#Closedbutopen

Weltweit sind Museen in den letzten Wochen neue Wege gegangen, Kunst und Architektur über das Internet zu vermitteln. So trotzten sie dem Lockdown und prägen den digitalen Diskurs womöglich weit über die Krise hinaus. Wird der digitale Raum dem physischen Raum ergänzend bei Seite stehen?

Text: Ehret, Ananda, Berlin

    Virtuelle Tour durch die Ausstellung „AI & 3D Architecture“ in Paris.
    Foto: Pavillon de l’arsena

    Virtuelle Tour durch die Ausstellung „AI & 3D Architecture“ in Paris.

    Foto: Pavillon de l’arsena

#Closedbutopen

Weltweit sind Museen in den letzten Wochen neue Wege gegangen, Kunst und Architektur über das Internet zu vermitteln. So trotzten sie dem Lockdown und prägen den digitalen Diskurs womöglich weit über die Krise hinaus. Wird der digitale Raum dem physischen Raum ergänzend bei Seite stehen?

Text: Ehret, Ananda, Berlin

Seit einigen Jahren ermöglicht die Plattform „Google Arts & Culture“ in einer riesigen digitalen Sammlung von Kunstwerken zu stöbern. Auch Ausflüge zum Taj Mahal, auf die Terrasse der Villa Savoye oder in den Konzertsaal der Elbphilharmonie sind im digitalen Raum kein neues Phänomen. Doch ob nun ein Gebäude oder ausgestellte Kunstwerke virtuell begutachtet werden können – mit einem Besuch in der realen Welt sind die digitalen Erlebnisse kaum vergleichbar. Die holprige Navigation und die verzerrten Bilder im kleinen Bildschirm können den Museumsausflug am Wochenende, die vielfältigen Eindrücke und den Kaffee am Nachmittag nur bedingt ersetzen. Der virtuelle Raum, als Plattform für Kunst und Architektur, erfordert einen anderen, kreativeren Umgang, um nicht ausschließlich mit dem phy­sischen Erleben konkurrieren zu müssen. Seit Beginn des Lockdown kann man in den sozialen Netzwerken und auf öffentlichen Internetseiten diverse Ansätze finden, die die Potenziale der digitalen Kommunikationsfläche herausarbeiten. Der kreative Umgang mit Medien und Narrativen hat ein buntes Angebot geschaffen, das den digitalen Diskurs auf vielfältige Weise bereichert – und sich dabei stetig weiterzuentwickeln scheint.
Jene Ausstellungen, die schon liefen, als der Lockdown eintrat, fanden zunächst gut daran, eine direkte Brücke aus dem physischen in den digitalen Raum zu schlagen. Und so erinnert die virtuelle Tour durch den Ausstellungssaal des Pavillon de l’arsenal in Paris noch stark an das, zuvor beschriebene, virtuelle Google-Erlebnis. Die gezeigten Ausstellungen, darunter eine zum Thema „AI & 3D Architecture“, werden jedoch durch Fotos und Texte begleitet, die die Abfolge im Raum gliedern und den thematischen Zugang erleichtern.
Ähnlich direkt reagierte das schweizerische Architekturmuseum (SAM), wobei sich dieses für einen anderen Weg der digitalen Kommunika­tion entschied. Auf der Facebook-Seite des SAM führt Andreas Ruby, von der Kamera begleitet, durch die aktuelle Ausstellung. Er zeigt und bespricht die Exponate und bringt so das Museum ins Wohnzimmer der Zuschauer. Mittlerweile hat das SAM auch wieder für den physischen Besuch geöffnet − das digitale Angebot hat sich dennoch erweitert. Regelmäßig telefoniert Ruby nun live auf Instagram mit unterschiedlichen Akteuren, um die dringenden Fragen der gebauten Umwelt zu besprechen.
Auch das Architekturmuseum der TU Berlin und das Architekturzentrum Wien (AzW) haben sich mit fortschreitendem Lockdown digital weiterentwickelt. Seit einigen Wochen gewährt das Architekturmuseum der TU Berlin unter dem Titel #Closedbutopen Einblicke in sein umfangreiches Archiv, während das AzW unter #AzWDecameron auf Instagram aktiv ist. Der digitale Kurs lehrt die österreichische Architekturgeschichte und wird täglich mit Bildern aus der eigenen Sammlung gespeist. Zusätzlich zu diesen Angeboten in Text und Bild, haben beide Insti­tutionen nun das Video für sich und ihre digitalen Besucher entdeckt. Das Architekturmuseum der TU Berlin verfügt seit Neustem über einen Youtubekanal, und das AzW zeigt auf Facebook „dass es mehr kann“. Hier führt die Direktorin Angelika Fitz nun, ganz ähnlich wie die schweizerischen Kollegen, durch die aktuelle Ausstellung.
Auf den Internetseiten der großen Akteure wird deutlich, dass eine sorgsam kuratierte und vielfältige Kombination verschiedener Medien das digitale Erlebnis eindrücklich gestalten kann. In der digitalen Programmreihe „Virtual Views“ des MoMa in New York werden unter anderem der Skulpturengarten des Museums und die Ausstellung der Designerin Neri Oxman vorgestellt. Jeder digitale Programmpunkt wird mit einem Video eingeleitet, das, aus der Perspektive eines Museumswächters und einer Kuratorin, persönliche Eindrücke bietet. So können die Zuschauer Bezug zu dem Ort aufbauen, bevor sie sich in den Bildergalerien, Audiodateien, und Live-Zoom-Meetings verlieren.
Dem Museumsausflug in der physischen Welt, können die digitalen Möglichkeiten nicht ersetzen. In der Not der vergangenen Wochen wurde aber deutlich, dass die unterschiedlichen Lösungsansätze der Museen und der innovative Umgang mit unterschiedlichen Medien, den digitalen Raum zu einer dynamischen Kommunikationsfläche werden lassen.
Hier wird der digitale Kunst- und Architekturdiskurs einem breiten Publikum zugänglich gemacht und ermöglicht dabei vielfältige Formen der Auseinandersetzung und gegenseitigen Inspiration. Es wird sich zeigen, wie sich diese Potenziale in Zukunft weiter entfalten werden. Wünschenswert wäre ein diverser digitaler Raum, der dem physisches Erleben – ergänzend – bei Seite stehen kann.

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