Da sein reicht!

Ausstellung „Leonardo Ricci 100“ in Florenz

Text: Brinkmann, Ulrich, Berlin

    Die Villa della Valle (ehemals Casa Balmain) auf der Isola d´Elba wurde für den Modeschöpfer Pierre Balmain gebaut.
    Foto: Ricardo Scofidio

    Die Villa della Valle (ehemals Casa Balmain) auf der Isola d´Elba wurde für den Modeschöpfer Pierre Balmain gebaut.

    Foto: Ricardo Scofidio

    Ricci war nicht nur Architekt: „Come una notte di luna“, 1958, Öl auf Leinwand, 103x207 cm, Monterinaldi
    Foto: Casa Studio Ricci, Pietro Carafa

    Ricci war nicht nur Architekt: „Come una notte di luna“, 1958, Öl auf Leinwand, 103x207 cm, Monterinaldi

    Foto: Casa Studio Ricci, Pietro Carafa

Da sein reicht!

Ausstellung „Leonardo Ricci 100“ in Florenz

Text: Brinkmann, Ulrich, Berlin

Das größte Exponat ist rund fünf Kilometer vom Florentiner Stadtzentrum entfernt zu bestaunen. Der Bus der Linie 23 braucht an diesem regne­rischen Aprilnachmittag fast 40 Minuten hinaus in die Großsiedlung Sorgane, aber die Fahrt allein ist für einen Freund der Stille schon eine willkommene Abwechslung zum überdrehten Treiben des Städtetourismus im Zentrum, und direkt an der Endstation wartet ein Hauptwerk des Architekten Leonardo Ricci (1918–1994): eine rund 200 Meter lange Wohnmaschine, artikuliert in feinstem italienischem Brutalismus. Vor allem die auf dem Sockel, welcher Geschäfte, Büros und Parkplätze aufnimmt, angeordneten Terrassen und Gänge mitsamt ihren Freitreppen und die von dort zugänglichen Treppentürme machen „La Nave“, erbaut von 1962–66, zu einer auch für Besucher begehbaren Großform.
Bis Ende Mai noch ist die zum hundertsten Geburtstag des Florentiner Architekten im Refek­torium der Kirche Santa Maria Novella, direkt gegenüber dem rationalistischen Bahnhof des Gruppo Toscano, eingerichtete Schau zu sehen, und wer bis dahin in Florenz weilt, sollte einen Besuch nicht versäumen. Ein bisschen Zeit ist allerdings mitzubringen, denn es gibt viel zu sehen: Das junge Team um die Kuratoren Maria Clara Ghia, Ugo Dattilo und Clementina Ricci hat für die große Ausstellung nicht nur den in der Univer­sität Parma, und zwar im Centro Studi e Archivio della Comunicazione, gelagerten Teil des Nachlasses ausgewertet, sondern auch Zugriff auf die im Privathaus des Architekten in der von ihm ab 1949 erbauten Künstlerkolonie Monterinaldi verwahrten Werke erhalten – vieles, was hier zu sehen ist, Zeichnungen, Fotos, vor allem aber die Gemälde des in vielen Disziplinen arbeitenden Ricci, erblicken das Licht einer größeren Öffentlichkeit zum ersten Mal. Leitfaden der Ausstellung aber sind die 16 Kapitel eines Buchs – und zwar des Buchs „Anonimo del XX secolo“, das Ricci 1957 in den USA geschrieben hat und das deshalb seinerzeit auch auf Englisch publiziert worden ist. Das Buch ist längst vergriffen, zumindest die italienische Ausgabe aber soll, so ist von den Kuratoren zu hören, demnächst neu aufgelegt werden. Bis dahin wird man sich mit dem wortreichen Katalog begnügen, um das zu leisten, was Ricci als Sinn des Lebens erkannt hat und was die Kuratoren auch mit ihrer Ausstellung bezwecken: Verbindungen zu erkennen zwischen den Dingen, die die Menschen umgeben, und den Ereignissen und Handlungen, die ihr Leben ausmachen. „Basta esistere“, formulierte es Ricci selbst: Da sein genügt. Damit, so hoffen die Kuratoren, ist die Ausstellung auch für Nicht-Architekten zugänglich, hat Ricci doch stets die Gemeinschaft, für die er gebaut hat, und den Raum für Begegnung und Kommunikation in den Mittelpunkt seiner Entwürfe gestellt.
Prägend war für den jungen Ricci das Aufeinandertreffen mit dem Waldenser-Pfarrer Tullio Vinay, der ihn zwei Mal beauftragt hat, eine Waldenser-Kolonie zu bauen: das erste Mal in Agape im piemontesischen Prali (1946/47), das zweite Mal auf Sizilien, auf dem Monte degli Ulivi in Riesi (1963–67). Die Verwendung von am jeweiligen Ort vorgefundenen Materialien sowie Riccis zunehmend „organische“ Formensprache wird in diesen Jahren deutlich: Es sind Planungen, die aus dem Gegenüber von Zurückgezogenheit und Gemeinschaft ihre Kraft ziehen, und wenn man mit diesen beiden Kategorien des Raums auf „La Nave“ blickt, erschließt sich die Struktur der großen Wohnanlage rasch. Auch die Kuratoren haben daraus Inspiration gezogen: Die kleinen Kabinette gegenüber der langen Wand bieten Gelegenheit zu vertiefender Beschäftigung mit einzelnen Entwürfen des Architekten, von den glamourösen Villen der späten 1950er Jahre bis hin zur grenzensprengenden, weltumspannenden Idee der „città-Terra“, an der Ricci in den 1960er Jahren arbeitete.

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