Machtfülle statt Verführung

Im Kraftwerk auf Usedom wird eine Sonderschau über Albert Speer gezeigt, Architekt und Minister im Nationalsozialismus, der später seine Verantwortung leugnete

Text: Scheffler, Tanja, Dresden

    Baumeister des Dritten Reichs: Albert Speer auf dem Titel einer Wochenzeitschrift, 1938.
    Abb.: Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände

    Baumeister des Dritten Reichs: Albert Speer auf dem Titel einer Wochenzeitschrift, 1938.

    Abb.: Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände

    Blick in den Ausstellungssaal
    Foto: HTM Peenemünde

    Blick in den Ausstellungssaal

    Foto: HTM Peenemünde

    Zeichnung des Kraftwerks, in dem sich das Historisch-Technische Museum befindet. Es war Teil des zwischen 1936 und 1945 größten militärischen Forschungszentrums Europas.
    Abb.: Siemens Historical Institute

    Zeichnung des Kraftwerks, in dem sich das Historisch-Technische Museum befindet. Es war Teil des zwischen 1936 und 1945 größten militärischen Forschungszentrums Europas.

    Abb.: Siemens Historical Institute

Machtfülle statt Verführung

Im Kraftwerk auf Usedom wird eine Sonderschau über Albert Speer gezeigt, Architekt und Minister im Nationalsozialismus, der später seine Verantwortung leugnete

Text: Scheffler, Tanja, Dresden

Verklärende Mythen und grauenhafte Tatsachen liegen oft dicht beieinander. Dies wird in der Ausstellung „Albert Speer in der Bundesrepublik. Vom Umgang mit deutscher Vergangenheit“ im Historisch-Technischen Museum Peenemünde wieder einmal deutlich. Sie fokussiert die Akti­vitäten von Albert Speer (1905−1981) als Generalbauinspektor und Rüstungsminister. Dabei macht die vom Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände Nürnberg mit Unterstützung des Instituts für Zeitgeschichte München-Berlin kuratierte Sonderschau in der ehemaligen Tur­binenhalle des Peenemünder Kraftwerks weitere Aspekte von Speers weitreichendem Aufgabenfeld sichtbar – durch die komplexe Geschichte des neuen Ausstellungsorts selbst, ebenso wie in der Dauerausstellung im Kesselhaus.
Ab 1936 wurde in Peenemünde, im abgelegenen Norden der Insel Usedom, das größte mili­tärische Forschungszentrum des Deutschen Reichs errichtet – mit der Erprobungsstelle der Luftwaffe und der Heeresversuchsanstalt, in der unter der Leitung von Wernher von Braun die „Vergeltungswaffen“ V1 und V2 entwickelt wurden. Dafür entstanden innerhalb weniger Jah­re etwa siebzig in die Landschaft eingebettete Großbauten und Gebäudekomplexe: Forschungs- und Produktionsanlagen mit einem ausgefeilten Verkehrsnetz und elektrifizierter Werksbahn, Wohnsiedlungen, Barackenlager, Prüfstände, Abschussrampen, ein Wasserwerk und ein eigenes Kraftwerk. Verantwortlich für die Bauarbeiten der Versuchsanstalten war das Berliner Ingenieurbüro Schlempp. Die Bauleitung übernahm der Vermessungsingenieur Heinrich Lübke, der später Bundespräsident der Bundesrepublik wurde. Das Büro Speer plante zusätzlich zur realisierten Wissenschaftlersiedlung bei Karlshagen für das Personal der Rüstungsfabriken auch eine Musterstadt für 16.000 Menschen zwischen Trassenheide und Zinnowitz. Nach den britischen Luftangriffen im August 1943 wurde die Serienproduktion der Raketen in unterir­dische Stollen bei Nordhausen in Thüringen (Mittelbau-Dora) verlagert.
Peenemünde gilt seit dem ersten erfolgreichen Raketenstart im Oktober 1942 als „Geburtsort der Raumfahrt“. Viele der Bauten sind später zerstört oder demontiert worden, übrig blieb eine „Denkmallandschaft“ mit überwucherten Ruinen, Mauerresten und Gleisbettungen im Wald. Das riesige Kraftwerk, das eigens zur Produktion von flüssigem Sauerstoff für die Raketentriebwerke ab 1939 errichtet und 1942 in Betrieb genommen wurde, ist inklusive Förderanlage und Bunkerwarte bis heute erhalten und belegt aufgrund seiner Bauweise den seinerzeit hohen Anspruch an dieses Projekt.
Albert Speers Biographie – vom reichen Elternhaus über die Ausbildung bei Heinrich Tessenow bis zur frühen Hinwendung zum Nationalsozialismus – ist bekannt. Die Ausstellung zeigt, dass sein großer Einfluss auf das Baugeschehen der NS-Zeit vor allem auf seiner Machtfülle beruhte. Speer wurde 1934 zum „Beauftragten für Bauwesen im Stab des Stellvertreters des Führers“ berufen und errichtete in der Folge monumentale Parteibauten. Dafür mussten KZ-Häftlinge in Steinbrüchen unter unmenschlichen Bedingungen Material abbauen. 1937 ernannte Hitler ihn zum Generalbauinspektor für die Umgestaltung der Reichshauptstadt; der Zuständigkeitsbereich des Generalbauinspektors wurde sukzessive erweitert und später auf 32 Städte ausgeweitet. Für die Umgestaltung Berlins, die den Abriss vieler Häuser zugunsten neuer Straßenachsen vorsah, ließ Speer Juden aus ihren Wohnungen vertreiben, um dort „arische“ Mieter aus den Abrisswohnungen unterzubringen. 1942, als kriegsbedingt fast nur noch militärische Projekte und Rüstungsbauten realisiert wurden, wurde er zum Minister für Bewaffnung und Munition ernannt, 1943 zum Minister für Rüstung und Kriegsproduktion. Speer trug die Verantwortung für das Zwangsarbeitersystem der Kriegswirtschaft. Für den Ausbau des Konzentrationslagers Auschwitz genehmigte er das Baumaterial. Sein Ministerium organisierte die Serienproduktion der Raketen und baute die Strukturen des Konzen­trationslagers Mittelbau-Dora auf.
Später zeichnete Albert Speer von sich das Bild eines politisch verführten, effizient arbeitenden Technokraten und kaschierte seine Verantwortung für Verbrechen der NS-Zeit dadurch, dass er bereits bei den Nürnberger Prozessen eine vage indirekte Schuld für nicht gestellte Fragen zugab, jedoch jegliches Mitwissen oder Mittäterschaft kategorisch verneinte. Mit dieser Haltung wurde er nach seiner Entlassung aus der Haft 1966 als „Zeitzeuge“ zum Medienstar. Seine Bücher waren Bestseller und prägten lange Zeit das westdeutsche Geschichtsverständnis − sie boten ein willkommenes Muster, mit der Vergangenheit zurechtzukommen. Eine Sichtweise, die in den letzten Jahren auch durch Magnus Brechtkens Speer-Biographie (Bauwelt 15.2017) immer stärker hinterfragt wird.
Fakten
Architekten Speer, Albert (1905−1981)
aus Bauwelt 15.2020
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