Das verschwundene Leipzig

Das Prinzip Abriss und Neubau in drei Jahrhunderten Stadtentwicklung

Text: Brinkmann, Ulrich, Berlin

    Eine Ruine: Nach starken Schäden im Zweiten Weltkrieg wurde das Alte Theater 1947 abgerissen.
    Foto: Gerhard Treblegar/Stadtarchiv Leipzig

    Eine Ruine: Nach starken Schäden im Zweiten Weltkrieg wurde das Alte Theater 1947 abgerissen.

    Foto: Gerhard Treblegar/Stadtarchiv Leipzig

    Auch heute noch ein überdimensionierter Verkehrsknotenpunkt am Goerdelerring mit dem Warenhaus Konsument. Das Foto ist von 1975.
    Foto: Stadtgeschichtliches Museum Leipzig; Reinhold Knobbe/Stadtarchiv Leipzig

    Auch heute noch ein überdimensionierter Verkehrsknotenpunkt am Goerdelerring mit dem Warenhaus Konsument. Das Foto ist von 1975.

    Foto: Stadtgeschichtliches Museum Leipzig; Reinhold Knobbe/Stadtarchiv Leipzig

    Bis 1947 befand sich an dieser stelle das Neue Theater, welches 1868 öffnete. Die Postkarte ist von 1905.
    Foto: Stadtgeschichtliches Museum Leipzig; Reinhold Knobbe/Stadtarchiv Leipzig

    Bis 1947 befand sich an dieser stelle das Neue Theater, welches 1868 öffnete. Die Postkarte ist von 1905.

    Foto: Stadtgeschichtliches Museum Leipzig; Reinhold Knobbe/Stadtarchiv Leipzig

Das verschwundene Leipzig

Das Prinzip Abriss und Neubau in drei Jahrhunderten Stadtentwicklung

Text: Brinkmann, Ulrich, Berlin

Mein Sohn fragte mich unlängst, warum Städte tendenziell eher links wählen und ländliche Räume eher rechts. Nach kurzem Überlegen antwortete ich ihm, dass das Leben in den Dörfern über Jahrhunderte hinweg stabiler gewesen sei als das in den Städten, geprägt vom gleichbleibenden Wechsel der Jahreszeiten, der Bodenbeschaffenheit, der Fruchtfolge auf den Feldern, der Viehzucht; Veränderungen seien dort eher als Bedrohung aufgetreten, durch Krieg, Brandschatzung, Natur­katastrophen. In den Städten dagegen hätte der Wandel seit eh und je zum Leben der Bürger gehört, ebenso der Kontakt in die Ferne und mit Fremden aufgrund der Einbindung in weitgespannte Handels- und Wissensnetzwerke, weshalb dort die Gestaltung von Veränderungen geübter sei als das Beharren auf einem Zustand.
Eine Reise nach Leipzig könnte diese These dem Heranwachsenden anschaulich machen. Dort, genauer in der Alten Nikolaischule, wurde im Februar eine Ausstellung eröffnet, die sich der Leipziger Stadtentwicklung anhand von Abrissen widmet, ex negativo also. Die aus einem Seminar am Institut für Kunstgeschichte der Universität Leipzig hervorgegangene, von Arnold Bartetzky und Anna Reindl kuratierte Ausstellung geht den Veränderungen des Leipziger Stadtbilds im Laufe von drei Jahrhunderten nach, beginnend mit der allmählichen, im europäischen Vergleich frühen Niederlegung der Stadtbefestigung im 18. Jahrhundert, um aufzuzeigen, wie der Wandel von Funktionen, Erwartungen und Leitbildern zum gegenwärtigen Bild der Stadt geführt hat. Es geht um den bewussten Abbruch, nicht etwa um Kriegszerstörungen. Selbst bedeutende öffentliche Bauten blieben von diesem Veränderungswillen nicht verschont. Bis zu sechs Zustände eines Orts in der besagten Zeitspanne ließen sich so gegenüberstellen – eine „Tiefenbohrung durch drei Jahrhunderte“, so die Kuratoren.
Die Schau, in zehn Kapitel gegliedert, erstreckt sich über das schmale Treppenhaus der Nikolaischule aus den 1990ern bis hoch in die Räume der Kulturstiftung Leipzig im zweiten Obergeschoss, und der direkte Vergleich der kontrastierenden Zustände ist in der Tat eindringlich – etwa am Goerdelerring, wo die Ruine des Alten Theaters nach dem Krieg einer gigantischen Verkehrsfläche Platz machte und das Kaufhaus Brühl hinter einer Aluminiumverkleidung verschwand und zur „Blechbüchse“ wurde, die heute, nachdem das denkmalgeschützte Kaufhaus dahinter zugunsten eines Einkaufs­centers abgerissen worden ist, wieder an Ort und Stelle steht bzw. hängt. Ein außergewöhnlicher Triumph der „Ostmoderne“ über die Abrisswut, die nach 1990 gerade über diese jüngere Vergangenheit hinweggegangen ist, angefangen vom Interhotel gegenüber dem Bahnhof bis zum Messeamt am Markt, von den Großwohnbauten in Grünau ganz zu schweigen. Der Wert der Ausstellung liegt darin, diesen von vielen Zeitgenossen noch selbsterlebten Stadtumbau vor einen breiten historischen Hintergrund zu stellen, etwa zur Zeitschicht „um 1900“, als große Teile der kleinteiligen, noch von Fachwerkhäusern geprägten Altstadt den neuen, blockgroßen Messepalästen weichen mussten. Den künftigen Umgang mit der Stadt könnte eine solche Schau durchaus beeinflussen – das „Nachwende-Leipzig“ kommt allmählich in jenes Alter, in dem erste Umbaumaßnahmen anstehen.

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