Die Leipzig Charta der Generation Y

Welche Forderungen stellt die junge Generation an die Leipzig Charta? 2017, zum zehnjährigen Bestehen der Charta, formulierten Studierende ein Manifest für eine „neo-europäische“ Stadt.

Text: Rettich, Stefan, Leipzig

    Europaplatz in Essen ...
    Foto: Hendrik Lietmann

    Europaplatz in Essen ...

    Foto: Hendrik Lietmann

    ... Düsseldorf ...
    Foto: Hendrik Lietmann

    ... Düsseldorf ...

    Foto: Hendrik Lietmann

    ... und Braunschweig. Aus der Fotoreihe „Euro­paplatz“ von Hendrik Lietmann.
    Foto: Hendrik Lietmann

    ... und Braunschweig. Aus der Fotoreihe „Euro­paplatz“ von Hendrik Lietmann.

    Foto: Hendrik Lietmann

Die Leipzig Charta der Generation Y

Welche Forderungen stellt die junge Generation an die Leipzig Charta? 2017, zum zehnjährigen Bestehen der Charta, formulierten Studierende ein Manifest für eine „neo-europäische“ Stadt.

Text: Rettich, Stefan, Leipzig

Nehmen Sie nur ein bis zwei Themen in den Fokus und halten Sie den Text kurz – länger wird er von allein“ – das war der knappe, aber aufrichtige Rat von Tilmann Buchholz bei einem Kamingespräch anlässlich einer Winterschule, auf die Frage, was man beachten müsse, um eine neue Leipzig Charta zu schreiben.
Buchholz ist Mitarbeiter im Referat Nationale Stadtentwicklungspolitik (NSP) des BMI und war einer der wesentlichen Unterhändler bei der Abstimmung der Leipzig Charta mit den Vertretern der EU-Mitgliedsstaaten. Die NSP ist ein noch junges Referat, das ursächlich aus der Leipzig Charta hervorgegangen ist. Die Minister und Ministerinnen der europäischen Mitgliedsstaaten haben sich dort verpflichtet, eine Initiative ins Leben zu rufen, mit der die Grundsätze und Strategien der Charta in den verschiedenen Planungsebenen ihrer Länder verankert werden sollten. Neben der Förderung besonders innovativer Projekte unterstützt die NSP auch Formate des Austauschs und der Kommunikation. Dazu gehört neben dem eigenen NSP-Kongress, der sich als Klassentreffen der Planerszene etabliert hat, auch der Hochschultag der Nationalen Stadtentwicklungspolitik und das Programm „Fachlicher Nachwuchs entwirft Zukunft“. 12 Hochschulen verständigen sich dabei auf gemeinsame Lehrveranstaltungen zu einem Oberthema, das dann in einer Sommer- oder Winterschule profiliert wird. 2017, zum zehnjährigen Jubiläum der Leipzig Charta ging es um eben jene. Und für die Winterschule war geplant eine Charta-Y zu verfassen, also eine Generationensicht auf die wichtigen Fragen zukünftiger Stadtentwicklung.
Das war den vermeintlich unpolitischen „Ypsilonern“ allerdings zu wenig. Selbstbewusst haben sie ein „Manifest für den neo-europäischen Raum“ verfasst – mit 10 Leitsätzen und 5 Handlungsebenen – „für eine menschengerechte Entwicklung in Europa“.¹
„Wir fordern von der Politik: Politische Willensbildung stärker zu fördern, Kompetenzen abzugeben und einen Rahmen für die Selbstorganisation der Gesellschaft zu schaffen.“ (Leitsatz 9)
Die Mensch-Zentrierung des Manifestes irritiert denn auch bei der ersten Lektüre. Denn es geht dabei nicht um Proportionen, das menschliche Maß oder um Wohlfühlarchitektur, nicht um „Städte für Menschen“, sondern um Grundrechte: um Selbstbestimmung (Leitsatz 3), Gleichberechtigung (Satz 4) und um Bedürfnisgerechtigkeit (Satz 5), und an einer ganzen Reihe von Stellen wird die Gleichwertigkeit von Räumen und Menschen gefordert, aber nicht deren Gleichartigkeit. Diese Generation sieht sich offenbar in der Pflicht, dem aufziehenden Populismus und Nationalismus die Stirn zu bieten, und hält es für nötig, auch die aktuell Planenden an Grund- und Menschenrechte zu erinnern.
„Wir fordern von den Menschen: Streben nach der eigenen Mündigkeit, Einbindung in den gesellschaftlichen Rahmen und Bildung von verantwortungsbewussten, ideologiefreien und pragmatischen Allianzen.“ (Satz 10)
Die fünf Handlungsfelder – Stadt-Land, Migration, produktive Stadt, neue Mobilität und Smart City – sind dagegen etwas weniger überraschend. Dabei zeigt sich, dass Themen, die vor zwei Jahren noch neu oder weniger im Fokus standen, heute als „state of the art“ gelten oder von der Tagesordnung verschwunden sind. Wer redet zum Beispiel heute noch über die Unterbringung von Asylsuchenden?
Wesentlich an diesem Manifest ist jedoch die Art und Weise, wie über die Umsetzung der Themenfelder nachgedacht wurde. Der rote Faden heißt „Allianzen“, gleichbedeutend mit der Forderung nach einer radikalen Ko-Produktion, bei gleichzeitiger Abschaffung sämtlicher Planungsebenen und -hierarchien. Individuen, Institutionen, NGOs – kurz alle Stakeholder – sollen sich ad hoc in „Allianzen“ zusammenfinden, zu den Themen, die ihnen unter den Nägeln brennen und gemeinsam um eine Lösung ringen. Der Stadtplaner schaut zu, unterstützt mit Fachwissen und moderiert – der Politiker nimmt die Entscheidung entgegen und setzt um. Planung als Fluidum zufälliger, interessensbasierter Gruppen.
Wer sich mit Governance und Beteiligungsthemen in der Stadtentwicklung oder mit der Machtfrage in der Politik auseinandergesetzt hat, wird dies für naiv erklären. Vielleicht ist Naivität aber auch das wichtigste
Gut einer jeden nachwachsenden Generation. Denn, Stadtentwicklung ist
ein zähes Geschäft, weshalb fast immer auf Routinen und konsensuale Mechanismen zurückgegriffen wird, die sich zwischen den Sektoren und Akteuren eingespielt haben. Aus diesem Grund sind jedoch Innovationen auch so schwierig durchzusetzen sind. Naivität ist daher ein besonders wirksames Mittel gegen überkommene Routinen, gerade weil die Naiven mangels besseren Wissens nicht lockerlassen. Und so werden ganz sicher Teile dieser hier skizzierten Vorstellungen auch die künftige Entwicklung bestimmen.
„Wir sind Digital Natives – Für uns besteht keine Trennung zwischen dem analogen und dem digitalen Raum.“ (Satz 7)
Digitalisierung ist das zweite Thema, das sich quer durch das Manifest zieht. Die „Ypsiloner“ sind die erste Generation, die mit digitalen Medien aufgewachsen ist. Diese Kernkompetenz gilt es früh zu integrieren. Digitalisierung wird zwar schon heute als Treiber der Stadtentwicklung verstanden, nicht aber als Gestaltungsinstrument oder gar als grundlegende vom Staat zu schaffende Infrastruktur. Dieser Sektor ist noch gänzlich vom marktliberalen Handeln geprägt: Die Breitbandlizenzen werden in komplexen Auktionen meistbietend vergeben. Die Infrastruktur und auch die Gewinne, die damit erzielt werden, bleiben in privater Hand. Dass sich auch hier in Bezug auf Datensicherheit und Cyberwar allmählich eine veränder­-te Sichtweise einstellt, zeigt die Diskussion über die Zulassung des chinesischen Anbieters Huawei zu den Auktionen. Nicht umsonst fordern die Studierenden von der EU eine sichere Digitalplattform, zur Unterstützung der Allianzen, aber auch als ein staatlich abgesichertes Äquivalent zu Facebook. Auch das könnte man in Anbetracht von Staatsführern wie Victor Orbán oder Populisten wie Matteo Salvini als naiv betrachten. Aber welchen Gewinn und geopolitischen Standortvorteil böte ein staatlich bereitgestelltes und datentechnisch sicheres Netz der EU? Eine Utopie, aber technisch sicher machbar und zugleich eine deutliche Kampfansage gegenüber dem Datenklau des Silicon Valley.
Man kann an dem Y-Papier auch ablesen, wie schnell der Globus sich gerade dreht. Der analoge öffentliche Raum schien dem Nachwuchs beispielsweise keine Beschäftigung wert, da sicher und fest im Diskurs verankert – das war allerdings noch vor Chemnitz. Wenn man jetzt über eine neue Leipzig Charta diskutiert, sollte man dies berücksichtigen und kein Papier für die Ewigkeit in Angriff nehmen, sondern, wie eingangs erwähnt, ein oder zwei Themen ganz nach vorn bringen, die für die nächsten fünf Jahre besondere Beachtung im politischen Raum finden.
In der Ursprungs-Charta waren dies die Themen Nachhaltigkeit und integrierte Stadtentwicklung sowie benachteiligte Stadtquartiere auf räumlicher Ebene. Die Generation Y fordert eine menschengerechte, selbstorganisierte Stadtentwicklung und einen stabilen, staatlichen Rahmen für den digitalen Raum.

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