Der neue Mensch

Werke von Oskar Schlemmer auszustellen, war wegen Streitigkeiten unter den Erben stets ein heikles Unterfangen. 70 Jahre nach dem Tod des Bauhauskünstlers ist das ­Urheberrecht erloschen. Die Staatsgalerie Stuttgart hat die Gelegenheit beim Schopfe gepackt und eine fulminante Retrospektive zusammengetragen

Text: Scheffler, Tanja, Dresden

    Oskar Schlemmer, Bauhaustreppe, 1932, Öl auf Leinwand, MoMA, Schenkung Philip Johnson
    © 2014 Digital Image, MoMA, New York/Scala, Florenz

    Oskar Schlemmer, Bauhaustreppe, 1932, Öl auf Leinwand, MoMA, Schenkung Philip Johnson

    © 2014 Digital Image, MoMA, New York/Scala, Florenz

    Oskar Schlemmer mit Maske und Metallobjekt, ca. 1931, Oskar Schlemmer Archiv, Staatsgalerie Stuttgart
    Foto: Staatsgalerie Stuttgart

    Oskar Schlemmer mit Maske und Metallobjekt, ca. 1931, Oskar Schlemmer Archiv, Staatsgalerie Stuttgart

    Foto: Staatsgalerie Stuttgart

Der neue Mensch

Werke von Oskar Schlemmer auszustellen, war wegen Streitigkeiten unter den Erben stets ein heikles Unterfangen. 70 Jahre nach dem Tod des Bauhauskünstlers ist das ­Urheberrecht erloschen. Die Staatsgalerie Stuttgart hat die Gelegenheit beim Schopfe gepackt und eine fulminante Retrospektive zusammengetragen

Text: Scheffler, Tanja, Dresden

Maler und Bildhauer, Tänzer, Choreograph, Bühnengestalter: Oskar Schlemmer (1888–1943) war einer der vielseitigsten Künstler der Klassischen Moderne. Als Bauhaus-Meister profilierte er sich mit seinem interdisziplinären Ansatz, Bewegung, Tanz und Theater in die bildende Kunst einzubeziehen. Die Kostüme des Triadischen Balletts und sein Gemälde Bauhaustreppe stehen sinnbildlich für das Kunst- und Architekturverständnis des Bauhauses. Mit rund 270 weiteren Arbeiten sind sie in der opulenten Retrospektive der Staatsgalerie Stuttgart zu sehen, die endlich alle Facetten von Schlemmers Werk – von kubistischen Landschaftsbildern über utopische Wohnmaschinen bis zu grazilen Wandgestaltungen aus Metall – wieder im Zusammenhang zeigt.
Zentrales künstlerisches Thema des gebürtigen Stuttgarters war der „neue Mensch“, eine auf elementare Formen reduzierte Idealfigur als Maß aller Dinge, eingefügt in einen klar strukturierten Raum. Gropius engagierte Schlemmer 1921 als Formmeister für Wandgestaltung und Bildhauerei ans Bauhaus. Er unterrichtete Aktzeichnen, später den Kurs Der Mensch, entwarf das Bauhaus-Logo, leitete die Theaterbühne und organisierte die legendären Bauhaus-Feste. Nach dem linkspolitischen Schwenk der Schule unter Gropius’ Nachfolger Hannes Meyer ging Schlemmer, der sich vor allem für ästhetisch-künstlerische Fragen interessierte, 1929 als Professor nach Breslau, später nach Berlin.
Oskar Schlemmer fühlte sich zwischen Theater und bildender Kunst hin und her gerissen, „Ich bin zu modern, um Bilder zu malen!“, schrieb er 1925. Beim Triadischen Ballett, einem Dreiklang (Triade) aus Musik, Kostüm und Bewegung mit drei Darstellern, reduzierten die starren Kostüme den Tanz zu marionettenhaften Bewegungen, die Gestaltungsdetails gaben den Figuren gleichzeitig Identität. Sieben Kostüme sind erhalten, sie gehören zum Kern der Schlemmer-Sammlung der Staatsgalerie. Viel Raum schenkt die Retrospektive den Entwürfen des Essener Folkwang-Zyklus (1928–30), riesigen Darstellungen von Figuren, die von Blatt zu Blatt immer athletischer werden. Eine kleine Aquarell-Vorstudie scheint Schlemmers Vorstellung einer neuen, harmonischen Lebensordnung näher zu kommen: eine Garten-Szene, in der die weltverändernde Kraft der Kunst – junge Menschen, die tanzen, Texte rezitieren und ihre Umwelt skizzieren – allgegenwärtig ist.
Als Künstler wird man nur wahrgenommen, wenn man seine Werke ungehindert zeigen kann. Das war Schlemmers großes Problem. Nach der Uraufführung des Triadischen Balletts 1922 entbrannte zwischen Schlemmer und seinen beiden Co-Tänzern ein Streit über das Urheberrecht an der Performance, in dessen Folge es zur Aufteilung der Kostüme und zu strikten Regeln für weitere Aufführungen kam. Seine Wandgestaltung im Weimarer Werkstattgebäude gehörte zu den ersten Arbeiten, die die Nazis zerstörten (1930). Eine erste Retrospektive Anfang 1933 im Kunstverein in Stuttgart wurde nach wenigen Tagen geschlossen. Kurz darauf verlor Schlemmer seine Berliner Professur, 1934 wurden seine Wandbilder im Folkwang-Museum entfernt, 1937 wurde er in der Propagandaschau Entartete Kunst diskreditiert. Schlemmer versuchte zu Anfang der NS-Zeit, mit Auftragsarbeiten wie dekorativen Wand-, Decken- und Schrankbemalungen über die Runden zu kommen, später arbeitete er in einer Wuppertaler Lackfabrik, die verfemte Künstler in der Materialforschung beschäftigte. Parallel dazu entstanden düstere Gemälde und seine 18 Fensterbilder, die das Straßenleben schemenhaft, aus der Sicht des Außenstehenden, darstellen. Oskar Schlemmer starb, nur 54 Jahre alt, im April 1943 in Baden-Baden.
Die meisten Schlemmer-Bilder zeigen fiktive Raumstrukturen. Anders die berühmte Bauhaustreppe. 1932 begann Schlemmer als Reaktion auf die Schließung des Dessauer Bauhauses mit der Ausarbeitung seines großformatigen Gemäldes von jungen Menschen, die dem Ungewissen entgegengehen. Als Vorlage diente ihm ein Foto von Studentinnen der Weberklasse auf der Treppe des Bauhaus-Gebäudes. Philip Johnson, mit dem Aufbau der Architekturabteilung des Museum of Modern Art betraut, erwarb Schlemmers Meisterwerk, nachdem er gemeinsamen mit dem späteren MoMA-Direktor Alfred H. Barr die oben erwähnte Schau im Kunstverein besichtigt hatte – mit sicherem Blick für ein Schlüsselwerk der Klassischen Moderne. So entging die Bauhaustreppe dem Schicksal vieler anderer, später als „verschollen“ oder „vernichtet“ geltender Kunstwerke und machte – in New York prominent platziert – ihren Schöpfer, der ab Frühjahr 1933 aus dem deutschen Kunstbetrieb weitgehend ausgeschlossen war, international bekannt.
Seit dem Tod von Schlemmers Witwe Tut 1987 lähmten gerichtlich ausgetragene Streitigkeiten zwischen den Erben Ausstellungstätigkeit und Forschung zu Schlemmers Werk. Jetzt, mehr als 70 Jahre nach seinem Tod, sind seine Arbeiten nicht mehr urheberrechtlich geschützt. Die Staatsgalerie Stuttgart hat mit ihrer großartigen Ausstellung den Startschuss dafür gegeben, sich endlich wieder intensiv und in ganzer Breite mit Oskar Schlemmer zu beschäftigen.
Fakten
Architekten Schlemmer, Oskar (1888–1943)
aus Bauwelt 1-2.2015
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