ICHOT


Posener Tor


Text: Stiasny, Grzegorz


    Foto: Mariusz Lis

    Foto: Mariusz Lis

    Foto: Wojciech Kryński

    Foto: Wojciech Kryński

    Foto: Mariusz Lis

    Foto: Mariusz Lis

Auf der Dominsel im Osten der Altstadt von Posen lagen mehrere bedeutsame Stätten der Stadt- und Landesgeschichte lange Zeit im Abseits der Aufmerksamkeit. Ein Besucherzentrum und Museum schafft nun Abhilfe. AD Artis haben mit einem scharf geschnittenen Betonquader für die angemessene Inszenierung gesorgt
Im „Brama Poznania“, zu deutsch „Posener Tor“, wurden ein Tourismuszentrum und eine interaktive Ausstellung über die Geschichte des polnischen Staates und der Stadt Posen eingerichtet. Dem Neubau ging ein Architekturwettbewerb voraus, der im Jahr 2009 Gewinner ermittelte, die nicht aus dem Kreis der naheliegenden, international bekannten Architekten stammen. Arkadiusz Merla und Maciej Wojda hatten erst drei Jahre zuvor ihr Architekturbüro AD Artis in Krakau gegründet; das „Posener Tor“ ist ihr bislang prestigeträchtigstes Projekt – auch wegen die Prominenz seiner Lage.
Die Posener Dominsel ist einer der historisch bedeutenden Orte für die Entstehung des polnischen Staates. Ausgrabungen belegen, dass sich hier die einstigen Herrscher zum Christentum bekannten; im Jahr 968 wird Posen erstmals als Bischofssitz genannt. Heute befindet sich der zentrale Teil der Insel im Besitz von Kircheninstitutionen. Der Dom, der Bischofs­palast, die Seminargebäude und das Diözesanmuseum nehmen diesen von einem Nebenarm der Warthe umge-benen, etwas abseits des Stadtzentrums gelegenen Ort ein. Zwei neue Kultureinrichtungen erinnern nun an die säkulare Geschichte der Dominsel. 2012 wurde hier das archäologische Museum „Genius Loci“ eröffnet, auf dessen Gelände Reste der Wehranlagen der Fürstenburg aus dem 10. Jahrhundert zu se-hen sind. Die zweite Einrichtung liegt der Dominsel östlich gegenüber. Im vergangenen Jahr wurde das „Posener Tor“, auch „ICHOT“ genannt („Interaktywne Centrum Historii Ostrowo Tumskiego“, Interaktives Zentrum der Geschichte der Dom­insel), fertiggestellt.
Grundidee des 54 Millionen Złoty (gut 13 Millionen Euro) teuren Projekts war es, die ältesten Orte der Stadt Posen hervorzuheben und ihre Reize für den Tourismus zu erschließen; Letzteres durch eine Lenkung der Besucherströme vom inneren Stadtring her, der in unmittelbarer Nähe verläuft. Eine eigene Ausfahrt, Parkplätze für Reisebusse und PKW sowie neu angelegte Wege führen den Besucher zum Museum, dessen Name auch der Bewerbung dieser Tourismusroute dienen soll. Durch die Investition, die nicht nur das Gebäude selbst umfasst, sondern auch die Gestaltung der Außenanlagen, konnte der angrenzende, aus dem Mittelalter stammende und zunehmend von Verfall geprägte Stadtteil S´´ródki revitalisiert werden. Der Neubau ist direkt am Ufer des Warthe-Arms platziert. Ein über den Fluss gespannter, überdachter Fußgänger­weg lenkt die Besucher durch ein historisches Tor – ein Überrest der denkmalgeschützten Wehrschleuse – in die Ausstellung.
Die Planer griffen sowohl im Innen- wie im Außenbereich auf das Motiv einer architektonischen Promenade zurück. Der Zugang von den Parkplätzen am Autobahnring ist nicht offensichtlich, doch bieten die Domtürme Orientierung. Der Zugang zum Gebäude selbst ist bewusst im Zickzack geführt. Der Weg wird in seinem letzten Teilstück beidseitig von mäanderartigen Betonelementen eingefasst, wodurch die Sicht der Besucher auf ausgewählte Teilansichten fokussiert wird – zunächst auf den spektakulären Kontrast zwischen dem Betonquader des Neubaus, dessen Volumen von einem senkrechten Spalt geteilt wird, und dem Dom.
In der Eingangshalle, deren Glasfront den Blick auf die Sehenswürdigkeiten der Insel frei gibt, erwartet den Besucher eine weitere Überraschung. Es zeigt sich hier, dass der Baukörper recht waghalsig über das Flussbett kragt. Drei Paare langer, übereinander gelagerter Treppen erschließen die Ausstellung auf den beiden höheren Ebenen. Während des Rundgangs durch die fensterlosen Ausstellungsräume unterschiedlicher Größe passiert der Besucher mehrmals den Spalt, der das Gebäude durchschneidet. Hier eröffnet sich ein ´´Blick nach draußen. In diesem mit Betonwänden eingefassten Canyon steht der Besucher auf Glasböden, er hängt im Raum wie im Objektiv einer Kamera mit veränderlicher Brennweite: Je näher er dem Dom kommt, desto größer wird der Bildausschnitt. Die Treppe im obersten Geschoss führt auf eine mit Betonplatten in der Fassadenfarbe ausgelegte Dachterrasse, von wo aus nicht nur das Panorama der Dominsel zu überblicken ist, sondern auch die Altstadt von Posen in deren Hintergrund. Der Rundgang endet mit der Überquerung des Flusses am ehemaligen Schleusentor, das als Teil der Wehranlage aus dem 19. Jahrhundert den Besucher auf die Dominsel mit ihren Baudenkmälern entlässt.
Nah am Wasser gebaut
In Polen wurde bislang kein Gebäude in ähnlich wassernaher Lage errichtet. Dementsprechend ist die konstruktive Leistung der Ingenieure beim „Posener Tor“ besonders zu würdigen. Der Bau entstand auf den Überresten der bereits vor hundert Jahren abgetragenen Domschleuse, die den Wasserstand der Warthe regulierte, als Posen noch preußische Festung war. Der neue Baukörper wurde, ebenso wie schon das noch erhaltene Schleusentor, am gegenüberliegenden Flussufer direkt auf dem Deich angelegt. Von den 30 Metern Kantenlänge seiner quadratischen Grundfläche überragen 12 Meter den Deich. Dieser spektakuläre Teil des Museums, dessen Konstruktion zusätzlich von der am Gebäude verankerten verglasten Brücke belastet wird, erhält sein konstruktives Gegengewicht von der in entgegengesetzter Richtung vorgeschobenen Tiefgarage. Die Öffnungen im unterirdischen Teil des Museums liegen im Bereich des Deiches und sind mit speziell entworfenen Schotten und wasserdichten Türen gesichert. Ein Teil des Deichs, der dem Gebäude vorgelagert ist, wurde mit Treppen befestigt, die zum Fluss hinab führen und mit Granitplatten belegt wurden – eine Art Amphitheater, über das die Ausstellungsgeschosse auskragen.
Der quaderförmige Baukörper könnte aus größerer Entfernung an hydrotechnische Anlagen oder an Industrieobjekte erinnern. Doch der monolithische Beton der Fassade hat eine sanfte, helle Farbgebung und unterscheidet sich deutlich von dem im Industriebau verwendeten Material. Seine Oberfläche wird von einem Netz aderförmiger Strukturen durchzogen – Folge eines Schalungsfehlers. Diese kleinen Makel verleihen den glatten Oberflächen Plastizität und erinnern eher an Marmor denn an die brutale Ehrlichkeit des weit verbreiteten Materials.
Der logisch komponierte Baukörper steht im Gegensatz zum mittelalterlichen Dom, ohne ihn jedoch zu überragen – ein kompromissloser Umgang mit der denkmalgeschützten Umgebung. Wer sich auf die architektonisch-touristische Promenade begibt, spürt, wie die Architekten den Betrachter von einem räumlichen Phänomen zum nächsten lotsen.
Aus dem Polnischen von Marcin Zastrożny



Fakten
Architekten AD Artis, Krakau
Adresse Gdańska 2 61-123 Poznań, Polen


aus Bauwelt 27.2014
Artikel als pdf

0 Kommentare


Ihr Kommentar







loading
x

12.2021

Das aktuelle Heft

Bauwelt Newsletter

Immer Freitags: das Wichtigste der Woche. Dazu: aktuelle Jobangebote, Auslobungen und Termine.