2400 m2 pro Person

In Deutschland gibt es nicht genug Agrarfläche, um die Nahrungsmittel für alle Einwohner zu produzieren. Wir „leihen“ uns Boden im Ausland. Bei wem? Und wofür?

Text: Cesari, Ilaria, Berlin; Oswalt, Philipp, Berlin; Schmidt, Anne, Berlin

Durchschnittlicher Flächenbedarf eines Deutschen für seinen Konsum an Agrarprodukten nach Herkunftsländern
Infografik: 1kilo

Durchschnittlicher Flächenbedarf eines Deutschen für seinen Konsum an Agrarprodukten nach Herkunftsländern

Infografik: 1kilo


2400 m2 pro Person

In Deutschland gibt es nicht genug Agrarfläche, um die Nahrungsmittel für alle Einwohner zu produzieren. Wir „leihen“ uns Boden im Ausland. Bei wem? Und wofür?

Text: Cesari, Ilaria, Berlin; Oswalt, Philipp, Berlin; Schmidt, Anne, Berlin

Jeder Einwohner Deutschlands verbraucht im Durchschnitt knapp 1,9 kg Nahrungsmittel am Tag, das sind 679 kg pro Jahr. Davon sind 118,8 kg Milchprodukte, 87 kg Fleisch, 14,1 kg Fisch, 13 kg Eier, 110,5 kg Obst, 95,4 kg Gemüse, 95,6 kg Getreide, 5,2 kg Reis, 70 kg Kartoffeln, 50 kg Zuckerprodukte. Um die rund 82 Millionen Bundesbürger zu ernähren, ist mehr landwirtschaftliche Fläche nötig, als in Deutschland zur Verfügung steht, zumal 12,5 Prozent der Flächen ausschließlich zur Produktion von Bioenergie und pflanzlichen Rohstoffen genutzt werden. Von den insgesamt benötigten 22,3 Millionen Hektar landwirtschaftlicher Fläche liegen 5,5 Millionen im Ausland, davon 2,8 Millionen in Südamerika und 1,9 Millionen in anderen EU-Staaten. Auf mehr als zwei Drittel der Fläche werden Futtermittel zur Produktion von Fleisch, Milchprodukten, Eiern und Fisch angebaut, die pflanzlichen Lebensmittel, die der Mensch selber verzehrt, auf nur 28 Prozent.
Der globale Handel ist seit Mitte des 19. Jahrhunderts fast kontinuierlich gewachsen. Um 1850 wurden fünf Prozent der Weltagrarproduktion zwischen Ländern gehandelt. Zuletzt hat der Abbau von Handelsbarrieren seit den 1990er Jahren den globalen Handel gefördert, inzwischen ist er auf etwa 30 Prozent der Produktion gestiegen.
Lebensmitteltransporte über große Entfernungen sind nicht per se ein ökologisches Problem – der Transportenergiebedarf hat nur wenig Anteil am Gesamtenergieaufwand und fällt, außer bei Lufttransporten, kaum ins Gewicht. Mit Ausnahme von sehr wenigen Frischeprodukten aus Übersee werden Nahrungsmittel mit dem Schiff und auf dem Landweg transportiert. Entscheidend für die Höhe des Energiebedarfs und der Emissionen sind die Produktionsweise und die Art der Speisezubereitung. Daher sind lokale Lebensmittel keineswegs immer ökologisch nachhaltiger als importierte Waren.
Importiertes Palmöl ist vierfach so flächeneffizient wie heimisches Rapsöl, was sich (klammert man gesellschaftliche Implikationen aus) positiv auf den Flächenbedarf und damit auf die Klimabilanz auswirkt. Tropische Früchte, Tee, Kaffee oder Kakao benötigen ohnehin wärmere Klimata. Eine globalisierte Lebensmittelproduk­tion könnte also von ökologischem Vorteil sein – wenn Lebensmittel dort produziert werden, wo die natürlichen Bedingungen für sie am günstigsten sind. Voraussetzung ist, dabei ökologische (und gesellschaftliche/politische) Kriterien zu berücksichtigen. Wenn etwa in Gegenden, in denen Wasserknappheit herrscht, Lebensmittel mit großem Wasserbedarf für den Export produziert werden, wie in Teilen Spaniens, der Türkei und dem Iran, ist das natürlich ein Problem.
Hersteller lagern die Lebensmittelproduktion auch aus, um von laxeren Umwelt-, Tierschutz- und Arbeitsgesetzen oder geringeren Löhnen zu profitieren. So wurde vor wenigen Jahren die Legehennenproduktion aus Deutschland nach Polen und Holland verlegt, um die damals strengeren deutschen Tierschutzgesetze zu umgehen. Aus wirtschaftspolitischen Gründen subventionieren Industrieländer Agrarexporte, was sich u.a. nachteilig auf die Kleinbauern in ärmeren Ländern auswirkt.
Der größere Teil der Lebensmittelimporte nach Deutschland kommt aus Nachbarländern: Obst und frisches Gemüse aus Holland, Spanien und Italien, verarbeitetes Gemüse aus Italien, Belgien, Polen und China, Nüsse aus der Türkei, Hühnereier aus den Niederlanden. Ölsaaten wie Raps oder Sonnenblumen kommen aus Frankreich, Polen, Tschechien, Ungarn, der Ukraine, aber auch aus Australien. Soja, vor allem als Futtermittel genutzt, wird vorwiegend aus Nord- und Südamerika eingeführt. Aus Übersee kommen neben Futtermitteln tropische Früchte (Ecuador, Costa Rica, Kolumbien) sowie Tee, Kaffee und Kakao (Brasilien, Elfenbeinküste, Vietnam).
Deutschland exportiert auch Lebensmittel und erzielt bei einigen Produkten Exportüberschüsse, etwa bei Weizen und Futtergetreide, das in den Nahen Osten, nach Afrika und Asien ausgeführt wird, oder bei Schweinefleisch (Osteuropa und Asien). Schweine sind in der Zucht anfällig, sie brauchen stabile Produktionsbedingungen, wie es das moderate Klima und die moderne Landwirtschaft in Deutschland bieten.
Problematisch an der hiesigen Ernährung sind weniger die Transportwege als der Bedarf an Fläche und Energie und die Eingriffe in die Biosphäre wie z.B. die Emission von Treibhausgasen. Jeder Bundesbürger stößt aufgrund seines Lebensmittelkonsums pro Jahr 2000 kg Treib­hausgase aus, 17 Prozent seiner Gesamtemission. Mehr als zwei Drittel davon entfallen auf den Verzehr von tierischen Lebensmitteln.
Um einen Bundesbürger zu ernähren, braucht man im Durchschnitt 2400 Quadratmeter Agrarfläche, mehr als ein Viertel davon liegt im Ausland. Nutzbarer Boden ist knapp. Der Bedarf steigt, weil die Weltbevölkerung und der Bedarf an pflanzlichen Rohstoffen wachsen. Gleichzei­-tig geht wegen nicht nachhaltiger Wirtschaftsformen Agrarland verloren. Die weltweit verfügbare Agrarfläche hat sich von 3500 Quadratmeter pro Kopf im Jahr 1965 bis 2013 auf 2000 Qua­dratmeter verringert. Die Gewinnung neuer Flächen etwa durch Rodung und Urbarmachung von Tropenwald hat in der Regel, neben der Vertreibung dort ansässiger Menschen, auch ne­gative Auswirkungen auf Biotope und das Klima.
Wie lässt sich gegensteuern? Wie wird man der schrumpfenden verfügbaren Agrarfläche pro Kopf gerecht? Fleischkonsum und Lebensmittelabfälle reduzieren – das können entscheidende Beiträge dazu sein. Fleischproduktion ist besonders flächenverzehrend und klimaschädlich: Um eine Kalorie an tierischen Lebensmitteln zu erzeugen, wird ein Mehrfaches an Kalorien pflanzlicher Lebensmittel benötigt. Und: Weltweit wird auf dem Weg zwischen Ernte und Verzehr etwa ein Drittel der produzierten Lebensmittel weggeworfen, in Deutschland schätzungsweise 300 kg pro Person und Jahr, davon etwa ein Drittel im eigenen Haushalt.

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