Neue Füße für Corviale

Bis vor kurzem war die Wohn­maschine Corviale am Stadtrand von Rom als Ghetto verschrien. Jetzt sucht ein hochdotierter Wettbewerb nach Ideen für den Umbau unter Beteiligung der Be­wohner. Dabei geht es vor allem um die unteren Ebenen des Elf­geschossers

Text: Wilhelm, Hans-Christian, München

    Luftfoto: ATER Roma

    Luftfoto: ATER Roma

    Die Via Poggioverde verläuft östlich des Hauptriegels.
    Foto: Hans-Christian Wilhelm

    Die Via Poggioverde verläuft östlich des Hauptriegels.

    Foto: Hans-Christian Wilhelm

    Das Erdgeschoss, ein dunkler Raum mit Schotten und Abstellräumen, ist in manchen Bereichen über Brücken mit der Straße verbunden.
    Foto: Hans-Christian Wilhelm

    Das Erdgeschoss, ein dunkler Raum mit Schotten und Abstellräumen, ist in manchen Bereichen über Brücken mit der Straße verbunden.

    Foto: Hans-Christian Wilhelm

    Die Bewohner haben die Laubengänge im oberen Teil des Hauptriegels (Corpo II) in kleine Gärten verwandelt.
    Foto: Hans-Christian Wilhelm

    Die Bewohner haben die Laubengänge im oberen Teil des Hauptriegels (Corpo II) in kleine Gärten verwandelt.

    Foto: Hans-Christian Wilhelm

    1. Preis Laura Peretti verlegt die östliche Straße, die Via Poggioverde, weiter weg vom Hauptriegel. Der Zwischenraum wird begrünt.
    Abb.: Architekten

    1. Preis Laura Peretti verlegt die östliche Straße, die Via Poggioverde, weiter weg vom Hauptriegel. Der Zwischenraum wird begrünt.

    Abb.: Architekten

    Das Erdgeschoss gliedert sie in geschlossene Einheiten.
    Abb.: Architekten

    Das Erdgeschoss gliedert sie in geschlossene Einheiten.

    Abb.: Architekten

    In der Mitte des Riegels entsteht auf der Ostseite eine abgetreppte Piazza, die den Geländesprung überwindet.
    Abb.: Architekten

    In der Mitte des Riegels entsteht auf der Ostseite eine abgetreppte Piazza, die den Geländesprung überwindet.

    Abb.: Architekten

    Abb.: Architekten

    Abb.: Architekten

    2. Preis Das Büro A.B.D.R. erweitert die Garage an der Ostseite und schließt so an das Straßenniveau an. Im Westen bleibt das Garagenschrägdach erhalten, Der Raum drum herum wird neu gegliedert.
    Abb.: Architekten

    2. Preis Das Büro A.B.D.R. erweitert die Garage an der Ostseite und schließt so an das Straßenniveau an. Im Westen bleibt das Garagenschrägdach erhalten, Der Raum drum herum wird neu gegliedert.

    Abb.: Architekten

    3. Preis Juha Samuli Miettinen vergrößern die Garage ebenfalls nach Osten. Im Westen wird das Garagendach Teil eines mit Bäumen bepflanzten Geländes. Das Dach des Hauptriegels soll ein Garten werden.
    Abb.: Architekten

    3. Preis Juha Samuli Miettinen vergrößern die Garage ebenfalls nach Osten. Im Westen wird das Garagendach Teil eines mit Bäumen bepflanzten Geländes. Das Dach des Hauptriegels soll ein Garten werden.

    Abb.: Architekten

    Anerkennung Francesco Careri interpretiert das Wohngebäude als festgebundenen Gulliver.
    Abb.: Architekten

    Anerkennung Francesco Careri interpretiert das Wohngebäude als festgebundenen Gulliver.

    Abb.: Architekten

Neue Füße für Corviale

Bis vor kurzem war die Wohn­maschine Corviale am Stadtrand von Rom als Ghetto verschrien. Jetzt sucht ein hochdotierter Wettbewerb nach Ideen für den Umbau unter Beteiligung der Be­wohner. Dabei geht es vor allem um die unteren Ebenen des Elf­geschossers

Text: Wilhelm, Hans-Christian, München

Der römische Corviale ist als gigantischer Gebäuderiegel von 986 m Länge inzwischen auch vielen deutschsprachigen Architekten ein Begriff. Er wurde in Verbindung mit dem gleichnamigen Quartier am südwestlichen Stadtrand Roms von einer Planungsgruppe unter der Leitung Mario Fiorentinos in den Jahren 1972–74 für ca. 6000 Menschen geplant und ab 1982 in Betrieb genommen. Corviale ist eine Art „Nachgeborener“ der andernorts schon wieder überholten, ja kritisch betrachteten spätmodernen Wohnmaschinen und ähnlicher Komplexe mit Wohnungen, Dienstleistungen und städtischen Funktionen unter einem Dach. Wer sich dem Corviale von Westen nähert, nimmt die auf einem Höhenzug gebaute Struktur in ihrer ganzen Dimension wahr. Die Gebäudevolumen sind plastisch gegliedert und bis ins Fassadenrelief differenziert; das Ganze wirkt wie eine bewohnte Stadtmauer. Diesen Eindruck prägt vor allem der 11-geschossige, in Nord-Süd-Richtung verlaufende Wohnriegel auf der Hügelkuppe. Der Querschnitt zeigt die komplexe vertikale Organisation: Ein beidseitig ausladender „Gebäudefuß“ beherbergt im untersten Geschoss Garagen, die über Rampen angefahren werden. Das anschließende Gelände ist großteils abgeböscht. Fußgänger betreten das Gebäude vom darüberliegenden Eingangsgeschoss, das punktuell mit der Straße verbunden ist. Vom Eingangsgeschoss gelangt man in die vielen Haupt- und Nebentreppenhäuser mit Aufzügen, die die Wohngeschosse erschließen. Die Eingangsebene ist dunkel und unübersichtlich. Die Betonschotten des Tragwerks und Abstellräume dominieren das Bild. Hier wird deutlich, dass jenseits der Hauptzugänge keine Aufenthaltsqualitäten „eingeplant“ waren.
Der Hauptriegel wird durch fünf Haupttreppenhäuser gegliedert, sie unterbrechen die endlos erscheinende Fassadenfront. Vermutlich deshalb wurde Coviale vom römischen Volksmund auch „Serpentone“, zu Deutsch: „große Schlange“ getauft. Östlich des Hauptriegels verläuft ein Band mit Sportplätzen und den öffentlichen Bauten von „Corviale Centro“. Ein weiterer Wohnriegel zweigt diagonal nach Nordosten ab. Die Erschließungsstraßen wirken im Lageplan nicht zufällig wie langgezogene Rennstrecken. Ohne Bürgersteige angelegt, folgen sie dem damaligen Prinzip, Fußgänger und Autoverkehr zu trennen.
Architekt Mario Fiorentino sagte zur Zeit der Errichtung, der Komplex sei genau für diesen Ort und die Stadt Rom entworfen, und verwies dabei auf die Ruinen von Aquädukten und anderen, aus römischer Zeit überkommenen großmaßstäblichen Strukturen als Referenz – ganz im Unterschied zu Le Corbusiers Unité d’habitation, die für verschiedene Orte gedacht war.
Corviale war bisher ein ambivalenter Erfolg beschieden: Nach einer langen sozialen Abwärtsentwicklung einschließlich illegaler Besetzungen war insbesondere der „Serpentone“ als Ghetto verschrien. Selbst Teilen der Fachöffentlichkeit schien das Quartier ein ausgemachter Abrisskandidat zu sein. Dennoch blieb es sowohl durch seine zum Teil eklektischen Bewohner als auch durch die außerordentliche Architektur medial präsent und viel diskutiert. Eine wichtige Rolle spielte dabei das ursprünglich als innere Passage zum Ausbau mit Läden- und Geschäften gedachte „Piano Libero“ im 4. und 5. Geschoss. Statt hier, wie geplant, die Horizontalerschließung zu bündeln, kam es zu einer ganz anderen Nutzung: Piano Libero wurde von Wohnungssuchenden besetzt und in Selbstbauweise ausgebaut. Es schwankte zwischen einer Romantik des Randständigen und einem Refugium der Kriminalität. Die Situation hat sich nun offenbar über die Jahrzehnte dahingehend konsolidiert, dass die Eigentümergesellschaft des Corviale, ATER Roma, mit den Bewohnern einen sogenannten Quartiersvertrag geschlossen hat, der im Gegenzug für die Wahrung des Hausfriedens und die Anerkennung des Hausrechts der kommunalen Wohnungsgesellschaft eine Legalisierung der Bewohner sowie einen ergänzenden, einheitlichen Umbau des Geschosses in Wohnungen vorsieht. Nicht nur hier, sondern auch mit Blick auf einen größeren, langfristigen Transformationsprozess möchte die Eigentümerin die Bewohner einbeziehen.
Das Ergeschoss durchlässiger machen
Als Auftakt dieses Prozesses hat ATER Roma im letzten Jahr mit großem Aufwand einen internationalen Architektur-Wettbewerb durchgeführt. Dabei ging es vor allem um bessere Erdgeschoss- und Erschließungszonen des „Serpentone“. Das dunkle Erdgeschoss mit den Betonschotten und Abstellräumen will man (anstelle des zu Wohnungen umgebauten „Piano Libero“) als Horizontal­erschließung aufwerten, in Querrichtung durchlässig machen und an die Dienstleistungs-Einrichtungen innerhalb des Quartiers anbinden. Diese Aufgabe hatte im Rahmen des Wettbewerbs höchste Priorität.
Außerdem ging es um Energieeinsparung („Corviale smart building“), ein neues Orientierungssystem sowie um künstlerische Interventionen. Der umfassend vorbereitete Wettbewerb war mit 170.000 Euro Preisgeld ausgestattet. Die Vorschläge sollten zeitlich gestaffelt und unter Beteiligung der Bewohner durchführbar sein.
7,2 Millionen Euro stehen für die vorrangigen Maßnahmen zu Verfügung. Mit Julia Bolles-Wilson (Münster) und Bart Aptroot (Amsterdam) gehörten auch zwei „externe“ Architekten der Jury an (Vorsitz: Claudio Rosi). Im Dezember 2015 wurden die Ergebnisse veröffentlicht.
Die Arbeiten lassen trotz großer Vielfalt zwei verschiedene Strategien erkennen: eine bauliche, die die Monumentalität durch Einschnitte und addierte kleine Volumen zu konterkarieren sucht, und eine zweite Strategie, die auf landschaftliche Elemente und üppige Vegetation setzt, um den Beton-Brutalismus zu mildern. Die Preisvergabe zeigt, dass die Jury diese offenbar als erfolgversprechender ansah.
Niveau angleichen
Das Büro der römischen Architektin Laura Peretti ging als klarer Sieger aus dem Verfahren hervor. Als augenfälligstes Element verlegt Peretti die östliche der bisher direkt am Hauptriegel („Serpentone“) entlangführenden Erschließungsstraßen und ersetzt sie im nördlichen Teil durch eine überdachte Promenade für Fußgänger. Der gesamte Bereich am Fußpunkt des Gebäudes wird begrünt – leider ist nicht erkennbar, ob die großen existierenden Bäume in das Konzept mit einbezogen werden. Peretti schließt das Erdgeschossniveau des Gebäudes an das Straßenniveau an und begrünt die Oberfläche. Teilweise ragen die abgeschrägten Schotten des vormaligen „Gebäudefußes“ nun offen nach außen. Im Erdgeschossgrundriss wird deutlich, dass Peretti die Bereiche zwischen den Treppenhäusern in „Blöcke“ gliedert, sodass sich klar artikulierte Querdurchgänge ergeben und die Treppen stärker als bisher zur Adresse der Wohnungsgruppen werden. Die Straße verläuft nun in geschwungener Bahn dichter an den Gemeinschaftsbauten des „Corviale Centro“, die Garagenzufahrten werden entsprechend verlängert. Etwa in der Mitte hat der Hauptriegel eine Fuge, dort, wo es einen Niveausprung gibt. Peretti unterbricht hier die Grünfläche durch eine abgetreppte Piazza und überspannt sie mit einer Brücke. Die Piazza inszeniert nicht nur die Höhenversätze, sondern öffnet sich zu den Gebäuden von „Corviale Centro“ und kann so zu einem Mittelpunkt der Anlage werden.
Hier liegt ein Unterschied zum Vorschlag des römischen Büros A.B.D.R. (2. Preis), dessen Erdgeschoss ohne räumliche Hierarchien ein rechteckiges Muster von gepflasterten und begrünten Bereichen zeigt. Im Osten schließen A.B.D.R. das Straßenniveau an das Erdgeschoss an, indem sie die Garage um eine Doppelreihe von Stellplätzen erweitern. Auf der Westseite erhalten sie das Schrägdach der Garage und damit den Geländeversatz, gliedern den Bereich und räumen ihn auf. Das unterste Geschoss der inneren Lichthöfe verwandeln sie in Pflanztröge für Bäume.
Auch der Vorschlag des Büros Juha SamuIi Miettinen (3. Preis) passt das Niveau der Straße dem des Erdgeschosses an und vergrößert dafür die Garage unterirdisch nach Osten. Im Westen begradigt er das Garagendach und interpretiert es als Teil eines abgetreppten, mit Bäumen bepflanzten Geländes, durch das sich fließende Wege schlängeln. Juha SamuIi Miettinen gehen in Sachen Begrünung noch weiter, indem sie auch das gesamte bisher nicht genutzte Dach des „Serpentone“ in einen Garten verwandeln. Die vertikale Gebäudefuge betonen sie durch eine sich kreuzende Beton-Fußgängerbrücke, welche die Richtung des kleinen Wohnriegels aufnimmt.
Die Jury vergab drei Ankäufe für Vorschläge, die entweder auf plastisch-bauliche Interventionen am Gebäude fokussieren oder weitgehend konzeptionell sind, wie etwa die skizzenhafte Interpretation des „Serpentone“ als liegend festgebundener Gulliver von Francesco Careri.
Wie geht es weiter?
Die Preisvergabe sei bis zum Abschluss weiterer formaler Prüfungen nur „provisorisch“, teilt ATER Roma mit. Offenbar findet nun – nachträglich – eine vertiefte „Vorprüfung“ statt, die möglicherweise auch die Kostenschätzungen der prämierten Entwürfe überprüft – schlagen diese doch zum Teil erhebliche Geländeanpassungen oder große Grünflächen auf Dächern vor. Um die Aussichten auf eine Realisierung zu steigern, scheint es immerhin bei der Siegerarbeit möglich, weniger Erdreich zu bewegen, ohne das Gesamtkonzept aufzugeben. In Bezug auf die „Begrünung“ der riesigen Betonstruktur haben die Bewohner einen sehr pragmatischen Weg eingeschlagen: Vor allem in den Laubengängen der oberen Geschosse lassen sie in Pflanztöpfen sehr üppige vertikale Gärten wachsen.
Auch bei der Ausgestaltung der gewünschten Partizipation der Bewohner ist noch einiges zu klären. Die Ausloberin hatte zwar die Beteiligung eines Soziologen an den Planungsteams gefordert, um einen „Partizipationsplan“ zu entwerfen – aber der Vorschlag der beiden internationalen Jury-Mitglieder, die Bewohner beim Umbau des „Piano Libero“ Hand anlegen zu lassen, war der Ausloberin offenbar dann doch zu viel des Guten und wird deshalb nicht weiter verfolgt.
Ungeachtet des heute zweifelhaft erscheinenden städtebaulichen Gesamtkonzepts bleibt es das Verdienst der Planergruppe um Fiorentino, dass sich die Architektur des Corviale über Jahrzehnte hinweg als robust erwiesen hat. Die „Permeabilität“ der Struktur hat einen Ort geschaffen, mit dem sich viele Bewohner, auch die vermeintlich „randständigen“ Existenzen identifizieren. Wenn die Bewohnerinnen und Bewohner beim Transformationsprozess tatsächlich Verantwortung für ihr Quartier entwickeln, kann Fiorentinos Vision einer eigenständigen „Linearen Stadt“ am Stadtrand tatsächlich Wirklichkeit werden.
Eine zeitnahe Ausstellung der Arbeiten vor Ort ist geplant, es steht aber noch kein Datum fest.

Rigenerare Corviale
1. Preis (100.000 Euro) Laura Peretti
2. Preis (35.000 Euro) A.B.D.R. Architetti Associati
3. Preis (23.000 Euro) Juha Samuli Miettinen
Lobende Erwähnung (4000 Euro) LP. Studio + B.E.AR. mit Filippo Lambertucci
Lobende Erwähnung (4000 Euro) Emiliano Auriemma
Lobende Erwähnung (4000 Euro) Francesco Careri
Jury
Claudio Rosi, Antonietta Piscioneri, Alessandra Fassio, Giovanni Longobardi, Julia Bolles-Wilson, Michele Molé, Bart Aptroot
Auslober
Territorial Housing Company of the Municipality of Rome

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