Die Kunst der Baustelle

Technische Entwicklung, gesellschaftliche Rolle und ihre eigene Ästhetik: Die Baustelle in der Cité de l’architecture in Paris.

Text: Schulz, Bernhard , Berlin

    Ein Guckloch ermöglicht einen Blick auf die Baustelle des Forum des Halles 1979 in Paris.
    Foto: BHVP-Parisienne de Photo

    Ein Guckloch ermöglicht einen Blick auf die Baustelle des Forum des Halles 1979 in Paris.

    Foto: BHVP-Parisienne de Photo

    „Vielen Dank“: Das Exvoto „En remerciement à Notre-Dame-de-Laghet. 17.12.26 Menardo Geoffroy“ von 1927.

    „Vielen Dank“: Das Exvoto „En remerciement à Notre-Dame-de-Laghet. 17.12.26 Menardo Geoffroy“ von 1927.

    Ein Wandteppich nach dem Gemälde von Fernand Légers „Die Konstrukteure“.
    Abb.: RMN-GP (F. Léger-Museum) G.Blot © Adagp, Paris, 2018

    Ein Wandteppich nach dem Gemälde von Fernand Légers „Die Konstrukteure“.

    Abb.: RMN-GP (F. Léger-Museum) G.Blot © Adagp, Paris, 2018

Die Kunst der Baustelle

Technische Entwicklung, gesellschaftliche Rolle und ihre eigene Ästhetik: Die Baustelle in der Cité de l’architecture in Paris.

Text: Schulz, Bernhard , Berlin

Baustellen sind ein Widerspruch. Bauherr, Architekt und Nutzer wollen das fertige Gebäude. In unserer Zeit computergenerierter Renderings ist nichts leichter, als die Illusion eines Bauwerks vorzuführen, noch ehe der erste Handschlag getan wurde. Die Baustelle hingegen ist das Hindernis, das den auf dem Bildschirm so perfekten Entwurf vom tatsächlichen Gebäude trennt. Zugleich ist die Baustelle der Ort, an dem Architekt und Bauherr in den intensivsten Kontakt mit ihrem Vorhaben treten, den geplanten Fortgang der Arbeiten überwachen, Änderungen vornehmen, Schwierigkeiten überwinden – oder Katas­trophen erleiden. Letztere sind selten geworden, und wenn, vollziehen sie sich eher versteckt in den Zahlenkolonnen der Buchhaltung.
Das Pariser Architekturmuseum Cité de l’archi­- tecture et du patrimoine widmet sich derzeit unter dem Titel „L’art du chantier“ der „Kunst der Baustelle“. Es geht darum, die Baustelle als Kunstwerk sui generis zu betrachten, aber auch darum, die Baustelle als Gegenstand der Kunst zu würdigen. Beides greift in Paris ineinander. Gegliedert ist die Ausstellung in drei Bereiche mit jeweils mehreren Unterkapiteln, die sich nicht wirklich trennscharf abgrenzen lassen. Diese drei Bereiche widmen sich der Entwicklung der Technik auf der Baustelle, ihrer gesellschaftlichen Rolle und schließlich ihrer eigenen Ästhetik und deren künstlerischer Widerspiegelung.
Dass es beim Auftaktkapitel zur Technik nicht um eine Konkurrenz zu den üblichen science centers mit ihren hands-on-Apparaturen geht, machen gleich die ersten Stellwände dieser in den schmalen Raum im Palais de Chaillot geschickt hineinbugsierten Ausstellung deutlich. Da zeigen Fotoreihen das geschwinde Wachstum des Eiffelturms 1888/89 und des New Yorker Empire State Buildings im Jahr 1930. Die sepiafarbenen Abzüge dokumentieren vom jeweils selben Standort aus das durch die Verwendung von Eisen respektive Stahl ermöglichte Bautempo. Gerade diese Fotoserien stehen ebenso gut für die Ästhetik der Baustelle, die sich, anders als das fertige Bauwerk, nicht mit einem einzigen Blick erschließt, sondern in ihrem zeitlichen Fortgang besteht, den die Fotografie wie kein anderes Medium zuvor sichtbar machen kann.
In Zeichnungen, Aquarellen und Gemälden wurden Baustellen längst schon festgehalten, und eben nicht allein um der Dokumentation willen, sondern zugleich als ästhetisches Vergnügen. Das Pariser Museum braucht seine Netze nicht weit auszuwerfen; die eigene Stadt bietet eine Überfülle an Belegstücken. Immerzu wurde die Stadt baulich verschönert, wurden die darauf gerichteten Anstrengungen entsprechend festgehalten. Die Kuratorinnen Marie-Hélène Contal und Valérie Nègre haben aber auch beim Londoner John Soane’s Museum vorbeigeschaut und einige der Blätter ausgeliehen, die Soane fortwährend von seinen Studenten anfertigen ließ, um die Konstruktion etwa des Royal Hospitals in Chelsea 1809 für seine Lehrzwecke dokumentiert.
Der zweite Teil der Ausstellung, die Baustelle als Schauplatz des gesellschaftlichen Lebens, zeigt reichhaltigstes Material. Erst im 18. Jahrhundert wird es üblich, dass sich Bauherren, also der Adel bis hin zur Krone, aber auch die Architekten auf der Baustelle blicken lassen. Die einfach so ins Alltagsleben ausgreifende Baustelle wird zunehmend abgetrennt, als ein besonderer Ort sowohl der Arbeit als eben auch der Repräsentation. Einweihungen, aber auch Baufortschritte werden gefeiert und entsprechend dargestellt. Im 18. und erst recht im 19. Jahrhundert blüht die Karikatur; was in der Ausstellung an Zeichnungen des unvergleichlichen Honoré Daumier zu sehen ist. Der Besucher erlebt ein ganzes Album seiner treffsicheren Sottisen. Der begleitende Katalog, der ein Kompendium an sonst kaum greifbaren Darstellungen und Illustrationen bildet, kann davon leider nur Weniges aufnehmen.
Ein höchst aufschlussreiches Unterkapitel ist dem Gegenteil und meist Vorgänger der Baustelle gewidmet – dem Abriss. Es beginnt mit dem berühmtesten aller Abrisse, dem der verhassten Gefängnisburg der Pariser Bastille nach deren Erstürmung am 14. Juli 1789. Das 19. Jahrhundert mit seinen städtebaulichen Kahlschlagsanierungen veränderte nicht nur Paris, sondern viele französische Städte – Fotografien halb niedergerissener Häuserzeilen und ganzer Wohnquartiere aus Lille, Lyon oder Marseille ergänzen unsere Vorstellung von der „Haussmannisation“. Ein Plakat zeigt Mussolini als obersten Spitzhackenschwinger in Rom: Da hätte die Ausstellung intensiver auf die maßlosen Abriss- und Neubauprojekte der Diktaturen in Italien, Deutschland und der Sowjetunion eingehen müssen.
Immerhin kommen die Arbeitskämpfe, die sich – für die Gesellschaft vielleicht am sichtbarsten – auf den Baustellen abspielten, breit zur Darstellung. Das Palais de Chaillot als Neubau für die Weltausstellung 1937 hat selbst solche Kämpfe, hat Streiks und Arbeitsverweigerungen gesehen. Es war die unruhige Zeit der Volksfront. Sie fand dreißig Jahre später eine Fortsetzung in den Kämpfen des Pariser Mai ’68, die erstmals eine stark anti-rassistische Stoßrichtung besaßen, schufteten auf den französischen Baustellen vor allem rechtlose Algerier. Der farbenfroh-optimistische Wandteppich nach dem Gemälde „Die Konstrukteure“ von Fernand Léger aus den 1950er Jahren, unterstützte die positive Gewerkschaftslinie, hatte aber mit der Realität nicht unbedingt zu tun. Welcher andere Künstler aber hätte sich überhaupt der Bauarbeiter als Vorboten einer neuen Gesellschaft angenommen? Da wäre Alexander Deineka zu nennen – nur war von ihm kein entsprechendes Gemälde aus russischen Museen zu bekommen, es hätte auch vom Format her nicht in die kleinteilige Ausstellung gepasst, in der Vieles nur in Reproduktion, Dia und Fotografie gezeigt werden kann.
Auf der Rückseite der langen Stellwandflucht schließen sich noch kleine Kabinette an. Eines macht mit einem wichtigen, stets verschwiegenen Thema auf allen Baustellen bekannt: dem Arbeitsunfall. Und zwar in der vermittelten Form von Exvotos, die Abstürze von Bauhandwerkern zeigen und den Dank für einen glimpflichen Ausgang, den die Familien der Unglücklichen an höhere Mächte sandten. Es frappiert der naive Realismus dieser Darstellungen, hinter dem die tägliche Sorge um Leib und Leben nur zu ahnen ist. Es ist gut, dass die Ausstellung diesen Aspekt einschließt und ihn fast am Ende zeigt, auf dass der Besucher nicht vor lauter Fortschritt auf der Baustelle übermütig werde.

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