Angepasst und beständig

Text: Crone, Benedikt, Berlin; Flagner, Beatrix, Berlin

    Eine mit Folie überklebte Mauer in Hongkong, die wohl nicht robust gegenüber Protest-Graffiti ist.
    Foto: Hans Leo Maes

    Eine mit Folie überklebte Mauer in Hongkong, die wohl nicht robust gegenüber Protest-Graffiti ist.

    Foto: Hans Leo Maes

Angepasst und beständig

Text: Crone, Benedikt, Berlin; Flagner, Beatrix, Berlin

Dass Politik nur noch von einer Krise in die nächste stolpert, also reagiert statt agiert, war bereits vor Corona eine beliebte These. Vielleicht ist dieses Verhalten eine logische Folge der „Risikogesellschaft“, in die uns der Soziologe Ulrich Beck schon 1986 hatte schlittern sehen. Diese Gesellschaft produziert mit wachsendem Wohlstand wachsende Risiken, auf die der Staat gegenwärtig Antworten zu finden hat – selbst wenn die größ­­-ten Gefahren noch in einer abstrakten Zukunft lauern. Da wirkt alles, was robust ist, erstmal angenehm beruhigend.
Das trifft gerade auch auf Architektur und Städtebau zu, wo sich „robust“ zu einem Trendwort aufgeschwungen hat. Dabei ist es nicht nur die ein­fache Wertschätzung des Materials – „robustus“ ist lateinisch für etwas aus Hartholz –, was das Wort so anziehend macht. Mit Blick auf die Dauerunsicherheit der Wirtschaft, zerbrechliche Sozialbeziehungen und gefährdete Demokratien verspricht der Begriff auch auf höheren Ebenen eine Beständigkeit bei gleichzeitiger Anpassungsfähigkeit.
Als wir Mitte Februar das Thema „Robust“ für den diesjährigen Bauwelt Kongress wählten, gab es noch keine offiziellen Coronafälle in Europa, keine Lockdowns und kein Misstrauen gegenüber der dichten Stadt. Mit der weltweiten Pandemie scheinen die Fragen, wie es mit der Planung weitergeht und was uns durch eine ungewisse Zukunft trägt, nicht nur lauter, sondern auch dringlicher geworden zu sein. Die Häuser, Quartiere und Freiräume, die heute entstehen, müssen nicht nur Veränderungen der Arbeit, des Wohnens, der Fortbewegung oder der Energieerzeugung gerecht werden, sondern auch auf Ereignisse reagieren, die noch nicht bekannt sind und auch nicht präzise vorhergesagt werden können.

Wie reagieren die Städte?

In dieser Ausgabe und auf dem Kongress im Dezember wagen wir einen Blick auf die nahe Zukunft und stellen die Kernfrage: Was muss eine Stadt aushalten? Wir versuchen eine Prognose entlang der drei großen Umwälzungen: Klimawandel, Mobilitätswandel, Demografischer Wandel. Aber wir werfen auch einen Blick auf eine weltweit blühende Protestkultur. Denn neben einer Resistenz gegenüber Extremwetter, steigende Meeresspiegel und hoher Verkehrsaufkommen muss sich die Stadt auch wieder vermehrt als robuster Ort gelebter Demokratie beweisen. Antworten auf die vielen Kräfte, die auf die Städte einwirken, müssen keine großen Staatsprogramme sein. Auch kleine Eingriffe wie Ver­sickerungsmulden und weiß gestrichener Asphalt, Infrastrukturprojekte wie eine Fußgängerbrücke in Genua oder ein unter die Erde verlegter Autobahnabschnitt in Maastricht können eine Wirkung entfalten. Auch wenn sich deren wahre Stärke – und Robustheit – womöglich erst in Jahren zeigen wird.

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