Opernhäuser sind ein tolles Thema

In Düsseldorf kursieren in der Presse Bilder eines neuen, eigentlich nicht benötigten Hauses. Wichtige Architekten der Stadt lancieren Ideen und hoffen auf mehr.

Text: Winterhager, Uta, Bonn

    Ideen für ein neues Opernhaus in Düsseldorf von den Architekten RKW, ... Abbildung: RKW

    Ideen für ein neues Opernhaus in Düsseldorf von den Architekten RKW, ...

    Abbildung: RKW

    ... HPP ...
    Abbildung: HPP

    ... HPP ...

    Abbildung: HPP

    ... und meyerarchitektur.
    Abbildung: meyerarchitektur

    ... und meyerarchitektur.

    Abbildung: meyerarchitektur

Opernhäuser sind ein tolles Thema

In Düsseldorf kursieren in der Presse Bilder eines neuen, eigentlich nicht benötigten Hauses. Wichtige Architekten der Stadt lancieren Ideen und hoffen auf mehr.

Text: Winterhager, Uta, Bonn

Glücklich ist die Stadt, die sich den Bau eines solchen Juwels der Hochkultur leisten kann. Auch in den Medien sind sie extrem populär, welche Tageszeitung schmückt sich nicht gerne mit einem solchen Architektur-Juwel auf dem Titel? Das funktioniert auch, wenn es sich auch nur um die Ideenskizze eines Opernhauses handelt. Denn die digitale Bilderzeugung macht die Unterscheidung von gebaut und gedacht für den Laien zunehmend schwerer. Und das Rendern geht schnell. Ohne jahrelanges Gezeter, ohne Politik, ohne Krisen und rollende Köpfe. Nur zwei Wochenenden hat RKW Architektur+ investiert, um auf eine Landzunge im Düsseldorfer Medienhafen ein strahlendes Opernhaus zu zaubern: „eine Oper, welche im interna­tionalen Vergleich die Landeshauptstadt modern und weltoffen repräsentiert; zudem eine Oper am Rhein für alle Düsseldorfer“. Ziemlich perfekt sieht ihre Vision aus, bis ins Detail durchdacht, es gibt Zahlen und Antworten auf alle Fragen. Prinzipiell könnte also morgen damit losgelegt werden. Sofort titelte die Rheinische Post „Klein-Sydney am Rhein“, andere dachten an die neuen Häuser der Musik in Hamburg, Oslo oder Kopenhagen. Eine Reihe, in die sich Düsseldorf gerne einordnen möchte. Aber woher kam plötzlich dieses neue Opernhaus?
Das existierende Haus der Deutschen Oper am Rhein steht am Rand der Innenstadt am Hofgarten. Es ist keine architektonische Ikone, wohl aber ein Denkmal. 2006 bezog die Oper für ein Jahr eine Interimsspielstätte, während das alte Haus für 30 Millionen Euro saniert wurde. Um kurz- und mittelfristig einen zuverlässigen und sicheren Spielbetrieb zu gewährleisten, sei nun, so die Stadt, eine erneute Sanierung dringend notwendig. Sie schätzt die Kosten für den reinen Substanzerhalt inklusive Bühnentechnik der nächsten 25 Jahre auf rund 87 Millionen Euro, für weitere Bereiche seien die Fachgutachten noch in Arbeit. Unvermeidbar die Frage: Lohnt sich das noch? Diese Frage möchte die Stadt so nicht beantworten. Sie sieht ihre Oper als eine von vielen Kunst- und Kultureinrichtungen, die in dem derzeit laufenden städtebaulich-freiraumplanerischen Wettbewerb „Blaugrüner Ring“ mit den Gärten, Parks und dem Rheinufer zu einer „erleb- und wahrnehmbaren Stadtlandschaft“ verbunden werden sollen. Ein Ergebnis des Verfahrens, in dem auch „die Anforderungen an ein zukunftsfähiges Opernhaus“ berücksichtigt werden, wird es Ende des Jahres geben. Aber noch keine Architektur. Die gibt es in einem inoffiziellen Wettstreit, der mit dem Auftauchen der RKW-Oper einen medialen Höhepunkt erreicht hat.
Gehen wir ein Jahr zurück: Die Düsseldorfer Projektschmiede, hinter der das Büro meyerarchitektur steht, stellte Anfang 2018, als die marode Oper bereits Stadtgespräch war, sechs Denkmodelle von der Generalsanierung bis zu einem Neubau an alter oder neuer Stelle auf, und verbreitete sie in der Lokalpresse und in den Ratsfraktionen. Jan Hinnerk Meyer betrachtet den unaufgeforderten und unbezahlten Einsatz seiner beruflichen Expertise als ehrenamtliches Engagement. In die Zeitungen schafften es von seinen sechs Denkmodellen vor allem drei Bilder: ein neues Opernhaus auf der Landzunge der Kesselstraße im Hafen, das am alten Standort Platz für ein Hochhaus macht, eine Alternative am Standort des Altbaus im Hofgarten und eine Überbauung des Bestands. Damit war der Ehrgeiz der lokalen Planerszene-Konkurrenz geweckt.
Joachim H. Faust, Geschäftsführender Gesellschafter von HPP, trat im Januar 2019 vor den über 400 Gästen beim JLL Neujahresempfang mit einer Skizze auf. Comicartig dargestellt, reduzierte er sein Opernhaus auf einen knapp 140 Meter hohen Stapel Kartons, die jemand im Hofgarten abgestellt hat. Unten eine Karton Oper, dann ein Karton Hotel, ein Karton Wohnen und ein Karton Büros. Als Modell kann man das genau so stehen lassen, denn es hat getan, was es tun sollte: die Diskussion weiter befeuert. Ein Neubau am alten Standort als Option. Dabei ging es weni-ger um Form und Gestaltung, sondern um den finanziellen Spielraum, den ein PPP aus Kultur und Wirtschaft einem solchen Großprojekt eröffnen würde.
Drei Wochen nachdem die Lokalpresse diese HPP-Idee veröffentlicht hatte, versandte RKW Architektur+ besagte Bilder und Informationen als Pressemitteilung nicht nur innerhalb der Stadt, sondern darüber hinaus an die überregionalen Medien. „Der Entwurf hat eingeschlagen wie eine Bombe“, verkündete der geschäftsführende Gesellschafter von RKW Architektur+ Dieter Schmoll in der WDR-Sendung Lokalzeit.
Das schreckte den BDA Düsseldorf auf, der es nach einer kritischen Stellungnahme nun vorzieht, die Angelegenheit intern zu regeln. Die Architektenkammer NRW dagegen äußerte sich begeistert über die Diskussion, die derzeit an ihrem Standort Düsseldorf im Gange sei. Es sei wichtig, dass der Berufsstand sich einmische, das Vergaberecht untersage nicht die Verbreitung guter Ideen, so Hauptgeschäftsführer Markus Lehrmann. Die politische Diskussion profitiere von den Beiträgen der Architekten und Stadtplaner. Starke Bilder seien in unserer Zeit das zentrale Instrument, mit dem Ideen kommuniziert werden; selbst in dieser frühen Phase, in der es zunächst um Standorte, nicht um Architektur gehe. Ohne konkurrierendes Verfahren – sprich, ohne Wettbewerb – könne ohnehin keine Oper gebaut werden.
Ein prominentes Beispiel für das unaufgeforderte Mit- und Weiterdenken gab Christoph Ingenhoven 2003, als er mit seinem auf der Immobilienmesse MIPIM in Cannes vorgebrachten Vorschlag zur Umgestaltung des Kö-Bogens einen gewaltigen Stadtumbau in Gang setzte. Was Ingenhoven mit Schmoll, Faust, Meyer, aber auch mit Lehrmann und dem BDA Vorstand verbindet, ist, dass sie alle Düsseldorfer sind. Sie kennen ihre Stadt mit ihren Schwächen und ihrem Potential, fühlen sich ihr persönlich verbunden und verpflichtet. Doch der Architekt will bauen, sei es nun aus ideellen oder wirtschaftlichen Gründen. So manchen mag es irritieren, wenn Architekten, die traditionell warten bis sie gefragt und für ihre Antworten in Form eines Vorentwurfs bezahlt werden, nun eine zunehmend aktive Rolle übernehmen. Doch ihnen das Mitdenken zu verbieten und damit auf ihre Expertise zu verzichten, wäre unvernünftig. Allerdings bleibt die Frage nach der Angemessenheit der Mittel, die sie auf den Markt werfen. Wenn es wie bei RKW Architektur+ eigentlich nur darum geht, „zu inspi­rieren, Ideen zu skizzieren und einen Standort aufzuzeigen“, muss man nicht auftreten, als hätte man einen riesigen Wettbewerb gewonnen.

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