Arischia, zehn Jahre danach

Knapp 15 Kilometer sind es von lʼAquila nach Arischia, doch es ist eine Fahrt in eine an­dere Welt: Anders als in der Provinzhauptstadt haben hier die Erdbeben 2016 und 2017 für weitere Verwüstung gesorgt. Angela Ciano blickt auf den Ort ihrer Kindheit

Text: Ciano, Angela

    Die Häuser des in Arischia nach dem Erdbeben 2009 errichteten C.A.S.E.-Typs (Bauwelt 14.2012) muss­ten hier wie auch andernorts gesperrt werden – die Balkone drohen abzustürzen.
    Foto: Udo Meinel

    Die Häuser des in Arischia nach dem Erdbeben 2009 errichteten C.A.S.E.-Typs (Bauwelt 14.2012) muss­ten hier wie auch andernorts gesperrt werden – die Balkone drohen abzustürzen.

    Foto: Udo Meinel

    Von der Anbindung der C.A.S.E. in Arischia ans Nahverkehrsnetz kündet noch der Rest der Bushaltestelle.
    Foto: Udo Meinel

    Von der Anbindung der C.A.S.E. in Arischia ans Nahverkehrsnetz kündet noch der Rest der Bushaltestelle.

    Foto: Udo Meinel

    Die Kirche San Benedetto bestimmt die L-förmige Doppelplatzanlage im Zen­trum von Arischia.
    Foto: Udo Meinel

    Die Kirche San Benedetto bestimmt die L-förmige Doppelplatzanlage im Zen­trum von Arischia.

    Foto: Udo Meinel

    Wäh­rend die Erdbebenschäden an Fassade und Lang­haus 2015 bereits restauriert wurden.
    Foto: Udo Meinel

    Wäh­rend die Erdbebenschäden an Fassade und Lang­haus 2015 bereits restauriert wurden.

    Foto: Udo Meinel

    Nur wenige Häuser an der Via Corso ...
    Foto: Udo Meinel

    Nur wenige Häuser an der Via Corso ...

    Foto: Udo Meinel

    ... ebenso wie an der Piazza sind noch bewohnbar nach den Erdbeben 2009, 2016 und 2017.
    Foto: Udo Meinel

    ... ebenso wie an der Piazza sind noch bewohnbar nach den Erdbeben 2009, 2016 und 2017.

    Foto: Udo Meinel

    Die kleine Holzkirche in der Piazza San Rocco vermag die Gemeinde nicht zu fassen – zu größeren Anlässen bietet der Stadtraum den Gläubigen Platz.
    Foto: Udo Meinel

    Die kleine Holzkirche in der Piazza San Rocco vermag die Gemeinde nicht zu fassen – zu größeren Anlässen bietet der Stadtraum den Gläubigen Platz.

    Foto: Udo Meinel

Arischia, zehn Jahre danach

Knapp 15 Kilometer sind es von lʼAquila nach Arischia, doch es ist eine Fahrt in eine an­dere Welt: Anders als in der Provinzhauptstadt haben hier die Erdbeben 2016 und 2017 für weitere Verwüstung gesorgt. Angela Ciano blickt auf den Ort ihrer Kindheit

Text: Ciano, Angela

Steil bergauf führt die Straße zum Dorfeingang, anstrengend wie das Leben in Arischia. Dieser Ortsteil von l’Aquila liegt 14 Kilometer von der Provinzhauptstadt entfernt und einige Meter höher, 850 m ü.d.M. Das reicht, um sich hoch in den Bergen zu fühlen, wo, wie man weiß, das Leben immer mühselig war, voller Opfer in oft unwirtlicher, karger Umgebung. Selbst in der heutigen, von Wohlstand und Modernität geprägten Zeit ist das nicht anders, denn Arischia wurde von dem Erdbeben 2009 stark getroffen; in unmittelbarer Nähe verläuft eine der großen Verwerfungen. Es folgten weitere Beben: am 24. August 2016 – Amatrice im damaligen Epizentrum liegt nur 25 KilometerLuftlinie entfernt – und, nur wenige Wochen später, am 30. Oktober, sowie schließlich, am 18. Januar 2017, das für die Einwohner am schwersten zu ertragende, dessen Epizentrum direkt im eigenen Gebiet lag. Viele, die nach dem Beben 2009 zurückgekehrt waren, mussten ihre eben wieder aufgebauten Häuser erneut verlassen, nicht, weil diese Schäden erlitten hätten, nein – das Problem war und ist noch immer die äußere Gefahr, die von den nicht gesicherten, noch wiederaufzubauenden Gebäuden in der Nachbarschaft ausgeht. Welch Ironie des Schicksals!
Zehn Jahre nach dem 6. April 2009 sind es noch immer etwa 30 Familien, also über zweihundert Personen, die gerne in ihre Häuser zurückkehrten, aber gezwungen sind, weiterhin übergangsweise in den Fertigbauten des Projektes C.A.S.E.(Complessi Antisismici Sostenibili Ecocompatibili) zu leben. Allerdings nicht in denen, die in Rekordzeit in Arischia nach dem Erdbeben 2009 errichtet wurden, das wäre dann doch zu schön gewesen! Diese Menschen sind in die anderen über das Territorium verstreuten C.A.S.E. verteilt worden, weil das Projekt von Arischia, das der dortigen Wohnungsnot hätte Abhilfe schaffen sollen, seit einigen Jahren nicht mehr begehbar ist. Dies ist allein der Nachlässigkeit und Oberflächlichkeit der Verwaltungen anzulasten. Inzwischen aber verursacht diese Situation ernsthafte Schäden, die Entvölkerung und Verelendung des Ortes heißen; nach zehn Jahren und vier Erdbeben haben etwa 600 Menschen Arischia definitiv verlassen und sind anderswo sesshaft geworden, sodass die Straßen, die Gassen, die Winkel des Ortes mit seiner reichen, 2000-jährigen Geschichte hoffnungslos leer und verlassen sind, in der Erwartung, irgendwann wiederaufgebaut zu werden.
Ja, der Wiederaufbau! Der hat in Arischia tatsächlich niemals stattgefunden, abgesehen von ein paar winzigen Häuserblöcken und Teilen der Pfarrkirche. Die große Abtei San Benedetto geht auf das Ende des 12. Jahrhunderts zurück und ist zur Hälfte restauriert. Mit fast 900.000 Euro aus Spenden hat man es geschafft, die herrliche Fassade sowie das Langhaus wiederherzustellen und erdbebensicherer zu machen, während Querschiff, des Chor und Kirchturm noch auf weitere Finanzierung warten. Man weiß nicht, wann und wie diese kommt, obwohl die Kurie von l’Aquila, Eigentümerin des Gebäudes, ihren Einsatz und den festen Willen beteuert, die Restaurierung zu vollenden. In der Zwischenzeit müssen sich die Arischieser seit nunmehr zehn Jahren mit einem kleinen provisorischen Holzkirchlein begnügen, wobei es oft unmöglich ist, allen Gläubigen einen Platz im Innenraum zu gewähren, so dass viele den Riten nur von draußen folgen können. Die für das Leben einer Gemeinde wichtigen Zeremonien wie Hochzeiten oder Beerdigungen finden an anderen Orten statt: Sie wandern aus, genau wie die Einwohner.
Was das kulturelle Erbe in Arischia angeht, ist ein komplettes Desaster zu vermelden: Hier ist ein zwar kleines, aber von ländlich-bäuerlicher Vergangenheit und zwischenzeitlich auch von Perioden gewissen Reichtums geprägtes Zentrum von den Erdbeben und später von der zwingenden Notwendigkeit, die Trümmer zu räumen, teilweise weggefegt worden; man ist beizeiten so vorgegangen, alles, was von den eingestürzten Bauten übrig war, abzutragen, ohne die mindeste Aufmerksamkeit an die wenigen, möglicherweise zu rettenden Teile von Wert zu verschwenden. Glücklicherweise hat die Zerstörungswut dervier Erdbeben einiges verschont, dies aber droht nun an der Achtlosigkeit von heute zugrunde zu gehen.
So auch die Schule von Arischia. Grundlegende Einrichtung, die Bindung an den eigenen Ort zu erhalten, war die Grundschule das erste Gebäude, das im Sommer 2009 geräumt wurde; seitdem gähnt dort, wo es einmal stand, ein großes Loch, jetzt überwuchert von einem Teppich aus stacheligem Unkraut, als fordere die Natur ihr ureigenes Recht ein, gegen die menschliche Vernachlässigung zu intervenieren; immerhin sind die Arbeiten zum Wiederaufbau der Schule vor einiger Zeit ausgeschrieben und vergeben worden; die Bausumme soll etwa zwei Millionen Euro betragen. Die Kinder jedoch, deren Familien hartnäckig an ihrem Dorf hängen, sind dazu verurteilt, den nicht ausreichenden Platz in den provisorischen Schul-Modulbauten mit den Kleineren aus dem Kindergarten zu teilen. Der Kindergarten gehört zu den Gebäuden im Dorfkern, die zwar noch stehen, aufgrund neuer gesetzlicher Sicherheitsbestimmungen in Erd­bebengebieten seit einiger Zeit aber nicht mehr zugänglich sind. Daher haben viele Eltern ihre Kinder in geeigneteren und freundlicheren Schulen außerhalb von Arischia angemeldet. So kommt es, dass die Schule nun keinen wirklichen Daseinszweck mehr erfüllt und in der Folge weitere Familien sich entscheiden, wegzuziehen.
Der Ort: ein Erinnerungsraum
Geht man heute durch den Ort, kann man feststellen, wie zehn Jahre Stillstand zum Ende führen. Verstummt sind die Stimmen und das Lärmen der Kinder, die auf den kleinen Plätzen und in den Gassen gespielt haben, verschwunden sind die vor ihren Hauseingängen sitzenden Alten, immer zu kleinen Schwätzchen aufgelegt oder einfach nur die Wärme der Sonne genießend, erloschen sind die abendlichen Lichter in den Fenstern, die hell in die dunklen Gassen fielen. Alles scheint dazu bestimmt, von einem Moment zum anderen völligem Vergessen anheim zu fallen, und die Straße zum Dorfeingang, gepflastert mit großen Steinplatten, die für mich, die ich aus diesem Ort stamme, immer eine Heimkehr bedeutete, den süßen Moment, in dem meine Kindheitserinnerungen wiedererwachten, vermittelt nun nur noch das Gefühl von Verlassenheit, das wächst und mir schwer im Magen liegt, wenn ich mich im Labyrinth der Plätzchen und Gässchen des Dorfes verliere. Ein Gefühl von Verlassenheit, verbunden mit dem der Ohnmacht.
Nicht einmal der glanzvollste und mitreißendste Aspekt, der die Identität jeder Dorfgemeinschaft ausmacht, bleibt verschont: das Fußballspiel. Die Lokalmannschaft, die in der dritten Liga mit guten Resultaten spielt, ist gezwungen, auf dem nahen Feld von Pizzoli zu trainieren, weil das von Arischia, auf dem direkt nach dem Beben 2009 die Zeltstadt gestanden hat, zwar wiederhergestellt wurde, doch immer noch auf die Fertigstellung der Flutlichtanlage sowie die notwendige Ausstattung mit Strom und Gas wartet. Ganz in der Nähe widersteht der antike Brunnen der Unabwendbarkeit des Schicksals und der Untätigkeit der Menschen; es ist der Ort, dem wir alle hier innig verbunden sind, weil Wasser Leben bedeutet. Aus der Zeit der ersten römischen Ansiedlung stammend, gelegen an der Kreuzung der zu den umliegenden antiken Stätten führenden Straßen, strömt aus diesem, ebenfalls hilfsbedürftigen Brunnen noch immer klares kühles Wasser und erinnert uns an die Kraft der Auflehnung gegen die Widrigkeiten und Härten, die das Leben für uns bereithält. Genau wie es nicht weit entfernt die steile Straße tut, die uns am Dorfeingang empfängt.
Übersetzung aus dem Italienischen: Iris Lüttgert

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