Dratz & Dratz und das PH-Z2


Debüt Nr. 06


Text: Ballhausen, Nils, Berlin; Dratz, Ben, Oberhausen; Dratz, Daniel, Oberhausen


Zwei  Orkane zerzausten zwischenzeitlich die Baustelle des Papierhauses. Durch den aufwendigen Planungs- und Realisierungsprozess wurden die Architekten zu Entrepreneuren.
Starker Regen über Zeche Zollverein. Zwei Architekten ärgern sich, weil das Erdreich viel zu hoch an ihr neues Haus gezogen wurde. Deswegen ist mehr Regenwasser an die Außenwände gespritzt als geplant und weil diese aus Papier bestehen, ist der Ärger verständlich. Experimente waren im Realisierungswettbewerb „mobile working spaces“ gefragt: Fünf Entwürfewurden 2008 von der Entwicklungsgesellschaft Zollverein und der Zollverein School of Management and Design prämiert, zwei davon werden gebaut. Das Papierhaus der Brüder Ben und Daniel Dratz ist jedoch alles andere als ein „fliegender“ Bau. Die beiden interpretierten das Temporäre als eine zeitweilige Materialentnahme aus der Kreislaufwirtschaft. Die 550 Altpapierballen (Sorte: Kaufhauspapier B 19) wählten die Architekten auf einem Recyclinghof aus und ließen sie auf einer Brachfläche der künftigen „designstadt“ aufstapeln. Der 185 Quadratmeter große Multifunktionsraum ist lediglich mit zwei Toiletten und einer Bar ausgestattet, bietet also viele Möglichkeiten. Sympathisch ist der konzeptionelle Ansatz: kein weiterer smarter Container, sondern ein außen wie innen roh wirkender Riegel aus 80 Zentimeter dicken Wänden; sie sollen Ende 2011 wieder im Altpapier landen. Das Experiment stellte das junge Büro vor einige Herausforderungen. „Jeder will etwas vollkommen Neues, aber niemand die Verantwortung übernehmen“, lautet eine der Erkenntnisse. Am Ende unseres Gesprächs hat der Wind das Papierhaus längst wieder getrocknet.

Seit Anfang des Jahres führen Sie das Büro Ihres Vaters weiter. Was soll sich unter dem neuen Namen Dratz & Dratz ändern?

Ben Dratz | Unser Vater war vor allem im Wohnungsbau tätig, hat Bergbausiedlungen im Ruhrgebiet saniert und modernisiert, aber auch viel für die IBA Emscher Park gearbeitet. Wir bauen darauf auf. Aber wir möchten unser Büro auch strategisch neu ausrichten. Mit dem Papierhaus sind wir in einen Bereich vorgestoßen, den wir weiter vertiefen wollen.
Daniel Dratz | Das Papierhaus liegt an der Schnittstelle zwischen Architektur und Kunst, weil es eine Bildkraft erzeugt, aber auch wegen der Zufälligkeitsstruktur, die im Material steckt.
 
Was haben Sie aus Ihrer Zeit bei Heinrich Böll Architekten, die maßgeblich an der Metamorphose der Zeche Zollverein beteiligt waren, mitgenommen?

DD | Es ist ein glücklicher Zufall, wenn man drei oder vier Jahre nachdem man dort ein Praktikum gemacht hat, direkt vor Ort anknüpfen kann. Ich habe damals gelernt, eine Haltung zu entwickeln, also nicht Details oder Raumtypologien abzugucken, sondern eine Sensibilität zu entwickeln, sich elastische Gedankengänge anzueignen und zu fragen: Wie können Dinge heute anders funktionieren?
 
Was bedeutet das bezogen auf das Papierhaus?

BD | Neu nachzudenken über nachhaltige Architektur. Wie gehen wir mit Material um, das sowieso an- bzw. abfällt. Wie lässt sich das als Baustein in einem anderen Kontext einsetzen? Anfangs sind wir zum Supermarkt gefahren, haben das ganze Auto mit Kartonpappe vollgestopft und sie in der Werkstatt mit einer einfachen Handpresse zusammengedrückt. Am Ende kamen drei relativ winzige Ballen heraus. Weil es keine Kenn- und Referenzwerte für dieses Material gab und wir alles selbst erforschen mussten, haben wir das Potenzial von Altpapierballen früh erkannt.
DD | Wegen der hohen Verdichtung ist es sehr belastbar. Außerdem dämmt es gut, hat gute Schallschutzwerte und brennt nicht.
 
Wie bitte?

DD | Es ist wie bei einem Telefonbuch: Die einzelne Seite brennt leicht, aber als  Ganzes ist es schwer zu entzünden, weil im Inneren der Sauerstoff fehlt. Im Papierhaus genügt uns F 30, weil wir entsprechende Fluchtwege vorgesehen haben.
BD | Mich hat erstaunt, was es in der Verpackungsindustrie für Materialien gibt, mit denen man bauen kann. Pappwinkel, Papprohre und Pappkerne von Papierrollen. Ursprünglich wollten wir die Decke aus diesem Material bauen, aber die Durchbiegung wäre so stark gewesen, dass wir den Wasserablauf in der Mitte des Raums gehabt hätten.
 
Die Liste Ihrer Sponsoren ist beeindruckend. Was waren die entscheidenden Argumente für die Unternehmen, hier mitzuspielen?

BD | Zum einen die Aussicht, an einem innovativen Projekt beteiligt zu sein. Und dann versprach dieser Standort im Kulturhauptstadtjahr 2010 eine große Aufmerksamkeit. Aber die Unternehmen gingen auch ein Risiko ein, denn man konnte nicht sicher sein, ob’s überhaupt funktioniert.
 
Sie haben den Ideenwettbewerb gewonnen, mussten sich aber um die Finanzierung Ihres Projekts selbst kümmern.

DD | Wir gehören offenbar zu einer Generation, die sich mit ganz anderen Instrumenten der Auftragsvergabe und des Wettbewerbs arrangieren muss.
BD | Andererseits lag darin auch ein Potenzial. Auf der Suche nach Kooperationspartnern trafen wir auf lauter Fachleute, die täglich mit dieser Materie zu tun haben: aus der Recyclingindustrie oder aus Chemieunternehmen, die die Zusatzstoffe liefern. Da gab es ein Know-how, das wir nutzen konnten. Dazu die Prüf- und Forschungsinstitute, die mit im Boot waren. Wenn wir das alles hätten einkaufen müssen, wäre es viel teurer und langwieriger geworden.
 
Was hat das PH-Z2 eigentlich gekostet?

DD | Ungefähr 170.000 Euro, allerdings ohne Planungskosten.
 
Und wem gehört es?

BD | Uns. Wir sind die Architekten, Bauherren und Betreiber. Eigentlich sollte der Auslober das Gebäude vermieten. Wir hatten eine Mietgarantie, aber dann ist der Auslober wegen formal-ästhetischer Bedenken davon zurückgetreten. Jetzt machen wir das selbst, was uns – ehrlich gesagt – auch lieber ist. So haben wir mehr Einfluss auf die Nutzung. Unsere Vorstellungen gehen in Richtung Pressekonferenzen, Ausstellungen, Modenschauen, Produktpräsentation, vielleicht auch Sommerfeste.
DD | Auch eine Ateliernutzung kann ich mir vorstellen, wenn nicht unbedingt ein schwerer Stein behauen wird – wegen der offenen Oberflächen.
 
Sie haben die Konstruktion zum Patent angemeldet. Was haben Sie vor?

BD | Das Material weiter zu entwickeln. Man kann es gut steuern, auch gestalterisch, es gibt über hundert Papiersorten am Markt, weiße, braune, bunte Papiere, Shreddermaterial, was auch immer. Wie lassen sich daraus formstabilere Ballen herstellen? Letztlich braucht man maßhaltige Elemente, um damit planen zu können. Und sie müssen mit Menschenkraft bewegt werden können.
DD | Wir sehen es auch als Ersatzbaustoff für Gipskartonständerwände. Wie kann man Module entwickeln, die miteinander verzapft sind, um daraus nichttragende Wände zu erstellen?
 
Sie suchen also noch einen Hersteller?

BD | Für ein Architekturbüro ist es schwierig, so etwas marktreif zu entwickeln. Da gehört viel Geld dazu, allein für die ganzen Tests und Zertifizierungen.
 
Warum sollten Architekten das auf sich nehmen? Würde es Ihnen nicht genügen, wenn es irgendwann – analog zum „Moniereisen“ – den „Dratzstein“ gäbe?
BD, DD | Klingt gut!
 
Welchen Architekten, die für Sie persönlich wichtig sind, würden Sie das Papierhaus gerne einmal zeigen?

DD | Ich würde Rem Koolhaas hier durchführen wollen, um in eine Diskussion einzusteigen. Ob Peter Zumthor oder David Chipperfield, denen ich mich ebenfalls verbunden fühle, dafür empfänglich wären, weiß ich nicht. Also Koolhaas.
BD | Dem würde ich mich anschließen.



Fakten
Architekten Dratz & Dratz, Oberhausen
aus Bauwelt 35.2010
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