Besucherzentrum



Text: Santifaller, Enrico, Frankfurt am Main


    Jan Bitter

    Jan Bitter

Der Neubau an der Grube Messel bei Darmstadt soll über die Geschichte des Unesco-Weltnaturerbes Auskunft geben. Die Architekten Landau + Kindelbacher aus München konzipierten das Gebäude als Schichtung.
Während Volker Bouffier, Hessens neuer Ministerpräsident, noch Kandidaten für sein künftiges Kabinett suchte, verrichtete der Noch-Landesvater letzte Amtshandlungen. Nun gibt es im ministerpräsidialen Dasein unangenehmere Termine, als vor einer Fernsehkameraschar als Ehrengast empfangen zu werden, als erster in einer langen Rednerliste zu stehen, und dem steten Lob für das Engagement der Landesregierung und insbesondere ihres Chefs zu lauschen. Und so nahm denn auch Roland Koch die letzte Möglichkeit seiner Amtszeit, ein öffentliches Gebäude zu eröffnen, sichtlich beglückt wahr.

Statt einer Müllkippe

Schließlich ist die Fossilien-Grube Messel und ihr neues Besucherzentrum ein Ort, der wie geschaffen sei, um sich, so Koch, „selbst zu relativieren“. Das Pikante dieser Eröffnung: Wäre es allein nach dem Willen der Landespolitiker (außer den Grünen) gegangen, hätte diese Veranstaltung niemals stattgefunden. Denn die 1000 Meter lange, 700 Meter breite und 70 Meter tiefe, oberflächlich eher unspektakuläre Grube – vor 47 Millionen Jahren entstanden und heute als Unesco Weltnaturerbe gefeiert – sollte eine der größten Müllkippen Europas werden. Nur dem jahrzehntelangen Kampf einer Bürgerinitiative ist die Erhaltung dieser Fundstätte zu verdanken, in der unter vielem anderen von einem Amateurschürfer das weltweit bisher älteste Fossil eines Primaten ausgegraben wurde. Ein „Schatz“, erklärte Koch, „auf den man stolz sein muss“. Der Landesvater a.D. hob die gewagte Architektur hervor, lobte auch die Landschaftsarchitekten für die großartige Einfügung des Gebäudes in das Gelände und zeigte sich davon überzeugt, dass „dieser Neubau ein einzigartiger Publikumsmagnet wird“.
Nun sind solche Elogen auf dezidiert moderne Architektur seitens der Politik selten geworden. Ob dies nur der Selbstdarstellung eines Ex-Politikers geschuldet war? Doch Koch würdigte den mit ihm aus dem Amt scheidenden Finanzminister Karlheinz Weimar, weil diesem stets bewusst gewesen sei, das ein Haus, zumal ein öffentliches, auch ein „Gesicht“ haben müsse und er dementsprechend die notwendigen finanziellen Mittel bereit gestellt hätte. In Messel, acht Kilometer nördlich von Darmstadt, ist da freilich irgendetwas schief gelaufen. Anfangs waren 1,5 Millionen Euro für das Projekt in den Haushalt eingestellt, knapp 10 Millionen hat es am Ende gekostet – nach langem Ringen und zahlreichen Nachträgen. Dieses Ringen sieht man dem Besucherzentrum an: etwa bei den über Putz geführten Lüftungskanälen, bei den relativ kleinen Fensterformaten oder, ganz schlimm, den billigen Gitterbrüstungen. Dennoch ist ein stimmiges, kraftvolles Gebäude gelungen, das den Ölschiefer – das Substrat der Grube, den Träger aller Fossilien, das Fundament der wissenschaftlichen Sensation Messel – zur zentralen Metapher des Bauwerks erklärt. Das den Inhalt zur unregelmäßigen Form macht, das seine spektakulären Geometrien, seine wuchtenden Schrägen, seine steilen Auskragungen in den Dienst der Sache stellt. Und das darüber hinaus in seiner ruppig-rauen Anmutung und mit dem Erhalt der Winkelstützwand – ursprünglich vorgesehen als Abladekante der Müllwagen – die wechselvolle Geschichte dieses Ortes, der fast 100 Jahre lang industriell ausgebeutet wurde, wie ein Menetekel in Erinnerung ruft.

Die Fuge als Rückgrat

Im Frühjahr 2006 hatte das Hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst einen Wettbewerb für ein Besucherinformationszentrum am Rande der Grube Messel ausgelobt. Die Konkurrenz gewann zunächst das Wiesbadener Büro Zaeske + Maul (Bauwelt 17.2006). Die Münchner Landau + Kindelbacher belegten den zweiten Platz, doch in der Überarbeitungsphase konnte das Büro das Ergebnis umdrehen. Das Preisgericht lobte die „hohe skulpturale Qualität“ des Entwurfs. Trotz der erwähnten Schwierigkeiten – in der Auslobung betrug das „zwingend“ einzuhaltende Gesamtbudget 3,4 Millionen Euro – konnten die Architekten ihr Konzept mit erstaunlicher Konsequenz umsetzen. Die schon im Entwurf gezeichnete Fuge zwischen Gebäude und der erwähnten Stützmauer bewirkt, dass Letztere in der Realisierung als Rückgrat wahrgenommen wird. Das Gebäude setzt sich gleichsam von der Müllkante ab, wobei ein weit überstehender Steg einen Blick auf die Grube bietet. Am auffallendsten sind die monolithischen, über das Dach sowie die gläsernen Nord- und Südfassaden hinaus raugenden Wandscheiben. Wie die Schichtungen im Ölschiefer gliedern diese in Sichtbeton ausgeführten Scheiben das Gebäude. Ihre Knicke, ihre unterschiedlichen Höhen sowie der kluge Einsatz von Hell und Dunkel, von Enge und Weite geben den Räumen eine Grundstimmung vor.

Nur kein Museum

25.000 Besucher in über 1100 Gruppen werden bislang jährlich durch die Grube Messel geführt. Der Neubau ist deshalb einerseits im Zusammenspiel mit der Fundstätte zu sehen – die Exponate sollen Besuchern notwendige Informationen für eine Führung vermitteln –, andererseits steht er aber auch für sich allein. Das Zentrum soll Wissenschaft zum Anfassen präsentieren und Neugier für Paläontologie, Vulkanologie, Klimatologie wecken, es soll informieren und begeistern. Undvor allem sollte es nach dem Willen der Betreiberin, der gemeinnützigen Welterbe Grube Messel GmbH, kein Museum sein – denn die Originalfunde bewahren drei Museen im Umkreis von 25 Kilometern auf. Verlangt war also, ein dienendes Gebäude zu realisieren und gleichzeitig eine Gegenwelt zu inszenieren. Eine Gegenwelt auch zu den industriellen, emissionsreichen Nutzungen im direkten Umfeld der Grube, die schon die Anfahrt zu einem seltsamen, weil nicht mit den Erwartungen korrespondierenden Erlebnis machen. Zudem war das Gebäude in einen kostenfreien Bereich mit Bistro, Shop und Foyer sowie in eine kostenpflichtige Zone mit der Ausstellung zu gliedern. Die Aufgabe für die Szenographen (Holzer Kobler, Zürich) bestand darin, im Zusammenspiel mit der Architektur und einer ungewöhnlichen Ästhetik einen alle Sinne erfassenden Rundgang zu konzipieren. So empfängt den Besucher gleich im Foyer ein eindrucksvoller, mehrere Meter großer Leuchtkasten mit einer Makrofotografie eines Ölschiefer-Blocks (jammerschade, dass spiegelndes Glas den Blick stört). Diesem schönen Spiel von Fern und Nah folgt eine Enfilade von stark gerichteten Räumen. Bisweilen grell bunte,
direkt auf den Sichtbeton gemalte Illustrationen und flächenbündige Infotafeln kontrastieren dabei mit den grauen Wänden. Die ebenfalls sehr farbigen Vitrinen und die geschwungenen Schaumöbel, die sich wie die Wände um Orthogonalität nicht scheren, kanalisieren die Bewegung. Sie führen heran oder schaffen den notwendigen Abstand. Eine 360-Grad-Video-installation führt in die Tiefen des Erdreichs, man durchläuft einen mit Gezwitscher und Nebeltropfen atmosphärisch aufgeladenen Regenwald, in dem sich ein in Messel gefundenes Urpferdchen über eine Spiegel-Projektion über die Wand bewegt, und kann schließlich einen Wissenschaftler beim Präparieren eines Fossils beobachten. Höhepunkt ist die „Schatzkammer“, die fast ehrfürchtig einige Repliken bedeutender Funde in einem vielwinkligen, weiß gestrichenen Gipskarton-Holz-Volumen präsentiert. Das Zusammenspiel von Architektur und Innenarchitektur gelingt gut, obwohl man sich manch subtilere Verführung vorstellen könnte. Tröstend wirken die anschließenden Themengärten, die mit unterschiedlichen Höhenniveaus, Belägen und Bepflanzungen das im Gebäude-inneren Gezeigte kongenial fortführen. Das komplexe, formidabel auf den Zweck abgestimmte In- und Miteinander von Hochbau, Szenographie und Landschaftsgestaltung hätte tatsächlich das Zeug zum Publikumsmagneten. Wären da nicht – das Haus muss sich wirtschaftlich selbst tragen – die hohen Eintrittspreise, die gerade für Schulklassen völlig unrealistisch sind.



Fakten
Architekten Landau + Kindelbacher, München
Adresse Roßdörfer Straße 10864409 Messel


aus Bauwelt 35.2010
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