Mein Block – damals noch ohne WDVS

Märkisches Viertel

Text: Henning, Moritz, Berlin

Foto: Moritz Henning

Foto: Moritz Henning


Foto: Landesarchiv Berlin

Foto: Landesarchiv Berlin


Mein Block – damals noch ohne WDVS

Märkisches Viertel

Text: Henning, Moritz, Berlin

Der letzte Aufreger ist schon zehn Jahre alt: Mit der Schilderung von Sex, Drogen und Gewalt im Märkischen Viertel in seinem Song „Mein Block“ brachte der Rapper Sido der Westberliner Großsiedlung noch einmal ordentlich Presse. Seitdem ist es still geworden, der einstige Problembezirk scheint im bundesdeutschen Alltag angekommen zu sein
1964 bezogen die ersten Mieter ihre Wohnung im Märkischen Viertel, doch schon kurz darauf war sein Ruf nachhaltig ruiniert. Schwere Versäumnisse bei der Umsetzung der Verkehrsinfrastruktur, fehlende Kindergärten, Schulen und Gemeinschaftseinrichtungen, Baumängel und durch krude Belegungsstrategien verursachte soziale Spannungen sorgten für Unruhe. Die Presse nahm sich des Themas an; landauf, landab wurde das bis dahin größte Wohnungsbauprojekt Westberlins mit geplanten 17.000 Wohnungen als Prototyp skrupellosen Massenwohnungsbaus vorgeführt. Publiziert wurden Bilder hilfloser Bürger in der feindlichen Umgebung einer Großbaustelle: „Menschen im Experiment“, nannte sie der Spiegel 1970. Bis heute lastet dieses Image auf dem einstigen Vorzeigeprojekt modernen Städtebaus.
Die GESOBAU, landeseigene Wohnungsbaugesellschaft und größter Bestandshalter, nimmt den 50. Geburtstag des Viertels zum Anlass für eine ganze Reihe von Aktivitäten. Dazu gehört auch die von Sally Below kuratierte Ausstellung „Märkisches Viertel: 3,2 kmµ Leben“. Statt wie zu solchen Anlässen üblich Tafeln in irgendeinen Gemeinschaftsraum zu hängen, hat sie,  ebenso lebendig wie für den Besucher herausfordernd, das ganze Märkische Viertel selbst zur Ausstellung erklärt. „Architektur, Stadtraum und Landschaft vermitteln Geschichte, Gegenwart und Zukunft der ersten Großwohnsiedlung West-Berlins“, erläutert die Kuratorin das Konzept. Ein Spaziergangsplan führt den Besucher auf sechs thematisch gegliederten Routen zu bekannten wie weniger bekannten Orten. Flankiert werden die Spaziergänge von Plakaten, auf denen Geschichten aus dem Alltag der Bewohner erzählt werden, Planende zu Wort kommen, politische Entscheidungen, die Entwicklung des Viertels und seine öffentliche Wahrnehmung seit 1964 thematisiert werden. Am augenfälligsten ist, wie sich der auf den Bildern aus den sechziger Jahren trostlos anmutende Außenraum in eine üppig begrünte Stadtlandschaft verwandelt hat – eine späte Bestätigung für die Planer. Für Sidos Kameramann muss es 2004 nicht einfach gewesen sein, aus dieser parkähnlichen Umgebung die triste Kulisse von „Mein Block“ zu machen.
Weniger erfreulich hat sich das Märkische Viertel allerdings mit Blick auf die Architektur entwickelt. Schuld daran sind nicht die vielen kleinen, architektonisch oft zweifelhaften „Wohnumfeldverbesserungen“, sondern vor allem die seit einigen Jahren durchgeführten energetischen Sanierungen fast aller Wohnungsbauten. Das lobenswerte Ziel, bis 2015 Deutschlands erste Niedrigenergie-Großwohnsiedlung zu sein, wirkt sich auf das Erscheinungsbild wenig erfreulich aus. Gebäude für Gebäude wird mit einem Wärmedämmverbundsystem überzogen, was Rhythmus und Gliederung der Baukörper häufig ebenso zerstört wie viele gute Details. Überzogen von der immergleichen Putzstruktur und einer zwischen aufdringlich und schlicht wechselnden Farbgebung, versinken viele Bauten in gestalterischer Banalität. Klinker, Naturstein oder auch nur Blech an der Fassade? Fehlanzeige. Der Zwang zur Erwirtschaftung von Renditen auch bei landeseigenen Gesellschaften und der Druck, die Sanierung warmmietenneutral umzusetzen, haben kreative gestalterische Lösungen verhindert. Nur wenige Bauten haben dies leidlich gut überstanden, so zum Beispiel die Häuser von Oswald Mathias Ungers. Bei anderen, wie dem Ensemble des Schweizers Ernst Gisel, kann man immerhin von einer akzeptablen Neuinterpretation der Fassaden sprechen. Für die Masse der Bauten gilt das nicht. Das nächste – und vielleicht bedauerlichste – Opfer werden die Bauten des ehemaligen Scharoun-Mitarbeiters Chen Kuen Lee sein. Fünf Hochhäuser hat der chinesischstämmige Architekt im Viertel gebaut. In einem wohnte er bis zu seinem Lebensende. Die ersten der vom Büro gibbins european architects sanierten Fassaden sind bereits wieder abgerüstet, und was zu sehen ist, ist schlichtweg deprimierend. Auch die Visualisierung auf dem Bauschild zur Sanierung von Lees Block 914 deutet darauf hin, dass von der Eleganz der an kristalline Gebirgslandschaften erinnernden Bauten kaum etwas bleiben wird.
Doch zumindest für einige Gebäude besteht noch Hoffnung, denn das Märkische Viertel besteht nicht nur aus Wohnbauten. Nachdem in den achtziger Jahren die Diskussion um die Unterschutzstellung im Sande verlaufen ist, wurden in den letzten Jahren Werner Düttmanns Kirche St.Martin, das von Neumann, Grötzebach und Plessow geplante Apostel-Johannes-Gemeindezentrum und das Fernheizwerk von Fridtjof Schliephacke unter Denkmalschutz gestellt. Der Stadtforscher Eduard Kögel hat anlässlich eines Workshops im Rahmen der Ausstellung einige weitere Gebäude identifiziert, die ebenso Kandidaten für den Denkmalschutz sind: Bodo Fleischers Zentrum für die Apostel-Petrus-Kirchengemeinde, die ehemalige Wilhelm-Rabe-Grundschule von Stephan Heise, heute Jugendkunstschule Atrium, und Engelbert Kremsers Haus in „Erdbauweise“ auf Deutschlands erstem Abenteuerspielplatz. Unter Schutz zu stellen sind Köglers Ansicht nach auch einige der Innenhofgestaltungen, so die im Bauteil Müller und Heinrichs; darüber hinaus wäre zu überlegen, wie man mit den verbliebenen Resten des Leitsystems und der Kunstwerke im öffentlichen Raum umgeht. An einigen der Gebäude wurden bereits kleinere Veränderungen vorgenommen, bei anderen, wie Heises wunderbarer Schule, stehen Sanierungsmaßnahmen an. Deshalb wäre es dringend geboten, die letzten noch weitestgehend im Originalzustand erhaltenen Bauten ebenfalls zu schützen und als wichtigen Zeugen der Vergangenheit eine würdige Zukunft zu geben.
Fakten
Architekten Ungers, Oswald Mathias (1926-2007); Gisel, Ernst, Zürich; Lee, Chen Kuen (1915-2003); gibbins european architects, Hamburg/Potsdam; Düttmann, Werner (1921-1983); Neumann, Grötzebach und Plessow, Berlin; Schliephacke, Fridtjof (1930-1991); Fleischer, Bodo; Heise, Stephan; Kremser, Engelbert, Potsdam; Müller und Heinrichs, Berlin
aus Bauwelt 33.2014
Artikel als pdf

0 Kommentare


Ihr Kommentar







loading
x
loading

10.2022

Das aktuelle Heft

Bauwelt Newsletter

Immer Freitags: das Wichtigste der Woche. Dazu: aktuelle Jobangebote, Auslobungen und Termine.