig (Koordinator: Institut für Industriebau und Konstruktives Entwerfen), die Charité – Universitätsmedizin Berlin (Institut für Hygiene und Umweltmedizin), das Universitätsklinikum Jena mit der Septomics Research Group und die Firma Röhl aus Waldbüttelbrunn bei Würzburg. Zudem sind von Beginn des Projekts 17 Industriepartner in die Entwicklung des infektionssicheren innovativen Konzepts des zu realisierenden Patientenzimmers eingebunden.
Entwurfsprozess und Realisierung
Das interdisziplinäre Team aus Architekten, Designern, Medizinern und Molekularbiologen hat in vier Arbeitsstufen den Entwurf und die daraus folgenden Realisierung bearbeitet: Mithilfe unterschiedlicher Methoden hat man sich zunächst dem Thema der baulichen Infektionspräven­ti­on im Patientenzimmer genähert. Hierzu dienten Klinikbesichtigungen, Hospitationen im Krankenhaus aber auch die Recherche und Analyse aktueller Studien. Die Expertise von Fachexperten und einzelnen Nutzern des Patientenzimmers wurde gezielt in Workshops abgefragt und dokumentiert. Auf Grundlage der Erkenntnisse dieser Analyse wurde dann ein Anforderungska­talog erstellt, der die Grundlage für den Entwurf des infektionssicheren Zweibettzimmers und der Nasszellen diente. Darauf aufbauend folgte im kontinuierlichen Austausch mit allen Projektpartnern die Entwurfsplanung für das Patientenzimmer. Dazu gehören auch optimierte Ausstattungsgegenstände wie der Desinfektionsmittelspender, der Nachttisch und die neuartigen Inhalte des Bedside-Terminals. Für die Wahl von geeigneten Materialien und Oberflächen wurden bereits in der Entwurfsphase die Industriepartner zu Rate gezogen und früh in den Entscheidungsprozess mit eingebunden. Die Ausführungsplanung schließlich fand dann auch in enger Abstimmung mit den Industriepartnern statt. Dabei wurden eine Vielzahl Produkte und Ausstattungsgegenstände optimiert und wei­terentwickelt, um die besonderen Anforderungen an das infektionssichere Patientenzimmer zu erfüllen und dem Anspruch an eine innovati­ve Ausstattung gerecht zu werden. Mit allen notwendigen Anschlüssen ausgestattet, wurde das Prototyp-Patientenzimmer auf dem Gelän­-de der Firma Röhl realisiert.
Die Optimierungsphase diente dann dazu, die Entscheidungen bei Farb- und Materialwahl, aber auch die Umsetzung baulicher Anschlüsse und Planungsdetails genauer überprüfen zu können. Es wurden mehrere Begehungen durch das Projektteam mit den Forschungs- und Industriepartnern durchgeführt und jede Planungsentscheidung gemeinsam evaluiert. Im Besonderen die Industriepartner haben die Möglichkeit gehabt, ihre Produkte im eingebauten Zustand zu beurteilen. Auf diese Weise konnten Anpassungen für eine bessere Handhabung von Ausstattungsgegenständen vorgenommen werden.
Auf globaler Ebene ist man in diesem Bereich auch tätig. Der bereits erwähnte Verbund InfectControl 2020 ist ein Konsortium aus Wirtschaftsunternehmen und akademischen Partnern, das grundlegend neue Strategien zur frühzeitigen Erkennung und Eindämmung von Infek­tionen entwickelt und gemeinsame Lösungen für die Probleme sucht.
Fakten
Architekten TU Braunschweig, Institut für Industriebau und konstruktives Entwerfen; Charité – Universitätsmedizin, Berlin, Institut für Hygiene und Umweltmedizin; Universitätsklinikum Jena, Septomics Research Group; Röhl, Waldbüttelbrunn
aus Bauwelt 15.2020
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