Ein paar Prozent Innovation würden reichen

Anna Popelka und Georg Poduschka vom Wiener Büro PPAG über ihre Erfahrung mit dem Berliner Wohnbau – und über dessen Potenzial

Text: Novotny, Maik, Wien

    Anna Popelka geb. in Graz. Architekturstudium an der TU Graz. Gastprofessuren in Wien und Graz. Mitglied des Innsbrucker Gestaltungsbeirats. 1995 Gründung von PPAG architects zusammen mit Georg PoduschkaGeorg Poduschka geb. in Linz. Architekturstudium an der TU Graz und an der École d’Architecture Paris-Tolbiac. Gastprofessuren in Wien und Graz
    Foto: Franz Pfluegl

    Anna Popelka geb. in Graz. Architekturstudium an der TU Graz. Gastprofessuren in Wien und Graz. Mitglied des Innsbrucker Gestaltungsbeirats. 1995 Gründung von PPAG architects zusammen mit Georg PoduschkaGeorg Poduschka geb. in Linz. Architekturstudium an der TU Graz und an der École d’Architecture Paris-Tolbiac. Gastprofessuren in Wien und Graz

    Foto: Franz Pfluegl

    Im Architekturforum Aedes bildete ein 1:1-Modell einer 54 m2 großen „elastischen Wohnung“ die Ausstellungsarchitektur, in der PPAG Wohnungsbauprojekte aus den vergangenen Jahren präsentierte.
    Foto: Wolfgang Thaler

    Im Architekturforum Aedes bildete ein 1:1-Modell einer 54 m2 großen „elastischen Wohnung“ die Ausstellungsarchitektur, in der PPAG Wohnungsbauprojekte aus den vergangenen Jahren präsentierte.

    Foto: Wolfgang Thaler

    Foto: Wolfgang Thaler

    Foto: Wolfgang Thaler

    Foto: Wolfgang Thaler

    Foto: Wolfgang Thaler

Ein paar Prozent Innovation würden reichen

Anna Popelka und Georg Poduschka vom Wiener Büro PPAG über ihre Erfahrung mit dem Berliner Wohnbau – und über dessen Potenzial

Text: Novotny, Maik, Wien

Sie haben Ihre Ausstellung „Willst du wirklich wohnen wie deine Mutter?“, die kürzlich im Architekturforum Aedes in Berlin zu sehen war, als Plädoyer für mehr Vielfalt im Wohnungs- und Städtebau bezeichnet. Warum Vielfalt in Zeiten, da viele für eine „Neue Einfachheit“ im Wohnbau plädieren?
Anna Popelka Wir sind alle Menschen mit besonderen Bedürfnissen. Mehr denn je. Unsere Scheidungsrate beträgt 50 Prozent, alleinerziehende Väter und Mütter, Patchworksituationen mit Nebenwohnsitzen von Kindern sind ebenso Realität wie Home-Office-Situationen und Standardfamilien. Wir brauchen nicht nur 1-, 2- ,3- und 4-Zimmerwohnungen. Wir vergessen die Hälfte der Leute! Die Funktionalität der Zweizimmerwohnung kollabiert schon bei der alleinerziehenden Mutter, die im Wohnzimmer auf dem Sofa schläft, oder bei den Kindern, die jeden Freitag beim Vater wohnen.
Die Ausstellung zeigte auch eine ganze Reihe Berliner Projekte von PPAG. Wie kam es dazu, dass Sie als Wiener Architekten in Berlin tätig wurden?
Anna Popelka Begonnen hat es Ende 2013 mit „Urban Living“, einem Call des Landes Berlin für neue Ideen im Wohnungsbau. Wir haben für die städtische Wohnungsgesellschaft Stadt und Land ein Grundstück in Neukölln bearbeitet und eine urbane Typologie, eine radikale Weiterentwicklung unseres „Wohnberg“-Typus eingereicht. Mehr Berg als Haus, mit Sportplatz und Tanzsaal im Inneren und Terrassenwohnungen an den Hängen. Das traf damals einen gewissen Nerv. Wir waren ganz euphorisch.
Georg Poduschka Der Eindruck deckte sich auch mit dem weltoffenen Berlin-Bild, das man von außen hat. Das schien uns auch für die Architektur zu gelten. Da war Aufbruchstimmung zu spüren. 2015 hat uns die degewo bei einem internationalen Bewerbungsverfahren ausgewählt. Als einen ihrer sieben Rahmenvertragspartner für die Generalplanung ihrer Wohnungsbauten. Ein gutes Konzept! Dieses Team der Planer, das sehr heterogen zusammengesetzt ist, trifft sich bis heute regelmäßig und tauscht untereinander und mit der degewo Know-how aus.
Mit welchem Projekt sind Sie dann in Berlin an den Start gegangen?
Anna Popelka Für unser erstes Grundstück am Wiesenschlag in Zehlendorf haben wir die geübte Praxis des Wohnbaus ziemlich weit hinter uns gelassen – von der Wohnung bis zum Städtebau. Wir haben eine Wohnung mit einer Raumkon­figuration entwickelt, die sich gut an sich rasch ändernde Lebensbedingungen anpassen kann, daher haben wir sie „elastische Wohnung“ genannt. Die Wohnungsbaugesellschaft degewo und der Bezirk waren voll dabei.
Am Tag der Vorlage für die Änderung des Bebauungsplans hat der damalige Senat das Projekt ohne Angabe von Gründen gestoppt. Das Projekt hatte die Konvention zu sehr verlassen. Wohnbau darf sich eben nicht zu weit vorwagen. Es gab dann noch Rettungsversuche und Alter­nativprojekte, die auf gute Weise etwas konventioneller waren, aber allesamt gescheitert sind. Später gab es einen Wettbewerb für das Areal, ohne uns, das daraus resultierende Projekt ist heute so weit wie unseres damals war. Eine Verschwendung von Energie, Zeit und Geld. Die Baupreise sind zwischenzeitlich exponentiell gestiegen.
Sie haben in Wien zahlreiche und vielbeachtete Wohnbauten realisiert. Funktioniert der Wohnbau in Berlin anders als in Wien?
Anna Popelka Wenn man die Prozesse betrachtet: absolut. Von der Grundstücksentwicklung für den leistbaren Wohnbau, über die Wohnbaugesellschaften, über das behördliche Selbstverständnis, alles ist anders. Allein, dass es in Berlin nur selten einen Bebauungsplan gibt, ist für uns als Wiener verstörend. Wenn wir in Wien ein Grundstück bearbeiten, müssen wir keinen Beamten fragen, was dort genehmigungsfähig ist, das ist alles aus dem Bebauungsplan ersichtlich. In Berlin nicht. Es ist unglaublich, wie viele Behördenstellen sich aufgerufen fühlen, mitzureden. Auch mit Kommentaren wie „gefällt mir nicht“ oder „sieht aber teuer aus“.
In Wien kann verhandelt werden, wenn man Außergewöhnliches will, in Berlin muss man verhandeln. Damit bleibt es beim vorbestimmtem Ergebnis. Nahe am Gewohnten, innerhalb eines beschränkten Horizonts von Vorstellung von Stadt. Es gibt kein Vertrauen in Planung.
Georg Poduschka Auch das Regelwerk ist veraltet. Die Bauordnung liest sich wie die Wiener Bauordnung vor zwanzig Jahren. Die strukturellen Reformen der letzten Jahrzehnte fanden alle nicht statt. Es gibt zum Beispiel noch keine ziel­orientierte Formulierung von Anforderungen.
Welchen Status hat der Wohnbau in Berlin generell aus Ihrer Sicht?
Georg Poduschka Ich lese täglich einen Pressespiegel der Berliner Medien zum Thema Wohnen. Da geht es um Zahlen, um das Erreichen von Quoten, um Leistbarkeit. Aber nicht um Qualitäten.
Auch im Wiener Wohnbau geht es um Quoten, die zu erfüllen sind.
Anna Popelka Aber in Wien wird versucht, das Wohnen auszudifferenzieren und aktuelle Themen in die Diskussion zu bringen. In Berlin heißt es eher: Bringen wir es überhaupt zusammen, dass wir genug Wohnungen bauen? Dadurch kommt gar nie zur Sprache, worum es beim Wohnen eigentlich geht. Wohnen ist ja eine Beschäf­tigung mit sich selbst. Ein Ort, an dem die Koordinaten neu ausgerichtet werden, ein Ort der Kontemplation und der Öffnung. Ein gerade von deutschen Philosophen, von Heidegger bis Sloterdijk, eingehend behandeltes Thema.
Welche Anforderungen bleiben dann noch übrig, die in Berlin an den Wohnbau und an die Architekten gestellt werden?
Anna Popelka In Berlin sind die Planungsricht­linien der Bauträger eine Bibel, da muss jede Küchenzeile und jeder Schrank die genau richtige Länge haben. Als ob alle Mieter gleich viel kochen oder gleich viel Kleidung besitzen. Die Einhaltung solcher Standards schützt aber nicht vor einem schlechten Grundriss. Die daraus resultierende Monotonie des Massenwohnbaus ist in den meisten Städten offensichtlich.
Dabei ist es so kompliziert auch wieder nicht, ein Haus zu bauen. Wir haben so viele Werk­zeuge wie nie, um Komplexität zu verarbeiten. Trotzdem wird der Wohnbau künstlich vereinfacht und immer ärmer. Und dann versucht man, bei den Balkonen noch etwas Individualismus hineinzubringen, um zu kaschieren, dass dahinter alles gleich aussieht. Das ist allerdings in Wien und Berlin gleich.
Georg Poduschka Wenn man Entwicklung fördern will, muss es zumindest die Möglichkeit der gleichwertigen Abweichung von der Norm geben. Es braucht projektspezifischen Spielraum und eine gewisse Virtuosität im Umgang mit dem Regelwerk. Aus dem Wissen, wie Mieter mit vorhandenen Wohnungen zurechtkommen, leitet sich eben noch lange nicht das Wissen ab, was sie in Gegenwart und Zukunft wirklich brauchen.
Ihre realisierten Wohnbauten mit ihrer Vielfalt von Grundrissen und das in Berlin ausgestellte Modell der „elastischen Wohnung“ betonen den individuellen Aspekt des Wohnens. Wenn Wohnen keine „Ware Wohnen“ sein soll, was ist es dann? Ein Grundrecht? Ein Vergnügen?
Anna Popelka Eine Prise Hedonismus schadet sicher nicht. Die Wohnung als Anregungsmaschine!
Georg Poduschka Der Wohnbau in Berlin ist schon etwas freudloser. In Wien spart man auch überall, aber jeder Bauträger möchte trotzdem eine Freude am Projekt haben. In Berlin freut man sich, dass das Haus am Ende dasteht.
Sie haben sich in Berlin intensiv mit dem städtebaulichen Maßstab beschäftigt, sowohl im Wohnbau als auch bei städtebaulichen Wettbewerben. Wo sehen Sie generell ungenutzte Potenziale in Berlin?
Anna Popelka Berlin hat eine tolle Struktur mit seinen dezentralen Inseln und viel Luft dazwischen, mit dem Wechsel von Dichten. Da glauben wir auch im Großen daran, dass wir neue Modelle brauchen, die man nur umsetzen muss. Nichts gegen die Struktur der Gründerzeit oder der klassischen Moderne, aber man kann sie nicht einfach reproduzieren, jede Zeit braucht ihren eigenen Ausdruck. Wir brauchen Typologien die viel mehr können, die viel mehr in einem verkörpern: vernetzte, fluide All-In-One-Strukturen, die Stadtteile in sich sind.
Die Wohnungskosten steigen in fast allen europäischen Großstädten, in Berlin noch rapider als in Wien. Wo kann man hier ansetzen?
Georg Poduschka Schnell viele Wohnungen produzieren. Keine Angst vor, sondern Lust an Veränderung. Wenn wir die Senkung der Wohnungsnot als kommunalen, gemeinschaftlichen, gesellschaftlichen Gewinn betrachten, kann die Finanzierung auch kein Problem sein. Zinsen, kommunale Grundstücke, Widmung, Bebauungsplan, Baugesetze: Das haben wir alles selbst beschlossen, und das können wir überdenken. In der Bodenpolitik betreibt Wien schon seit fast 30 Jahren einen Fonds, der kontinuierlich Grundstücke nur für den leistbaren Wohnbau entwickelt und in Konzeptverfahren an die gemeinnützigen Bauträger vergibt.
Anna Popelka Und wir müssen in neuen Dichten denken, damit sich die teuren Grundstücks­kosten wenigstens auf mehr Quadratmeter Nutzfläche aufteilen. Auch das ist per se nichts Schreckliches. Menschen sind eben gern dort, wo andere schon sind. So funktioniert Stadt. Das müssen wir mit guten Typologien, die eine positive Dichte vermitteln, schaffen. Wir müssen die Leute zurückgewinnen, NIMBY (Not In My Back Yard) muss YIMBY (Yes In My Back Yard) werden. Und wir brauchen wieder die durch den Neoliberalismus zerstörte Firmenvielfalt. Im Interesse der Preise und im Interesse der Verschiedenheit. Vielleicht muss man auch Gemeinwohlfirmen einrichten oder die Start-Up-Bewegung in den Bauprozess einbinden. In dem Zusammenhang sind Versuche der Selbstermächtigung auf Planerseite, wie sie Assemble in London praktiziert, ein produktiver Ansatz.
Sind Krisenzeiten, wie sie das leistbare Wohnen zurzeit erlebt, Gelegenheit zur Innovation?
Georg Poduschka Ich würde die Gegenwart nicht als Krisenzeit bezeichnen. Krisenzeit ist, wenn die Nachfrage schwächelt, wenn Bauträger ihre Wohnungen nicht vermieten können. Die bringt Innovationen hervor. Warum keine Innovation passiert, wenn die Wohnungen weggehen wir warme Semmeln, verstehe ich nicht. Ein paar Prozent Innovation würden schon reichen.
Anna Popelka Es gibt schon eine Krise der Leistbarkeit, weil der globale Kapitalmarkt den Wohnbau als Spekulationsfeld entdeckt hat. Da quälen uns Architektinnen und Architekten die gleichen Leute mit der Quadratur des Kreises, die die Ursache des Problems sind. Das lässt sich nur durch starke Politik im Interesse des Gemeinwohls und durch Maßnahmen für Verteilungsgerechtigkeit, etwa eine hohe Erbschaftssteuer, hoffentlich wieder einfangen. In Wien wurden nach dem Ersten Weltkrieg 18 Luxussteuern eingeführt, die in den sozialen Wohnbau investiert wurden. Dieser Wohnbau sah nicht arm aus, sondern vermittelte einen gewissen Stolz und ein Selbstbewusstsein. Wie wir bauen, das ist die Kultur, an der man die Verfasstheit unserer Gesellschaft noch in hundert Jahren ablesen kann. Was wird man da wohl lesen?
Fakten
Architekten PPAG, Wien
aus Bauwelt 4.2018
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