Sacred Concrete

The Churches Of Le Corbusier

Text: Hotze, Benedikt, Berlin


Sacred Concrete

The Churches Of Le Corbusier

Text: Hotze, Benedikt, Berlin

Ist zu Le Corbusier nicht schon alles gesagt und erforscht? Offenbar nicht. Erst kürzlich brachte uns die kluge Arbeit von Niklas Maak die lebenslange Vorliebe des Meisters für das Meer und das darin befindliche Getier wie Seesterne und -schnecken nahe.
Und nun stellen zwei Autorinnen in England die Gretchenfrage und untersuchen das Verhältnis des Ar­chitekten zur Religion und zum Sakralbau.
Man darf nicht vergessen, dass Le Corbusier in bürgerlichen Kreisen lange Zeit vor allem als Kirchenarchitekt wahrgenommen wurde – was natürlich an der Wallfahrtskirche Ronchamp von 1953–55 liegt, dem weltweit bedeutendsten und einflussreichsten Sakralbau in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Ronchamp wurde besonders im deutschsprachigen Raum stark beachtet und fand unzählige Nachahmer. Andererseits wurde Le Corbusier oft als „Atheist“ bezeichnet – was natürlich in einem de­likaten Widerspruch zum „Kirchenarchitekten“ steht.
Das Buch hält sich an LCs Biografie und die vier einschlägigen Projekte in seinem Œuvre: Ronchamp, das Kloster La Tourette, die Kirche Saint Pierre in Firminy-Vert und schließlich – zeitlich zuerst – das nicht realisierte Projekt einer unterirdischen Grotten-Basilika in La Sainte Baume in der Provence, das er hauptsächlich zwischen 1945 und 1950 bearbeitete. Dieses eher unbekannte Projekt steht für die erste professionelle Begegnung des Architekten mit der organisierten katholischen Kirche.
Doch warum wurde Le Corbusier überhaupt von der Kirche beauftragt? Er, der in seiner Jugend im Schweizer Jura protestantisch erzogen worden ist, siedelte 1917 endgültig nach Paris über und kam dort mit verschiedenen Formen esoterischer Reli­gio­sität in Berührung, die damals unter Pariser Künstlern in Mode waren. Orphismus, Zahlenmystik und sogar der modernistische Jesuiten-Abweichler Teilhard de Chardin übten Einfluss auf Le Corbusier und sein „Gedicht vom Rechten Winkel“ aus. Dabei berief er sich schließlich auf Wurzeln des katholischen Glaubens bei gleichzeitiger Ablehnung der reaktionären Haltung des Vatikans. Von fortschritt­lichen Katholiken wie seinem späteren Mentor, dem Dominikanerpater Marie-Alain Couturier, unterschied er sich durch seine offensive Faszination der körperlichen Liebe.
Couturier war Mit-Herausgeber der einfluss­reichen Zeitschrift „L’Art Sacrée“, die eine Erneuerung religiöser Kunst auf der Höhe der gesellschaft­lichen Entwicklung der Moderne propagierte. Er suchte schon in den 40er Jahren den Kontakt zu Le Corbusier, dem er „einen wahren Sinn für das Heilige“ zutraute. Und Couturier war es schließlich, der dem Architekten direkt oder indirekt die Aufträge zu seinen Sakralbauten ermöglichte.
So hatte es Le Corbusier zunächst abgelehnt, die Kirche in Ronchamp zu entwerfen, weil er nicht „für eine tote Institution“ arbeiten wollte. Doch die damals progressive Kunstkommission des Bistums Besançon wollte unbedingt ihn – im vollen Wissen, um seine Konfession. „Wir brauchen“, so gegenüber Le Corbuiser, „einen großen Künstler. Wenn wir ei­nen katholischen Architekten nehmen, wird er uns eine Kopie einer alten Kirche liefern!“ Le Corbusier willigte schließlich ein – und „nicht katholisch“ zu sein wurde zum hervorragendsten Merkmal der ausgeführten Kirche, die Norbert Huse einmal „das
wohl bedeutendstes Einzelbauwerk der Moderne“ genannt hat.
Das Buch erzählt die Planungs- und Baugeschichte der vier Sakral-Projekte ausführlich, aber nicht immer stringent. Baubeschreibung und Entstehungsgeschichte werden teils irritierend vermischt. Dass zum Beispiel St.Pierre in Firminy erst nach jahrzehntelangem Baustopp im Jahr 2008 vollendet wurde, ist dem Text nur mühsam zu entnehmen.
Das Buch hebt sich seine Pointe für die Zusammenfassung am Schluss auf: In jedem Kapitel schon auffällig vorbereitet, wird am Ende postuliert, Le Corbusiers Religiosität habe sich vor allem auf die Frauen richte. Die Ehefrau und die Mutter werden als die zentralen Personen in der Spiritualität des Architekten ausgemacht. Das ist originell, aber nicht zwingend – diese These bleibt Spekulation.
Fakten
Autor / Herausgeber Flora Samuel und Inge Lindner-Gaillard
Verlag Birkhäuser Verlag, Basel 2013
Zum Verlag
aus Bauwelt 45.2013
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