Landgang

Die Ostsee kreuzen. Sieben Tage mit dem Schiff von Kiel über Tallinn und St. Petersburg nach Helsinki, Stockholm und wieder zurück. Die Städte im Vergleich sehen, sie vom Ufer aus erkunden, so wie richtige Seefahrer. Das war die Idee. Am Anfang standen die Fragen einer Architekturjournalistin: Welches Gesicht zeigt die Stadt dem Meer? Was säumt den Weg vom Hafen ins Zentrum? Und wie fühlt es sich überhaupt an, von so einem unerhört großen Schiff die Kaimauer zu betreten?

Text: Meyer, Friederike, Berlin

    Tallinn
    Foto: Dirk Daehmlow

    Tallinn

    Foto: Dirk Daehmlow

    Kiel
    Foto: Dirk Daehmlow

    Kiel

    Foto: Dirk Daehmlow

    St. Petersburg
    Foto: Dirk Daehmlow

    St. Petersburg

    Foto: Dirk Daehmlow

    Stockholm
    Foto: Dirk Daehmlow

    Stockholm

    Foto: Dirk Daehmlow

Landgang

Die Ostsee kreuzen. Sieben Tage mit dem Schiff von Kiel über Tallinn und St. Petersburg nach Helsinki, Stockholm und wieder zurück. Die Städte im Vergleich sehen, sie vom Ufer aus erkunden, so wie richtige Seefahrer. Das war die Idee. Am Anfang standen die Fragen einer Architekturjournalistin: Welches Gesicht zeigt die Stadt dem Meer? Was säumt den Weg vom Hafen ins Zentrum? Und wie fühlt es sich überhaupt an, von so einem unerhört großen Schiff die Kaimauer zu betreten?

Text: Meyer, Friederike, Berlin

Kiel: Die Reise beginnt an einem warmen Sommertag im Bahnhof von Kiel. Reisekoffer türmen sich in der Halle, sie werden direkt zum Schiff geliefert. Uns Passagieren wird empfohlen, zu Fuß zum Hafen zu gehen. Die Stadt ist verstopft. Die Kieler Woche, das größte Segelfestival Deutschlands, hat sie fest im Griff. Der Autoverkehr staut die Kaistraße entlang. Menschen laufen ­zu ihren Schiffen. Zäune, Parkplätze und Kreuzfahrt­riesen auf der einen Seite der Straße, Nachkriegsbauten und Grünanlagen auf der anderen. Eingecheckt werden wir in einem Zelt. Unter einer nicht mehr ganz neuen Plane stehen mobile Tresen zwischen Parkstreifen auf Betonpflastersteinen. Bis der Terminalneubau fertig ist, arbeitet man am Ostseekai im provisorischen Modus. Es ist bereits das zweite Terminal hier. In Kiel, so hatte ich gelesen, reicht die Ostsee bis ins Herz der Stadt, und das Geschäft mit der Kreuzfahrt wächst. In der Saison 2018 gingen rund 600.000 Passagiere von Bord.
Beim Auslaufen drängt sich nicht gerade der Eindruck auf, als wolle die Stadt sich den Reisenden von ihrer schönsten Seite zeigen. Die Kieler Wasserkante lässt an eine große Werkstatt denken: Container, Parkplätze, Industriehallen, die Infrastruktur einer Stadt, die vom Wasser lebt. Nach einer Stunde erscheint das Ufer nur noch als schlanke Linie – eine winzige Skyline aus Türmen und Kränen. Maßstabssprünge werden diese Reise dominieren. Das Schiff gleicht einem schwimmenden Hochhaus und erlaubt es, immer wieder die Perspektive aufs Meer zu verändern. Zwischen der Koje zwei knappe Meter über der Wasserlinie und dem Oberdeck liegen zwölf Etagen. Je nachdem von wo man schaut, gibt es mehr Himmel oder mehr Wasser. Das beruhigt und fasziniert zugleich. Grelle Lichter erscheinen am dämmrigen Horizont. Ein Hafen? Eine Stadt? Die Ostsee ist groß und dunkel und weit während dieser ersten Etappe nach Tallinn.
Tallinn: Vom Hafen in Tallinn ist die einprägsame Stadtanlage mit Domberg und Unterstadt deutlich zu sehen. Auch in Tallinn wächst das Kreuzfahrtgeschäft. Davon künden die Souvenirhändler am Kai und der Fahrradverleih in flachen Pavillons. 350 Schiffe und 565.000 Passagiere kamen 2018. Plakate verheißen dem Hafen eine urbane Zukunft – Geschäftshäuser und Wohnungen und ein Terminal mit begehbarem Promenadendach sollen hier einmal entstehen.
Wie Zierspieße aus einer Kalten Platte ragen die Türme des neuen Zentrums und die der alten Kirchen heraus. „Kommt rüber“, scheinen sie uns zuzurufen, „wir sind nur einen Spaziergang entfernt!“ In die hübsch rausgeputzte, mittelalterliche Innenstadt braucht man zu Fuß nur eine halbe Stunde. Eine breite Straße trennt die Asphaltflächen der Hafenanlagen vom Pflaster des mittelalterlichen Stadtkerns mit den Resten seiner Befestigungsanlagen. Wer die Straße überquert, der vollzieht nicht nur einen Maßstabs-, sondern auch einen Zeitsprung. Auf der einen Seite, in der Altstadt: mittelalterlich gekleidete Frauen und Männer, die im fackelbeleuchteten Kaufmannshaus Bier aus Tonkrügen servieren. Auf der anderen Seite, am Wasser: Local Craft Beer, Icecream und kostenloses WiFi am Kiosk.
Am Abend auf Deck wird mir klar: In der kommenden Woche werde ich so wenig schlafen wie selten zuvor auf einer Urlaubsreise. Ich werde bis weit nach Mitternacht auf den gestapelten Liegestühlen in der obersten Ecke sitzen und der nicht untergehen wollende Sonne hinterherschauen, ich werde von der Koje aus die sanften Wellen an der Horizontlinie verfolgen, ich werde früh morgens den Wind des Stockholmer Schärengartens einatmen, und ich werde feststellen, dass die weißen Nächte von St. Petersburg eine fast unheimliche Faszination ausüben.
St. Petersburg: Die visuellen Kontraste werden stärker, als wir nach einer weiteren Nacht auf der Ostsee St. Petersburg erreichen. St. Petersburg? Der neue Passagierhafen liegt eine halbe Busstunde vom Stadtzentrum entfernt im Westen der Vasilevskij-Insel. Eine mit Unkraut bewachsene Brache beherrscht den morgendlichen Ausblick vom Schiff. An ihrem Rand stehen mehrgeschossige Wohnhäuser aus der Sowjetzeit. Während des St. Petersburg-Vortrags an Bord hatte man uns auf diesen Anblick vorbe­reitet – mit dem Hinweis, die Häuser seien kurz nach ihrer Bauzeit die luxu­riösesten der Stadt gewesen. Sie hatten Heizung und Warmwasser.
In der Ferne ist jener Turm auszumachen, der seit 2018 die Zentrale des Erdgasförderunternehmens Gazprom markiert. Er erinnert mich an den Widerstand, den man seinem ursprünglich geplanten Standort im Stadtzentrum entgegengebracht hatte (Bauwelt 24.2010). Wie eine scharfkan­tige Speerspitze kündet er von der jüngeren Geschichte der Stadt. Einige hundert Meter vom Terminal entfernt sind Rohbauten eines neuen Quartiers zu erkennen, für das im Kreuzfahrtterminal ein Verkaufsbüro eingerichtet ist. Die sogenannte Golden City, erzählen die Planer vom niederländischen Büro KCAP und Orange Architects im Werbevideo, sei ein neuer Eingang für die Stadt, der die vom Meer kommenden mit einer ikonischen Form empfangen wolle.
Wer St. Petersburg besucht, darf die weißen Nächte nicht verpassen. Die Reiseführer sind voll von Bildern aufgeklappter Newabrücken und verliebter Paare, die am Ufer sitzen. Doch noch besser, so lerne ich, ist die Ostsee im Licht der weißen Nacht. Ich kann mich kaum satt sehen daran, wie Meer, Luft und Licht die hellen Blau- und Grautöne mischen. Es ist mitten in der Nacht. Immer wieder wache ich auf, stelle mir vor, wie jeden Moment eine Fee aufsteigen könnte oder jemand übers Wasser läuft. Die beruhigende Schönheit der See, das undurchdringliche Licht, das einfach keiner Dunkelheit weicht – ich will es nicht glauben.
Helsinki: Während die Russen in St. Petersburg gleich ein neues Quartier zur Begrüßung der Schiffsreisenden bauen wollen, gibt sich Helsinki ziemlich unbeeindruckt gegenüber den Kreuzfahrttouristen. Am Kai von Hernesaari fällt der Blick auf die üblichen Zutaten einer Hafenanlage – Parkplätze, Container, Lagerhallen. Und es wirkt nachgerade ironisch, dass man den Namen der Stadt unübersehbar auf den Asphalt geschrieben hat. Als wir ein paar Meter vom Kai entfernt in den Linienbus steigen, drängt sich die unaufgeregte Ruhe eines Aki-Kaurismäki-Films in den Kopf. Auf dem Weg in die Stadt passiert der Bus eine dramatisch geformte Sauna mit Restaurant, die man für Touristen mit Blick aufs Meer gebaut hat. Dann fährt er vorbei am Alltag der Finnen – an Wohnhäusern mit Frisör- und Plattenläden, mit Schuhmacher und Lebensmittelgeschäft – in die Innenstadt.
In der folgenden Nacht gehe ich ausnahmsweise vor Mitternacht ins Bett. Sie wird kürzer als kurz. Die spektakuläre Anfahrt auf Stockholm wird bei Sonnenaufgang beginnen, mehrere Stunden bevor wir die Stadt erreichen. Stockholm liegt inmitten eines Geflechts aus kleinen bewaldeten Inseln, das die Schweden liebevoll Schärengarten nennen und mit allerlei Ferienhäusern bebaut haben. Eine schmale Fahrrinne führt durch diese Idylle, die die letzte Eiszeit hinterlassen hat. Die Rinne ist so schmal, dass die großen Schiffe morgens in einer Reihe hintereinander einfahren müssen – eine Herausforderung für die Lotsen. Umso spektakulärer ist es für die Passagiere, die vom obersten Deck die gefühlte Perspektive eines Kleinflugzeugs einnehmen können und auf die Dächer der Ferienhäuser schauen, die jedem Pippi-Langstrumpf-Vergleich standhalten.
Stockholm: Und dann ist sie plötzlich zu sehen, die schwedische Hauptstadt. Kirchtürme, alte Boote und ein Tivoli-Park säumen die inselreiche Uferkante der Stadt, die mit Wasserfahrzeugen aller Größen befahren wird. Unser Schiff hat die beste aller vier Anlegeoptionen ergattert: Stadsgården liegt nur ungefähr einen Kilometer südlich der Altstadt. Die Postkarte ist zum Greifen nah. Stockholm ist vorbereitet auf Menschen, die übers Wasser gekommen sind. Junge, sportlich gekleidete Leute stehen am Kai und erläutern in perfektem Deutsch und Englisch die Möglichkeiten des Weitertransports. Wir entscheiden uns für die Hop-On-Hop-Off-Variante und erkunden die Stadt per Boot, das uns an einer ganzen Reihe von Anlegestationen aussteigen lässt.
Auf dem Weg zurück nach Kiel sortiere ich die Antworten auf die Fragen, die ich vor Beginn der Reise mit mir herumtrug. Es sind die Vertikalen, die das Gesicht der Ostseestädte verbinden – und zugleich helfen, sie zu unterscheiden. Denn der Blick vom Wasser fällt immer zunächst auf die feine Linie zwischen Wasser und Himmel. Während die Kirchtürme von der gemeinsamen Vergangenheit der Städte erzählen, künden Industriebauten und Hochhäuser davon, wo es in Zukunft hingehen soll. Wer nach Postkartenansichten sucht, muss in die Innenstädte. Wer sich hingegen für die Ränder einer Stadt interessiert, kann in den Häfen wesentlich mehr Vielfalt entdecken als auf den Flughäfen dieser Welt.
Der unbestrittene Star dieser Reise aber ist das Meer selbst. Das Wasser, das Licht, die vielfältigen Ufer, die Nehrungen und Haffe, die Förden, Buchten und Bodden, die das schmelzende oder schiebende Eiszeiteis hinterlassen hat. Parallel zu dieser Erkenntnis drängt sich ein ungemütlicher Gedanke auf. Ich muss an die Astronauten denken, die von der Raumstation aus die Schönheit der Erde bewundern und dann, wenn sie zurückgekehrt sind, sagen: Wir müssen sie schützen. Eine Kreuzfahrt mag, ähnlich der Raumfahrt, ein Mittel sein, die Schönheit des Meeres zu erkennen; einen Beitrag, sein Ökosystem zu schützen, leistet sie nicht.

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